Literaturgefluester

2019-07-13

Leere Herzen

Filed under: Bücher — jancak @ 00:20
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Es beginnt mit einem Abendessen einer Mittelschichtfamilie in der nahen Zukunft, so ab 2020 würde ich schätzen, die AfD, hier BBB oder „Besorgte- Bürger- Bewegung“, genannt, hat die Macht übernommen und der Import von ausländischen Bier soll verboten werden, weil das deutsche ja besser ist.

Britta und Richard haben ihre Freunde Janina und Knut mit ihrer Tochter Cora eingeladen, Brittas Tochter Vera freut sich darauf, die beiden Töchter verziehen sich ins Kinderzimmer, um mit irgendwelchen Megapuppen zu spilen, dann drehen sie das Fernsehen auf und rufen die Erwachsenen herbei, denn auf dem Schirm ist ein Anschlag zu sehen, Selbstmordattentäter haben den Flughafen in Leipzig überfallen, Britta erblasst, wird nervös und greif zu ihrem Handy.

Britta leitet eine psychologische Beratungsstelle namen „Brücke“, die darauf spezialisiert ist, Selbstmordkanditaten von ihrem Vorhaben abzubringen. Das ist die offizielle Version. Die Inoffizielle lautet, daß die Kandiaten durch ein ausgetüffeltes Evaluierungsverfahren geschleust werde, die meisten geben auf und gehen geheilt nach Hause, die, die überbleiben, werden an Organisationen, wie die IS, die auch einen anderen Namen hat oder an Tierschutzvereine vermietet und jetzt hat sich offenbar eineKonkurrenzorganisation gebildet, die Britta und ihren Partner Babak, das ist, glaube ich, ein Iraker zu routieren bringt und der weitere Fortlauf der Verhandlung wird etwas unklar erzählt.

Britta fährt gegen Babaks Willen herum, um mit ihren Partnern von der „Daesh“ und einem seltsamen Aussteiger namens G. Flossen zu sprechen, die beteuern sie waren es nicht und es kommt heraus, daß die Attentäter ein eintätowiertes „Empty Hearts“ hatten.

Inzwischen gerät Richard in Hochstimmung. In seiner Firma hat sich ein potenter Patner gemldet, der in sie einsteigen will, der heißt Guido Hatz, taucht etwas später in Brittas Praxis auf, erklärt sich zu ihren Schutzengel und rät ihr ein Jahr auszusteigen. Auch Richard drängt das zu tun. Britta, die unter Panikattacken, Verfolgsängsten und Magenschmerzen leidet, weigert sich das zu tun, hat  sie doch in Hatz einen Verfolger erkannt, der ihr nachgefahren ist, als sie mit ihren Freunden ein heruntergekommenes Haus besichtigten, das diese kaufen wollen.

So bildet sie stattdessen weiter ihre Kanditaten aus, da gibt es schon zwei in höchster Stufe, als dritte meldet sich eine Juiletta, die alsbald in des schwulen Babaks Wohnung zieht. Sie will nur für eine Tierschutzorganisatzon sterben. So sucht Britta verzweifelt nach Flossen, findetihn dann etwas später tot in ihrer Praxis und die Unterlagen zu den Datenträgern wurden auch gestohlen.

So brechen die  Britta, Juiletta und Babak in einer nächtlichen Fahrradaktion in das verfallene Häuschen auf, das etwas unrealistisch, über keine Wasseranschluß verfügt, so daß sie Flußwasser trinken müssen, sie haben auch keinen Strom und keinen Herd und müssen sich nächtens heimlich mit Chipspackungen aus den Tankstellen versorgen.

Das zielt darauf ab, verrückt zu werden, bevor es aber so weit ist, taucht der Schutzengel auf, den sie überfallen und gefesselt in den Keller schleppen und der klärt sie auf, was das ganze soll. Die abgedankte Frau Merkel, was ja insofern interessant ist, da diese von den rechten Kreisen derzeit ja wirklich sehr gemobbt wird, soll wieder eingesetzt werden, BBB von einem ehemaligen Kanditaten, den die „Brücke“ ausgeschieden hat, vernichtet werden und Guido Hatz fordert die drei auf, sich ihnen anzuschließen. Da schüttelt Britta den Kopf, fesselt ihn wieder und versorgt ihre drei Kanditaten mit einem Handy, so daß sie jederzeit überwacht werden können, läßt sie tätowieren und verläßt dann die „Brücke“.

Das letzte Kapitel beginnt wieder wie von vorn. Janina und Knut kommen zum Abendessen, diesmal ist auch Babak dabei, die Mädchen freuen sich und verziehen sich zum Fernseher zurück, dann rufen sie die Eltern, denn das Programm wurde unterbrochen und wieder ist ein Attentat oder ein vereitelter Putschversuch zu sehen, die drei Attentäter Juilette Marquart und Djaward sind umgekommen, der Putschverhindert und mit der BBB wird es weiter gehen.

„Warum?“, fragt glaube ich Richard und das ist etwas, worauf ich  auch keine Antwort weiß.

Der Roman, der 1974 in Bonn geborenen Juli Zeh, die in Leipig studierte und inzwischen, glaube ich,  auch Verfassungsrichterin ist, ist 2017 erschienen, Margot Koller hat ihn mir zum letzten Geburtstag geschenkt, es ist also auch ein Buch von der Backlist, der Erfolgsautorin, die inzwischen schon weitere Bücher geschrieben hat und von der ich, ihren Erstlings „Adler und Engel“ gelesen, sowie zwei weitere Bücher noch auf meiner Leseliste habe.

Ein Roman über den man sicher länger nachdenken kann und der vielleicht auch  einige Erklärungen braucht, die „Amazon-Meinungen“ sind geteilt von gut bis schlecht, warum die Rückkehr Merkels verhindert wurde und man dazu einen Selbstmordanschlag mit drei Toten brauchte und was überhaupt die Aussage des Buches ist, wurde mir nicht  ganz klar.

Juli Zeh ist eine sehr politische Autorin und hat sicher ein sehr politisches Thema aufgegriffen, einiges erscheint mir vom Plot aber unverständlich. So zum Beispiel, wieso sich die beiden Freunde ein so heruntergekommenes Haus kaufen wollen und das noch als ihr Traumdomizil bezeichen. Die Psychotherapie wurde auch ein wenig schief geschildert, das mit den Panikattacken der Hauptfigur wurde mir nicht ganz klar, was die bedeuten sollten, daß Britta sich immer an den Magen griff, aber jede Untersuchung verweigerte. Die ganze Britta erscheint mir auch ein wenig blass und in ihrem Umgang mit Babak widersprüchig und was das mit den „leeren Herzen“,  dem mangelden Lebenssinn“ und die  „Überzeugsbereitschaft“, des heutigen Deutschlands auf dem Weg ins Morgen zu tun hat, habe ich auch nicht ganz verstanden.

Interessant ist vielleicht auch, daß ich von dem Buch, bevor ich es bekommen habe, so gar nichts auf den Blogs und in den Rezensionen hörte, während das vorher erschienene „Unterleuten“ und das danach herausgebrachte „Neujahr“ prominent auf den Messen diskutiert wurde.

Es ist auch die Frage, ob ein Buch das Anfang bis höchstens  Mitte Zweitausendzwanzig spielt, vor allem wenn man es im Juli 2019 liest, wirklich als Zukunftsroman bezeichnet werden kann und so finde ich die Systemkritik, die es wahrscheinlich beschreiben will, sehr verhalten, vage und verschwommen und denke, daß sie jemand, der das Buch vielleicht in fünf Jahren liest gar nicht mehr verstehen wird und die deutsche Bundeskanzlerin dann vielleicht anders heißen wird und ein Kanzler ist und die Vermietung eines Selbstmordkanditaten an die IS oder an einen militanten Tierschutzverein, finde ich eigentlich verwerflich, was im Buch aber nicht thematisiert wird, während ich eines über die Organisationen der aktiven Sterbehilfe, die es in der Schweiz und in Holland gibt, viel spannender finden würde. Aber in der Literatur muß ja alles erhöht sein, wenn es das dann, genau betrachtet, am Ende gar nicht ist.

Und um am  Schluß noch eine in dem Buch gestellte Frage zu beantworten, ich, obwohl ich ja sehr politsch bin, könnte mir vorstellen, daß ich, wenn ich mich zwischen einer Waschmaschine und das Wahlrecht entscheiden müßte, aus Gründen der Effizienz für das Erstere entscheiden würde, weil es ja ohnehin nichts bringt, wenn ich, wie ich es in den letzten Jahren tat, die KPÖ wählte, während das Waschen der Wäsche in der Trommel statt im Fluß sicherlich viel einfacher ist.

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