Literaturgefluester

2020-10-17

Carnival

Filed under: Bücher — jancak @ 00:12
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Jetzt kommt wieder eine „Buchpreis-Pause“, denn „Aufbau“ feiert sein fünfundsiebzigjähriges Bestehen und hat mir dazu einige seiner Juli und August Erscheinungen geschickt und ganz stimmt das wieder nicht, denn der 1988 geborene Philipp Winkler ist ja 2016 mit seinem Debut „Hool“ sogar auf der Shortlist gestanden, mit dem kleinen dünnen Abgesang auf alle Gaukler, stand er nicht darauf, trotzdem wurde das Buch in dem sich Winkler wieder in einer Kunstsprache den sogenannten Schwachen der Gesellschaft, die keine Stimme haben auf etwa hundertzwanzig Seiten seine lieh und eine wahre Litanei die fahrenden Gesellen machte.

Da genau setzt meine Kritik wieder ein, obwohl ich den lyrischen Duktus gerne gelesen habe, denke aber wieder, daß die Schausteller und Wanderzirkusbetreiber sich genau, wie die Protagonistin in „Blauschmuck“ beispielsweise anders ausdrücken würden, wenn sie ihre Geschichte erzählen.

Es liest sich aber gut, wenn auch nicht sehr leicht, denn Philipp Winkler hat da wirklich eine eigene Sprache erfunden, wenn er von den „Kirmsern“ erzählt, die da ihre Shows für die „Örtler“ oder „Marks“ machen, ihnen eine Wunderwelt aus Zuckerwatte, Popcorn und Fritten vorzaubern und ihren dabei das Geld aus der Tasche ziehen.

Denn wir alle waren ja als Kinder im Zirkus, als es den noch mit Clowns, Tieren und Messerwerfern gegeben hat, waren auch am Jahrmarkt und ließen und dort Zuckerwatte kaufen, vom Papa einen Teddybär schießen oder vom Liebsten ein vielleicht von Mäusen angeknabbertes Lebkuchenherz um den Hals hängen.

Und Philipp Winkler erzählt vielleicht trotzdem auch sehr genau mit einem scharfen Blick, wenn der die Geschichten von der Messerwerferin oder die von der die zu den „Kirmsern“ kam, um sich nicht zu Tode zu trinken, erzählt.

Erzählt von denen, die in den Zirkuswagen aufgewachsen sind und von denen, die dorthin kamen, weil sie in der bürgerlichen Welt gestrandet sind und er erzählt vor allem vom Untergang der schönen heilen Kirmes- Welt, die es höchstwahrscheinlich so nie gegeben hat. Die „Örtler“ kommen nicht mehr und lassen sich von den Gauklern ihr Geld nicht mehr aus den Taschen ziehen, weil sie zu Hause vor den Fernsehern sitzen oder sich in den Einkaufszentren vergnügen.

Es gibt noch eine große Hochzeit mit Zuckerwatte und Popcorn, wo das Brautpaar dann auf die Superschleuder gesetzt und durch die Luft geschleudert wurden, daß die ihnen zuvor überreichten Blumen und Schokolade allen anderen auf den Kopf fielen

Es gibt ein letztes großes Begräbnis, als der Älteste der Schauleute stirbt und dann geht es auf in den Himmel und der letzten Satz des durchaus beeindruckenden kleinen Romans oder Abgesang auf die Gauklerwelt lautet „Und wenn wir sie von Neuem aufbuckeln, dort oben unterm Himmelszelt, dann wird Er zu uns sprechen und wird sagen: ihr habt gute Arbeit geleistet.“

Wollen wir hoffen, daß Philipp Winkler Recht behält.

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