Literaturgefluester

2019-04-10

Zur Wildnis

Filed under: Bücher — jancak @ 00:33
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Jetzt kommen „45 Kurze aus Berlin“, von Helmut Krausser, das hat nichts mit unserem Bundeskanzler zu tun, sondern sind fünfundvierzig kurze Texte, von denen die meisten zwischen 2015 und 2018 als Kolummnen im „Zitty-Magazin“ erschienen sind und jetzt bei „Wagenbach“ als Buch herausgebracht wurde.

Von dem 1964 geborenen Helmut Krausser habe ich schon einiges gelesen und ihn, glaube ich, auch einmal bei „Rund um die Burg“ gehört.

Seine Tagebcher „Juli, August, September“ habe ich gelesen, die „Weltmeisterschaft“, „die letzten schönen Tage“, habe ich einmal im Schrank gefunden und bei „Piper“ ist jetzt, glaube ich, auch ein Buch von ihm erschienen, das ich aber erst bekommen muß.

Jetzt also die kurzen Kolumnentexte, die in eine Neuköllner Kneipe führen, die von einem Manni geleitet wird, der keine „Touris“ mag, aber sonst ein Herz für alle Schichten und alle poltisch Inkorrekten hat und weil ihm die Behörde verbietet, Essen anzubieten, hat er eine Mikrowelle, wo man selber seine Buletten und Bockwürste hineinlegen kann.

Der Schriftsteller Krausser kommt mehrmals in der Woche dorthin, um Backgammon zu spilen, wird dabei manchmal von einen Gitarristen gestört oder erzählt dem Wirten seine Erlebnisse, die er in einem Copyshop machte, als dort auf der Straße ein Hund überfahren wurde.

„Jetzt weißt du worüber du diese Woche du deine Kolumne schreiben wirst!“, meint der Wirt nur lakonisch.

In der Kneipe geht es auch höchst politisch zu, denn 2015 begann ja die Flüchtlingswelle, da schieden sich die Geister und die Stimmen mehrten sich, die sich dadurch bedroht fühlten und keinen großen Austausch wollten. So wird dort, wie auch im Netz viel politisiert. Die politisch Korrekten wollen eine korrekte Ausdrucksweise und wehren sich dagegen, wenn jemand „Innerer Reichsparteitag“ sagte. Sie wehren sich auch gegen sexistische Äußerungen und, daß der „Othello“ im Theater oder Oper von einem weißen alten oder auch jüngeren Mann gespielt wird, der davor zur schwarzen Schminke greift.

Gabi und Sonja, zwei Lesben haben endlich durchgesetzt, daß sie heiraten können. Jetzt wollen sie im „Zur Wildnis“ ein Fest ausrichten, aber AFD-Wähler beispielsweise nicht bewirten. Der Wirt Manni wehrt sich dagegen und so findet die Feier schließlich woanders statt und Ahmed, der Dachdeckerlehrling möchte lieber Künstler werden und fragt Helmut Krausser, wie das geht?

Der verweigert die Auskunft, denn erfolglose Künstler laufen ja  schon viel zu viele herum, was zu einen späteren Text führt, wo ihm ein Stammgast beichtet, sein Sohn hätte in einem Buchladen Lyrik mitgehen lassen.

Das wäre an sich ja ein hehres Ziel, wenn einer stiehlt, um sich bilden zu können. Da aber laut Helmut Krausser ohnehin schon jeder zweite schreibt und dann sehr gern, wie beispielsweise ich, umsonst oder um nur wenig Honorar liest, ist auch das in Zeiten, wie diesen eine harte Konkurrenz für die Dichter mit dem Brotberuf, deren Einnahmen ohnehin immer geringer werden.

Spanier stümen das Lokal und stören durch ihr lautes Reden oder Singen, die Backgammonspieler. So kommt es zu einer Bedrohung mit einer Waffe und ein George kommt auch einmal dazu und will mitspielen, zieht dann aber ohne Gewinn ab.

Und so geht es durch die fünfundvierzig kurze Texte und wir bekommen, denke ich, dadruch ein sehr aktuelles zeitkritisches Bild von dem Berlin zwischen 2015 und 2018, wo sich die Linken mit den Rechten matchen und  viel passiert, was Helmut Krausser aufgegriffen und in seinen Kolumnen und jetzt in dem Sammelband verewigt hat.

Ein spannendes, interessantes Buch, das ich auch meinen Freund Uli empfehlen könnte, denn ich denke ja, daß man nicht nur nach links und auch nicht nur nach rechts sehen soll, sondern beides objektiv vermischen, so daß man ein reales Gesamtbild von der gesellschaftlichen Situation bekommen kann, was durch dieses Buch, glaube ich, sehr gut geschieht.

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