Literaturgefluester

2021-03-03

Verliebt (später nicht mehr)

Zu vier Jahre Tagebuchslam hat Diana Köhle, die ich von den Slam Bs im Literaturhaus kenne und die auch im MQ beim Buchquartier moderierte und da auch das Buch vorstellte, ein solches herausgegeben und ein paar Schreiberinnen ihre Beiträge vorlesen lassen und jetzt hat der „Holzbaumverlag“ ein Buch mit dem Besten aus sieben Jahren herausgegeben und mir diesmal auch das PDF zugeschickt.

Wahrscheinlich muß der „Holzbaum-Verlag“ krisenbedingt sparen und die Tagebucheinträge sindauch leichter per Computer als Cartoons zu lesen. Ich habe aber schon die „irrsten“ E-Bücher rezensiert und im Original ist das Buch in Quadratform vorhanden, bunt und fröhlich, das Cover mit blauen Blümchen und das, was mich an den Tagebuchslams am meisten stört, ich habe auch noch nie an einem Teil genommen und wüßte auch nicht wirklich wo sie stattfinden. Habe nur die Information darüber über die „Holzbaum-Bücher,“ ist, daß man sich da über das, was man vor zehn fünzehn oder was auch immer Jahren erlebte, öffentlich lustig macht. Über seinen Herzschmerz von damals lacht, outete in wen man damals verliebt war oder sich über seine blöde Mutter ärgerte. Das war die Pubertät. Jetzt ist esvorbei und ich kann mich darüber lustig machen.

Für mich ist das nichts und habe mir das beim Lesen wieder gedacht. Wieso habe ich mir das Buch bestellt? Das will ich eigentlich nicht rezensieren! Ist es mir beim Ersten ähnlich gegangen? Ich weiß es nicht. Habe mich jetzt durchgelesen und kann kurz und möglichst sachlich darüber berichten. Denn vielleicht sind die gesammelten Gefühlen ganzer Generationen, es beginnt in den Fünfzigerjahren und endet 2016, glaube ich, für die Wissenschaft doch sehr interessiant. Spannend, was man in den fünfzigerjahren über seine Gefühle schrieb und was man heute darüber schreibt, wo man eigentlich zu Facebook gehen muß, um in zu sein.

Interessant ist auch, daß natürlich mehr Mädchen Tagebücher schreiben, aber einige Jungen sind auch dabei. Diana Köhle, die eine Einleitung und ein Nachwort geschrieben hat, führt da genau Bilanz. Es waren 471 Teilnehmer,die zwischenApirl 2013 und Oktober 2020 bei den Slams ihre Einträge mit der Öffentlichkeit teilten, Diana Köhle hat die dann angeschrieben, um die Tagebücher gebeten und die besten Textstellen ausgesucht. Eigentlich wollte sie, schreibt sie, ja alles nehmen und sie dankt am Schluß den teilnehmern auch sehr höflich und wünscht allen eine Taschengeld Erhöhungum 1000 Schilling oder sollten es Euro sein?

Inzwischen, steht im Vorwort gab es 208 Slams in ganz Österreich und von den 471 Teilnehmern der letzten sieben jahren waren 396 Frauen und 75 männer, im April 2020 hat sie 174 Teilnehmer angeschrieben 83, 75 Frauen und 8 Männer haben ihr ihre Tagebücher zur Verfügung gestellt. Was mich jetzt ein wenig wunderte dachte ich doch beim Lesen, da sind erstaunlich viele Männernamen dabei aber nach,gezählt habe ich nicht. Die älteste Teilnehmerin Herta ist, glaube ich, 75 bzw. 77 und schreibt 1990 von einem Ausflug auf den Kahlenberg und einem anschließenden Opernbesuch „im Touristengewand.“

Die Jüngste fünf, hat den Text der Mama diktiert und das Layout, das muß ich lobend anführen, ist sehr schön und wurde von Vanessa Hradecky gemacht. Es beginnt mit einem Steckbrief und dann ist das Buch in Jahrzehnte gegliedert. Aso die Fünfziger, die Sechziger bis zu den Nullern. Da war ich bei einem Bild, das das Kapitel einleitet, erstaunt, gleich Greta Thunberg zu finden und dachte, die war 2000 ja noch gar nicht geboren. Aber es geht dann bis 2016 und im Steckbrief kann man sich über das Lieblingsessen, die Liebslingsnamen, die Filme, das aktuelle Geschehen,der jeweiligen Jahrzehnte informieren und dann, das ist sehr schön, ist das Buch mit der Hand geschrieben und darunter immer die Vornamen, das Alter und das Bundesland angegeben. Die ersten Kapitel sind sehr kurz. Nur wenige Einträge aus den Fünfziger, Sechziger, etcetera. Das Dickste sind natürlich die Nullerjahren und wenn auch die älteste Teilnehmerin, da habe ich beim ersten Buch, ja im Literaturhaus einmal mit einer Tochter gesprochen, die mich auf das Buch aufmerksam macht, 1990 siebenundsiebzig ist, sind die meisten Teenager. Ein paar Zwanzigjährige gibt es aber auch und spannend fand ich den Eintrag aus den Fünfzigerjahren, wo der vierundzwanzigjährige Anselm sein Baby fotografieren wollte und dabei mit den Blitzlichtern fast einen Hausbrand auslöste.

Ja, Diana Köhle hat die spannensten Stellen ausgesucht. So ist eine Schreiberin sehr traurig über den Tod der Prinzessin Diana, die am einunddreißigsten August 1997 in Paris verunfallte, vergleicht sie mit der Sisi und die Romantik wird auch bei de Nullerkids hoch geschrieben. Die wünschen sich in Reifröcke und wollen beim“Sissi-Faschingsfes“ mit ihrem Franzl tanzen. Nur leider gibt es die im Gymnasium nicht.

Sonst wird die liebe thematisiert, das Fremdgehen, das Verliebtsein in den Lehrer. Die Nuller machen sich über ihre Achselhaaren Sorgen und das Handy und der Computer werden sehr oft erwähnt. Das Unzufiredensein mit seinem Körper. Man kann sich aber operieren lassen und mit den Müttern ist man unzufrieden, wenn die ihren Söhnen, die optischen Sonnenbrillen zu den Landschultagen nach Bad ischl nachtbringen und dann noch auf die Ausflüge mitgehen. Ach Gott, wie peinlich! Es werden aber auch, wieder sehr originell, die Lieben zu Fliegen, „Ich habe einen Freund: eineFliege! Sie ist sehr nett aber leider schon tot. Uuuääääää!“-Denise, 8 jahre Tirol“ und zu Erdbeerkuchen „Das Stück Erdbeekuchen schmeckt e so traumhaft und roch so sehr nach Erdbeeren, ob es jemals ein Kuchen wieder schafft mein Herz zu erobern…- Marina 26 Jahre Schweiz“, thematisiert, die zwölfjährige Sandra aus NÖ versteckt eine Maus vor ihrer Mutter und der zweiundzwanzigjährige Lenz aus Wien hat am 21.7.1969 die „Mondlandung verschlafen“, wie am Buchrücken steht.

„Spannend, spannend!“, würde ich wieder sagen wenn man das Ganze etwas ernster nimmt und beim Lesen muß ich über die Gefühle der jungen Mädchen und der Burschen aus den Sechziger-Siebziger Achtziger, etcetera, ja nicht lachen, sondern kann mich sozusagen psychologisch, soziologisch in die Gefühle und in die Veränderungen, die da in den Jahrzehnten passierten, eindenken. Das ist interessant an dem Buch. In wissenschaftlichen Analysen kann ich das alles wahrscheinlich schon finden. Aber das pastellfarbige Büchlein mit den Steckbriefen und den bunten Kapitelbildern macht es sicher interessanter undso werde ich wahrscheinlich falls es das noch geben sollte, auch das Beste aus zehn fünfzehn oder zwanzig Jahren Tagebuchslam lesen.

Kommentar verfassen »

Du hast noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: