Literaturgefluester

2022-09-10

Ein simpler Eingriff

Buch drei der diesjährigen deutschen Longlist, Yael Innokais „Ein simpler Eingriff“, von der ich noch nie etwas gehört habe, obwohl die 1989 in Basel geborene, aus der Redaktion von P.S kommt und im Nachwort Kaska Bryla ausdrücklich für die Begleitung am Text dankt.

Ein dünnes Buch, hundertsiebzig Seiten, habe ich gelesen und das PDF gehabt, am Cover ist eine Krankenschwester mit einem altmodischen Häubchen zu sehen und das Buch scheint auch in der Nachkriegszeit zu spielen.

Aus dem Klappentext hätte ich entnommen, daß das Buch so etwas wie „The Handmaid Tale“ sein könnte, stimmt aber nicht. Es ist stattdessen ein sehr leises Buch, das in drei Teilen vom Leben der Krankenschwester Meret erzählt. Wo das Buch spielt ist auch nicht klar. Den Namen nach würde ich Deutschland schätzen. Meret ist also Krankenschwester, wohnt in einem Schwesternwohnheim, wo sie mit dem Fahrhrad in die Klinik fährt. Dort assistiert sie einem Doktor, der einen simplen Eingriff an impulsiven Patienten, damit sie ruhiger und angepasster werden, durchführt, eine Art Lobotomie wahrscheinlich, obwohl das Wort nicht erwähnt wird.

Es gibt drei Teile, Marianne Sarah, Meret ernannt und Marianne ist eine Tochter aus reichen Haus, an der ein solcher Eingriff durchgeführt werden soll und Merets Aufgabe ist es mit den Patienten vorher und während des Eingriffs Karten zu spielen, denn der Eingriff wird im Wachzustand durchgeführt.

Dann gibt es noch zu Sarah eine Art lesbische Beziehung, denn die ist ihre Mitbewohnerin im Schwesternwohnheim und Meret kommt auch aus einer problematischen Familie. Es gibt eine Schwester namens Bibi und einen Bruder namens Wilm und Bibi, reißt immer aus, reist immer herum und schreibt dann Karten aus Amerika oder so obwohl sie nie dort war.

Der Eingriff an Marianne geht schief. Sie gerät ins Wachkoma und Meret fängt zu zweifeln an, noch dazu da sie eine frühere Patientin triff, die jetzt in einer Wäscherei arbeitet und Sara erzählt von einer Freundin, der offenbar dasselbe passierte.

Sie besucht dann auch Marianne in dem Pflegeheim in das sie gebracht wurde und eine Rückblende, die mich etwas verwirrte hat es auch gegeben, denn Marianne stirbt an Medikamentenversuchen, Sarah und Meret fahren aber trotzdem mit ihr im Rollstuhl zu Sarahs Mutter.

Ein interessantes Buch, das sehr gelobt und sogar als Siegerbuch gesehen wird, ich aber eigentlich eher als sehr leise und etwas altmodisch empfand, das aber einen eigenen Rhythmus und eine eigene Sprache hat.

Auf die Shortlist würde ich nicht schätzen, aber mal sehen, wie das die Juroren sehen, ich bin gespannt.

2 Kommentare »

  1. Hab ich auch gelesen, hat mir sehr gut gefallen. Was ich ganz besonders spannend fand, war die Beschreibung der lesbischen sexuellen Handlungen, die hier zart, vorsichtig, einfühlsam rüberkommen im Gegensatz zu den aggressiven, gewalttätigen schwulen sexuellen Handlungen im Roman von L’Horizon, der ja auch auf der Longlist steht.
    Die kritische Auseinandersetzung mit der Lobotomie als disziplinierender chirurgischer Eingriff ist meines Erachtens auch gut gelungen, ohne gleich belehrend rüberzukommen. Mal sehen, wie weit es der Roman schafft, da mir doch noch einige Romane auf meiner Leseliste fehlen, wage ich noch keine Einschätzung, ob es für die Shortlist reicht.

    Kommentar von foto39 — 2022-09-10 @ 21:41 | Antworten

  2. Aber eigentlich nichts wirklich Neues, die Fünfzigerjahre in einer englischen Klinik würde ich schätzen, aber spannend, daß es so ein leiser Roman auf die Longlist schaffte und er so gelobt wird, aber wahrscheinlich kann man Parallelen auf die Gegenwart ziehen, wo wir ja alle so wissenschaftlich sein müssen und dabei vielleicht unser natürliches Immunssystem zerstören, obwohl das nicht ausgesprochen wird!

    Kommentar von jancak — 2022-09-11 @ 07:52 | Antworten


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