Literaturgefluester

2021-10-23

Der zweite Jakob

Buch fünfzehn des dBps ist das vierte der Shortlist und da ist interessant, daß ich die erste Seite daraus schon bei der österreichischen Bchpreisverleihung 2019, wo Norbert Gstrein mit ,“Als ich jung war“ gewonnen hat, hörte.

Ein paar Leute haben sich darüber aufgeregt, ich habe es interessant gefunden und mich wahrscheinlich gefragt, wann ich es dann lesen werde. Das Buch ist, glaube ich, im Februar erschienen. Die Präsentationen wurden lockdown ,bedingt dann ein paar Mal verschoben. Im Juni habe ich mich in die „Alte Schmiede“ gestreamt und dann gleich die Präsentation aus dem Lteraturhaus Salzburg nachgehört. Jetzt noch die aus dem Stifterhaus und meine Leser wissen es wahrscheinlich, ich bin kein besonderer Gstrein-Fan, weil er mir etwas zu gewollt konstruiert erscheint, war aber bei etlichen Lesungen, habe auch einiges gelesen und er ist ja auch schon auf mehreren Buchpreislisten gestanden.

Jetzt ist er sechzig geworden und da kommt er natürlich, vielleicht doch irgendwie überraschend, in die „Alte weiße Männer Liste“ die sich mit ihrem Leben, ihrem Sex und ihrem Krebs beschäftigen.

Norbert Gstrein tut das zugegeben sehr elegant und führt, die geneigten Leser mit seinen autobiografischen Anspielungen auch gewollt in die Irre und wieder ist der Plot sehr kompliziert und äußerst vielschichtig konzipiert und der Erzählstil, wie eine Vloggerin meinte, nach soviel experimentellen auf der Longlist erstaunlich konventionell, fast altmodisch erzählt.

Trotzdem war es nicht ganz leicht mit der so vielschichtigen Handlungen mitzubekommen, deshalb habe ich mir, als ich fertig war, auch so viele Gespräche angehört und bin da wirklich vom hundersten ins tausendste gekommen.

Es beginnt ganz konventionell. Der Schauspieler Jakob Thurner, der eigenlich „Gestirn“ heißt, eine Anspielung auf seines Autors Namen, feiert seinen sechzigsten Geburtstag und soll deshalb eine Biografie bekommen.

Das haßt er, zum Unterschied zu mir, sehr, kann sich um seinen Biografen Elmar Pflegerl aber nicht drücken, obwohl eri hm später fast tätlich angreift und das führt bei ihm zu der Frage ,wie er seine Biografie verfälschen kann, beziehungsweise gerät er, der sich darob nicht festlegen will, in mehrere Versionen, die mir das Verstehen und um das Herausbekommen, um was es hier eigentlich, geht erschwert, aber wahrscheinlich Norbert Gstreins Absicht war.

Jakob Thurner war dreimal verheiratet, hat eine etwa zwanzigjährige Tochter namens Luzie, die laut Johanna Öttl eine Autismusspektrum-Störung hat. Ich muß gestehen, habe das nicht gemerkt, habe aber auch hier eher flüchtig gelesen und hätte, die eher, dem ersten Jakob, dem Onkel unterstellt und der erste Satz des ersten Buches „Einer“ heißt „Jetzt kommen sie und holen Jakob“ und der erste Jakob, der achtzigjährige Onkel hat sich jedesmal, wenn ihm die Kinder, das nachriefen, wochenlang im Keller versteckt, denn die Großmutter gab den etwas „komischen“ Buben auf Anraten Anfang der Vierzigerjahre in eine Anstalt und konnte ihn dann noch gerade herausholen. Ja diese Ansspielung mußte natürlich sein.

Der zweite Jakob war aber nicht nur dreimal verheiratet, sondern hat auch dreimal einen Mörder gespielt. Etwas was den Biografen natürlich zu Verknüpfungen bringt, die Jakob erzürnen und ihm droht seine Zustimmung zur Veröffentlichung zurückzuziehen, worau er natürlich erpreßt wird.

Dann kommt die Tochter Luzie, die alles genau wissen will und daher fragt „Was ist das Schlimmste in deinem Leben, Papa, was dir passierte?“ und das war ein Filmdreh in den Neunzigerjahren an der mexikanischen Grenze. Da hat Jakob einen Grenzer gedreht, ist dann selber, noch halb in der Uniform von Texas nach Mexiko und dort in einem Club gefahren und dort einer Prostiutierten oder sie ihm zu Nahe gekommen und ist dann mit einer Kollegin noch einmal darüer gefahren, die betrunkene Xenia hat eine Frau angefahren und die Beiden haben die Leiche liegen lassen, was Luzie so erschütterte, daß sie den Kontakt mit dem Vater abbrach und sich sogar die Pulsadern aufritze, dabei wollte Jakob mit der Tochter zum sechzigsten Geburtstag nach Amerika reisen.

Beim Dreh in den Neunzigerjahren ist er noch George W. Bush begegnet, den der im Buch

„Dubya“ nennt und Gstrein hat Johanna öttl oder war es Tomas Friedman, auch erkläert, daß er es sehr genau mit seinen Namen hält um am Schluß gibt es, glaube ich, keine Biografie, aber eine Statue aus China, die im Heimatort aufgestellt werden soll, Jakob stammt, wie wahrscheinlichauch sein Autor, aus einer Tiroler Hotelierfamie und deshalb schaut der Schauspieler ein bißchen asiatisch aus.

Norbert Gstrein hat es faustdick hinter den Ohren und spart nicht mit den aktuellen Anspielungen und so kommen nicht nur die mexikanischen Frauenmorde, sondern auch die asiatischen Billigwaren vor und vorher gibt es noch, wie Gstrein erwähnte zwei Bonuskapitel.

Ein Ausdruck, den ich nicht kannte, aber sehr interessant fand. Das eine ist die Krankheit, die dem Sechzigjährigen diagnostiziert wird, die zweite, die um dreißg Jahre jüngere Freundin und in der „Alten Schmiede“ hat er die Zuhörer aussuchen lassen, aus wechen Kapitel sie etwas hören wollten.

Gekonnt konstruiert, kann ich nur wiederholen, vielschichtig listig und wahrscheinlich nichts ausgelassen und ich habe mich beim Lesen öfter gefragt, um was es hier wirklich geht?

Um die zurechtkonstruierte Biografie eines noch gar nicht so alten Schauspielers, Nazivergangenheit den Frauenerfahrungen und interessant ist noch eines, was die meisten nicht erwähnten, erkannte, Jakob hat eine Filmrolle, einen Prostituiertenmörder adarzustellen, den später John Malkovich spielte und der war in einem Gefängnis, hat dort zu schreiben begonnen, was Jakob ein wenig verächtlich erwähnt, wurde dann auf Grund von Iterventionen der österreichischen Autorenschaft entlassen und ein paar Jahre später als Prostiuertenmörder verurteilt und sich in der Nacht danach in seiner Zelle erhängt. Vorher hat er in der „Editon Wortbrücke“ meine „Hierarchien“ ,herausgegeben und ich habe auch einmal, bis er aus der GAV weil die ihm zu sozial war, ausgetreten ist, mit ihm gelesen.

Eine Vloggerin fragte sich warum das Buch auf die Shortlist gekommen ist? ich habe das erwartet und vielleicht sogar gedacht „Uje, dann muß ich es lesen!“

Müßte ich natürlich nicht, wenn ich es nicht anfragen würde. Als Gewinnerbuch wünsche ich mir von den vier von mir bis jetzt gelesenen Shortlistbüchern, aber immer noch Mithu Sanyal „Identiti“ und da kann man den Unterschied zwischen dem weiblichen und dem männlichen Schreiben auch sehr gut erkennen.

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