Literaturgefluester

2019-03-18

Hilde Langthalers Podium-Portrait

Filed under: Bücher — jancak @ 00:53
Tags: , ,
Publikum

Publikum

Ich habe Hilde Langthaler, die im Jänner verstorben ist und von der am letzten Montag unter anderen ihr Podium-Portraitheftchen vorgestellt wurde, in den späten Siebzigerjahren im „Arbeitskreis der schreibenden Frauen“ kennengelernt, der sich so um 1984 auflöste, ich habe mich aber weiter mit ihr, Valerie Szabo und Elfriede Haslehner regelmäßig getroffen um uns unsere Texte vorzulesen und zu besprechen. Später habe ich sie bei den GAV- Versammlungen und auch anderswo immer wieder getroffen, das letzte Mal vorigen Dezember bei Ruths Abschiedsparty gesehen und war bei ihrem Begräbnis.

Zu der Veranstaltung, die es am 19. 2.  im Literaturhaus gegeben hat, wollte ich eigentlich hingehen, habe sie aber versäumt, weil ich mich für die zeitgleich stattfindende Präsentation des „Kuh-Buches“ angemeldet und daher nicht weiter in meinem Kalender nachgeschaut und jetzt auch die Abschiedsveranstaltung im „Tiempo Nuevo“, weil ich ja mit einem Gipsbein im LKH St. Pölten gelegen bin, der Alfred hat mir aber das Portraitheftchen gebracht, das dann bei der Heimfahrt fast verlorengegangen ist, sich aber wiedergefunden hat, so daß ich es  besprechen kann und mich damit  noch einmal von einer lieben Freundin, obwohl mein Verhältnis durchaus nicht konfliktfrei war, Abschied nehmen kann.

Susanne Ayoub, die, glaube ich, eine Vertraute Brunis war, hat das Vorwort  „Vom Objekt zum Subjekt“ gestaltet, in dem es Ausschnitte mit einem Gespräch mit ihr das im August 2018 geführt wurde, gibt und das sich intensiv auf Hilde Langthalers Lebenslauf, die ursprünglich Medizinerin war und auch oft auf Auslandseinsätzen war, bezieht.

Später hat sie sich dann der Literatur gewidmet oder ist damit an die Öffentlichkeit gegangen, hat mit Elfriede Haslehner den Frauenverlag mitbegründet, war bei der AUF dabei und ist literarisch durch ihr Theaterstück „Nur keine Tochter“ und sonst mit kurzen prägnatten lyrischen Skizzen aufgefallen, wie sie ja immer auch sehr bescheiden und zurückhaltend, aber sonst wahrscheinlich auch sehr beharrlich war.

In dem Heftchen gibt es Beispiele von ihren kurzen und auch längeren Prosastücken, die aus mehreren ihrer Bücher entnommen sind und an ein Gedicht „jemand“, das von einem oder einer mit Namen Mayer handelt, kann ich mich besonders erinnern, hat sie das doch bei einer unserer Sitzungen vor langer Zeit vorgelesen und da ist mir im Gedächtnis geblieben, daß ich mich damals, wo ich mit dem Kritisieren noch größere Schwierigkeiten als heute hatte, nicht zu fragen traute, daß ich den plötzlichen Perspektiv- oder Geschlechterwechsel nicht verstanden habe. Sie hat es dann später noch einmal gelesen, da habe ich gefragt und jetzt ist das Gedicht

„jemand steht am fenster

der raum ist überheizt und doch friert er

 

sie hat brünettes,feingewelltes haar, gepflegte

hände, ein adrettes kleid

ein jeder weiß, dass sie am bildschirm sitzt,

dass sie ihr leben verdient, indem sie zahlen

tippt den ganzen tag

denn leben

will verdient sein

 

jemand geht zur tür hinaus

und macht sich an die arbeit.

jemand, der zahlen tippt den ganzen tag.

jemand mit namen mayer.

 

Die Ausweglosgkeit und die Monotonie des Lebens sind auch in den anderen lyrischen Notizen, von denen mir  einige ebenfalls schon bekannt waren, stark zu merken und gehören wahrscheinlich  zu Hilde Langthalers eigener Sprache.

„von fäden gezogen

in normen geschüttelt

marionetten, hastend

vom heute ins morgen.“

beispielsweise oder

 

„zerbrochen, zerbröcketlt, zerbröselt.

wieder zusammengefügt, da und dort

irgendwie. ohne ein ziel. wie das leben

absichtslos zufällig und nur ein spiel

lache bajazzo“

Sehr intensiv die Kritik, der doch so engagierten, frauen- und gesellschaftsbewegten Frau.

„gestrichen. gestrichelt.

gedreht.gebeugt. gewunden.

nirgendwohin.

traum oder trauma?“

Und zuletzt auch ein sehr beeindruckendes Lyrikstück, das mir, wie die ganze Bruni und meine doch schon an die vierzigjährige Bekanntschaft mit ihr, in Erinnerung bleiben wird:

„wir kommen aus der ewigkeit

wir gehen in die ewigkeit

und in dem kurzen augenblick dazwischen

schauen wir ständig auf die Uhr.“

Wie wahr, kann man da nur schreiben.

Werbeanzeigen

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: