Literaturgefluester

2020-06-18

Eine unerlaubte Demonstration

Und jetzt wieder ein Stück aus meinem Corona-Text, ein paar davon gibt es ja schon, wie man hier, samt den Schreibprozeßartikel nachlesen kann. Inzwischen hat sich ja schon einiges geändert und die Demonstrationen haben eine fünfzigtausend Teilnehmer Dimension erreicht und ich bin immer noch am Korrigieren, hoffe wieder bald damit fertig zu werden, damit der Text zur Buchproduktion an den Alfred gehen kann.

Das Coverbild ein Foto von der Anna und der Lia, beide mit selbstgemachten Masken ausgerüstet gibt es schon, das für das „Fräulein No“ müßen wir noch machen, was aber, da man ja jetzt wieder hinausgehen kann, kein Problem darstellen wird.

Die Szene zweiundzwanzig, die jetzt folgt, steht ziemlich am Schluß des Textes, der ja aus fünfundzwanzig Szenen besteht, aber wenn man die anderen Texte und die Schreibprozeßartikel liest, sowie das was ich hier immer wieder über Corona geschrieben habe, wird man gut folgen können.

„Beate Herweg saß vor ihrem Computer und fluchte ebenfalls vor sich hin. „Verdammte Scheiße!“, schimpfte sie, strich sich über ihre, wie sie vermutete, im Moment sehr zerzausten Haare. Fürchtete, daß sie einen aufgelösten Eindruck machte und nicht, wie eine kompetente Psychotherapeutin wirkte. Das brauchte sie auch nicht, denn die Helpsprechstunde war vorüber, beziehungsweise hatte sie sie unterbrochen, als der Anruf der Mutter kam, daß der Vater ins Meidlinger-Unfallkrankenhaus eingeliefert worden war. So hatte sie der Zentrale ihren Notfall bekanntgegeben und war, obwohl sie sich ein bißchen dafür genierte, maskiert ins Krankenhaus gefahren, hatte dort die Mutter und eine ebenfalls sehr aufgelöste Janina getroffen, die immer wieder beteuerte, daß sie nicht Schuld daran sei, sondern sehr gut auf den Professor aufgepasst hatte, der ihr, als sie auf der Toilette gewesen war, entwischt sein mußte. Albert und Valera waren auch gekommen. So waren sie zu fünft, was eigentlich noch nicht als Versammlung galt, vor dem Unfallkrankenhaus gestanden und hatten, was sie ebenfalls, als ein bißchen seltsam empfand, telefonisch von der Aufnahmestation erfahren, daß der Vater gerade versorgt und verbunden wurde.

„Er hat einen Bluterguß am Auge und einen geprellten kleinen Finger, ist aber sonst sehr munter und erzählte, wie mir die Aufnahmeschwester erklärte, aufgeregt ewas von einer feindlichen Invasion, der er auf der Spur sei, weshalb er angefahren und niedergestoßen wurde und wird wahrscheinlich nach einem abschließenden Röntgen in den nächsten Stunden entlassen und mit der Rattung nach Hause gebracht! Wir sollen uns auch dorthin begeben!“, hatte ihnen die Mutter mitgeteilt und so hatten sie sich wieder auf den Weg in ihre Wohnungen gemacht. Albert und Valera nach Neuwaldegg, die Mutter und Janina in die Albertgasse. Sie war in die Schanzstraße gefahren und hatte sich gewundert, Esther nicht angetroffen zu haben. Die Freundin und Lebensmenschin, die vor zwei Wochen illegal bei ihr eingezogen war, damit sie nicht so einsam waren, war nicht anwesend, hatte aber eine Nachricht hinterlassen.

„Ich hoffe, deinem Vater geht es gut! Um mich brauchst du dir keine Sorgen machen, Bea, falls ich noch nicht da sein sollte, wenn du nach Hause kommst! Ich bin ein bißchen luftschnappen! Denn das soll man tun, um fit zu bleiben und nach dem Rechten muß man auch sehen!“, hatte sie in ihrer krakeligen Schrift wieder etwas kryptisch hingekritzelt. Beate hatte „Typisch, Esther!“, gedacht und darber nachgegrübelt, was sie mit ihren letzten Satz gemeint haben könnte.

„Sie ist wirklich eine aufmüpfige Person! Man braucht sich aber keine Sorgen machen!“, hatte sie noch festgestelt. Was sie allerdings sofort revidierte, als sie den Computer hochgefahren hatte und die Nachrichten sah.

„Vor dem Parlament gibt es eine Demonstration!“, berichtete da die Sprecherin, eine junge Frau mit langen blonden Haaren und einem tiefausgeschnittenen roten <kleid mit aufgeregter Stimme.

„Eine illegale Demonstration! Denn Versammlungen sind jetzt verboten! Sie wurde zwar angemeldet, aber untersagt, weil befürchtet wurde, daß mehr, als die erlaubten fünf Personen daran teilnehmen könnten und jetzt haben wir erfahren, daß sich über hundert Menschen vor das Parlament begeben haben, um, wie sie betonen, für ihre Freiheit zu demonstrieren, die sie in den Maßnahmen nicht gewahrt sahen!“, erklärte die junge Frau empört.

„So ist es!“, dachte Beate.

„Wenn man nur mit Mund-Nasenschutz aus dem Haus und da nur einzukaufen und zur Arbeit gehen darf, kann es auch keine Demonstrationen geben!“

Dann erstarrte sie, als sie vor einer Schar aufgereihter Polizisten, die den Sicherheitsabstand auch nicht ganz einhielten, eine junge Frau mit einem weißen T-Shirt auf dem „Genug ist genug!“, aufgesprayt war, entdeckte, was Beate noch einmal „Shit, das kann doch nicht sein!“, denken ließ. Kannte sie doch sowohl, die junge Frau, als auch das T-Shirt, denn Esther hatte den gestrigen Nachmittag mit geheimnisvoller Miene an einem solchen gebastelt und dabei mehrmals diesen Satz vor sich hingemurmelt, den sie, sie gab es zu, nicht ganz verstanden und auch nicht so ernst genommen hatte, kannte sie doch Esthers Temperament, die sich jetzt vor den Polizisten aufbäumte und genau diesen Satz mit aufgeregter Stimme wiederholte.

„Genug ist genug, Polizisten, habt ihr kein Herz? Ich bin eine mündige Bürgerin und eine erwachsene Frau, die schon auf sich aufpassen kann und weiß, was sie will! Ich möchte nicht entmündigt werden und mir auch nicht vorschreiben lassen, was ich tun darf und was nicht! Habt ihr kein Einsehen, Polizisten mit den vielen Leuten, die ihren Job verloren haben und ihren Firmen, die nicht wissen, wie es weitergeht? Mit den Kindern, die nicht in die Schule und auch nicht auf den Spielplatz dürfen und deshalb reihenweise aus den Fenstern fallen? Mit den Frauen, die von ihren entnervten und alkoholisierten Männern braun und blau geprügelt werden? Ihr habt doch selber Familien, Polizisten! Findet ihr das nicht auch pervers?“

„Jawohl!“, dröhnte es im Hintergrund von den anderen Demonstranten, die „Bravo!“, schrieen und in die Hände klatschten, die, wie die rotgekleidete Nachrichtensprecherin gerade kommentierte, den Sicherheitsabstand nicht einhielten und von ihrem Kollegen, der ihr mit entsprechenden Abstand im Studio gegenüber saß, darin verstärkt wurde, daß die Zustände auf der Straße skandalös wären und sich auf dieser unerlaubten Demonstration, wie er betonte, die sonderbarsten Personen zusammengefunden hätten.

„Bei der Dame, die wir gerade gesehen haben, dürfte er sich, um eine Menschenrjechtsaktivistin handeltn, während wir gehört haben, daß sich auch einige Impfgegner und Verschwörungstheoretiker, die sich weigern an den Virus zu glauben, bei der unerlaubten Demo eingefunden haben und damit ihre un die Sicherheit der anderen sehr gefährden! Das kann teuer werden, wenn es zur Anzeige kommt! Die Polizei nimmt gerade, wie zu sehen ist, die Identität der Übeltäter auf, um sie dafür haftbar zu machen!“, sagte er mit drohender Stimme und die Kamera schwenkte wieder zu Esther hin, die immer noch auf die Polizisten einsprach, wo jetzt ein Sprecher sein Megaphon erhob und die Demonstranten aufforderte, den Platz zu verlassen und nach Hause zu gehen, weil sie sonst einschreiten würden, was sie aber von Esther angefangen, nur zu einem „Wir sind das Volk und bleiben bis ihr geht! Denn genug ist genug!“, zu skandieren veranlaßte. Was die blonde Nachrichtensprecherin und ihren Kollegen wieder zu einem „Skandalös!“, bewogten und Bea ebenfalls „Genug ist genug!“, murmelnd, den Computer ausschaltete und beschloß, die Mutter anzurufen, um sich zu erkundigen, ob der Papa schon zu Hause angekommen war?“

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