Literaturgefluester

2020-12-20

Patience geht vorüber

Jetzt kommt das dritte Buch der fünf aus den Neunzehnhundertzwanziger Jahren, die ich vor ein paar Monaten angeboten bekommen habe. Zwei habe ich schon gelesen, das vierte wartet noch auf mich, das fünfte ist nicht gekommen. Dafür das Erste zweimal und ich muß sagen Margaret Goldsmiths „Patience geht vorüber“ war eine Überraschung, obwohl ich, ich gebe es zu, zuerst einmal die Nase rümpfte, als ich das orange Büchlein auf den vier Frauenköpfe zu sehen sind, bekommen habe und dann noch etwas von einer lesbischen Beziehung zwischen zwei Mädchen, die im Jahr 1918 ihr Abitur oder Matura machten und das in einer Berliner Konditorei feierten, las.

Margaret Goldsmith entnehme ich dem Nachwort, beziehungsweise „Wikipedia“, war eine amerikanische Journalistin, die 1894 geboren wurde, ihre Jugend in Deutschland verbrachte, hauptsächlich in England lebte und unter anderen Erich Kästner übersetzt.

Das Buch ist der Malerin Martel Schwichteberg gewidmet, von der auch das Cover stammt und ist 1931 das erste Mal erschienen. Ich habe etwas gebraucht, um mich hineinzulesen und irgendwann erstaunt zu denken, interessant interessant und diese Margaret Goldsmith, die 1971 gestorben ist, war offenbar wirklich eine genauso selbstbewußte Frau, wie ihre Protagonistin Patience.

Die ist die Tochter einer Engländerin, wuchs in Berlin auf und ging gleich nach oder auch schon vor der Matura 1918 eine Beziehung zu ihrer Schulkollegin Grete, eine Sozialistin ein. Patience hat einen adeligen Namen nämlich von Zimmern, was ihr Schwierigkeiten in der sozialistischen Gewerkschaft, in der sie vorübergehend arbeitet, macht, es taucht dann auch ein Adeliger, mit einem Kriegstrauma würde man wohl heute sagen, auf, der die junge Patience heiraten will, weil er glaubt, aus dem Krieg nicht mehr zurückzukommen und verspricht ihr, daß sie dann mit ihrer Grete auf dem Gut seiner Eltern wohnen und auch mit ihr Reisen machen kann. Ja, so wars wohl zu Beginn des vorvorigen Jahrhunderts, bei der Courths- Mahler, die ich ja mal viel gelesen habe, kommt sowas uns heute verrückt erscheinendes auch öfter vor. Patience wird aber Journalistin. Der Ehemann kommt aus dem Krieg zurück. Die Mutter zu der es auch Schwierigkeiten gibt, geht nach England und die drei leben kurz in der Wohnung, bevor Patience, die verläßt, verspricht die Miete weiter zu bezahlen und sie geht dann für ihre Berliner-Zeitung nach England, wo die Mutter, die inzwischen Abgeordnete ist, nicht mit dem verheirateten Mann, zu dem sie eine Beziehung hat, leben kann. Patience geht mit dessen Sohn eine kurze Beziehung ein. Die mißlingt, dann geht sie nach Berlin zurück, um Medizin zu studieren. Das alles klingt vielleicht zu phantastisch einfach, aber die Hausmädchen oder die verhärmten Arbeiterfrauen, die jedes Jahr ein Kind bekommen und sich dann schämen mit ihren dicken Bauch neben ihren Mann spazieren zu gehen, werden zumindestens auch thematisiert und was für mich verblüffend war, die neue Sachlichkeit, die ja den Neunzehnhundertzwanziger Jahren beschrieben wird, wo ich ja auch einmal bei einem Vortrag in der „Wien-Bibliothek“ war und die auch die fünf Bcher wahrscheinlich thematisieren wollen. Margaret Goldschmith spricht auch das an, beziehungwweise läßt sie ihre Ärztin Patience an dieser Gefühlskälte leiden. Sie hat sich ja in ihrer Jugend ausgelebt, bemerkt dann, daß sie lieber in der Krebsforschung, als mit Patienten arbeiten will und geht, als sie diese Gefühlkälte bemerkt sogar zu einem Psychiater, der rät der „Gnädigen Frau“, daß es schade ist, daß sie Witwe ist, denn sonst würde er ihr ein Kind empfehlen. Gesagt, getan, die neue Sachlichkeit macht es möglich oder auch nicht, denn die noch Studentin sucht sich imHörsaal sofort den passenden Kanditaten, einen schwedischen Studentn aus und lädt ihn über Nacht bei sich ein. Es gelingt nur nicht, was man heute damit interpretieren könnte, daß der Körper oder die Seele daauch ein Mitspracherecht hat. Also studiert sie fertig. Geht ins Labor zu einem Professor, der in Amerika einen Vortrag halten soll, aber nur schlecht Englisch kann. So muß Patience ihn begleiten. Der guten Sitte wegen, wir sind inzwischen Mitte Neunzehnhundertzwanzig, fahren sie getrennt und da trifft Patience, ein Kind, das auf sie zugeht und die Mutter, wieder sehr konstruiert würde ich sagen, auch wenn mich die Kritiker deswegen kristisieren, erleidet am Schiff einen Blindarmdurchbruch und stirbt während der Notoperation, vorher hat sie Patience mit dem deutschen Konsul, der sich auch am Schiff befand, das Adoptionsrecht überschrieben und das Kind, das Patience nach ihrer Mutter Victoria nennt, hüpft lustig mit ihrer „Peschi“ herum, die für den Professor übersetzt und diesmal zu dritt mit dem Schiff zurückfährt. Dort wird es aber, wie uns die Geschichte lehrt, höchstwahrscheinlich auch nicht lustig werden. Aber da schließt das Buch, das ich wirklich sehr interessant fand, obwohl man es natürlich auch als kitschig interpretieren könnte, was die wenigen Kritiken, die es nach Erscheinen gibt, wie man dem Nachwort entnehmen kann, auch taten.

Mit Vicki Baum, die ja auch über die neue Sachlichkeit geschrieben hat, war Margaret Goldsmith auch bekannt, beziehungsweise ist ihr Buch, glaube ich, in einem Seitenverlag von „Ullstein“ erschienen.

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