Literaturgefluester

2020-10-15

Herzfaden

Jetzt kommt Buch vierzehn der heurigen deutschen Buchpreisliste und das dritte Shortpreisbuch, mein vorhergesagter Favorit sozusagen „Herzfaden“ des 1965 geborenen Thoms Hettche, der, glaube ich, in der „BachmannpreisJury war, als ich 1995 einmal live dorthinfuhr.

„Ludwig muß sterben“ und „Unsere leeren Herzen“ habe ich gelesen. Die „Pfaueninsel“ mit der er 2014 auf der Longlist oder sogar auf der Shortlist stand noch nicht und jetzt ist er mit der Geschichte über die Augsburger „Puppenkiste“, was ein berühmtes mir bisher unbekanntes Marionettentheater ist, das auch für das Fernsehen spielte, wieder auf die Liste gekommen und ich muß sagen, mein Eindruck hat sich bestätigt, auch wenn es vielleicht mehr im Sinne der Petra Hartlieb ein Buch für die Massen. Für die Leserinnen beispielsweise, die als Kind den „Jim Knopf“ gesehen haben, als für den experimentellen Literaturgeschmack geschrieben wurde.

Aber dafür steht ja Dorothee Elmiger auf der Liste und einen Kunstgriff, um diese Nachkriegsgeschichte zu erzählen, hat Thomas Hettche auch gewählt.

Einen sogar mit zwei Farben, in rot und in blau. Ich habe nur ein PDF gelesen, aber gehört, daß es in der Printausgabe auch so sein soll.

Es gibt sehr schöne Zeichnungen von Matthias Beckmann und Thomas Hettche hat in seinem dBp-Filmchen gesagt, daß er mit seinem Buch ein Märchen erzählen, beziehungsweise die „Magie der Marionetten“ wiedergeben wollte. Deshalb auch der Titel.

Herzfaden ist der Marionettenstrang, den der Puppenspieler gebrauchen muß, um seiner Puppe Leben einzuhauchen und am Anfang ist mir der Stil auch tatsächlich sehr einfach, fast wie ein Kinderbuch erschienen, obwohl es um etwas viel Ernsthafteres nämlich das Aufwachsen im Krieg, was der 1931 geborenen Hannelore Oehmichen, der Tochter der Schauspielers Walter Oehmichen auch passierte.

Thomas Hettche hat aber einen, meiner Meinung nach, wieder sehr genialen Kunstgriff gewählt, um die Geschichte des Puppentheaters zu erzählen.

Da wird nämlich ein zwölfjähriges namenloses Mädchen, das mit seiner Mutter wo anders lebt, vom geschiedenen Vater in so eine Aufführung geschleppt und sie ist wütend und rennt ihm davon. Ist sie ja kein Kind mehr, was soll sie also mit so einem Puppenkram?

Sie gerät durch eine Tür auf einen Dachbodeen, dort hängen die marionetten und es kommt ihr eine mondäne Frau mit einer Zigarette entgegen und die freche Göre sagt auch gleich „Rauchen tut man nicht!“, wie sie später „Neger und Zigeuner sagt man nicht!“, also den politisch korreckten Jargon, den man offensichtlich in der Schule lernt, sagen wird.

Die Frau lächelt und antwortet „Zu meinen Zeiten schon!“, denn sie ist die 1931 geborene und 2003 verstorbene Hannelore Oehmichen, die, wie im Buch erklärt wird und bei „Wikipedia“ steht, 1943 mit ihrem Vater den Schauspieler Walter, der Mutter Rose und der Schester Ulla, das erste Puppentheater im Schrank der Wohnung gegründet hat. Das ging im Krieg verloren und der Vater, der immer wieder dorthin mußte und weil er nicht schnell genug entnazifiziert wurde und deshalb nicht wieder an sein Theater, wo er Brecht spielte oder inszenierte zurück konnte, hat aus dem Krieg einige Puppen mitgebracht und gründete mit seiner Tochter 1948 dann die „Puppenkiste“, das heißt eine Kiste für die Puppen, so daß man sie überall mitnehmen konnte und nicht mehr zerstört werden konnten.

Die Tochter Hannelore „Hatü“ genannt ist begeistert, beginnt selbst zu schnitzen. Zuerst werden Märchen, wie „Hänsel und Gretel“ und „Der gestiefelte Kater“ gespielt, dann den „Kleinen Prinzen“ und zuletzt noch „Jim Knopf“ von Michael Ende mit denen die Kiste auch ins Fernsehen und dadurch in alle Kinderzimmer Deutschlands kam.

Die kleine Hannelore, die später das Theater, das inzwischen ihre Söhne führen, auch vom Vater übernommen hat, erlebt den Krieg, sieht den Vater in diesen ziehen, sieht die jüdische Freundin verschwinden und die Frau Friedmann, die von der Gestapo abgeholt und verladen wird. Dann kommt die Nachkriegszeit und das Wirtschaftswundeer, auf einer Messe wird der Vater angesprochen, ob er nicht im gerade gegründeten Fensehen spielen will und es gibt den Kasperl, die erste Puppe, die Hatü schnitze und die spielt in dem Buch auch eine große, nämlich ambivalente Rolle. Wurde sie ja im Krieg geschnitzt und hat dadurch ein böses Gesicht bekommen, was sich auch in der zweiten märchenhaften Handlung äußert, denn die Puppen, die auf dem Dachboden ja lebending sind und mit dem Mädchen bevor es wieder zurück zu seinem Vater geht, kommunizieren. So klaut der Kasperl auch ihr Handy und Hatü erzählt dem Mädchen oder auch uns die Geschichte ihres Nachkriegslebens, sowie die Geschichte des Puppentheaters. Und ich denke, daß das ein Buch ist, daß zu Weihnachten sicher unter vielen Christbäumen liegt. Eines, das sich gut verkauft und auch für mich sehr interessant ist, denn ich habe keine Ahnung von einer „Augsburger Puppenkiste“ gehabt und auch den Michael Ende noch nicht gelesen. Den „Kleinen Prinzen“ habe ich einmal auf Französisch versucht, denn das war das Lieblingsbuch meiner Französischlehrerin, was sie auch ständig im Unterricht verwendete und die Zeichnung von der Schlange mit dem Napoleonhut auch auf die Tafel malte.

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