Literaturgefluester

2022-12-23

Gin zu Ende, achtzehn Uhr

Filed under: Bücher — jancak @ 00:25
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Knapp vor Weihnachten noch ein paar Gedichte, nämlich das Leseexemplar von Alexander Peer, das er mir Ende September in der „Alten Schmiede“ übergeben hat.

Dank meiner Buchpreis-Listen hat das Lesen etwas gedauert, aber in der letzten Adventwoche passt es das Tempo etwas langsamer zu drehen und sich in die Gedichtewelt des 1971 in Salzburg Geborenen einlesen, dessen „Land unter ihnen“ ich im „Wortschatz“ gefunden habe, als ich vor einigen Jahren zum „Adventrundgang“ aufgebrochen bin, den es nicht mehr gibt und es ist jetzt das zweite Leseexemplar in dem ich blätterte. Sogar das Zettelchen der damals gelesen Gedichte liegt darin. Bei „Limbus“ dem kleinen feinen Lyrikverlag ist das Buch erschienen, ein Nachwort von Daniela Chana, von deren Erzählungen, ich sehr begeistert war, gibt es auch und immer wieder Fotografien des Autors von seinen Stipendienaufenthalten in Schottland, Wiepersdorf und seinen Reisen. So ist Alexander Peer auch einmal vor dem Thomas Mann-Haus in Nnida geestanden oder wahrscheinlich im Gegensatz zu mir hineingegangen und wenn man den Gin um achtzehn Uhr beendet hat, bleibt wahrscheinlich Zeit für die philosophischen Gedanken und die kann man in den kleinen feinen Büchlein finden. Also ziehen wir hindurch, lassen uns durch die schöne Sprache in der sie eingefangen sind, inspirieren und Alexander Peer ein wenig bei seinen Reisen begleiten und in seine Gedankenwelt eindringen.

„Wer für Gott lebt, lebt heute für Medien/oder Archive, Preise, Lobesreden“, heißt es da beispielsweise und dann kommen wir zu den Gedichten, die laut Alexander Peer „in der Mulde“ hocken: „Einige trauen sich einfach nicht näher./ Soll ich mich vor dem Schreiben rasieren?“, endet es mit einer interessanten Frage und läßt mich spekulieren, ob die dann entstandenen Gedichte besser sind?

Aber wie machen es dann die Dichterinnen? Die haben „Frauenpower“ entgegnet jetzt wahrscheinlich Alexander Peer und bekennt am Ende „Es gab Frauen, denen ich nachlief,/ ich wünschte, es wäre bei hundert Metern geblieben.“

Vorher wollte er schon wissen, ob die „Venus je ihr Willendorf“ verlassen hat und „Hippokrates von seinem Eid“ wußte? Wieder eine philosophische Frage denke ich und erfahre dann, daß „Wenn Architektur – wie Schelling meinte -/gefrorene Musik ist, ist dann/Lyrik verdammte Raumplanung?“

„Als Kind schraubte ich eine Uhr auf,/um darin die Zeit zu finden“, reimt Alexander Peer weiter und „So red ich mit gespalt´ner Zunge/ mein Leben lang“, heißt es in einen anderen Gedicht weiter.

„Wer bin ich?“ heißt es im „Sinnsucher I“, da gibt die „Psychologie“ die Antwort und dann geht es in der „Soziologie“ und in der „Philiosophie“ im Plural weiter.

Im „Elfenbeinwurm“ heißt es „Die Vokale klingen auch mal anders,/wenn er schmatzt und/herzhaft kaut./ Dabei sind der Jürgen Habermas/und die Rosamunde Pilcher/ihm einerlei.“

Dazu gibt es ein schönes Bild der „Tafelfunde der vergessenen Bücher“, das Alexander Peer von seinem Schottland-Aufenthalt aufgenommen hat.

Die „Doppelte Doppel-Klimax“ gibt es auch:

„Gescheit/Grscheiter/Gescheitert/ Gescheitert/Gescheiter/Gescheit“

„Mozart heilt alle Wunden./ Beethoven schlägt sie wieder“ heißt es weiter, weil „Der Schlaganfall nicht nur/ ein medizinisches Ereignis/ ist“.

Dann heißt es in „Abdankungen“: „Erst schoss er sich öffentlich ins Knie,/ dann privat in den Kopf.“

Sozialkritisch, wie auch Daniela Chana bemerkte wird es im „Blumenbett“ auch „Die Nelken passten schlecht ins Knopfloch/ der Working Poor im digitalen Rausch/ der neuen Zeit./Cyber-Präkariat/allezeit bereit./ Die Ich-AG schüttet/keine Dividenten aus.“

Interessant, interessant der philosophische Rundgang durch Aleanders Peers Gednken und seine Reise und schade, daß der Gin um achtzehn Uhr zu Ende ist oder vielleicht auch sehr gut, denn dann läßt es sich wahrscheinlich besser formulieren:

„Bevor der Tod kommt,/lass uns noch einmal in Bett gehen/ und Kinder zeugen, Essen zubereiten,/tanzen gehen, Filme sehen/ und uns so streiten, daß wir/uns verstehen.“

Gute Idee finde ich, Weihnachten läßt sich auf diese Art und Weisee vielleicht auch feiern.

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