Literaturgefluester

2020-02-12

Kriegserinnerungen

Zum dritten Mal in dieser Woche „Alte Schmiede“, nach Josef Haslingers Mißbrauchserlebnisse im Stift Zwettl und der Geschichte des argentinischen Geldes, geht es jetzt in den World war II oder überhaupt in das letzte Jahrhundert, denn die 1941 in Wien geborene und in Berlin lebende Ditha Brickwell hat in ihrem neuen Erzählband „Die Welt unter meinen Zehen“, über die geschehnisse der letzten hundert Jahre berichtet.

Jana Volkmann, die ich von der Literatur im Herbst kenne moderierte und Ditha Brickwell, die ich von den GAV GV kenne, beziehungsweise von ihr einmal ins Cafe Hummel eingeladen wurde, um mit ihr eine Lesung in ihrer Reihe, die nie stattgefunden hat, zu besprechen, las zwei Geschichten vor, die im Jahr 1945 spielen und scheint sich überhaupt sehr für dieses Thema zu interessieren, da ich sie schon einmal mit ihrem Vorgängerbuch in der „Gesellschaft“  hörte.

Da flieht eine Mutter mit ihrem Kind um den Bomben oder Fliegerangriffen in der Josefstadt zu entgehen, im winter aufs Land, muß dann den Zug verlassen, ein Stück auf einem Lastwagen weiterfahren und den Rest durch den Schnee waten, bis sich ein Förster ihrer erbarmt und das Kind auf den schultern ins nächste Gasthaus trägt, wo ich, glaube ich, schon im Sommer eine ähnliche Stelle im Cafe Prückl hörte.

Bei der zweiten Erzählung „Das macht der Krieg aus den Weibern“, ist der schon aus, die Mutter mit dem Kind wieder in der Josefstadt zurück und da dringen die Ratten aus den Kellern, die sind fett, weil sie sich offenbar von den Toten, die dort vergraben sind, ernähren und die Kriegsheimkehrer weigern sich sie zu erschlagen, da läßt sich die mutige Mutter den Schürhaken holen und geht ans Werk.

Eine Geschichte, die Ditha Brickwell mit sehr eindringlichen Wiener Dialekt- Dialogen unterfütterte und dann folgte, die 1958 in Klagenfurt geborene Helga Glantschnig, die ich auch aus der GAV kenne, einige Bücher von ihr in meinen Regalen habe, aber sonst schon länger nichts von ihr hörte. Jetzt hat sie bei „Klever“, die aus drei Heften bestehenden Kriegstagebücher, ihrer 1927 geborenen Mutter, die diese von 1943 bis 1945 schrieb und die eine eifrige NS-Anhängerin war,  herausgegeben und mit einem Essay versehen.

Interessant, so unmittelbar in den Krieg, beziehungsweise sein Ende einzudringen und ebenfalls interessant, daß sich Helga Glantschnig, die ja Romane, wie beispielsweise „Mirnrock“ geschrieben hat, gegen eine Fiktionalisierung wehrte und meinte, daß man das als nicht Betroffener nicht tun soll.

Ich habe das ja mit den „Wiener Verhältnissen“ versucht und, glaube ich,  eine ähnliche Reaktion bekommen und auch Takis Würger ist mit seiner „Stella“ wo er die Fiktion mit der Wirklichkeit vermischte gestoßen.

Ich habe die Tagebucheintragungen der Siebzehnjährigen, die gern ins Theater und ins Kino in Klagenfurt ging und dann mit dem Rad ins elterliche Dorf zurückfuhr und später Lehrerin wurde, sehr interessant gefunden und als mein Vater gestorben ist und wir die Wohnung auflösten auch ein Heft gefunden, wo meine Mutter ihre Eindrücke, da hat sie, glaube ich, auf meinen Vater, der noch in Gefangenschaft war, gewartet, geschildert.

Heute ist übrigens, kann ich noch ergänzen, ein historischer Tag, ist da ja nicht nur Thomas Bernhard ausgerechnet im Jahr des Mauernfall, der von Ditha Brickwell als ein sehr entscheidenes Datum erlebt wurde, es hat in Österreich auch den Bürgerkrieg gegeben, den man vielleicht als den Anfang vom Ende bezeichnen kann.

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