Literaturgefluester

2019-07-14

Die Wahrheit ist ein Heer

Die 1979 in Wiener Neustadt geborene Tiwald habe ich, glaube ich, bei einer IG-Autoren Veranstaltung im Augarten Spitz kennengelernt, wo sie erzählte, wie so der Alltag einer schreibenden Jungautorin aussieht: Reden bei Begräbnissen, das hat mich so beeindruckt, daß ich in der „Sophie Hungers“ eine solche Figur einbaute, Deutsch und Analphabetisierkurse und dazwischen schreiben und verschicken der Texte an Zeitschriften und Verlagen, das füge ich jetzt frei hinzu, weil ich das so am Anfang meiner literarischen Laufbahn so gemacht habe.

Dann kann ich mich erinnern, daß ich sie gesehen habe, als ich 2009 Gästin bei der damals von Franz Blaha geleiteten „Augustin Schreibwerkstatt“ war. Da ist sie im Hof gesessen und hat mit Franz Blaha etwas gesprochen, denn es gibt auch Connections zum Burgenland, inzwischen ist Katharina Tiwald, glaube ich, Präsidentin des burgenländischen PEN und das von den Deutschkursen hat mich auch sehr fasziniert. In meinen Texten kommen auch immer wieder solche Sprachlehrerinnen vor und Katharina Tiwald hat Sprachwissenschaften und Russisch studiert, die Hauptschullehrerzusatzprüfung gemacht und, glaube ich, auch dort unterrichtet und immer wieder Berichte über die Zustände in den Schulen gegeben, daß sie an einem Buch darüber schreibt, habe ich auch gehört, beziehungsweise hat sie dieses, glaube ich, vorgestellt, als sie Gästin bei den „Wilden Worten“ war, das ist dann 2012 bei „Styria“ erschienen und da hat mich der Titel verwirrt, weil ich mir den nicht zum Schulalltag in Beziehung setzen konnte.

2015 habe ich das Buch dann in der „Morawa-Abverkaufskiste“ um zwei Euro gefunden und jetzt erst gelesen, obwohl es ja auch nicht ganz in den Sommer, wo ja Ferien sind passt, aber erfahren, was es mit dem Titel auf sich hat, das ist eine Metapher die Nietzsche einmal gebrauchte und jetzt wissen wir schon viel über das Buch und was es von dem unterscheiden würde, das ich über den Schulalltag schreiben würde und da kommt ja einiges in der „Pensionsschockdepression“ vor.

Katharina Tiwald macht es natürlich sprachlich viel genauer und abgehobener und so steht auch in der einzigen „Amazon-Rezension“, die es zu finden gibt, etwas, daß es schwer zu lesen ist.

Darüber bin ich dann auch gestopert und fast gescheitert, habe ich doch fast ein verlängertes Wochenende für die zweihundert Seiten gebraucht, denn man kommt nur schwer hinein und Katharina Tiwald macht es wirklich sehr kompliziert und der Leserin und ich bin ja eigentlich eine geübte, nicht sehr leicht.

Die Vergleiche zum „Schüler Gerber“, stehen natürlich auch im Klappentext und da könnte man denken, was hat das Schulsystem des vorigen Jahrhunderts mit dem heutigen zu tun? Da hat sie sich ja  viel verändert und das wird dann auch, wenn auch, wie erwähnt sehr abgehoben, von Katharina Tiwald auch  thematisiert.

Es geht um das Mädchen G. Interessant, beziehungsweise wieder sehr viel von Katahrina Tiwald, die sich immer wieder als die von außen kommende Erzählerin im Wir-Stil in die Handlung einmischt, daß das Mädchen keinen Namen hat.

G. ist die Abkürzrung des Nachnamens. Ernst G. heißt der Vater und ist Arzt in einer Provinzstadt. Die Mutter hieß Martha Vogelbauer bevor sie ihren Ernstl heirate, beschloß dann, nicht mehr als ein Kind zu bekommen und ist diesem eigentlich eine recht liebevolle Mutter.

Kurz wird noch etwas vom Kindergarten und der Volksschule philosophiert, bevor es in das Provinzgymnasium und in Gs Pubertät hineingeht und dieses Mädchen wird von der Autorin auch sehr widersprüchig und keineswegs, wie man es eigentlich erwarten könnte, nur als Opfer geschildert.

So fordert sie die Mutter eimal auf, eine Freundin zum Essen mitzubringen, sie lädt dann ein Mädchen ein und sagt dem zweiten, das auch dazu möchte, schroff ab.

Die Lehrer werden geschildert. Die „Cinderella“ genannte Englischlehrein, die ein Herz für ihre Schüler hat und dann an einem Burn-out endet. Die strenge Mathemathiklehrerin und G. ist natürlich eine schlechte Schülerin in diesem Fach, was den Vater in Verzweiflung bringt und er mit seiner Autorität droht. Die Mutter ist da viel verständiger und sagt „Schreib halt nicht so schön, dann hast du mehr Zeit!“

Die Deutschlehrerin, die daran verzweifelt, daß die Schüler keine Phantasie haben und nicht erzählen können, ruft „Eure Eltern sollen euch doch ein Buch kaufen!“,  verzweifelt ruft. Da zeigt G. auf und sagt: „Wie sollen wir das können, wenn keiner mit uns spricht?“

Es werden dann auch die Schüler geschildert. Da gibt es den „Paten“, den Gottfried Blech, der alle schikaniert, aber dann mit Vierzehn seltsamerweise abstürzt und seine Macht verliert, den Bosnier Nebojsa Cvijetinovic, als einzigen Migranten und mit dem und zwei anderen Burschen, „Die Ritter von der Tafelrunde“ genannt, freundet G. sich auch an.

Die erste Regel kommt, glaube ich, mit Dreizehn und als sie vierzehn wird, will die Mutter unbedingt eine Party starten. So lädt G. die drei Freunde ein, nur einer sagt zu. Nebojsa kommt zu spät, der Dritte mußte mit seinen Eltern auf einen Berg und widerwillig ein paar Mädchen der Klasse.

Es kommt zu den ersten Liebesbeziehungen mit Nebojsa und dann zu einer mit Gottfried Blech und das ist der Untergang und das, woran G. scheitert. Sie wird krank, geht nach Hause, ruft die Großmutter an, die aber auch nicht versteht und nur „Alles Gute!“, wünscht. Dann geht sie ins Schlafzimmer der Eltern, holt sich dort die Schlafpulver, der Mutter und ein Fensterputzmittel, ruft dann noch einmal ihre Freunde an, die sich nicht melden.

Nebojsa will nicht mit ihr sprechen. Gottfried Blech ist schon in den Ferien so daß nichts überbleibt, als daß sich die allwissende Erzählerin wieder einmischt und den letzten Satz hinschreibt:

„Ich sage noch“, jetzt verwendet sie die Einzahl „dass sie noch einmal den Korridor entlanggegangen ist, ins Schlafzimmer der Eltern. Sie hat das Fenster dort aufgerissen.“

Der Schüler Gerber hat sich, glaube ich,  ja auch aus dem Fenster gestützt, aber der hat und das ist der Clou der Torberg-Geschichte, seine Matura bestanden. Das Mädchen G.  dagegen die Unterstufe gerade erst abgeschlossen und ich schließe mit der Betrachtung, daß Katharina Tiwald zwar ein sehr sperriges Buch mit all seinen Ecken und Kanten, die ja auch von mir immer gefordert werden, geschrieben hat, daß aber trotzdem, gerade in Zeiten wie diesen, also wahrscheinlich zehn Jahre nach dem Schreiben, noch sehr aktuell und für die etwas im Lesen geüberten, sehr zu empfehlen ist. Ich hoffe es gibt es noch und ist noch nicht vergriffen oder ausverkauft und ansonsten bin ich sehr gespannt was ich noch von Katharina Tiwald lesen und hören werde.

„Die Messe für eine“ habe ich zu Hause, sie ist aber glaube ich in meinen Bücherbergen sehr vergraben und ich müßte erst danach suchen und sie wieder auf meine Leseliste setzen.

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