Literaturgefluester

2020-02-01

Ein herrlicher Flecken Erde

Die 1968 geborene  Radka Denemarkova, die in Prag Germanistik und Böhemistik studierte, habe ich im Juni 2018 in der „Gesellschaft für Literatur“ kennengelernt, als sie dort Cornelius Hell vor den „Gläsernen Vorhang“ holte.

Damals gab es nur ein Buch auf Deutsch von ihr, nämlich den „Herrlichen Flecken Erde“, das um zehn Euro verkauft wurde, so daß ich es mir signieren ließ und dann sozusagen auf meinen St. Nimmerleinstagstapel legte. Von dort im Vorjahr wieder hervorgeholt, denn da war ja Tschechien Gastland in Leipzig, was ich mir zwar nur von meinen Zimmer aus angesehen habe, aber Radka Denemarkova von der es inzwischen ein oder zwei neue Bücher gibt, war in aller Munde, und von ihrem China-Buch, das auch Stephan Teichgräber letzten Mai auf seinem Festival vorstellte hat sie, glaube ich, auch in der „Gesellschaft“ erzählt und das was dort vom „Flecken Erde“ berichtet wurde, hat mich gar nicht so auf das Buch happig gemacht, ein Mädchen kommt vom KZ in das tschechische Dorf zurück und wird von dort vertrieben und wurde beim Lesen wieder mal überrascht, vor allem von der Sprache und der Art, wie Radka Denemarkova dieses für die Tschechen wohl sehr schwierige Thema darstellt.

Sie versucht das Greuel und die Schrecklichkeit in einer sehr abgehobenen symbol- und metaphernreichen Sprache darzustellen, vermischt das immer wieder mit den realen Fakten und hat fast absurd wirkende Nebensächlichkeiten dabei, wie die Linsen, die man in dem Laden, in dem Haus, das einmal ihren Eltern gehört, als geschenk bekommt, wenn man dort, um über hundert Kronen einkauft oder die Erdnußflocken die sich die alte Frau  Stolarova immer wieder in den Mund steckt.

Es beginnt im Sommer 1945, der Krieg ist aus, die sechzehnjährige Gita, die ihre Eltern und ihre Schwester Rosalie im KZ verloren hat, weil sie Juden waren, kommt von dort, in den Gutshof ihrer Eltern zurück, sieht dort fremde Leute am Tisch sitzen und Linsen essen, es sind, glaube ich, die Angestellten ihres Vater Rudolf Lauschmanns, der Landmaschinen sammelte und ein Museum errichten wollte.

Sie wird von drei nun in dem Dorf regierenden Männern zusammengeschlagen, in den Schuppen eingesperrt und soll dort wohl verhungern, die Schwester des Hausbeschlagnahmers rettet sie aber und veranlaßt sie in das Lager, wo die Deutschen aufgesammelt werden, um zurückgeschickt zu werden,  zu gehen.

Sie ist aber keine Deutsche, weil hier geboren und ihr Vater war kein Nazi, sondern Jude, wie sie beteuert, so daß sie zu ihrer Tante Ottla nach Prag gehen kann, dort studiert sie Medizin, wird Pathologin und kommt erst fünfzig Jahre später, als ihre Eltern rehabilitiert wurden, mit einem Rechtsanwalt und ihrer Enkelin, die Jus studiert, in das Dorf zurück.

Sie will  eigentlich nur ein Denkmal ihres Vaters errichten lassen, die Dorfgemeinschaft richtet sich aber gegen sie und der Bürgermeister packt unappettliche Sachen aus, denn der Sohn, des damaligen Hausbesetzers, Denis ist auch Arzt in Prag, so bricht er seine Schweigepflicht und deckt auf, daß Gita Lauschmannova schon ein erstes Mal verheiratet war und wurde auch in der Psychiatrie behandelt, ist also, aha, unzurechnungsfähig, frohlockt der Bürgermeister.

Mit dem sohn Denis hat es noch eine andere Bewandnis, er kommt nämlich schon im Prolog vor, da ist er ein Kind, spielt im Garten und buddelt dort unter dem Baum einen Totenschädel auf, das ist der Bruder von Gita, der vor ihr aus dem KZ zurückkam und in den Gutshof wollte und nach dem die alte Gita immer noch sucht und ihn lebend glaubt, jetzt deckt sie aber vor der Dorfversammlung, während Denis Schwester Natasa, die in Gitas Geburtshaus jetzt einen Laden hat und dort die Linsen in Säckchen packt und sie von einem berühmten Schauspieler, der auch in dem Dorf ein Haus hat, signieren läßt, eine Farce in dem Buch würde ich sagen, auf, daß sie, als junge Frau in Prag das erste Mal verheiratet, während ihr vier Monate alter Sohn im Nebenzimmer schlief, von vier Männern vergewaltigt wurde, die dann auch dem <kind den Kopf abhackten, das und ihre vorigen Traumatisierungen brachten sie auf die Psychiatrie und Denis Mutter klärt ihren Sohn nun auf, wie es damals war, was ihn die Seiten wechseln und zu ihr halten läßt.

Gitas Tramatisierung,  ihr Verhältnis zu ihrer Tochter aus zweiter Ehe und ihre Unfähigkei ihr ihre Liebe zu zeigen, wird sehr dicht beschrieben und die Linsen als Symbol, kommen auch wieder vor, wie auch Gitas Kinderstuhl in dem Haus in Puklice mit dem Bärenmotiv, den sie sich eigentlich für ihr erstes Kind holen will und  jetzt in einem Schuppen steht.

Das Buch ist in einige Teile gegliedert, die immer wieder die zweite, dritte, bis sechste Rückkehr zum Titel vor.

Absurde Stellen untermauern die Tragik, so kommt Denis mit Gita zum Bürgermeister, um ihm von dem Denkmal zu überzeugen und der hält die Beiden, Denis ist ungefähr sechzig, Gita über siebzig, für ein Brautpaar und die alte Mutter soll jetzt statt dem Schauspieler, die Säckchen signieren, verlangt die Tochter Natasa, die Krämerin, die weigert sich, stopft ihre Erdnußflocken in sich hinein und schreibt dann zu Natasjas Mißfallen „Zur Erinnerung herzlich ihre Gita Lauschmannova“, darauf.

„Ein starkes Buch“, hat die Zürcher Zeitung auf die Rückseite geschrieben.

„Eine mutige Auseinandersetzung mit der deutsch-tscheischen Nachkriegsgeschichte“, steht noch darüber und ich hebe vor allem die interessante Sprache, die manchmal irritiert und vielleicht auch verstört hervor, die mich an  Radka Denemarkova und an dem Buch sehr überraschte.

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