Literaturgefluester

2021-11-21

Identissimo im Odeon

Die „Literatur im Herbst“ gibt es ja schon seit dreißig Jahren und ist, glaube ich, die Folgeveranstaltung der „Literatur im März“ die es vorher von Walter Famler und der „Alten Schmiede“ organisiert im MQ und an anderen Orten gegeben hat.

Es hat, glaube ich, auch einige Zeit gedauert, bis ich das erste Mal hingegangen bin, weil ja zeitgleich meistens mein literarisches Geburtstagsfest war. In den ersten Jahren gab es meist ein osteuropäisches Land, das literarisch vorgestellt wurde.

Auch Griechenland, denn das war, glaube ich, das erste Mal, daß ich im Odeon-Theater war, an Bulgarien, die Ukraine, kann ich mich erinnern, dann kam der Donauraum, da sind wir auch mit dem Schifft von Bratislava nach Wien gefahren, Jugoslawia revisited, das Mittelmeer, Norwegen, der Iran, Japan, waren auch einmal das Thema, der Feminismus oder das Gendern von Angelika Reitzer, organisiert, dann ging es um die „Dialektik der Befreiung„, um den utopischen Raum und im Vorjahr um die „Kraft in der Literatur“.

Da war dann nicht mehr im Odeon, sondern in der „Alten Schmiede“ wo es auch meistens am Samstag oder Sonntagvormittag Diskussionsrunden gab. Denn im Vorjahr hatten wir ja auch den Lockdown, also eine reine Livestreamveranstaltung, und viele Programmpunkte waren auch abgesagt, weil die geplanten Autoren nicht anreisen konnten.

Jetzt gab es noch eine Liveveranstaltung im Odeon-Theater, allerdings mit 2G und, ich glaube, seit heute braucht man noch dazu einen PCR-Test und eine FFP2 -Maske und für den Außenstehenden, der das vielleicht in fünfzig Jahre liest oder vor fünf Jahren gelesen hätte, würde das schon hübsch utopisch klingen, allerdings hatten die Veranstalter Glück, denn ab Montag gibts ja nicht nur den Schutzlockdown für die Ungeimpften, sondern den totalen und eine geplante Impfpflicht ab Februar. Da werde ich sicher noch darüber schreiben, aber jetzt per Stream in Odeon und das Thema, das Walter Famler mit ilija Trojanow, ausgewählt hat, klingt auch sehr interessant und total aktuell, nein um Covid geht es nicht, denn das ist na nur ein Thema der Schwurbler,h obwohl im Vorjahr Marlene Streeruwitz ihren Covid- Roman vorgestellt hat, sondern um das was man schon beim „Bachmannlesen“, bei der Frankfurter BM und der „Buch Wien“ beziehungsweise, wenn man, wie ich die deutsche Buchpreisliste gelesen hat, hören konnte.

Nämlich um Identität, als die Literatur mit Migrations, Flucht- Divers oder auch anderen Hintergrund und der Veranstaltungstitel heißt „Identissimo“ nicht „Identiti“, mein fast Lieblingsbuch der heurigen deutschen Liste, inzwischen ist ja noch der Schmalz mit dem „Winter“ dazugekommen und nein, Mithu Sanyal wurde nicht eingeladen, aber doch einiges bekannte, was ich schon vom Buchpreislesen oder sonstwoher kannte.

Walter Famler hat im gewohnten „Literatur im Herbst-Design“ eröffnet, die Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler hat eröffnet und ist dann zu einer Kino-Premiere verschwunden.

Dann kam der Eröffnungsvortrag des mir bisher ziemlich unbekannten Deniz Utlu, der 1983 in Hannover geboren wurde, der aber auch einen Beitrag in „Eure Sprache ist unser Albtraum“ hatte und der sich mit „Identität und Literatur „, wie im Programm stand oder „Identität und Schreiben“ beschäftigt und die Literatur von Autoren mit Migrationshintergrund oder anderen Kulturen, die dann vielleicht darauf festgelegt werden und nur die entsprechenden „Exil-Preise“ bekommen, ist sicher interessasnt.

Nach der Pause kam am Freitag Angelika Reitzer und stellte die 1972 in London geborene Sharon Dodua Otoo, die 2017 den „Bachmann-Preis“ gewonnen hat, im Vorjahr, glaube ich, die Klagenfurter-Eröffnungsrede hielt und jetzt ihren Debutroman „Adas Raum“ vorstellte, der manchen auf der Buchpreisliste fehlte und bei dem es um die Lebenseschichte von vier Frauen in verschiedenen Jahrhunderten geht.

Im Anschluß gab es dann ein Gespräch zwischen Deniz Utlu, Sharon Dodua Otoo und Ilija Trojanow über das Schreiben mit den verschiedenen Identitäten, also darf man beispielsweise als schwarze Frau über den Holocaust schreiben oder als weiße ein schwarzes Gedicht übersetzen oder, daß alle türkischen Autoren in einen Topf geworfen werden.

Am Samstag wo ja in Wien die großen Demos stattfanden, begann es im Odeon mit dem 1981 in Sarajevo geborenen Tijan Sila von dem ich schon zwei Bücher gelesen habe. Der dritte Roman „Krach“, wo es um eine Punkband und einem jungen Mann namens Gansi geht, wurde von Iilja Trojanow moderiert, der seine Einleitung gleich damit begann, „Während wir uns hier der Literatur widmen, demonstrieren draußen Idioten für die Freiheit krank zu werden“, nun das würde ich nicht ganz so sehen, bin aber auch in Harland, weil ich jetzt ja schon vier Wochen nicht mehr dort war, hatte auch ein wenig Angst wegen der Maskenpflicht und jetzt auch, wenn ich die Bilder sehen, wo Demonstranten weggezerrt werden und höre, daß eine Frau ein Plakat trug, wo daraufstand „1939 hat es angefangen“, höre aber auch, daß sich da Hunderttausend eingefunden haben, denen die Demo wichtiger als die Literatur war.

Mit der 1983 in Prizren geborenen Meral Kuryeshi, die der türkischsprachigeen Minderheit im Kosovo angehörte, in Bern lebt, die Bücher „Elefanten im Garten“ und „Fünf Jahreszeiten“ geschrieben hat und im Vorjahr beim „Bachmann-Preis“ gelesen hat, ging es weiter. Sie wurde von Lydia Mischkulnig vorgestellt, die ihre Einleitung auch damit begann, daß sie sich freue, daß die Zuschauer hier und nicht am Ring wären, wo das Tränengas spritzte ,und da kann ich mich an 2000 und meine erste Widerstandslesung die am Ballhausplatz jeden Donnerstag von El Awadalla und Traude Korosa organisiert wurden, erinnern, wo Lydia Mischkulnig vor mir gelesen hat.

Dann hätte die 1988 geborene Shida Bazyar, deren Eltern aus dem Iran geflohen sind, mit ihren „Drei Kameradinnen“ kommen sollen, wo es ja drei aufmüpfigen junge Frauen geht, hat aber abgesagt, so daß es mit einem „Langen Abend der Poesie“ weiterging, wo es Lyrik, Rap, und spoken word, der von Mieze Medusa moderiert wurde.

Der erste Lyriker, der präsentiert wurde, war der 1979 in Nettal geborene Dincer Gücyeter, dessen neuer Gedichtband „Mein Prinz, ich bin das Ghetto“ heißt und der einen kurzen Brief verlas, den sein Vater 1966 nach seiner Ankunft in Deutschland an seinem Vater schrieb, wo er Geld für ein Kleid für die Mutter schickte, sagte, daß er jetzt in einer Fabrik arbeiten würde und sich bald einen Mercedes kaufen würde. Dann kam der Brief den er an seinen Vater schickte und auch einen, den er von seinen Kindern bekommen hat und auch Briefe an die Gäste verteilte.

Dann kam der 1994 geborene Elias Hirschl, der Poetry-Meister war und wie Mieze Meduasa erwähnte mit seinem „Salonfähig“, das ich noch lesen muß, zum Bestseller wurde und auch den „Priessnitz-Preis“ bekommen hat und als Prosaautor eingeladen wurde.

Sein Text hieß „Analyse der Relikte“ und beschäftigte sich mit den Tagebüchern seiner Großmutter, die er nach deren Tod von seiner Tante bekommen hat und die er total fiktionalisiert hat, also weit in die Zukunft ging.

Mieze Medusa erwähnte dann das neue Kunstprojekt auf der Schwedenbrücke, das Gedicht „Winterantwort“ von Ilse Aichinger und kam dann zu der 1993 im Iran geborenen Tanasgol Sabbagh, die seit 2011 auf den Slam-Bühnen unterwegs ist und auch schon mal in der „AS“ gelesen oder geslamt hat und eine Antwort auf Ilse Aichinger gab und sich sehr gegen Rassismus einsetzt und einen Text über „Den Körper der Frau“ vortrug.

„Es ist als ob es tausend Spiegel gäbe und hinter tausend Spiegeln nur sich selbst“, was ein bißchen an Rilke erinnert, aber gleich zu den Fotos in Instagram weiterging und dann noch einen Text, vortrug, der „Satzende“ hieß.

Dann kam der in Berlin lebende Autor Temye Tesfu, der einen sehr politischen Text über Deutschland vortrug.

Vier Autoren von denen ich nur Elias Hirschl kannte und die dann noch in einer zweiten Runde das poetische Schaffen einer internationalen jungen Autorenszene zeigten.

So kam von Dincer Gücyeter noch ein Text „Aus einem Poesiealbum eines Lkw-Fahrers“, in dem auch der Titel seines Buches „Mein Prinz, ich bin das Ghetto“ vorkam.

Elias Hirschl hatte dann noch eine Kurzgeschichte, die von den Erfahrungen einer Kellnerin auf einer Datingplattform handelte, wo man sich sehr gut fragen konnte, wo die Identitäten blieben.

„Leute machen“ hieß der Text von Temye Teesfu, wo es um verkleidete Menschen ging und auch Tanasgol Sabbagh hatte noch einen Auftritt.

Dann kam der fünfte im Programm nämlich der 1995 in Nairobi geborene und in Zürich lebende Rapper Ryler Smith, der wie er sich vorstellte, durch Musik zu seiner Identität fand.

Am Sonntag stellte dann die „Wespennest-Ko-Herausgeberin“ Andrea Zederbauer, die 1976 in Paris geborene Elisa Diallo, die eine bretonnische Mutter und einen guineisischen Vater hat und die seit 2009 in Mannheim lebt, in einem Verlag arbeitet und nun ihren Gang nach Deutschland beziehungsweise das Erlangen der Staatsbürgerschaft in einem Essay beschrieb.

Anschließend beschäftigte sich Elisa Diallo, wie, das mit dem Sprachwechsel und dem Deutsch sprechen, der Mutter .oder Zweitsprache ist, wobei sie den Ausdruck „gebrochenes Deutsch“ verwendet, was fast zwangsläufig zu dem „Broken German“ von Tomer Gardi, der ja vor ein paar Tagen in der „Gesellschaft“ zu Gast war und eigentlich auch ganz gut in die Identitätssuche der mehrsprachigen Autoren gepasst hätte.

Dann stellte Walter Famler den 1972 in Ägypten geborenen und seit 1995 in Deutschland lebenden Publizisten Hamed Abdel-Samad und sein Buch „Schlacht der Identitäten – zwanzig Themen zum Rassismus“ vor.

Im Anschluß gab es dann eine Diskussion zwischen Ilija Trojanow, der am Anfang erklärte, welche Schwierkeiten er schon mit seiner Geburtsurkunde hatten, die in Sofia gar nicht mehr auffindbar war, Elisa Diallo und Hamded Abdel-Samad über das „Leben zwischen starren Rassismus und fließender Identität“, also dem Vorurteil, daß jede muslimische Frau ein Kopftuch trägt, obwohl die das in Deutschland gar nicht mehr so oft tun oder die Frage, daß es keine schwarze Farbe auf der Regenbogenfahne gibt? Eine heftige Diskussion zwischen den beiden Autoren, die nicht immer einer Meinung waren.

Und dann gings zur großen Abschlußveranstaltung nämlich zu der Lesung des 1945 in Somalia geborenen Nuruddin Farah, der nach verschiedenen Exilerfahrungen, jetzt in Kapstadt lebt, der viele Preise gewonnen und drei große Romantrilogien geschrieben hat. Das Gespräch wurde von Ilija Trojanow geführt, der ja, glaube ich auch in Kapstadt gelebt hat und der vorgestellte Roman heißt „Im Norden der Dämmerung“.

Eine interessante Veranstaltung, ein interessantes Thema, über das sich sicher viel nachdenken und damit die Weihnachten, egal ,ob geimpft oder ungeimpft gemütlich werden, viel lesen läßt und nein, ich glaube, nicht, lieber Ilija Trojanow, daß die Vierzig-, Fünfzig oder vielleicht sogar Hunderttausend, die da am Samstag auf die Straße gingen, für die „Freiheit krank zu werden“ demonstrierten, sondern wahrscheinlich dafür, daß ihre Menschenrechte gewahrt werden, obwohl ich nicht dabei war, sondern mir den Stream genauso, wie den aus dem „Odeon“ angesehen habe.

Ich werde mich wahrscheinlich nicht impfen, lassen, hoffe aber trotzdem, das nächste Jahr wieder live dabei sein zu können, obwohl man über den Stream natürlich auch viel mitbekommt und krank werden kann man dabei auch nicht, zumindestens was Corona betrifft und außerdem würde ich mir, das wird wahrscheinlich illusion bleiben, für das nächste Jahr eine Aufarbeitung des Corona-Themas wünschen und kann da gleich anmerken, ich habe auch einige Bücher, die sich dafür gebrauchen lasen, vor allem aber meine Blogartikel, drei schon veröffentlichte Bücher, zwei noch zu erscheinende und an dem sechsten, das ich derzeit schreiben möchte, komme ich angesichts der sich derzeit überstürzenden Ereignisse nicht wirklich weiter, habe inzwischen 4386 Worte, aber beim „Nano“ schreibe ich ja nicht wirklich mit. Velleicht gelingt es mir aber trotzdem noch die Situation und sie sich auf beiden Seiten anfühlen kann, in Worte zu fassen.

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