Literaturgefluester

2019-09-29

Miroloi

Nun kommt Buch sieben des dBps und ein Kontrast zu Gertauds Klemms „Hippokampus“ und Marlene Streeruwtz „Flammenband“, nämlich  ein Plädoyer gegen die Unterdrückung der Frau.

Nur ganz  anders geschrieben. Nicht so elitär abgehoben, akademisch, sondern, was ist es? Eine Dystopie, ein Jugendbuch und was hat das dann auf der deutschen Buchpreisliste verloren?

Das haben sich, glaube ich, manche Kritiker gefragt und einen Skandal daraus gemacht. Auf der anderen Seite werden die Buchhändler wieder darüber jubeln und „Endlich ein gut lesbaren Buch, das die Leute haben wollen!“, sagen.

Aber wieder schön der Reihe nach. Die 1974 geborene Karen Köhler hätte vor ein paar Jahren in Klagenfurt lesen sollen, konnte das dann aber nicht, weil sie, glaube ich, Windpocken hatte.

Ihren Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“, habe ich vor kurzem im Schrank gefunden aber noch nicht gelesen. Ich hätte ihn auch vor ein paar Wochen bei einem „Kuppitsch-Abverkauf“ kaufen können und „Miroloi“ ist ihr Debut.

Der erste Roman also und auf der heurigen dBp-Liste standen ja sechs oder sieben Debuts und das Buch ist eigentlich keine Dystopie, denn wenn man genau hinschaut, gibt es alles, was es beschreibt in der einen oder anderen Form, nur nicht alles zusammen auf einen Platz.

Es gibt den Berg Athos, mit einem Kloster, wo  Frauen, glaube ich, nicht einmal aufs Klo gehen dürfen. Es gibt das Zölibat, das Männern, die Priester werden oder sind, die Sexualität verbieten und es gibt natürlich die Unterdrückung der Frau, die ihnen vorschreibt, sich zu verschleiern, weil die Männer sie sonst vergewaltigen. Es gibt den sexuellen Mißbrauch und auch die Kinder, die andern Kindern in der Schule „Hurensohn!“ oder „Fettsack“ nachschreien.

Und Miroloi ist ein griechisches Klagelied, das die Frauen singen und das ganze Buch, was auch einigen Kritikern nicht gefallen hat, ist ein Klagegesang in hundertachtundzwanhzig Strophen.

Die Protagonistin ist ein namenloses Findelkind, das auf einer Insel, es könnte in Griechenland sein, aber auch etwas ganz anderes, Karen Köhler hat sich hier nicht festgelegt, lebt, weil sie vor sechzehn Jahren dort gefunden wurde.

Deshalb ist sie namenlos und darf keinen Besitz haben und das Dorf, das schöne, wird es genannt, lebt in einer seltsamen Rückständigkeit. Die Frauen dürfen nicht lesen, die Männer nicht singen und tanzen. Es gibt keinen Strom. Einmal im Monat kommt ein Schiff auf die Insel, um den Leuten, die Sachen, die es dort nicht gibt, zu bringen.

Der Ältestenrat entscheidet, was man nehmen darf und was nicht. So gibt es Bananen und Kaffee, aber keinen Fernseher und als der Strom verlegt werden soll, wehren sich die Ältesten. Die Frauen aber sind dafür, denn dann müßten sie weniger arbeiten, wenn sie beispielsweise Waschmaschinen oder Staubsauger hätten.

Das namenlose Mädchen wurde vom Betvater gefunden, der hat sie mit Hilfe von Mariah aufgezogen, so ist sie seine Gehilfin, gibt die Signale, damit das Dorf weiß, wie spät es ist und lernt von ihm auch, was ja verboten ist, das Lesen. Sie wurde als Kind vom Lehrer mißbraucht und auch an den Pfahl gebunden, das ist die Dorfstrafe, als sie sich gegen die Unterdrückung wehrte und weglaufen wollte, deshalb hinkt sie auch.

All das wird in den Strophen nach und nach erzählt, das Dorfleben, die Regeln, es gibt die Betschüler und die Khorabel, den Wunschbaum, wo die Männer, die das können, ihre Wünsche aufschreiben, die vom Betvater dann gelesen werden.

Die erste Wendung kommt, als sich das Mädchen in den Betschüler Yael verliebt und sich mit ihm in den Vollmonden trifft, was natürlich streng verboten ist.

Er gibt ihr auch einen Namen, Alina. Das wird dann in den Buch in Ich-Szenen und Alina-Szenen unterteilt, was wohl genauso schwierig, wie Karen Köhlers Sprache ist,  die Langatmigkeit und auch der Stil, wo Sachen erklärt werden, wie sie vielleicht für eine Sechzehnjährige cool, aber nicht für die geübte Leserin, ist, die darüber vielleicht ein bißchen genervt ist.

„Beim Kochen soll man nur kochen“, beispielsweise oder es gibt auch Wortschöpfungen, wie „Angstmann“, etcetera, das stört vielleicht ein wenig den elitären Lesekanon.

Mir würde es gefallen, wenn es kürzer wäre, denn es passiert wieder viel zu viel in dem Buch, in Karin Köhlers Versuch die Welt auf fünfhundert Seiten darzustellen.

Die Zweite und eigentliche Katastrophe kommt mit dem Tod des Betvaters, denn da ändern sich die Zeiten. Der neue Betvater oder seine Gemeinde  läßt die Khorabel umschreiben. Die Frauen müssen jetzt sowohl ein Kopftuch, als auch einen Mundschutz tragen. Sie dürfen Nachts nicht mehr aus dem Haus, die Männer keinen Alkohol trinken, was das Dorf komplett durcheinanderbringt, denn jetzt können die Frauen weniger arbeiten und die Männer sind mehr zu Hause stören oder mißhandeln sie.

Alina beginnt dagegen aufzubegehren, schneidet sich die Haare ab, dringt Nachts in Männerkleidung, sowohl in das Ältsten-als auch in das Bücherhaus ein. Wird schließlich schwanger, das Schwimmen hat sie sich auch noch angeeignet, um mit Yael von dem Dorf wegzukommen. Das geht aber nicht, Karen Köhler ja ja auch noch alle Spannungselemente eingebaut. Die Beiden werden beim Vögeln erwischt und kommen an den Pfahl. Yael wird gesteinigt und Alina findet die Kraft für ihr Baby zu flüchten und davonzuschwimmen.

Spannend eigentlich und interessant, wenn auch wie schon erwähnt ein wenig langatmig und vielleicht auch etwas zu belehrend und natürlich nicht wirklich neu. Ich hätte aber nichts dagegen gehabt, wenn das Buch auf die Shortlist gekommen wäre und den neuen Literaturskandal sehe ich darin nicht.

Man könnte ja wenn es in den Gymnasien noch Literaturunterricht gäbe, die Bücher der Klemm, der Streeruwitz und der Köhler miteinander vergleichen und herausfinden, wo der Feminismus am besten ausgedrückt wird.

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