Literaturgefluester

2020-01-24

Die Wunderkammer der deutschen Sprache

Filed under: Bücher — jancak @ 00:01
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Jetzt kommt ein weiteres Schmankerl beziehungsweise ein Buch, das wegen seiner Ausstattung und Inhalt auch zu den schönsten Büchern gezählt werden könnte, die ja jetzt wieder in der Hauptbücherei ausgestellt sind, ein Buch über die deutsche Sprache in allen ihren Facetten, schön bebildert und illustriert, „gefüllt mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte“, wie noch am Cover steht, herausgegeben von Thomas Böhm und Carsten Pfeifer und ein paar Bücher, die so ähnlich sind, habe ich ja schon vor längerer Zeit, als es den Blog der Christiane Zintzen noch gegeben hat, die jetzt ja zu einem Chris geworden ist, eine Einladung zu einer Veranstalltung ins Bundeskanzleramt bekommen, wo das Buch „Seitenweise- Was das Buch ist“, vorgestellt wurde, das man sich dann mitnehmen konnte.

Das ist nicht ganz so schön bebildert, sondern eher mit Artikeln gefüllt, ich habe es auch noch nicht gelesen, da ich bei den Rezensionsexemplaren aber schneller bin, ein Gang durch die „Wunderkammer“, was ja auch so ein schönes Wort ist und im Vorwort wird auch gleich erklärt, daß in den „Wunderkammern“ früher die Kuriositäten des Lebens, also „Tierpräparate, Muscheln, Narwahlzähne“, etcetera ausgestellt wurden.

In der „Wunderkammer der deutschen Sprache“ gibt es auch einige Kuriositäten und es beginnt sehr interessant, mit den Brüder Grimm und den Märchensätzen, denn hätten Sies gedacht, nicht alle Märchen enden mit „…und wenn sie nicht gestorben sind….“, sondern eigentlich nur sehr wenige.

„Katze und Maus in der Gesellschaft“, endet beispielsweise mit „…siehst du so gehts in der Welt“ und „Hänsel und Gretel „…mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große große Pelzkappe daruas machen.“

Es gibt den Nachtjargon“, also das was die Dirnen,  die Zuhälter und die Türsteher vor den Lokalen so sprechen, da ist das oder der „Hachel“ ein „Messer“ und die „Bügelschwalbe“ eine „Amateurprostituierte“.

Schriftsteller wie Karen Duve, Sibylle Lewitscharoff, etcetera, wurden nach ihren Lieblingsworten gefragt und Karen Duve hat den Stab, der an der Supermarkasse liegt einfach „Lunk“ oder „Warenlunk“ genannt und redet nun alle an der Kasse an, ihr doch diesen bitte zu geben.

Die Herkunft der Speisennamen also, wie der „Kaiserschmarrn“ zu einem solchen wurde, wird hinterfragt, beziehungsweise aufgeklärt, wo dann meistens steht, daß das, was da gedeutet wird, meistens erfunden war.

Es gibt das „Schndahüpfln“: „Mir samma, samma mir! Was kost na die Welt? Hams Gwand volla Taschn und nirgends koa Geld“

Der Unterschied zwischen den „Homonymen“, den „Polysemen“, den „Homographen“ und den „Homophonen“ wird erklärt und dann kommt es zu den „Verdeutschungen“.

Manche Wörter haben sich eingebürgert, wie „Bibliothek“ für die „Bücherei“ oder umgekehrt, manche nicht, so sagt man nicht „Scheidekunst“ zur „Chemie“ und auch nicht „Gesichtskreis“ zum „Horizont“.

Es gibt das erste „Grosswörterbuch der Deutschen Sprache“, das von Johann Christoph Adelung (1732 – 1806) stammt und sehr interessant, weil ich ja erst vor kurzem über das Leben mit einem Dreijährigen gelesen habe, die „50 Wörter, die die Zweijährigen“ wissen müssen. Das wird in einer der „Mutter-Kind-Paß-Untersuchung“ abgegrürft und ein paar solcher Kalauer, wie Jan Dosendorfer sie aufgeschrieben hat und ich mich aus dem Sprachschatz der Anna erinnern kann, gibt es auch zu lesen:

„In meinem Becher sind meine Packterien“, beispielsweise oder „Trägst du die Brille bis du tot bist?“ und da kann ich gleich ein Erlebnis anfügen, das ich mal in der „Sigmund Freud-Uni“ hatte, als da eine ältere Dame, wahrscheinlich eine Psychoanalytikerin, sich sehr bei ihrer Freundin darüber mokierte, als ihre Enkelin oder Enkel sie fragte „Wann sie sterben wird?“

Sie war sichtlich empört darüber und hat das mindestens eine halbe Stunde sprachlich und lachend zu bewältigen versucht. Ich habe mir gedacht, daß,ich, der Lia, füge ich heute hinzu, ganz ungerührt: „Das weiß ich nicht, aber wahrscheinlich in zwanzig Jahren!“, antworten würde.

Nach der „Nachsprache“, gibt es die „Sprache der Burschen“ , die ihren Barbier „Balbuz“ und einen „Studenten, welcher sich in einen Zweikampf einlässt, ohne etwas von der Fechtkunst zu verstehen: „Naturalist“ nannten. Man sieht diese Sammlung ist schon älter, aber vielleicht wird manches noch von unseren Burschenschaftlern gebraucht.

Wie man den „Churfürsten“ und den „Kaiser“ anzureden hat, wird auch erwähnt und dann gibts interessant, das Kapitel, das, sich „Dichter beschimpfen Dichter nennt“ und da erwähne ich nur ein besonders schönes und auch sicher aktuelles Beispiel, hat doch „Du bist doch das Lieblingsbuberl des deutschen Feuilletons. Deine Literatur ist doch nur mit dem Kopf ausgedacht, und zwar mit einem Limonadenkopf“, Herbert Achternbusch zu oder über Peter Handke gesagt und da kann ich an das Literaturcafe erinnern, wo vor kurzem Peter Handke ja als „Einschlafhilfe“ bezeichnet wurde.

Die schwarze Kunst, die Buchdruckkunst“ gibt es auch. Also wer wissen will was „Flattersatz“, ein „Bengel“, ein Furz, ein Schusterjunge“ ist?, bitte auf den Seiten 78 -80 nachlesen.

Das „Vater unser“ wird in seinen verschiedenen historischen Formen von Martin Luther bis ins Altdeutsche dargestellt und die „Worte- beziehungsweise die „Unworte des Jahres“ gibt es auch.

Das hier ist, wie man sicher merken konnte, ein deutsches Buch, in Österreich werden diese Worte jetzt aber auch gezählt und da war 2018 „Schweigekanzler“ das „Wort des Jahres“ und „Datenschutzgrundverordnung“ wurde zum „Unwort“ gewählt.

Es gibt den „Fontane-Code“, denn der hat offenbar in seinem Schreiben sehr lange Worte, wie beispielsweise „Bekleidungszustände“, Erzieherinnenlaufbahn“ oder „Gespensterbedürfnis“ gebraucht.

Dann wird „Luther auf Maul geschaut“ und untersucht, welche Worte er gern verwendete. Die Vogelnamen, die es so gibt, werden aufgezählt und das „Jägerlatein“ bzw. die „Waidmannsprache“.

Georg Klein zitiert „zehn zauberhafte Umstandswörtlein“, wie „vielerorts“ und „offenkundig“.

Kurt Tucholsky ist ein Artikel gewidmet, den er unter dem Pseudonym Peter Panther „Man sollte mal…“ herausgegeben hat. Und im deutsch-österreichischen, beziehungsweise deutsch-schweizerischen Küchenlexikon wird erklärt, daß abbrennen – flambieren, beziehungsweise Pfümi- Plaumenschnaps heißt.

„Verdrehte Weisheiten“, wie „Ein leichter Schlag auf den Hinterkopf ist kein Ponyhof“ oder „Ist die Katze aus dem Haus haben die Krümel“ zu schweigen, gibt es auch und dann die „Scheinanglizismen“, aber da habe ich schon gewußt, daß man im englischen Raum, das Wort „Handy“ nicht kennt, weil das nur „denglisch“ ist.

Der Koran kann man erfahren, wurde schon von Friedrich Rückert und noch anderen ins Deutsche übersetzt und einen Blick in den Wortschatz der DDR gibt es auch, die haben versucht die Anglizismen zu vermeiden und daher „Kaskadeur“ zum „Stuntman“ gesagt, bzw „Arbeiterschließfach“ zum Plattenbau und Walter Ulbricht „Spitzbart“ genannt.

Die Höhen der „Bußgelder für Zungensünder im Straßenverkehr“ werden angeführt, so mußte man beispielsweise bis 4000 Euro für das „Zeigen des Stinkefingers“ zahlen.

Dann gehts zur schwäbischen Mundart und wir erfahren, daß da die Verwandtschaft „Bagasch“ genannt wird und man „Bledda Sogga!“, schimpft. Was da wohl an Bußgeld zu zahlen ist?

Franz Hohler mag die Worte „gehen“, „Postauto“ und „Jässli“ was ein Kartenspiel ist und Felizitas Hoppe hat gleich eine ganze Menge von Lieblingsworten angegeben.

Dann kommen wir zum großen Goethe, der hier natürlich nicht fehlen kann, betrachten zuerst einmal ein wenig seinen Wortschatz und dann höchst aktuell angesichts dieser „Oma-Umweltsau-Debatte“, ein Gedicht, das der Herr Geheimrat geschrieben hat als er sich über seine Kritiker ärgerte:

„Und kaum ist mir der Kerl so satt

Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen,

über mein Essen zu räsonnieren:

„Die Supp hätt können gewürzter sein,

Der Braten brauner, firner der Wein.“

Der Tausendsackerment“

Schlagt ihn tot, den Hund“

Es ist ein Rezensent!“

So soll man nicht, ironisch oder nicht, kommentieren, damals und heute nicht, füge ich hinzu und gehe auf die nächste Seite, um zu lesen:

„Goethe ist im Grund nichts anderes als der Heilpraktiker der Deutschen, der erste deutsche Geisteshomöopath. Das ganze deutsche Volk fühlt sich gesund. Aber Goethe ist ein Scharlatan, wie die Heilpraktiker Scharlatane sind, und die Goethesche Dichtung und Philosophie ist die größte Schalatanierie der Deutschen.“

Wer hat das geschrieben? Machen wir ein Rätsel daraus, die ja in dem Buch   auch noch vorkommen. Auf Seite 191 steht die Antwort, ganz unten rechts, füge ich hinzu und ziehe weiter durch das Buch, komme zu den „Anagramen“ und den „Palindromen“, den „Rätseln“, wie schon erwähnt und vielleicht auch ganz spannend, kommen wir zu den hundert Ausdrücken, wie man das männliche Glied noch benennen kann. Das ist im Buch in eine schöne Graphik gebunden, die man sich unbedingt ansehen soll und dann kommen wir schon zur „Schundliteratur“ oder zum Heftchen-, Kriminal- oder Geisterroman, die wie man sieht, gar nicht so triviale Titel haben.

Die Zitate über die deutsche Sprache sind auch sehr interessant:

„Ich beherrsche die deutsche Sprache, aber sie gehorcht nicht immer.“, hat Alfred Polgar beispielsweise gesagt  und Friedrich Torberg meinte „Deutsch ist die gemeinsame Sprache, die Deutsche und Österreicher trennt.“

„Wir Deutschen haben die Welt beherrscht, fremde Völker, die Nordsee und die Natur – den Konjunktiv nie.“ unkt Dieter Hildebrandt scharf, während der gute alte Fontane viel sanfter ist und „Mit gutem Deutsch und schlechten Französisch kommt man überall durch.“

Daß man heute dazu wohl Englisch beziehungsweise Denglisch braucht, steht vorher schon geschrieben.

Und was Heinrich Heine über Deutschland gedacht und geschrieben hat „Denkt man an Deutschland in der Nacht…“ ist auch sehr interessant.

Dann wird es wieder modern und wir kommen in die Neuzeit und zu der leichten und einfachen Sprache um die man sich jetzt ja sehr bemüht, um Menschen mit Lernschwierigkeiten oder denen die noch nicht so gut Deutsch oder nicht sinnerfassend lesen können, das Verstehen von Texten zu erleichtern.

Der Einfluß der Zensur wird am Beispiel eines Briefes von Bruno Vogel „Es lebe der Krieg“, weitere Hinweise auf Seite 229 erwähnt.

Und dann kommen oder bleiben wir bei oder „Über Bücher, Literatur, Kritik und den Buchmarkt“

„Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, hat Kafka ja einmal gesagt, ein Zitat, das in den Bücherblogs oft zu finden ist und dem ich eigentlich nicht so ganz zustimme und wenn wir wieder zu Goethe schielen:

Gewisse Bücher scheinen geschrieben zu sein, nicht damit man daraus lerne, sondern damit man wisse, dass der Verfasser etwas gewusst hat.“

Goethe wird wohl auch das scharfe „ß“ verwendet haben, wie wahrscheinlich Franz Kafka und ich natürlich und, um nochmal Theodor Fontane zu zitieren, ein Zitat, das mir diesmal gefällt:

„Bücher haben Ehrgefühl. Wenn man sie verleiht, kommen sie nicht mehr zurück.“

Wie wahr, deshalb verleihe ich auch nicht und borge mir nicht aus, obwohl ich, ganz ehrlich, ein paar Bücher in meinen Regalen stehen habe, die ich nicht zurückgegeben habe, aber das ist lange her und sicher schon verjährt, ich würde sie auch nicht mehr finden.

Und schon sind wir, was auch sehr interessant, sowie berührend ist, bei den „Letzten Worten“ angekommen:

„Herr Pfarrer, in wenigen Minuten werde ich mehr wissen als Sie“, hat der Jesuit und Widerstandskämpfer Alfred Delp vor seiner Hinrichtung am 2. Februar 1945 gesagt und Dietrich Bonhoeffer, am 9. April 1945 „Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.“

Und um von den Hinrichtungen und dem zweiten Weltkrieg wegzukommen „Jetzt ist es an der Zeit, ein wenig über Gott nachzudenken“, E. T. A. Hoffmann, 1822 und Johannes Brahms hat sich wohl auch Sekt servieren lassen, wie der Maler Moritz von Schwind, der eine hat geschiwegen und die Augen geschlossen, der andere „O, das schmeckt gut. Danke!“, gesagt und Heinrich Heine hat wohl ein gutes Französisch gehabt, als er sagte „Dieu me pardonnera, c` est son metier.“, das war am 17. Februar 1856.

Ich bin durch das Buch gekommen, habe fast zweitausend Worte dazu gebraucht und vieles weggelassen, das man sich unbedingt ansehen soll, denn es ist sehr interessanter, lehrreicher und spannender Durchgang durch die deutsche Sprachen in wahrscheinlich allen ihren Formen und Facetten, das ich jetzt schnell, wie es meiner Art entspricht, überflogen habe. Manches habe ich überlesen,  manches genauer angeschaut und es ist auch ein Buch, das man öfter benützen sollte, das  zum Weiterlesen und  Weiterbeschäftigen anregt.

Und spannend auch, daß der Verlag, in dem es erschienen ist, sich „Das kulturelle Gedächtnis“, nennt.

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