Literaturgefluester

2019-12-22

GRM-Brainfuck

Buch vier der „Schweizer Buchpreisliste“ und das Siegerbuch, der im Frühjahr erschienene Roman, der 1962 in Weimar geborenen und in Zürich lebenden Sibylle Berg von der ich schon ihr Kolumnenbuch „Gold“ und das  2012 auf der Schweizer Liste gestandene „Vielen Dank für das Leben“ gelesen hatte, das mir Klaus Khittl für meine Recherchen bezüglich „Paul und Paula“ geborgt hat.

Mit „Der Mann schläft“, ist sie, glaube ich, 2009 auf der deutschen Buchpreisliste gestanden und „Der Tag als meine Frau einen Mann fand“, steht auf meiner Leseliste für das nächste Jahr und das erste Mal habe ich von Sibylle Berg etwas gehört, als ich das „Nähkästchen des Schreibens“, ein Romanschreibratgeber, den ich einmal von einem dieser Selbstzahlerverlage bekommen habe, gelesen habe, denn da wurde ihr „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“, sehr gelobt.

Eine interessante Frau und eine interessante Autorin, die als Dramatikern vor kurzem auch den Nestroypreis gewonnen hat, da hätte sie Walter Famler eigentlich für sein „Utopie Festival“ einladen können oder auch nicht, denn „GRM-Brainfuck“ ist mehr eine Dystopie, als eine Utopie und was für eine, eine die den Rahmen sprengt, die verstört und betroffen macht, eigentlich keinen Plot und keine Handlung hat, die eine oder einen aber  nicht kalt lassen kann, denn es sprengt jeden Rahmen und sagt viel über die Zeit aus, in der wir leben und so ist es wohl auch kein Zukunftsroman, denn es ist ja wieder schon fast alles da, was hier beschrieben wird, auch wenn es wieder in der nächsten Zukunft spielt.

Utopische oder dystopische Romane scheinen jetzt ja sehr modern zu sein,  jeder scheint sie zu schreiben und jeder will sie lesen, wohl auch vielleicht, um von der eigenen Zukunftsangst abzulenken und sie zu verdrängen und da hätte ich gedacht, nur 1984 oder die „Schöne neue Welt“ wären solche, weit gefehlt.

Ich habe ja bei Stephan Teichgräber ein „Utopie-Workshop“ besucht und mich da ein bißchen mit dem utopischen Roman beschäftigt, dann die von Helmut Krauser und Andrej Kubicek gelesen und die vorige „Literatur im Herbst“ hat ja auch davon gehandelt.

Dann ist das Erscheinen von „GRM-Brainfuck“ im Frühjahr dieses Jahres wohl an mir vorbeigegangen. Das Schweizer Buchpreislesen hat es aber wieder eingeholt und mich auf das Buch aufmerksam gemacht.

Ich habe Sibylle Berg sowohl bei der „Buch Wien“ als auch bei der „Buch Basel“ daraus lesen oder erzählen gehört und war  von ihrer sehr trockenen zynischen Art, wie sie darüber berichtet hat, sehr beeindruckt.

Worum geht es nun in dem Buch, das in der nahen Zukunft in England spielt? Der Brexit ist vollzogen, die EU, glaube ich, abgeschafft, die Monarchie ist das auch und alle bekommen, was erst einmal tröstlich klingt und das ja auch viele wollen, ein bedingungsloses Grundgehalt, man muß sich nur dafür einen Chips einsetzen lassen und wird dadurch total überwacht und bekommt, wenn man sich fehl verhält, Punktabzüge, so daß man nicht mehr mit der U-Bahn fahren darf, etcetera, wie es ja in China schon passieren soll.

Das ist die Handlung, das, was Sibylle Berg in Wien und Basel darüber erzählte und das, was auf den Beschreibungstexten zu lesen ist und ist nur ein ganz kleiner Teil davon.

Vier Jugendliche, Don, Karen, Hanna, Peter, in der englischen Unterschicht aufgewachsen, die alle ihre Eltern verloren haben und denen auch Gewalt zugefügt wurde, machen da nicht mit, verweigern sich, rücken nach London aus, leben da im Untergrund, bekommen Kontakt zu Hackern und interessieren sich auch für „Grime“,  das ist eine Art Rap, die für diese Zeit und für diese Schicht typisch ist.

Sibylle Berg scheint auf ihren Lesetouren auch mit diesen Musikern aufzutreten. In Wien und in Basel war sie ohne diesen da und es geht auch nicht nur um die Grime-Musik, sondern, um den Niedergang der Mittelschicht, den Sieg der künstlichen Intelligenz , die Angst an die Chinesen verkauft zu werden, etcetera.

In einem sehr rasanten Tempo, mit dem man kaum mitkommt, wird auf den sechshundert Seiten plot- und handlungslos vom Untergang dieser Welt erzählt.

Schicksale werden aufgezählt, wo ein Mann seine Frau und seine Kinder erschießt, beispielsweise, weil die Frau querschnittsgelähmt ist, die Versicherung aber nicht bezahlt und er die Versorgung nicht schafft.

Die handelnden Personen werden steckbriefartig vorgestellt „Frau Cäcilie, Ausbildungsnachweis: Wachdienst, Armeedienst, ehrenhaft entlassen, Gesundheitszustand 1a, Psychische Probleme diverse“, zum Beispiel, man hetzt durch das Buch und denkt vielleicht darüber nach, was noch normal ist in der Welt, in der wir leben und an die Angst, die wir vor der Zukunft haben.

Von  der Geldabschaffung, den Überwachung oder, wie die  Verschwörungstheorien  alle lauten, die man sich im Netz und bei You Tube ansehen kann und Sibylle Berg meint auch, daß die, die sich für das Grundeinkommen, für das man später dann noch sinnlos arbeiten muß, registrieren, die neu gewonnene Kreativität in You Tube-Videos ausleben kann und ich habe ein gutes Buch gelesen, das den „Schweizer Buchpreis“ sicher verdient, aber auch verstört und man wohl nur denken kann,  „Wie kommen wir da heraus ?“

Mir ist während des Lesens auch noch eingefallen, daß es vielleicht gut sein könnte, „1984“ wieder zu lesen, um zu sehen, wie weit das, was da beschrieben wurde, schon eingetroffen ist und wie weit uns die Wirklichkeit schon überholt hat?

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