Literaturgefluester

2022-04-05

Heute graben

Jetzt kommt ein originelles Buch oder auch nicht so ganz. Denn vielleicht hat sich der 1985 geborene Mario Schlembach, der Film- und vergleichende Literaturwissenschaft studierte, sowie als Totengräber tätig ist und schon zwei Bücher geschrieben hat, nur entsprechend literarisch vermarktet und sich mit seiner Autofiktion, kann man das so sagen, auch ein bißchen an den großen Thomas Bernhard abgearbeitet, über den er vielleicht auch eine Diplomarbeit geschrieben hat.

Es gibt jedenfalls einen Ich-Erzähler, der, wo irgendwo steht, Mario heißt und der schreibt in fünf Notizheften einen Roman über eine A. Das heißt, die hat er schon geschrieben. Jetzt sucht er dafür einen Verlag oder eine Agentur. Er ist Totengräber, gräbt mit seinem Vater Urnen aus und ein und erzählt zwischendurch, wie das so ist, auch immer wieder skurrile Geschichten über seinen Job.

So hat auch Katja Gasser am Buchrücken „Als gelernter Totengräber versteht es Mario Schlembach dem Tod jene Komik abzutrotzen, ohne die das Leben zum Sterben wäre“, geschrieben.

Nun ja, so kann man es auch nennen oder literarisch erhöhen. Er hält auch manchmal Grabreden, fungiert als Sargträger, ißt zwischendurch Schnitzel, Berner Würstel oder saure Wurst und hat am Anfang eine Grippe. Damit geht er zum Arzt, der tippt auf eine verschleppte Lungenentzündung und der Leidensweg beginnt.

Am Klappentext habe ich schon gelesen, daß es dabei um dieselbe Krankheit, wie bei Thomas Bernhard geht. Das wird aber erst auf Seite hundertfünfundzwanzig angesprochen, dazwischen ist er schon längst von Diagnosezentrum zu Diagnosezentrum gepilgert, hat Computertomographien und Ultraschalluntersuchungen gemacht, beziehungsweise seine Augen eintropfen lassen und hat Cortison genommen, das sein Gesicht aufschwemmt und er auch zugenommen hat.

Da ist er dann nicht mehr so atraktiv bei den Frauen, um die sich in dem Buch auch alles dreht. So gibt es eine H. eine G. , eine S. und so weiter und so fort und immer wieder diese A. und das Buch über sie, das er mal im Zug liegengelassen hat.

Ein Lektor will es zuerst zugeschickt haben, dann lehnt er es ab, der Agent sagt Liebesromane gehen nicht mehr, schreiben sie doch als Totengräber über den Holocaust, das wollen die Verlage immer und, um seine wissenschaftliche Arbeit geht es auch. Dazu trifft er sich mit seiner achtzigjährigen Betreuerin im Gasthaus zu Frittattensuppe und Tafelspitz und der leichte Bernhard-Ton, ist nicht zu verkennen und auch, daß er sich als Totengräber literarisch inszeniert.

So hat er das auf jeden Fall bei einem Art Burgtheater Poetry slam so gemacht, wo er nur unter diesen Namen auftrat.

Also auf der einen Seite ein interessantes Buch, das sich in mehr oder weniger langen Tagebuchszenen immer um die gleichen Themen dreht. Die Untersuchungen, die Medikamente und das Graben, die Großmutter, der er Eier liefert, gibt es auch, sie rät ihm vom Cortison ab und schickt ihm zum Alternativmediziner, die Frauen, das Schreiben udn den Roman und so interessant, das in Verbindung mit der sehr ästetischen graphischen Gestaltung die „K&S“ hat, auch ist.

So neu ist das Ganze nicht, klingt eher wie ein Debut, das sich an Thomas Bernhard orientierte, könnte man so sagen, aber das habe ich meinen letzten Büchern ja auch irgendwie getan und das wahrscheinlich mit einer nicht so perfekten Sprache wie Mario Schlembach.

Mit „Heute graben. Die Erde feucht, lehmig. Bei den ersten Brettern des Sarges sagt Papa. „Da drin lebst ewig“, schließt auch das Buch.

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