Literaturgefluester

2022-09-03

Dschinns

Buch zwei der deutschen Longlist, „Dschinns“ von Fatma Aydemir, das, glaube ich, schon im Februar erschienen ist und sogar in der „AS“ vorgestellt wurde. Das habe ich aber versäumt und auch das Debut der 1986 in Karlsruhe geborenen Fatma Aydemir nicht gelesen. Sie hat dann einen Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ herausgegeben und mir von daher als recht aggreessiv oder aufmüpfing erschienen.

„Dschinns“ ist das aber gar nicht, sondern eigentlich ein recht konventionelles und mir durchaus realistisch erscheinendes Buch, obwohl „Dschinns“ die inneren Stimmen oder das Böse das in und um uns passiert und in den Häusern lauert, es eigentlich nicht ist oder doch natürlich und jeder hat wohl seine Dschinns egal ob er in Wien, Karlsruhe, Istanbul oder einem anatolischen Dorf geboren wurde.

Da ist einmal Hüsesyn, eigentlich ein Kurde, aber das durfte man in der Türkei nicht sein, ohne verfolgt zu werden, so ist er in den Sechzigerjahren wahrscheinlich nach Deutschland gegangen, um das große Geld zu verdienen. Jetzt ist er sechzig, das Buch spielt 1999, in Pension gegangen und hat sich eine Eigentumswohnung in Istanbul gekauft, um dort mit seiner Frau Emine seinen Lebensabend zu verbringen. Kaum angekommen erleidet er einen Schlaganfall und nun reist die Familie, die Frau Emine und die vier Kinder, sowie die zwei Enkel, um der Beerdigung beizuwohnen.

Das Buch ist in sechs Teilen geschrieben, eines gehört dem Vater, dann haben die Kinder Ümit, Sevda, Hakan und Perihan je eine Stimme und interessant, zwei davon kommen zu spät zum Begräbnis. Ja der Weg von Deutschland nach Istanbul ist weit und ein Flug wahrscheinlich nicht so schnell zu bekommen.

Ümit, der jüngste ist fünfzehn und wurde und das erscheint mir etwas unrealistisch von seinem Sporttrainer zu einem deutschen Therapeuten geschickt, weil er etwas mit einem Jungen hatte, damit er ihn wieder „normal“ machen kann. Das ist heute wohletwas anders und Sevda, die Älteste ist Analphabetin oder nie in die Schule gegangen, weil sie bis sie zwölf oder dreizehn war, bei der Großmutter aufwuchs, bevor sie die Eltern nach Deutschland holten. Dann hat sie zwar einen Deutschkurs besucht, sollte aber gleich verheiratet werden. Beim ersten Mann weigerte sie sich. Den Zweiten hat sie genommen. Der hat sich aber als Nichtsnutz erwiesen und seine Abende in Klubs bei Freunden verbracht. So mußte sie in der Nacht als Büglerin arbeiten und die Kinder waren allein zu Haus, als dort die Rechtsradikalen ein Feuer legten. sie floh mit den Kindern zu ihren Eltern. Die schickten sie aber wieder zurück. Sie trennte sich trotzdem, übernahm eine Pizzeria und steckte dem obdachlos gewordenen Mann sogar immer etwas Geld zu.

Perihan, die jüngere Schwester schaffte ein Philosophiestudium, Hakan ist Gebrauchsautohändler und kommt zum Begräbnis zu spät, weil die Polizei ihn zu einem Drogentest zwingt. Es kommt zu einer Aussöhnung zwischen Sevda und der Mutter und am Schluß kommt es, um das Ganze auch dramatisch zu machen, zu einem Erdbeben. Ja die Dschinns lassen einen nicht aus und es hat auch noch ein anderes Kind gegeben, das Emine weggenommen wurde und sie sich nicht wehren konnte.

Der Vater wird als ambivalent geschildert, sich zu Tode arbeitend, nach außen rauh, aber die Entscheidungen hat die Mutter getroffen und die konnte auch nicht aus ihrer Haus heraus und die Dschinns zurücklassen.

Ein sehr realistisches Buch, denn ich habe lang mit einer Türkin gearbeitet, die als Vorbild der Sevda dienen könnte. Sehr spannend über die ehemaligen Gastarbeiterkinder zu erfahren, die es geschafft haben, auf Buchpreislisten stehen oder bei der TAZ arbeiten.

Viele schaffen das noch nicht so problemlos obwohl die türkischen Mädchen, wie ich im laufe meines Praxisleben erfahren konnte, auch schon aufs Gymnasium gehen, auch wenn sie die Matura vielleicht noch nicht schaffen. Ihre Töchter werden es vielleicht und ich könnte mir vorstellen oder wünschen, daß das Buch auf die shortlist kommt, obwohl ich ja bis jetzt nur ein anderes Listenbuch gelesen hat.

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2 Kommentare »

  1. Zuerst: ich bewundere deine Buchbesprechungen, weil du es verstehst, den Inhalt so genau wieder zu geben. Zu den Dschinns, die ich auch schon gelesen habe: bei mir stellte sich so ein Hochschaubahnlesegefühl ein, stellenweise war ich schwer begeistert, teilweise, besonders die Stelle als sich Mutter und älteste Tochter emotional nahe zu kommen scheinen, war ich durchaus gerührt (so ein Rührungsgefühl bei der Lektüre liebe ich), dann wieder war ich verärgert, weil die Autorin versucht, so ziemlich jedes aktuelle Thema irgendwie in die 368 Seiten zu packen. Das halte ich auch für die große Schwäche des Romans: Viel zu viele Themen, das macht mir die Geschichte dann auch unglaubwürdig, denn so viele Themen in einer Familie, das will ich nicht glauben, auch der Erdbebenschluss war mir zu theatralisch. Bin schon gespannt auf deine Berichte über Kim, Inokai, Riedel und Enzensberger, die ich bisher gelesen habe.

    Kommentar von foto39 — 2022-09-04 @ 21:00 | Antworten

  2. Fein, wieder von dir zu hören, lieber Otto, denn ich habe dir ein Mail geschrieben, wo ich dir ein Buch schenken wollte, das ich mehrfach bekommen habe, es dann aber in den Bücherschrank stellte, weil du nicht geantwortet hast!
    Ja, die Buchpreisliste, die lese ich jetzt ja seit 2015 hinunter, gerate ein bißchen in Streß dabei, lerne aber auch viel daraus! Stimmt, es ist viel in „Dschinns“ hineingepackt, wird von den Autoren wahrscheinlich auch gefordert, wenn sie Erfolg haben will, da hat mich aber erstaunt, wie prägnant diese Familie beschrieben wurde.
    „Ein simpler Eingriff“ kommt als nächstes dran! Da bin ich schon gespannt, weil ich viel Positives darüber gehört habe. Anna Kim klingt auch sehr spannend! Also lesen, lesen, freut mich daß du mir kommentiert hast! Vielleicht können wir die Buchpreisliste sozusagen gemeinsam lesen und am Dienstag kommt ja schon die nächste dran! Da bin ich auch schon gespannt! Was sind deine Tips für den österreichischen Buchpreis?

    Kommentar von jancak — 2022-09-04 @ 21:45 | Antworten


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