Literaturgefluester

2020-03-28

Die Probe

Jetzt ein Schmankerl aus der Schreibwerkstatt. Nämlich die ursprüngliche Szene neunzehn aus dem „Fräulein No“, meinem siebenten „Nanowrimo“, an dem ich derzeit korrigiere, die im ursprünglichen Text nicht mehr drinnen sein wird, weil sie, da ich ja während des Wettschreibens zwischen „Buch Wien“ und „Buch Basel“ nicht so chronologische geschrieben habe und immer wieder Szenen eingefügte, um zu dem geforderten Seitensoll zu kommen, zeitlich und handlungstechnisch nicht mehr hineinpasste und ich sie daher weggelassen habe:

„Nolantha hatte sich mit Fabian, der, wie, sich eingestehen mußte, mit seinen blonden Locken und den meist strahlend blauen Augen einen verführerischen Eindruck auf sie machte, in Johannas Buchhandlung getroffen, um den Dialog zu proben, den die taffe Hanni, die vielleicht auch Schriftstellerin werden wollte, jedenfalls war sie schon mehrmals bei Poetry Slams im Literaturhaus und sogar schon in Innsbruck aufgetreten, verfasst hatte.

„Gern!“, hatte Fabian Neumayr, der Sohn eines sehr bekannten Burgschauspielers, der seinen Vater aber nicht leiden konnte, sondern ihn als arroganten Arsch bezeichnete, von der elterlichen Wohnung nach der Matura ausgezogen war und seither mit zwei Freunden in einer WG hauste, zu ihr gesagt, als sie ihn zögernd gefragt hatte, ob er mit ihr einen solchen Dialog aufführen wolle?

„Sehr gern, denn hier ist es, wie du ebenfalls festgestellt hast, äußerst langweilig! Fechten kann ich schon, das hat mir mein Vaterarsch, als Kind immer beibringen wollen und außerdem will ich kein Burschenschaftler werden, wie dieser FPÖler, der bei der Diskussion auftrat! Spannend, daß du diese Sandlerin in deinem Cafe kennengelernt hast! Sehr interessant, obwohl mein lieber Vater, jetzt sicher seine Brauen hochziehen, mich mahnend mustern und „Siehst du, Sohn!“, in einer Stimme, die er sich von dem einmal so berühmten Werner Krauß, seinem großen Vorbild abgeschaut hat „Das Leben ist es, was wir suchen müßen in der Kunst!“, deklamieren würde, der von diesem aber, das kann ich dir versichern, keinen Deut versteht!  – Aber das ist wirklich interessant, wenn auch zweideutig, liebste No! Denn wem soll man da zustimmen oder widersprechen? Dieser Sandlerin, die wahrscheinlich eine arme Haut ist und der man, wie ich hörte, übel mitgespielt hat oder der pakistanischen Studentin, die natürlich recht hat, wenn sie von keiner Sandlerin bespuckt werden will? –  Auch eine taffe Frau und vielleicht sollten wir sie anmailen und ihr von unseren Vorhaben berichten? Vielleicht hat sie Lust mitzumachen? –  Aber nein, erst müßen wir den Dialog erarbeiten, liebste No!“, hatte er jetzt fast mit einer Kraußschen Stimme deklamiert und sie dabei verschmitzt angesehen. Denn die beherrschte er ebenfalls sehr gut. War er doch ein perfekter Stimmenimitator, was auch, wie er es sich wünschte, der Grund gewesen war, daß er in den hehren Reinhardt-Hallen aufgenommen wurde und dann bedauernd, die Achseln zuckte und wieder höchst dramatisch „Aber ich fürchte,  liebste No, das dem nicht so war! – Es war wahrscheinlich schon der berühmte Namen meines ebenso berühmten Vaterarschs, der mich in das Dilemma brachte, ob ich nicht vielleicht ablehnen soll, weil ich dem alten Herrn keine Protektion verdanken möchte! Aber da siehst du gleich, Nolantha, deren Vater sich keine Namen merken konnte, das Leben ist auch ein Arsch und ich bin es vielleicht gleichfalls und inkonsequent, denn ich sitze, statt selbst das Leben zu erfahren, schön brav neben dir im Seminar und mache jeden Unsinn mit!“

„Oder du stehst in meines Vaters Buchhandlung, der übrigens ein patenter Mann und kein Arsch ist, wie ich betone möchte und uns sein Büro für unsere Proben zur Verfügung gestellt hat!“, warf Johanna ein und zog ihren Dialog heraus.

„Voila, da sind die kopierten Seiten! Ich habe mir für euch keine Mühen gespart! Ich hoffe, es gefällt!“, setzte sie ein wenig kokett hinzu und sah die Freunde erwartungsvoll an.

„Selbstverständlich, gnädiges Fräulein, das wird es wohl! Ich bin entzückt und bedanke mich vielmals!“, antwortete Fabian im Stil eines Arthur Schnittzler-Helden, verbeugte sich dramatisch und schickte sich an, Johanna einen Handkuß zu geben, die lachend „Du bist ein Spinner und wir sind nicht im Burgtheater!“, zu ihm sagte.

„Gehen wir es an und in meinem Dialog mußt du moderner werden!“, fügte sie hinzu und Nolantha dachte, während sie einen Blick auf den blondgelockten Fabi warf, daß er das in seinen knappen Jeans und dem schwarzen Poloshirt, ohnehin war, obwohl er sicherlich auch einen ausgezeichneten „Anatol“ geben würde, wenn sie erst auf den Burgtheaterbrettern standen, wohin sie höchstwahrscheinlich nie kommen würde und Fabian wahrscheinlich auch nur wegen seines Vaters.

„Gehen wir es an!“, wiederholte sie, blickte auf die kopierten Seiten, die Johanna vor sie hingelegt hatte und ergänzte, daß es eine gute Idee wäre, mit Fatma Sayjan Kontakt aufzunehmen.

„Worum geht es eigentlich? Ich fürchte, ich habe das Ganze doch nicht so verfolgt, wie ich eigentlich sollte!“, stand Fabian jetzt schuldbewußt ein und war in die Gegenwart zurückgekommen.

„Zumindest habe ich die Diskussionen nicht gesehen! Zwei hat es davon schon gegeben und in der zweiten ist dieser Arzt aufgetreten, der auch eine Psychose hat, deshalb seine Praxis verlor und nun in dein Nachtcafe kommt, nicht wahr, Fräulein No?“, fragte er.

„So ist es, Harry Krempinsky, mein Chef, der ein guter Freund meiner Großmutter ist, hat ihn gefragt, ob er das machen würde? Und dieser FPÖ-Mann hat ihn dann in der Sendung angegriffen und ihn als Psycho geoutet!“

Er hat sich aber gut gehalten!“, warf Johanna ein.

„Und das gesagt, auf das ich auch im Dialog hinweise! Man muß beide Seiten beachten und zusammenbringen! Die Schimpferin, aus der ich Fabians wegen einen Mann gemacht habe und die der bespuckten Knopftuchfrau, die deine Rolle ist, Nolantha!“, sagte sie und zeigte mit dem Finger auf die Seiten.

„Seht ihn euch durch! Ich hoffe, er gefällt! Ich habe versucht, wie es auch die Jelinek macht, die Tradition der Klageweiber wieder zu beleben und das Ganze trotzdem  in aktuellen Kontext zu stellen! Diese Gerti Schuster, habe ich herausbekommen, soll früher eine bekannte Germanistin gewesen sein und wurde von einem Peter Gruber, der noch vor kurzem Professor an dem Institut war, wo ich studiere, auf mieseste Art hinausgedrängt! Da habe ich Insiderinformationen, die ich auch in den Text eingearbeitet habe! Vielleicht nützen sie dieser Gerti etwas, die ich leider nie kennenlernen konnte! Die aber, wie ich gehört habe, eine ausgezeichnete Germanistin gewesen ist, bevor sie auf miese Machoart hinausgedrängt wurde! Dieser Peter Gruber soll auch ein Arsch gewesen sein, wie mir die älteren Kollegen zuflüsterten! Das habe ich auch zum Ausdruck zu bringen versucht und aus der Gerti einen männlichen Looser mit Asperger-Syndrom gemacht!“, sagte sie und sah sowohl Nolantha, als auch Fabian erwartungsvoll an, der wieder den Kopf hob und sowohl galant, als auch nonchalant „Selbstverständlich, Gnä Frau, ihr Wunsch ist mir Befehl! – Gemmas an, Medames! Und ich kann euch versichern, ich werde ein ausgezeichneter „Asperger“ mit oder ohne „Germanistik-Erfahrung“ sein, denn ich war ja in der Schule meines Vaters und der, kann ich euch verraten, ist auch nicht mit den lautersten Mitteln auf die hehre Burgtheaterbühne gekommen, sondern hat so manche unbedarftere Kollegen sehr schön hinausgedrängt! Von denen ich leider keine Ahnung habe, ob sie deshalb ein Tourette-Syndrom entwickelt haben oder ganz normal, wie das in Wien so üblich ist, still und leise zu saufen angefangen haben!“, deklamierte. Dann atmete er aus und griff nach den kopierten Seiten.“

Neugierig geworden? Dann verweise ich auf das Manuskript an dem ich derzeit korrigiere und das so wie es ausschaut, vielleicht schon bald fertig ist beziehungsweise zum Alfred zur Endkorrigur gehen kann.

Derzeit stehe ich bei neununddreißig Szenen, hundertzwei Seiten und 49527 Worten. Die hinausgeschmissene Szene hat mich also unter die fünfzigtausend Wortmarke gebracht. Herausgefallen sind auch die vier Anhangszenen, die ich im November angefügt habe, um an die geforderte Wortzahl zu kommen.

Zwei davon habe ich Ende Februar, Anfang März hier schon veröffentlicht, die zwei weiteren die der Dorothea und die des Harry werden wahrscheinlich noch folgen.

Und um einen kleinen Einblick in den Text zu bekommen, hier die Schreibberichte: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

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