Literaturgefluester

2016-12-16

Hool

Weiter gehts mit dem „Aufbau-Verlag“ und dem Buchpreisbloggen, ja richtig gehört, Buch neunzehn der LL des dBp 2016 und das sechste Shortlistbuch ist doch noch zu mir gekommen und der Debutroman des 1986 geborenen Philipp Winkler, der in Hildesheim studierte und in Leipzig studierte, in der Nähe von Hannover, um das es in dem Buch geht, ist er aufgewachsen und für Auszüge aus „Hool“ hat er 2015 den „Retzhof-Preis für junge Literatur“ des Literaturhauses Graz bekommen  und ein Jahr später auch noch den „Aspekte-Preis“.

So prominent besprochen und hochgelobt wurde es wohl wegen des Thema, das ja für die hehre E-Literatur ein wenig abseitig ist.

Es geht, um die Hooligans und um die Loser dieser Gesellschaft, die jungen Männer, die höchst wahrscheinlich keine Literaturpreise gewinnen, weil sie die Schule abgebrochen haben, in ihrem Elternhaus Gewalt und Mißbrauch erlebten, dann mit Drogen und Alkohol in Kontakt kamen und nun den Sinn des Lebens darin sehen, die gegenseitigen Fußballfans zusammenzuschlagen.

Heiko Kolbe ist ein solcher mit einer sehr deftigen Sprache, manchmal abgehackt, manchmal mit Dialekt versehen „Nich so nah, Joko. Du hast`nen Kafeemüffel. Ach fick dich doch.“,wird rasant nach vorne und nach hinten in der Ich-Perspektive erzählt, was das Lesen und das Verstehen, manchmal etwas schwierig macht.

Die Mutter hat die Familie jedenfalls verlassen, der Vater sich eine neue Frau aus Thailand geholt, die Schwester Manuela hat studiert und versucht jetzt tapfer mit ihrer „Lehrerinnenart“ Bürgerlichkeit zu leben und die Normalität aufrechtzuerhalten. Das heißt sie bringt den Vater Hans in die Reha Klinik, um gegen sein Trinken was zu machen, Heiko soll sich inzwischen um die Tauben kümmern, was schwierig ist, weil es böse Assoziationen in ihm hochruft, hat er bei den Tauben doch einmal den Großvater gefunden.

Er wohnt jetzt bei einen Kleinkriminellen umsonst und muß sich dafür, um seine Hunde kümmern, den Geier namens Siegfried füttern und weil Arnim auf einen Tiger steht, muß er für den auch den Zwinger ausheben und ihn in der Nacht von der polnischen Grenze abholen.

Ansonsten arbeitet er im Fitneßstudio seinen Onkel Axel, das „Wotan Gym“ heißt, nicht umsonst wird der Onkel, der auch für die Hooligansangriffe zuständig ist, von den Rechten oder „Natzen“ besucht und so ist es verständlich, daß Heikos Familie, seie Freunde Kai, Ulf und Joho sind.

Mit denen fährt er zu den Matches der Hannoveraner, schlägt die Braunschweiger zusammen und dann wir Kay zusammengeschlagen, bekommt einen Nezthautriß, kann nichts mehr sehen und will aussteigen, nach London gehen und fertigstudieren und auch die anderen haben keine Lust mehr mitzumachen.

Nur Heiko schwärmt von der Revanche, muß seinen Vater aber im Krankenhaus besuchen, weil der gestürzt ist, legt seiner ehemaligen Freudnin Yvonne, eine Krankschwester, die inzwischen süchtig ist, den Schlüßel hin und als Armin überfallen wird, bleibt ihm nichts anderes über, als dem Tiger den Gnadenschuß zu geben, sich von Siegfried, der nicht in die Freiheit fliegen will, zu verabschieden und mit einem der Kampfhunde an der Seite in die ungewiße Zukunft zu fahren.

Nach vorne oder zurück? Der junge Shortlistennominierte, läßt das offen, macht bei Interview einen sehr sympathischen Eindruck und dort wird auch betont, daß er kein Holligan ist, aber durchaus Freunde in der Szene hat und am Buchrücken steht, wieder etwas, wie „Einen so knallharten, tieftraurigen und todkomischen Debutroman hat es seit Clemens Meyers „Als wir träumten“ in Deutschland nicht mehr gegeben.“

Thomas Klupp, ebenfalls ein Schreibschulenabsolvent und Literaturpreisträger hat das geschrieben, wie das bei den hochgelobten Romanen, die auf Buchpreislisten stehehen wohl auchsein muß, um die Kritiker zu begeistern und vielleicht auch den berühmten Schiwegermüttern für den Weihnachtstisch schmackhaft zu machen.

Ansonsten ist der deutsche Buchpreis schon einige Monate vorbei und das Leben und das Lesen ist weitergegangen. Wir wühlen jetzt wahrscheinlich schon in den „Frühjahrsvorschauen“ und bestellen die Bücher, die dann 2017 vielleicht auf der dBp stehen werden und lang wird es vielleicht nicht mehr dauern bis man „Hool“, das übrigens nicht auf die Longlist des „Bloggerdebutpreises„, der heute vergeben wird und den,  wie es aussieht wahrscheinlich Shida Bazyar gefolgt von Philip Krömer, gewinnt, gekommen ist, in den Abverkaufskisten oder bei den Bucherflohmärkten finden wird.

Mich hat das Buch nicht so sehr vom Sessel gerissen, obwohl es gut geschrieben ist, keine Sprachräusche sondern harte und wahrscheinlich gut recherchierte Realität aufzuweisen und auch keine so plotmäßige Spannunghandlung hat, was mir ja eigentlich gefallen müßte.

Ich habe es aber, wie schon erwähnt, ein wenig schwierig zu lesen gefunden und mußte mich sehr konzentrieren, um mit der Handlung einigermaßen mitzukommen.

Trotzdem ein interessantes Buch, eine interessante Neuentdeckung eines gerade Dreißigjährigen und jetzt habe ich bis auf „München“ alle der diesjährigen deutschen Buchpreisbücher gelesen.

2015 waren es alle, aber da habe ich ja nachgeholfen und bin auch zum Lesen in Buchhandlungen gegangen. Jetzt warte ich ab, ob ich das Buch vielleicht doch noch finde oder lasse die Lücke  so stehen, warten ja noch andere Bücher von längst vergangenen Buchpreislisten auf mich.

2016-11-27

Durch die Bloggerdebutpreisshortlist

Filed under: Buchpreisbloggen — jancak @ 00:38
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Da bin ich ja, als ich mich vor ein paar Wochen mit Friederike Gösweiners „Traurige Freiheit für mein höchstpersönliches österreichisches Buchpreislesen, beschäftigt habe, auf den „Debutbuchblog“ und den dort ausgeschrieben „Debutpreis“ gestoßen und habe mir die dort vorgeschlagen fünfzig Bücher angesehen, die auf eine Shortlist geschrumpft von zwanzig Bloggern beurteilt werden sollen.

Da ich mich im letzten Jahr durch die „Kremayr &Scheriau-Debutpreisbücher“ gelesen habe, im Sommer bei den O-Tönen war und ja auch die drei österreichischen Debuts gelesen habe oder lesen wollte, sind mir einige der dort vorgeschlagenen Bücher schon bekannt gewesen, zwei weitere, nämlich Paula Fürstenbergs „Familie der geflügelten Tiger“ und Nelle Pollatscheks „Das Unglück anderer Leute“ hatte ich mir schon bestellt, sowie  Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“ mir zum Geburtstag gewünscht,  von einigen anderen hatte ich schon gehört oder war auf Veranstaltungen, andere waren und sind bis jetzt an mir vorbeigegangen.

Weil ich aber gerne in Jurien bin, obwohl ich ja immer behaupte, daß man Bücher nicht vergleichen kann, habe ich angefragt, ob ich, obwohl schon sehr spät, noch mitmachen kann und mich in den letzten Wochen durch die Shortlist gelesen, die, wie ich schon bei einigen der teilnehmenden Blogger lesen konnte, eine interessante Mischung von bekannten und unbekannten aus kleinen oder größeren Verlagen ist.

Die Selfpublisher waren wieder einmal ausgeschlossen, obwohl es hier, da die Veranstalter ja nicht vom Börseverein oder Hauptverband des Buchhandeln sind, gar nicht nötig wäre, aber wahrscheinlich hatten sie Angst vor der Fülle, die da auf sie zukommen könnte und außerdem gibt es da ja auch noch immer diesbezügliche Vorurteile, obwohl bei den fünf Büchern, auch soetwas, wie ein Krimi war.

Dann war „Blauschmuck“ mir schon von den Blogs,  dem österreichischen Debutpreis, den O-Tönen und dem „Alpha“ bekannt dabei und „Weißblende“ der Debutroman der Grazer Lyrikerin Sonja Harter, der sonst vielleicht an mir vorbei gegangen wäre.

Von Philip Krömers „Ymir oder Aus der Hirnschale der Himmelhatte ich schon bei diversen Blogs etwas gesehen, während mir Uli Wittstocks „Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorfvöllig unbekannt war und dann habe ich gelesen und gelesen.

Nach „Blauschmuck“ das zu meiner Überraschung weder den „Alpha“, noch den Debutpreis bekommen hat, obwohl die sprachliche Qualität wahrscheinlich über der von Friederike Gösweiner und Barbi Markovic liegt, aber für mich etwas Künstliches und Aufgesetztes hatte, so daß ich bei dem Buch hin-und herschwankte und ein gewißes Unbehagen verspürte.

Das ist doch eine Kunstsprache, dürfen wir uns wirklich so literarisch in die arabische Sprachwelt hineinversetzten und ist es die Sprache, die eine Unterschichttürkin wirklich spricht?

Ich glaube es nicht, das Buch hat aber wahrscheinlich gerade deshalb eingeschlagen und wäre, wenn es einfacher und realistischer geschrieben wäre, wahrscheinlich nicht so aufgefallen.

Zweifel über Zweifel, aber Freude, daß es auf die Shortlist kam, auf der mir ganz ehrlich, Isabelle Lehn und  auch Friederike Gösweiner fehlten und andere gelobte Debutromae, wie der der Michelle Steinbeck, des Philiph Winklers oder der Ronja von Rönne wurden gar nicht vorgeschlagen.

Mit Sonja Harters „Weißblende“ aus dem österreichischen „Luftschacht-Verlag“ ging es dann weiter.

Wieder ein sehr poetisches Buch, das von einem sehr aufgeweckten jungen Mädchen und seinen erotischen Gefühlen handelt, ein Lolilta Thema und wieder ein bißchen Abwehr, darf soll man so über dieses Thema schreiben und will ich das lesen, wahrscheinlich nicht so ganz, obwohl ja einige erfrischende Wendungendarinnen sind, wie, die der Lehrerin, die die Peniszeichnung einfach zurückschmeißt.

Dann gings zu Philip Krömer und auch zu der Entdeckung eines Bloggers, daß der Autor auch Lektor und Mitbegründer seines Verlags ist und damit zu der Frage, ist das nun ein Eigenverlag oder nicht?

Wahrscheinlich kein wirklicher, trotzdem weichen die meisten schreibenen Verleger sofern sie es können auf andere Verlage aus, während die noch unbekannteren Autoren wahrscheinlich aus diesem Grund Verlage gründen odereinen Verlagsnamen darauf schreiben, damit sie nicht unter die „bösen“ Selfpublisher fallen und das Buch ist sehr originell, auch ein Crossover, ein bißchen zu männlich, brutal und herb für meinen Geschmack vielleicht und dann ging es Genre übergeifend zu den Krimis, obwohl Ulis Wittstocks „Weißes Rauschen“ kein wirklicher ist, sondern eine Satire auf die Zustände dieser Welt.

Manchmal sehr witzig, mir  manchmal etwas zu langatmig und zu wenig spannend und von den Bloggern kamen Meldungen, daß es sprachlich nicht vollkommen, sondern mit Fehlern behaftet ist.

Ja, auch den Verlagen fehlen schon die Lektoren oder sie sparen diese ein. Ich bin in diesem Punkt ja ein wenig lockerer und interessant ist auch, wenn man auf die Votingliste, des Debutblogs geht.

Es hat die meisten Stimmen, über sechssiebzig Prozent Ja, die Leser wollen Spannung, vielleicht haben Verlag und Autor aber auch ihre Fans ausgeschickt?

„Blauschmuck“ hat, was mir eigentlich unverständlich ist, nur 1,89%, Sonja Harter steht, gefolgt von Shida Bazyar mit über 12% an zweiter Stelle.

Nun weiß ich nicht, wieviele Leser sich an der Umfrage beteiligten und es ist auch interessant, was die Blogger meinen, die den Preis ja entscheiden und ich habe mich sehr neugierig, an das fünfte Buch, an Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Theraran“, das von Tobias Nazemi auf seinen Blog sehr gelobt wurde, gemacht und wurde überrascht oder auch nicht.

Daß es ein sprachlich sehr anspruchsvolles Buch ist, hatte ich mir schon gedacht, hätte aber, da ja auch die Autorin betonte, daß ihr die Sprache, das wichtigste wäre, experimentelle Sprachräusche erwartet und die mag ich ja eigentlich nicht und fand eine sehr poetische Beschreibung einer entwurzelten Familie, wo jedes seiner Mitglieder, in seiner eigenen Weise den Weggang oder auch die Rückkehr von Teheran nach Deutschland erlebt und beschreibt.

Der Vater, der ehemalige kommusitische Revolutionär, noch sehr in der heimischen Tradition verwurzelt. Die Literaturstudentin Nahid und junge Mutter hat zehn Jahre später Schwierigkeiten mit der deutschen Gastfreundlichkeit, die ja ganz anders, als in Persien ist und die Kinder, aufgezogen in deutschen Schulen verbunden mit den Familientraditionen, die sie vielleicht nie wirklich gekannt haben, werden überhaupt hin- und hergebeutetelt. Und meiner Meinung nach ohne jeden übertriebenen Sprachrausch und Künstlichkeit drückt das die 1988 in Deutschland geborene Shida Bazyar sehr dicht und doch sehr einfach aus.

Für mich das beste Buch, dem ich gerne meine Stimme gebe, obwohl man ja, wie ich immer schreibe, Äpfel und Birnen nicht vergleichen und Bücher nicht vermessen kann.

Es ist aber für mich das eindruckvollste Buch, wo ich ohne Widerspruch und Zweifel zurückbleibe, viel über den Iran, seine Geschichte und Gebräuche gelernt habe und auch ein bißchen neugierig auf Teheran bin.

Obwohl ich in kein Land reisen werde, wo ich mir ein Kopftuch aufsetzen muß und fliegen tue ich auch nicht so gern, also hat mir hier die Literatur, die Realität ersetzt, Vorstellungen aufgemacht, meinen Horizont und mein Wissen erweitert und jetzt bin ich neugierig auf die Meinung der anderen Blogger.

Werden sie sich für die Sprache, das Genre, die Spannung oder den Inhalt entscheiden?

Am fünfzehnten Dezember werden wir es wissen und ich lese inzwischen weiter, habe ich ja noch drei Longlistbücher auf meiner heurigen Leseliste, habe ich mir doch auch, Birigit Birnbacher „Wir ohne Wal“ bestellt, weil es der Blogger Marc Richter auf seiner persönlichen Shortlist hatte und ich auch in der „Gesellschaft für Literatur“ davon hörte.

Das Buch der Paula Fürstenberg und das der Nelle Pollatschek werde ich auch noch heuer lesen, während Isabelle Lehn, da  kein Rezensionsexemplar, auf das nächste Jahr warten wird, weil auf der heurigen Leseliste noch einiges andere, wie beispielsweise die Bücher meines Kritikers Uli und Dietmar Füssels historischer Roman aus dem alten Ägypten stehen.

2016-11-26

Nachts ist es leise in Teheran

Von Buch fünf der „Shortlist des Blogger-Debutpreises“ habe ich schon im oder vor dem Sommer, als ich mich gerade mit der Longlist des dBp beschäftigt und geraten habe, was da wohl darauf stehen wird, gehört, hat doch Tobias Nazemis Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“ sehr gelobt und ihre Sprache mit der von Valerie Fritsch verglichen.

Nun wissen meine Leser höchstwahrscheinlich, daß ich es mit den Sprachräuschen nicht so sehr habe und Valerie Fritschs“Winters Garten“, die ich ja an sich für ein großes Talent halte, ein wenig kitschig fand.

Dann gab es bei Tobias Nazemi, dem Schwärmer, noch ein Interview, das er mit der 1988 in Deutschland geborenen Tochter iranischer Eltern, die in Hildesheim studierte und 2012 im Klagenfurter Literaturkurs war, führte, in dem sie betonte, daß ihr die Sprache, wichtiger, als der Plot wäre und ich dachte höchstwahrscheinlich „Uje schon wieder!“, war aber interessiert und habe das Buch, bei meinen Herbstleseplanartikel auch erwähnt, es ist aber entgegen Tobias Nazemis Vermutung nicht auf die Longlist gekommen und ich war ersteinmal mit anderen beschäftigt, habe ich ja fast die gesamte deutsche LL, die halbe österreichische und dann noch die drei österreichischen Debutanwärter gelesen und da war ich ja voll überzeugt, daß Katharina Winkler den Debutpreis gewinnen wird und daß das Buch, weil „Suhrkamp“, da ein wenig spräöde war, im Rahmen des „Alpha“, den sie natürlich auch gewinnen wird, zu mirkommt.

Sie hat nicht gewonnen und das Buch ist zu mir gekommen,  den öst. Debutpreis hat Friederike Gösweiner bekommen, die ja auch auf der Longlist des „Blogger-Debuts“ gestanden ist, bei der ich ja sehr überraschend und in letzter Minute dazugekommen, auch mitjuriere und so habe ich jetzt nach „Blauschmuck“, „Weißblende“ meine beiden Favoriten, bei denen mir bei beiden etwas fehlte, auch den Roman über eine persische Flüchtlingsfamilie, einer jungen Nachwuschsautorin, die auch im Sozialbereich tätig ist, gelesen.

Ein Thema das ja einigen Bloggern auf der dBp Liste fehlte, eines, das mich während des letzten Jahrens beim eigenen Schreiben stark beschäftigte, da habe ich mich ja in der sogenannten Flüchtlingtrilogie mit der jungen Syrierin Fatma Challaki beschäftigt, die mich ja auch in den „Berührungen“ nicht wirklich losgelassen hat.

Der 1963 geborene Exilungar Akos Doma  hat sich in seinem auf die Longlist gekommenen „Weg der Wünsche“ mit diesem Thema beschäftigt und beschreibt darin, die Flucht nach Deutschland einer ungarischen Familie, die bei den Kritiker nicht so besonders gut weggekommen ist.

Die Sprache sei nicht besonders, hat, glaube ich, Marina Büttner gefunden, hier ist es anders und ich sage es gleich vorweg, es waren keine Sprachräusche, die mich bei diesem Buch erwarteten, sondern eine sehr sehr dichte Schilderung des Leben in Teheran und das der Exil-Irander in Deutschland während der letzten vierzig Jahre und der damit verbundenen politischen Veränderungen.

An Hand einer Familie, Behsad, Nahid, Laleh, Morad, Tara  und in vier Abschnitten, die von 1979 bis 2009 und dann noch, glaube ich, ein bißchen in die Zukunft führen, tut die junge Autorin das und ihr ist dabei das Kunststück gefunden, in jedem Kapitel einen ganz besonderen Ton zu finden, dier die Veränderungen sehr eindeutig beschreiben.

Da geht es zum Beispiel in das Jahr 1979 nach Teheran, der Schah wurde gerade verjagt und der junge Kommunist Behsad, wird von den Frauen der Familie, der Mutter, den Tanten, etcetera aus der Küche geschickt, weil die sich während des Kochens unterhalten wollen und dabei keinen Mann brauchen können.

Er ist in die schöne Literaturstudentin Nahid verliebt, die er bei den revolutionären Versammlungen trifft, er wird mit seinen Freunden zur Revolution aufs Land geschickt, ein Freund wird dabei verhaftet, so begibt er sich später mit seiner Frau und den zwei schon geborenen Kindern ins Exil nach Deutschland und dort triffen wir, zehn Jahre später Nahid wieder, die diesen Teil erzählt.

Die Flüchtlingslager sind überstanden, es gibt die erste kleine, dann die spätere größere Wohnung, die Kinder sprechen schon viel besser Deutsch, wie die Mutter, der von den wohlwollenden Nachbarinnen, ein Studium nahegelegt wird.

Die Nachbarinnen sind freundlich und stricken Pullover für die Kinder und Nahid sitzt da und fühlt sich fremd, versteht vieles nicht, kommt mit den Höflichkeiten nicht zurecht, will keine Almosen und Hilfen, kann sie dennoch nicht ablehnen und die Sorge, um die Familie und die Freunde in Teheran, die jetzt die Ayatollahs über sich ergeben lassen müssen, verhaftet werden und verschwinden, breitet sich auch über all dem aus.

Wieder zehn Jahre später geht es zurück in den Iran, Nahid, die ihr Politikwissenschaftsstudium inzwischen abgeschlossen hat, fliegt mit den beiden Töchter der sechzehnjährigen Laleh und dem Nesthäkchen Tara, schon in Deutschland geboren, auf Verwandtenbesuch, Mo der Bruder hat ein anderes Ferienziel, der Vater darf oder traut sich nicht, weil er verhaftet werden könnte.

Laleh, die sechzehnjährige, die in der Schule bei den Politspielen immer die Rolle des Irans übernehmen muß, erzählt diesen Teil und schildert, wie man für die Fotoaufnahmen für das Visum, ein Kopftuch aufsetzen muß, es verrutscht und alle lachen. Nehads  Manto, der, der die Arme und die Schultern züchtig verdeckt, wahrscheinlich der, mit dem sie damals ausreiste, ist inzwischen altmodisch geworden und die Familie, die Tanten und Cousinen lachen nach der Ankunft darüber. Geschenke werden ausgepackt, die Frauen gehen zum Friseur und zur Kosmetikerin und die hat eine so aufgebauschte Frisur, daß man sich gar nicht vorstellen kann, wie das auf der Straße vorgeschriebene Kopftuch darauf passte.

Das alles sieht und erlebt die Sechzehnjährige, die von Cousins und Freunden der Familie angerufen wird, die sie gar nicht kennt und zur Witwe von Behsad Freund Peyman, der in den Wirren umgekommen ist, auf Besuch gehen muß.

In einer Milchbar unterhalten sich dann die Jugendlichen und wieder zehn Jahre später, wird Laleh schwanger sein, während Morad oder Mo, wie er genannt wird, sich in seiner Sutdenten-WG, in die halb Ägypterin Maryam verliebt von ihr auf eine Demonstration gegen die Studiengebüren geschleppt wird, während sich in Teheran gerade die grüne Revolution mit Demonstrationen und Aufständen nach der Wahl von Ahmadinedschad abspielt, die bekommt er nur über Facebook und You Tube oder aus den Erzählungen seiner Eltern und seiner Schwester Tara mit, denn Mo ist eigentlich unpolitisch und eigentlich an dem Iran seiner Vorfahren nicht besonders interessiert.

Jedes dieser Kapitel ist in einem anderen Ton geschrieben und das ist, glaube ich, die Sprachkunst der Shida Bazyar, die dazu keine Worträusche braucht und Kunstsprache braucht, sondern eigentlich recht einfach und und schlicht daherkommt und meiner Meinung nach geht es in dem Buch vorwiegend, um den Inhalt, obwohl es stimmt, daß es keinen Plot mit Höhepunkten und Spannungsbögen hat, sondern die Gefühle und die Identitätsverwirrungen einer  entwurzelten Familie erzählt, die höchstwahrscheinlich auch sehr viel Autobiografiesches hat, auch wenn es, um eine erfundene Familie geht.

Am Schluß gibt es ein Glossar, in dem auch die Wendungen erklärt werden, die immer wieder vorkommen und die wieder sehr dicht das sprachliche Doppel oder auch Sprachlosigkeit, der in Deutschland lebenden „Ausländer“ zeigen, bei denen die Großmutter exra langsam sprechen muß, damit sie von ihren Enkel verstanden wird.

Ein poetisch dichtes Bild, das in das Leben einer iranisch-deutschen Familie sehr anschaulich hineinführt und die dazu keine Kunstsprache, wie beispielsweise Katharina Winkler für ihre Protagonistin braucht, es reicht, daß jeder in dem Buch, anders denkt und spricht.

Der Vater hat noch die persische Tradition, die Mutter, die Abwehr, von den ach so freundlichen Deutschen, die sie gar nicht so freundlich empfindet, nicht übernommen zu werden, die älteste Tochter ist aufmüpfig und neugierig, der Sohn eher ahnungslos und die jüngste Tochter wird vielleicht noch einmal zehn Jahre später, für eine Woche ihr Internet abschlalten und dann, während sie mit ihrer inzwischen schon erwachsenen Nichte im Auto fährt, vom Sieg der iranischen Revolution überrascht werden, die die die Familie vielleicht wieder zurück in ihre Heimat bringen kann, die, sie, füge ich hinzu, am Ende gar nicht mehr finden wird, denn vierzig Jahre Aufenthalt in Deutschland haben einen wohl geprägt und verändert und ich habe, ähnlich wie in dem Buch von Deva Manickavasagan einen kleinen Einblick in das Leben fremder Kulturen und seiner revolutionären Veränderung bekommen und außerdem meine persönliche Favoritin für den Blogger Debutpreis gefunden, weil für mich neben der Sprache, auch der Inhalt sehr wichtig ist.

2016-11-18

Ymir

Buch drei  der Shortlist des „Debut-Bloggerpreises“ und wieder ein sehr interessantes Buch, das schon große Diskussionen auslöste und es auch auf die „Liste für die schönsten Bücher“ schaffen könnte, nämlich Ymir“ des 1988 in Amberg geborenen Philip Krömers, der 2015 den „Open Mike“ gewonnen hat und Lektor sowie Verleger des mir bisher unbekannten „Homunkulus-Verlags“, in dem das Buch auch erschienen ist, was noch bevor ich es gelesen habe, bei den zwanzig beurteilenden Bloggern große Diskussionen auslöste, denn Eigenverlag, ist ja bei diesem Preis, wie auch bei vielen anderen von vornherein ausgeschlossen und ist es nun ein Eigenverlag, wenn ich in einem anerkeannten Verlag mitarbeite, den vielleicht auch selbstbegründet habe, um eine Chance für meine Bücher zu haben, weil „Fischer“ , „Hanser“, etcera mich noch nicht nehmen und ist es nur „böse“ und „pfui“, wenn ich meine ChickLits, Fantasy oder Krimis, bei „Amazon“ hochlade?

Die großen Verleger, die ebenfalls schreiben, wie Michael Krüger, Jochen Jung, erscheinen selbstverständlich in anderen größeren Verlagen und keiner regt sich auf und die unbekannteren Autoren, haben oft, wie beispielsweise Ruth Aspöck, einen Verlag gegründet, um erscheinen zu können, der Rudi schreibt inzwischen einen Verlagsnamen auf seine „Willi-Bücher“ oder ist inzwischen überhaupt wieder zu „Resistenz“ zurckgewandert, ich mache meine Bücher selbst, lasse sie fünfzig Mal ohne ISBN Nummer drucken und ärgere mich immer noch ein wenig, wenn ich bei einer Ausschreibung lese, aber bitte kein „Selbstverlag“ oder im Literaturhaus, beziehungsweise der „Gesellschaft für Literatur“ damit nicht lesen darf.

Ja, der Literaturbetrieb ist groß und die Selbstverleger, die ja inzwischen, wie die Schwammerln aus dem Boden sprießen, Marketinkurse besuchen, sich ein Cover kaufen und einen Lektor und dann in Leipzig und in Frankfurt ganze halle füllen, machen es noch ein bißchen schwierigier.

Aber darum geht es hier ja nicht, es geht um einen Klein oder Indieverlag „Schön gestaltete Bücher mit anspruchsvollen Ideen“, steht auf dem begelegten Lesezeichen und auf dem Cover  ist die Abbildung eines menschlichen Körpers mit offener Speiseröhre und einer Art Fell statt eines Kopfes und solche Abbiuldungen gibt es im ganzen Buch, die, wie ich den Anmerkungen entnehme, der „zweibändigen Jubiläumsausgabe von Friedrich Eduard Bilz „Das neue Naturheilverfahren Lehr- iund Nachschlagebuch der naturgemäßen Lebens- und Heilweise sowie neuzeilichen Gesundheitsführung (1938 bei F.E. Bilz Verlag Dresden)“, entstammen und das Buch führt auch in das Jahr 1938, kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges.

Beziehungsweise führt es zuerst in eine Dachstube, mit alten mottenzerfessenen Samtmöbeln, wo der Erzähler seinen Besucher oder Leser höflich auffordert, Platz zunehmen, es sich bequem zu machen, damit er seine Geschichte erzählen kann.

Und dann geht es los in die „Hirnschale“, denn so lautet ja der ganze Titel des Romans „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ und Ymir, das kann ich gleich anmerken ist, wenn ich es recht verstanden habe, ein Riese aus der isländischen Sagenwelt und dorthin, nach Island sollen auch drei Leute, ein Coleurstudent, der Erzähler und offenbar  noch nicht so erfolgreicher Autor, ein SS Mann „Von und Zu“, seiner Adeligen Herkunft wegen genannt und dann noch „Klein-Heinrich“ aufbrechen.

Ausgewählt für eine Expedition, um eine Höhle zu erforschen und ein Erzengel hat den unbekannten Autor sogar höchstselbst auf diese Expedition geschickt.

Man sieht schon, es geht hier sehr ungewöhnlich zu, was eigentlich auch nicht zu verwundern ist, daß ein junger  Autor, die Geschichte wieder aufmal neu und ungewöhnlich frech und rotzig, erzählen will.

Also brechen die drei auf, kommen nach Island, ein Fotoapparat, ein Grammophon und selbstverständlich die Tonaufnahme von „Tristan und Isolde“ sind auch dabei und Adolf Hitlers Rede, die er am 30. Jänner 1939 gehalten hat, werden wir uns mit den rollenden RRRs auch noch anhören müßen.

Die Höhle entpuppt sich, als der Körper des Riesens, die, als eine Art Bunker gefunden werden soll, damit fünfhundert aufrechte Volksgenossen, samt ihrer Dienerschaft und Bewachungspersonals, falls es mit dem tausendjährigen Reich doch nicht so, wie geplant, klappen sollte, Platz finden sollen.

Die drei wackeren Gesellen nehmen also ihre Seile und klettern hinein. Durch, die Speiseröhre, den Magen, vorher haben sie noch ein etwas unapetitliches Menu serviert bekommen, Dünndarm, Blinddarm, immer wieder begleitet mit Abbildungen aus dem Lexikon.

Im Dickdarm kommt es dann zu Komplikationen, KleinHeinrich geht  verloren, bevor die restlichen wackeren Helden wieder hinausgeschissen werden und der Erzähler über bleibt, um seinen Besuchern in den zerschlissenen Samtsesseln, das nächste Mal „die gleiche  oder aber eine ganz andere“ Geschichte zu erzählen.

Irgendwo habe ich gelesen, daß es sich bei „Ymir“, um das originellste Debut der Saison handeln würde, nun denn, auf der Longlist des dBp, was für alle nicht so Informierten, deutscher Buchpreis heißt, wäre es von einigen Bloggern, glaube ich, auch gern gesehen worden.

Dorthin ist es nicht gekommen, ein „Hot-List-Kanditat, 2016“ ist es aber gewesen und nun auf der „Blogger-Debut-Shortlist“.

Mir hat es ein spannendes Leseerlebnis bereitet und wieder mal die Frage aufgeworfen, was nun ein selbstgemachtes Buch ist?

Ob ich es, als für mein „bestes Buch“ vorschlagen werde, bin ich mir noch nicht sicher, dazu hat mich „Blauschmuck“ wahrscheinlich doch zu sehr beeindruckt und „Nachts ist es leise in Teheran“, das gerade zu mir gekommen ist, habe ich, neben dem Roman von Uli Wittstock, auch noch nicht gelesen und das wurde von den Bloggern ja auch sehr gelobt.

2016-11-17

Weißblende

Nach „Blauschmuck“ kommt „Weißblende“, die Namensähnlichkeit ist Zufall oder nicht, jedenfalls Buch zwei aus der „Shortlist“ des „Bloggerromandebutpreises“ und es geht wieder um Gewalt, an und um Frauen oder auch, um pubertäre Mädchenphantasien und wieder ist die Debutantin eine Frau, nämlich die 1983 in Graz geborene, in Wien lebende Sonja Harter, mir als Lyrikerin bestens bekannt, war ich ja schon bei einigen diesbezüglichen Veranstaltungen und als Friederike Mayröcker den „Bremer Literaturpreis“ bekommen hat, hat sie sie, glaube ich nach Bremen mitgenommen.

Ein sehr poetischer Roman also, poetisch und erotisch, der das Unbegreifliche erzählt, das sich vielleicht in vielen pubertären Mädchenseelen abspielt, der Wunsch zwischen dem Ausbrechen, Hierbleiben, Kindsein und Erwachsenenwerden in einer Welt voller Gewalt und Widersprüche, Lügen und Heimlichkeiten, wo es nicht so einfach ist, sich auszukennen und die Literatur, die großen Vorbilder Humbert Humbert und Lolita, Alice im Wonderland, etcetera gibt es  auch, denn auch am Land, im Dorf, in der Enge hinter den sieben Bergen, gibt es ja auch die Schulpflicht und den Deutschunterricht und da spielt sich heutzutage schon einiges ab.

So wirf Jonathan, der Sohn des Bürgermeisters und daher diesbezüglich besonders priveligiert, einen Papierflieger zu der Klassenvorständin hin, auf der ein Penis aufgemalt ist, sie macht das Papier auf, zerknüllt es und schießt es ihm zurück.

Macht man das heutzutage so in den Dorf oder auch Stadtgymnasien?

Da ist jedenfalls Matilda, das ist glaube ich eine berühmte Figur von Roald Dahl, aber auch eine Vierzehnjährige, die in der Enge des Tales aufwächst. Die Mutter sagt man ihr, ist bei ihrer Geburt gestorben, die Großmutter dement und daher in einem Altersheim.

Matilda ist Klassenbeste, ein wenig Außenseiterin und graut sich vor den Ferien, denn sie kann nicht, wie die anderen, sozial besser gestellten, auf Erlebnisurlaub nach Italien oder Griechenland fahren.

Muß da bleiben und will nicht ins Schwimmbad gehen, denn dort werfen, die Burschen ja nur die Mädchen ins Wasser und kreischen auf. So geht sie zum Deutschlehrer und fragt ihm nach einer Leseliste für den langen Sommer. Der ist erstaunt, denkt nach, empfiehlt dann den „Werther“ und noch einiges anderes.

Aber soweit kommt Matilda nicht, denn einiges hat sich bei ihr geändert. Der Vater, der bisher so abgeschlossen lebte und sich nur einmal, lang lang ists her, mit der Putzfrau am Boden liegend überraschen ließ, vermietet ein Zimmer an einen Franzosen, an Alain Bonmot und es kommt, wie es kommen muß oder Besser Sonja Harter es will:

Der Franzose stellt zuerst Fragen, bringt schließlich Matilda in den größeren Nachbarort, wo es sowohl eine Bücherei, als auch das Altersheim gibt, in dem die Großmutter, die, wie sich herausstellt, gar nicht dement ist, lebt und die offenbart der frühreifen Vierzehnjährigen ein Geheimnis, das den Lesern gar keines mehr ist, denn es gab in dem Buch, im ersten Teil „Nervensommer“ immer wieder kursiv gesetzte Abschnitte, die von einer Frau in der Psychiatrie handelten.

Also die Mutter ist nicht bei der Geburt, sondern in der Psychiatrie, wo sie vorher viele bunte Pillen schlucken und für die Ärzte alles aufschreiben mußte,ums Leben gekommen und diese Aufzeichnungen, gelangen in Matildas Hände und dann kommt auch noch Bonmot und entführt die Vierzehnjährige in die Stadt.

Dafür hat er dem Vater, die Miete bis Ende des Jahres vorausgezahlt. In der Stadt zuerst fragt der Hoteldirektor, „die junge Dame“ und den älteren Herrn verlegen nach den verwandtschaftlichen Verhältnissen, denn man will ja wahrscheinlich nicht die Polizei und das Jugendamt vor der Tür stehen haben.

Alain stellt Matilda aber auf die Probe, führt sie in ein Konzert, von dem es dann in das Hotelzimmer des Pianisten geht und Matilda ist widerspruchslos mitgegangen, alsoreif für den Deal und darf das vorausbezahlte Geld abarbeiten, bevor sie wieder in die ländliche Enge und in ihre Schule zurückkehrt.

Dort erwartet sie eine Frau beim Vater, der Dachboden wird für sie ausgebaut, dort kommt es auch zu Herrenbesuchen, einer davon ist der Deutschleherer, der Matilda mit guten Noten bezahlt und am Ende kommt doch wieder die Psychiatrie, die Ärzte mit den weißen Mäntel, die für das Protokoll, die Gerichtsverhalndlung, etcetera, alles wissen wollen, ständig „Alles ist gut!“, sagen und brav ihre blauen oder roten Pillen austeilen und Matilda wird wahrscheinlich am Ende der Geschichte erwachsen werden.

„Der Arzt streicht mir übers Haar. Das Band läßt er da.Ich sehe mir alles an. Das Bild ist unscharf, aber der Ton ist hervorragend.“

„Ich lege dir alles zu Füßen, Mädchen, bücken mußt du dich selbst“, ist noch ein Zitat, das Alain Bonmot zu Matilda sagte und das am Buchrücken zu finden ist.

Ein Buch der schönen Worte also, von höchster Poesie, das man trotzdem oder vielleicht deshalb nicht so gerne lesen will.

Aber vielleicht doch darüber diskutieren, was davon Gewalt, Phantasie, erlaubt, verboten, gut und böse ist?

Wenn man vierzehn ist und in das Auto eines älteren Herren steigt, der einen Zigaretten überreicht oder mit einem Küßchen begrüßt, holt schnell die Direktorin, die Mutter in die Sprechstunde und wenn man Alain Bonmot mit Matilda im Bett erwischt, kommt er ins Gefängnis, auch wenn Lolita, Humbert Humbert vielleicht dorthin lockte und erwachende erotische Phantasien vielleicht oder auch ganz sicher zur Pubertät gehören und wie soll man über all das schreiben?

Schockierend brutal mit Fotos, die es vielleicht im Internet oder in der Gerichtsmedizin zu sehen gibt oder so schön poetisch, wie es die österreichische Lyrikerin Sonja Harter tat, die mit ihrem Debut auf die „Bloggerdebutpreisshortlist“ gekommen ist und ich nun die Qual der Wahl habe, wieder einmal Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Was ist schöner und poetischer „Blauschmuck“ oder „Weißblende“?

Gewaltvoll ist beides höchstwahrscheinlich und es gibt ja noch drei andere Bücher, die zur Auswahl stehen, „Ymir“ ist das nächste, das ich lesen werde und bin natürlich  selber schuld an dem Dilemma, habe ich mich ja noch schnell kurz vor zwölf in die Jury hineingedrängt, weil ich das so gerne mache, Bücher zu vergleichen und dann dazuzuschreiben, daß man das gar nicht kann!

2016-11-08

Verleihung des ersten österreichischen Buchpreises an Friederike Mayröcker

Nun also ist er vergeben der erste österreichische Buchpreis, die kleine Schwester des großen deutschen, den die Autoren, glaube ich, habe wollten, die schon mehr als drei Bücher hatten, also für den „Alpha“ nicht mehr in Frage kamen.

Zuserst hat es geheißen „Brauchen wir nicht!“, dann ging es sehr schnell und der Preis wurde ausgeschrieben. Meiner Meinung nach sehr unpassend, ein Monat nach dem Deutschen.

Aber was soll man machen? Ein Monat nachher ist ja die „Buch Wien“ und was ich so in den deutschen Blogs lese, ist er sehr unbemerkt geblieben und wahrscheinlich auch in der österreichischen Öffentlichkeit. Da habe ich doch mehrmals gehört zum Beispiel in der „Gesellschaft für Literatur“ aber auch bei Ö1 bei den Beispielen, daß Reinhartd Kaiser Mühlecker für die deutsche Shortlist nominiert war, daß er auch auf der öst. LL stand wurde dabei nicht erwähnt.

Auf die öst. SL ist er nicht gekommen, da standen naturgemäß und zu erwarten Friederike Mayröcker, Peter Henisch mit seinem neuen Buch, das ich sehr gerne lesen würde, aber leider hat „Deuticke“ auf meine Anfrage nicht mehr reagiert, dann Sabine Gruber, Anna Mitgutsch und für mich die Überraschung und sehr sehr toll, Peter Waterhouse mit seinen „Auswandernden“.

Bei der deutschen LL habe ich diesmal auch achtzehn von den zwanzig Büchern bekommen, bei der österreichischen waren es nur fünf, was aber insofern nicht so viel machte, daß ich die meisten Bücher schon bei den „O-Tönen“ kennenlernten und die die mir bisher unbekannt waren, wie der „Gemischte Satz“, das Buch der Kathrin Röggla und eben den Peter Waterhouse, habe ich ja bekommen.

Wie weit die österreichische Bevölkerung etwas vom österreischishen Buchpreis mitbekommen habe, bin ich mir nicht sehr sicher. Ich glaube nicht sehr viel, obwohl es heute, einen Bericht im „Kurier“ gegeben hat und in den Berichten, hat man meistens das Gesicht der Friederike Maxyröcker gesehen, also ganz klar, daß die alte Dame der Literatur diesen Preis gewinnen muß und das, das schreibe ich jetzt gleich, auch hat.

Vielleicht ein wenig unfair, den vier anderen Nominierten gegenüber, die da ja vielleicht nur eine Art Staffage bildeten und dann gab es  auch den Debutpreis mit Sacha Battyani, Friederike Gössweiner und Katharina Winkler und da hätte ich mir bei einer Beurteilung ja sehr schwer getan, das heißt, eigentlich bin ich nach der Leseung schon der Meinung, daß Katharina Winklers Buch das literarischtste der drei ist, obwohl ich andererseits nicht ganz sicher bin, ob die in dem Buch geschilderte Frau, tatsächlich so sprechen würde.

Ich war ja schon ganz sicher daß Katharina Winkler den „Alpha“ gewinnen wird, was nicht so war, was mir die Möglichkeit einräumte, irgendwann einmal auch Barbi Markovics  „Superheldinnen“ zu lesen und nach einem Gespräch mit dem Alfred, daß dieser Preis ja von der Arbeiterkammer vergeben wird, war wahrscheinlich auch klar, daß Friederika Gösweiners Schilderung des Prekariats der Dreißigjährigen, die größten Chancen haben wird und so sage ich es wieder gleich, Katharin Winkler ist wieder übrig geblieben und hat jetzt noch eine oder vielleicht auch viele andere, aber jedenfalls, die Chance auf den „Blogger-Debutpreis“, denn da ist sie ja mit neunundvierzig anderen, darunter ebenfalls Friederike Gösweiner nominiert und wenn ich so lese, was die Blogger schreiben, ist sie da so gar nicht chancenlos.

Ich würde es ihr jedenfalls wünschen, muß aber erst die Bücher der anderen Nominierten lesen und heute ging es ja um Österreich und, um den ersten öst Bp, der am Vorabend der „Buch-Wien“ im Casino am Schwarzenbergplatz, vergeben wurde.

Man mußte eine Einladung haben, um hineinzukommen und am Eingang auch eine Weile Schlage stehen, bis der Name abgehakt war. Vor mir warteten beispielsweise Hubert Winkels, der Vorsitzende der „Bachmannpreisjury„, also prominent besezt. Der Buchhandel, die Verlage und alle anderen Literaturmenschen waren da, darunter auch ich, die kleine Schreiberin und Bloggerin, die angeblich so unverständlich ist, aber Klaus Khittel, der ja mit Peter Henisch befreundet ist, Robert Huez vom Literaturhaus und und und.

Zwei Schauspieler haben ähnlich wie beim „Ohrenschmaus“, der ja übermorgen vergeben wird und, wo ich eine Laudatio halten darf, moderiert und auch gelesen, vorher haben sie aber den neuen zuständigen Minister, sowie Benedikt Föger vom Hauptverband und Rudi Kaske von der AK, zu ihrem Leseverhalten befragt.

Das haben sie sich wohl vom „Bachmannpreis“ abgeschaut, die Fragen, die die Geldgeber auch immer beantworten müssen und die zählen dann auch brav auf, daß sie gerne Krimis oder auch was anders lesen, aber leider, leider nicht  viel Zeit haben!

Dann kamen fünf Minuten oder so Leseproben aus den nominierten Büchern. Zuerst die Debuts und da hat, wie schon erwähnt, Friederike Gösweiner gewonnen.

Danach wieder Musik, da improvisierten zwei junge Männer, glaube ich, sehr leidenschaftlich und dann die Texte der fünf nominierten Hauptautoren und weil ich mich bei meinen Prognosen ja immer irre, habe ich gedacht „Hoffentlich irre ich mich nicht schon wieder!“, denn etwas anderes als die F. M. wäre ja sehr schlimm und da ist es ganz egal, was in den Büchern steht, die ja sehr interessant sind und allesamt, wie ich schon beschrieben hab,e einen sehr guten Einblick in die österreichische Gegenwartsliteratur geben kännen.

Die Blumen der Frau Mayröcker sind sehr poetisch, Peter Henisch geht in seine Kindheit und das Nachkriegs-Wien zurück, Peter Waterhouse beschäftigt sich sehr poetisch mit der Flüchtlingsrfrage, nimmt die Worte auseinander und setzt sie neu zusammen und hat auch noch sehr schöne Ilustrationen dabei.

Anna Mitgutsch schildert eine sehr schwierige Vater Tochter Beziehung beschäftigt sich dabei mit dem Älterwerden und dem Sterben, sowie mit der leidigen Frage, „Papa, was hast du im Krieg gemacht?“, die sich inzwischen schon an die Groß- und bald an die Urgroßväter richtet und Sabine Gruber, von der ich auch schlechte Rezensionen gelesen habe, beschäftigte sich mit einem Kriegsfotografen und auch mit der Flüchtlingsfrage.

Sehrinteressant das alles und wir haben nun die erste österreichische Buchpreisträgerin, bin gespannt, wie weit das nach Deutschland und in die schweiz dringen wird?

„Lesen Sie all die Bücher!“, forderten auch die Moderatoren auf, bevor sie die Leute  an das Buffet entließen und ich habe mich mit Klaus Khittel und Matthias Fallenstein intensiv unterhalten, Susanne Ayoub kurz begrüßt und dann auch Henirke Blum vom „Literaturbüro“ angesprochen und mich für ein Rezensionsexemplar bedankt, das sie mir sehr schnell und freundlich zukommen ließ.

Es gab Fingerfood, sowas zu trinken und morgen geht es  los mit der neunten „Buch Wien“ und für mich in eine sehr literarische Woche.

Gibt es ja am donnerstgag beim „Ohrenschmaus“ im Museumsquartier auch eine Preisverleihung und am Freitag bei der „Buch Wien“ einen diesbezüglichen Nachmittag.

Dann geht es heim zu meinen literarischen Geburtstagsfest und die Bücher die ich mir zum  Geburtstag wünschte, stauen sich auch schon im Badezimmer.

Den Tomer Gardi, die Isabelle Lehn und die Marlene Streeruwitz vom Alfred und die Anna hat mir einen „Thalia Buchgutschein“ geschenkt, wo ich mir „Tram 83“ und Tillman Rammstedts „Morgen mehr“ besorgte und jetzt mǘßte noch das Buch vom Peter Henisch zu mir kommen, aber die Blumen der Friederike Mayröcker und Anne Cottens Versroman sind sicher auch sehr interessant.

2016-11-06

Von Debuts und Debutpreisen

Daß Debuts, also die ersten Romane von jungen Autoren, sehr wichtig sind und in letzter Zeit besonders beachtet und vorgestellt werden, ist zu bemerken.

So kümmert sich „Kremayr & Scheriau“ in seiner neuen Literaturschiene hauptsächlich und bevorzugt, um junge Autoren und da die mir ja ihre Bücher schicken, habe ich in letzter Zeit einige dieser Debuts gelesen und dann gab es bei den O-Tönen, dem großen Sommerliteraturfestival im Museumsquartier, heuer, ich glaube, erstmals eine Debutschiene, wo Daniela Strigl sich mit den Debuts des letzten Jahres auseinanadersetzte und diese vor dem jeweiligen Hauptautor vorstellte und lesen ließ.

Daß es dabei manchmal zu Ungenauigkeiten oder Überschneidungen kommen kann, ist mir auch aufgefallen, ist ja Richard Schuberths „Chronik einer fröhlichen Verschwörung“ schon 2015 erschienen und ist auch nicht das erste Buch des Autors und Cornelia Travnices „Chucks“ wurde als Debutroman betrachtet, obwohl die „Asche meiner Schwester“ schon 2008 erschienen ist und, glaube ich, so etwas wie ein Roman oder zumindestens eine längere Erzählung ist.

Sonja Harter gilt glaube ich schon als sehr bekannte Lyrikerin und hat jetzt einen Debutroman geschrieben, aber die Beachtung und die Aufmerksamkeit auf Werk und Autor ist ja glaube ich das Wichtigste und da brauchen junge Autoren wahrscheinlich schon ein bißchen Bevorzugung, weil sie sonst vielleicht leicht neben den großen Romanen von Martin Walser, Thomas Glavinic, Michael Köhlmeier, Norbert Gstrein, etcetera, untergehen können.

Das mag sich vielleicht auch das Initiatorenteam um den österreichischen Buchpreis, den es heuer ja das erste Mal gibt und der kommenden dienstag am Vorabend der „Buch-Wien“ vergeben wird, gedacht haben und so gibt es neben der Long und der Shortlist, auf der Peter Henisch, Sabine Gruber, Anna Mitgutsch, Peter Waterhouse und Friederike Mayröcker, von der ich ja annehme, daß sie den Preis bekommt, auch einen Debutpreis mit Katharina Winklers „Blauschmuck“, Sacha Battyhays „Und was hat das jetzt mit mir zu tun?“ und „Friederike Gösweiners „Traurige Freiheit“ stehen.

Damit habe ich mich also in den letzten Wochen und Monaten intensiv beschäftigt, habe fast die ganze deutsche Longlist mit Ausname von Philip Winklers“Hool“, der ja, glaube ich, auch ein Debutant ist und der den „Aspekte-Literaturpreis“, der sich an solche Autoren wendet gewonnen hat und  Ernst Wilhelm Händlers „München“, die halbe öst LL und dank „Alpha“ alle drei Debutanten, gelesen, so daß ich mich jetzt ein bißchen in der gegenwärtigen Literaturszene und auch, was ihre Debutanten betrifft, auszukennen glaube.

Bezüglich der deutschen Longlist wurde auch allgemein beanstandet, daß sie nur wenige Romane junger Autoren enthält, die sich mit der gegenwartigen Flüchtlings- und anderen Situationen beschäftigen und die stammen zum Teil auch von jungen Debutanten und sind Erstlingsromane.

Vorige Woche, als ich gerade Friederike Gösweiner und Katharina Winkler gelesen habe, bin ich auch auf einen Debut-Blog gestoßen, der sich bevorzugt mit diesen Romanen beschäftigt und jetzt zum ersten Mal auch einen „Blogger Debutpreis“ ausgeschrieben habe, wo man bis Ende Oktober Debutromane einreichen konnte und ein bißchen kürzer konnte man sich auch melden, wenn man einen Literaturblog betreibt und daher in der „Bloggerjury“ mitmachen wollte, was ich insbesondere bemerkenswert fand, weil ja zum Beispiel die „Buchpreisblogger“ von der offiziellen Seite offiziell ausgesucht und die anderen, die auch die Bücher lesen mehr oder weniger ignoriert werden und beim „Blogbuster-Preis“, den Tobias Nazemi ins Leben gerufen hat, wurden auch sechzehn Blogger ausgewählt, die mitmachen dürfen.

Hier konnte man sich aber melden, wenn man schon ein Jahr bloggte und wurde vorgestellt.

Zwanzig Blogger hatten das schon getan, als ich am 30. Oktober, glaube ich, auf diese Seite kam und mich ärgerte, daß ich wieder einmal zu spät am falschen oder richtigen Ort war.

Dann habe ich aber hingeschrieben und es ist sich noch ausgegangen, für die offizielle Vorstellungsrunde zwar zu spät, wurde ja inzwischen aus den fünfzig vorgeschlagenen Büchern, die Shortlist mit den fünf, aus denen dann die einundzwanzig Blogger, wählen dürfen, ausgesucht, so daß ich diese Fragen für mich selber hier beantworten möchte, warum ich mich für Debutromane interessiere, ob ich einen Unterschied zwischen ihnen und anderen Romane mache und ob Debutanten, bei mir „Welpenschutz“ genießen?

Mit diesen Ausdruck tue ich mir auch ein wenig schwer, obwohl ich nicht glaube, daß ich besondere Auswahlkriterien anwende, wenn ich lese.

Ich verrreiße ja nie oder nur eher selten, sage höchstens, wenn etwas falsch ist oder ich mit etwas Geschilderten meine Schwierigkeiten habe und habe auch mit dem, daß ein guter Roman angeblich berühren muß und etwas Neues in ihm dargestellt werden soll, meine Schwierigkeiten.

Obwohl ich natürlich auch bemerke, ob mich das, was ich lese, interessiert. Aber ich lese  fast alle Bücher fertig, versuche mich auf sie einzulassen, komme oft erst am Schluß darauf, daß ich was versäumt oder das Buch nicht verstanden hätte, wenn ich es, wie es in Zeiten, wie diesen, wo die Zeit begrenzt und die Konzentration immer weniger wird, andere machen, weggeschmissen hätte.

Habe aber gerade bei meinen heurigen Loglistenlesen mehrmals bemerkt, daß die Autoren mit den sogenannten großen Namen, wie Arnold Stadler, Bodo Kirchhoff, Gerhard Falkner, etcetera, oft sehr maniriert und abgehoben schreiben und, daß die Themen, die sie behandeln, oft dieselben sind, was mache Blogger, dann wieder langweilt.

Alter Mann hat Schwierigkeiten mit dem Sex, wird krank und fürchtet sich vor dem Sterben beispiesweise, ein wichtiges Thema auf jeden fall und auch wichtig für den Autor, sich damit zu beschäftigen.

Man hat es aber vielleicht schon öfter gelesen, wird ungeduldig und schimpft im schlechtesten Fall, daß er endlich zu schreiben aufhören sollte.

Ich tue das nicht, habe mir aber andererseits gerade bei iris Blauensteiners „Kopfzecke“, die da ja den Umgang mit einer dementen Mutter beschreibt, ob eine so junge Frau, das schon wirklich so beschreiben kann, als jemand, der schon älter ist.

Die jungen Autoren, die bei den Bloggern, wie die öfter schrieben „keinen Welpenschutz“ genießen, kommen schon sehr oft aus den Literaturinstituten aus Leipzig, Hildesheim, Biel oder Wien und werden, wie ich mir sagen ließ, da auf den Markt und die Veröffentlichbarkeit trainiert.

So schreiben sie vielleicht sehr professionell von etwas, was sie persönlich noch so gar nicht erleben konnten und so habe ich mit den „Sommertöchtern“ von  Lisa Maria Seydlitz, die andere sehr toll fanden, gar nicht so viel anfangen können.

Aber natürlich sind Debuts und die ersten Romane von jungen Autoren sehr interessant und wenn ich so auf diese fünfzig Bücher Langlist schaue, zum selber vorschlagen, wie man das auch hätte können, bin ich aus den bewußten Zeitgründen nicht gekommen, so finde ich sehr viel interessantes darauf stehen.

Da ich ja sehr Österreich zentriert bin habe ich die meisten diesbezüglichen Bücher schon gekannt und habe sowohl „Lucy fliegt“, als auch die „Notunterkunft“ und „Kofpfzecke“ schon gelesen, auch „Blauschmuck“, obwohl da die Autorin ja in Berlin lebt und die „Traurige Freiheit“.

Das Buch der Sonja Harter war für mich eine Überraschung und ich werde es demnächst lesen.

Ansonsten hört man ja auch auf den Blogs, die ich  regelmäßig lese, von neuen Büchern und die der jungen Migranten wurden sehr gelobt.

Also steht sowohl Shida Bzayar mit „Nachts ist es leise in Teheran“, als auch Rasha Kayat „Weil wir längst woanders sind“, Bücher, die an mir bisher vorbeigegangen sind, darauf.

Ich habe wohl kurz einmal überlegt, ob ich sie mir nicht zum Geburtstag schenken lassen sollte, mich dann aber über Isebelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“ entschieden, das ebenfalls auf der Liste steht und für Tomer Gardis „Broken German“, das steht nicht auf der Liste, weil es kein Debut ist, beide Bücher  bzw. Autoren habe ich aber beim letzten Bachmannlesen kennengelernt und Debuts, die mir außer dem von Philiph Winkler fehelen, wären Ronja von Rönnes „Wir kommen“, das bei den Bloggern ja nicht so gut angekommen ist und das  dBp Longlist- und Schweitzer Shortlist Buch der Michelle Steinbeck.

Aber Schweizer stehen, glaube ic,h überhaupt keine auf der Liste, nur Österreicher und Deutsche und auf die Debuts der Paula Fürstenfeld und der Nelle Pollatschek bin ich ich auch schon vorher aufmerksam geworden und habe sie angefragt, wie auch das „Jung und Jung- Buch“ der Birgit Birnbacher, das dem Blogger Marc ja, glaube, ich sehr gefallen hat.

Ich habe also fünf der fünfzig Bücher schon gelesen, zwei weitere stehen auf meiner Leseliste und zwei werden wahrscheinlich noch kommen, abgesehen von den Shortlistbüchern, die ja noch nicht offizielle bekanntgegeben wurden, aber schon angefragt sind.

Also lesen, lesen, lesen, seit August tue ich es sehr intensiv und finde es sehr spannend.

Von einer Lesemüdigkeit keine Spur, obwohl mich auch das andere, jenseits des Tellerrandes, also auch die Älteren, die Krimis, die Chick Lits, etcetera sehr interessieren und mein geplanter Vicki Baum Schwerpunkt noch immer wartet.

Ob ich den heuer wirklich so noch schaffe wird immer fraglicher.

Aber selber schuld und kein Grund sich  zu beschweren und für das nächste Jahr habe ich ja wieder vor. meine Bücherstapel hinunterzulesen.

Mal sehen, ob ich es schaffe, ich bin sehr gespannt und freue mich, als nächstes auf die Vergabe des österreichischen Buchpreises und die „Buch-Wien“, die darauf folgt.

2016-11-05

Blauschmuck

Dank Herrn Leitgeb und dem „Alpha-Literaturpreis“, kann ich jetzt das dritte österreichische Buchdebut besprechen, Katharina Winklers „Blauschmuck“, von dem ich eigentlich ganz sicher war, daß es den Preis gewinnen wird, weil das Buch in dem Blogs sehr begeistert besprochen wurde und so für mich das bekannteste war.

Das Bekannteste auf der „Alpha-Liste“ und vielleicht auch auf der der öst-buchdebuts, obwohl ich, da ich inzwischen die beiden anderen Bücher gelesen habe, da nicht mehr ganz sicher bin und vergleichen, ich wiederhole es noch einmal, kann man diese drei Bücher nicht und auch nicht sagen, a ist das beste und besser als b und c.

Das kann man wahrscheinlich nie, beim dBp hatte ich aber meine klaren Empfehlungen, hier kann ich nur sagen, jedes Buch steht eigentlich für sich und da sieht man wieder, daß solche Preisentscheidungen vieleicht doch nur ein „neoliberaler Unsinn“ sind.

Am kommenden Dienstag werden wir es wissen, ob der österreichischen Arbeiterkammer, das Schicksal einer kurdischen Frau, oder die Ereignisse von 1945 in Rechnitz, beziehungsweise, die prekären Arbeitsverhältnisse der jungen Akademiker am wichtigsten sind.

Alfred meinte, für die Arbeiterkammer wäre es bestimmt das letztere, es ist aber eine sehr literarische Sprache, in der die 1979 in Wien geborene Katharaina Winkler, die derzeit in Berlin lebt, ihr Debut geschrieben hat.

„Blauschmuck“ nennen die türkischen Frauen nämlich ihre von ihren Männer bekommenen Verletzungen, die sie in den kurdischen und türkischen Dörfern windelweich schlagen, weil sich das so geört und wenn eine Frau ohne diesen Schmuck auftritt, ist sie ein Außenseiter.

Erzählt wird die Geschichte, die, wie in dem Buch steht, auf einen realen Fall basiert, von  Filiz, die in einem kurdischen Dorf in der Türkei aufwächst und sie tut das auf eine sehr poetische Art.

In kleinen Absätzen wird, oft nur ein paar Sätze pro Seite, schildert sie das Leben im Dorf, das Aufwachsen unter ihren Geschwistern, das Hüten der Schafe und das Umgehen mit der Ehre, beispielsweise, denn  „Die Ehre steht über allem sagt Vater. Der Ehre entsteigt die Sonne. Die Ehre läßt uns ruhig schlafen.  ….Die Ehre wächst mir über den Kopf.“

Denn es ist ja nicht sehr leicht, das Leben in dem Dorf, wo man auf seine „Jungfrau aufpassen“ muß und nicht genau weiß, wie man jetzt die Kinder bekommt, vom „Kaugummi kauen vielleicht?“

Und wem das jetzt naiv erscheint, den erinnere ich daran, daß man in den Sechzigerjahren, wo ich aufwuchs, auch nicht so ganz sicher war, ob man sie nicht vielleicht doch vom Küssen oder von der Badewanne  bekommt, wenn dort jemand sein Sperma ausgelassen hat?

Filiz ist aber gescheit und so kommt auch der Lehrer zum Vater und schlägt vor, da Mädchen in der Stadt einen Beruf erlernen zu lassen. Der Vater aber winkt aber, denn da hat er schon mit seiner ältereren Tochter schlechte Erfahrungen gemacht, die hat er in das Lehrerseminar geschickt, hat sogar dafür eine Kuh oder sonst was dafür verkauft und die Tochter heiratete, wurde Bäckerin und das viele Geld war verloren.

Filiz hat aber ohnehin andere Vorstellungen, ist sie doch in den drei Jahren älteren Yunus verliebt. Das heißt eigentlich in seine Jeans und Turnschuhe, die er aus Deutschland mitbrachte, denn Deutschland ist das Land, der Jeans und Turnschuhe iund so will Filiz mit Yunus dorthin.

Der Vater ist wieder dagegen. So geht ihm die Fünfzehnjährige durch und heiratet Yunus gegen seinen Willen und kommt damit vom Regen in die Traufe. Denn, als erst einmal das Leintuch blutig ist und den Hochzeitsgästen stolz präsentiert wird, wird sie von seiner Mutter, die sie „Spinne“ nennt, schlecht behandelt und auch von Yunnus blaugeschlagen, als sie sagt, daß er „achtzehn und nicht achtzig“ ist, als er von ihr verlangt, daß sie ihm anziehen soll.

Denn er betrachtet sie fortan, als seine Sklavin und so kocht und putzt sie für ihn, bekommt ihren „Blauschmuck“.

„In unseren Dorf leben viele blaue Frauen. Viele Frauen wechseln den Blauschmuck von Woche zu Woche, einige von Tag zu Tag. Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug. Holz oder Eisen, und die Anzahl  der Schläge bestimmen den Blauton.“

Sie bekommt auch sehr bald drei Kinder, Halil, Selin und Seda und zieht scheinbar willenlos mit ihm von Wohnung zu Wohnung. Dort sperrt er sie mit den Kindern ein, stellt nur die Lebensmittel vor die Tür und manchmal ist er auch nett zu ihr. So hält ihn eine Krankenschwester einmal für den vorzüglichsten Ehemann und Goldschmuck zum Blauschmuck gibt es gelegentlich auch und Filiz, die inzwischen verschleiert ist und Kopftuch, um Kopftuch zu ihren Großmutterkleidern trägt, träumt immer noch von den Jeans und den Turnschuhen, die man in Deutschland kaufen kann.

Irgendwann kommt sie auch dorthin, nach Österreich nicht nach Deutschland und dreht in einem Supermakrt, wo man alles kaufen kann, was sie in ihrem Dorf nie gesehen hat, fast durch.

Langsam, langsam, obwohl sie sehr geduldig ist und ihren „Blauscmuck“, wie noch vieles andere, einfach als Los, der Frauen hinnimmt, beginnt sie sich zu wehren, bekommt von einer älteren Frau, auch Deutschunterricht und zu den Kindern kommt, da seltsamerweise, was ich in meiner Praxis beispielsweise anders erlebte, Yunus nichts dagegen hat, auch der Nikolo.

Die Kindern lernen das „Schwimmen“, wie Filiz, das in ihrer symbolhaften Sprachen nennt, viel schneller, als sie, „die bis zum Kopf im Wasser steht“.

Sie stehen einfach am heiligen Abend da und warten auf das Christkind, wie sie es in der Schule lernten, obwohl Filiz noch keine Ahnung hat, was das Christkind ist.

Sie darf aber den Führerschein machen und besteht, obwohl sie da zu vier fremden Männern in das Auto steigen muß. Sie beginnt auch heimlich Geld für die Kinder abzuzweigen und, als es Yunus wieder einmal zu bunt treibt, steht sie blaugeschlagen in einer ärztlichen Praxis,  der Arzt sagt ihr, er muß das anzeigen und die Arzthelferin empfiehlt das Frauenhaus.

„Worte wie Schutz und Ruhe, Betreuung, Sicherheit, Hilfe schweben um mich herum wie schillernde Seifenblasen. Weiß sie denn nicht, dass Yunus jedes Haus stürmt? Die Kinder umbringt? Mich? Die Frauen des Frauenhauses? Mit dem Küchenmesser?“

„Die Nachbarn“, steht auf den letzten Seiten, haben am “ 1. August 1998 die Polizei und den Notarzt verständigt“.

Die Ehe wurde geschieden, Filiz machte eine Ausbildung zu Köchin und auch die drei Kinder haben inzwischen studiert und üben inzwischen anspruchsvolle Berufe auf.

Ein sehr interessantes Buch, das mich, ähnlich, wie Tobas Nazemi auch gespalten zurückläßt.

Denn da sind zwei wahrscheinlich sehr von einander verschiedene Ebenen. Auf der eine, die sehr hochliterarisierte Sprache, die so symbolhaft ist, daß sie wahrscheinlich von keinem kurdischen Dorfmädchen, das kaum die Schule besuchte, gesprochen wird und wenn das Buch, wie beispielsweise meine „Flüchtlingstrilogie“ realistisch erzählt wäre, wäre es wahrscheinlich nicht so erfolgreich geworden und dann ist da, das ergreifende Schicksal der geschlagenenen Frauen, die einen nicht kaltlassen können.

Bei „Amazon“ gibt es eine „Einstern-Rezension“, die die Bezeichnung „Blauschmuck“ für die Gewalt an Fraun zynisch findet.

Die Autorin wird gleich belehrt, daß diese Bezeichnung von den türkischen Frauen selbst kommt, die damit ihre Würde bewahren wollen, wahrscheinlich ist es auch als Dissoziation zu interpretieren.

Andererseits weiß ich trotzdem nicht so genau, wie weit geschlagenen Unterschichttürkinnen sich trotzdem so bezeichnen, würde, da das Buch ja über eine Betroffene und nicht direkt von ihr geschrieben wurde, diesen Einwand also nicht so ganz wegweisen können.

Katharina Winkler steht mit dem Buch inzwischen auf mehreren Preislisten und natürlich ist die Beschäftigung mit diesem Themea sehr wichtig  und wenn es noch dazu in einer sehr schönen Sprache geschieht, um so besser, kann man natürlich sagen.

Ich bin auch sehr beeindruckt, habe mich selbst in der „Frau auf der Bank“ in einer viel einfacheren Sprache, auch  mit diesem Thema beschäftigt und von Katja Schneidt, die ich über Martina Gercke kennengelernt habe, auch ein anderes Buch über dieses Thema gelesen, wo auch eher nur berichtet wird.

Bin jetzt auf den Dienstag sehr gespannt und möchte eigentlich nicht in der Haut der Juroren stecken, die entscheiden sollen, was literarisch besser ist, das Schicksal einer türkischen Frau oder die Ereignisse in Rechnitz, die ja auch literarisch brillant gelöst wurden, beziehungsweise, die prekären Arbeitsverhältnisse der Generation 30 und denke wieder, daß man das vielleicht auch nicht entscheiden, sondern jedes Buch für sich stehen und zum Lesen empfehlen lassen könnte.

 

2016-11-04

Traurige Freiheit

Buch zwei von der „öst. Debut Liste“, die man, wie ich festgestellt habe, nicht miteinander vergleichen kann, denn von den Ereignissen in Rechnitz, wo eine reiche Stahlerbin, 1945 mit Nazis Walzer tanzte, bevor die hundertachtzig Juden erschossen, geht es in die vermeintliche Freiheit der Generation Praktikum und in die prekären Arbeitsverhältnisse, derer, die als sie geboren wurden, angeblich alle Chancen hatten, studierten und jetzt von einem Vorstellungsgespräch zum anderen tappen und vor lauter Freiheit nicht weiterwissen.

Die 1980 in Tirol geborene Friederike Gösweiner hat ihn geschrieben, das Buch ist schon im Frühjahr bei „Droschl“ erschienen, Alfred hat es in Leipzig, wo am „Österreich-Stand“ vorgestellt wurde, entdeckt, es, wie das Buch von Sacha  Battyhany gekauft und es diesmal mir geschenkt.

Ich war auch bei den „Ö-Tönen“, wo es vorgestellt wurde, jetzt ist es bei den „öst Debuts“, steht auch mit einer Reihe anderer Bücher auf Debutlisten, was ja sehr schön ist, aber da werden wieder aus einer Reihe von Einreichungen einige, beziehungsweise am Schluß einer oder eine ausgewählt und die anderen bleiben über.

Ja, das Leben ist hart, wahrscheinlich nicht nur in der Generation Praktikum, aber da wahrscheinlich ganz besonders und Friederike Gösweiner hat es im Gegensatz zu ihrer Hannah weit gebracht, wird ihr Buch bei den Blogs sehr gelobt und hat gute Chancen vielleicht mehr als  einen „Bloggerpreis“ zu gewinnen und es ist ein hartes Buch, ein sehr beeindruckendes.

Alice Strigl, die es für ihre Debutreihe auswählte, hat es sehr traurig genannt und das ist es auch, wie ich, die ich mich ja schon länger mit den prekären Arbeitsverhältnissen beschäfte, wahrscheinlich auch beurteilen kann.

Ein paar Fragen habe ich natürlich dazu, einiges erscheint mir unlogisch oder auch nur sehr gut konstruiert, denn die neun Kapitel mit denen der  kurze Roman erzählt wird, sind sehr gekonnt zusammengestellt und es gibt auch einige Metaphern, wie der vom „Fallen“, die das Buch begleiten und eigentlich könnte man  sagen, ist es der heitere Himmel aus dem Hannah, 30, nach diesen neun Kapiteln hinunterfälllt.

Denn sie hatte es ja gut, hatte Geschichte oder Journalismus in ihrer Kleinstadt studiert, lebt mit Jakob, einem Arzt, also auch sehr gut situiert, der irgendwo in einer Klinik wahrscheinlich seine Facharztausbildung macht und alle, Hannah inbegriffen, blicken zu ihm auf, dem Mann in Weiß. Aber auch Hannah will hoch hinaus und sieht die Chance ihres Lebens, denn sie hat das Angebot bekommen, in Berlin für ein halbes oder ganzes Jahr ein Volontariat zu machen.

Das spaltet die Beziehung, denn Jakob will keine aus der Ferne führen, so zieht Hannah aus, zuerst zu ihren Eltern, dann nach Berlin in die Wohnung ihrer Freundin Miram, die auch Journalistin ist und gerade eine Korrespondentenstelle in Moskau angenommen hat.

Die zweite Frage, die ich habe, betrifft das zweite Kapitel, denn das Volontariat, endet schon nach acht Wochen und nicht erst nach dem halben oder ganzen Jahr, die acht Volontärinnen werden feierlich mit Sekt, Brötchen und Schokolade verabschiedet, weil am Montag schon die nächsten kommen, sie dürfen aber weiter ihre Chance nutzen und freiberuflich Artikel anbieten.

So sitzt Hannah in Kapitel drei in der Bibliothek, denn Jakob wollte nicht, daß sie zurückkommt, schickt aber weiter Fragezeichen und Musiknummern, schreibt Bewerbung um Bewerbung, bewirbt sich auch einmal für eine „Lehrredaktion“.

Zwanzig werden eingeladen, drei genommen, Hannah ist, obwohl ja alle Chancen, natürlich nicht dabei, fängt zu kellnern an. De Eltern, die es gibt sind nicht damit zufrieden, schicken zum dreißigsten einsamen Geburtstag sechzig Euro und einen privaten Vorsorgevertrag und in dem Cafe, in dem alles zu klappen scheint, aber natürlich, um zu kellnern hat sie nicht studiert, lernt sie Stein, einen Journalisten aus Hamburg, der in Berlin einen Lehrauftrag hat und verheiratet ist, kennen, der soll ihr helfen, tut es aber nicht.

So vereinsamt Hannah in dem großen Berlin immer mehr und mehr, hat nur noch Kontakt zu Miram, die ihre Stelle, es wird in den Redaktionen ja überall eingespart auch verliert. Jakob meldet, daß er Vater wird, sie aber trotzdem nicht vergessen kann und so steht Hannah ein Jahr nach ihrer Anrkunft auf der Dachterrasse des Hochhauses am Geländer, schaut auf die Straße hinunter und überlegt wahrscheinlich, ob sie fallen oder, wie vereinbart Miriam vom Flughafen abholen soll?

„Ein genauer Blick auf das Wechselspiel von Hoffnungen, Resignation und Aubruch in der Generation der Dreißigkährigen“ steht am Buchrücken.

Die „Amazon-Rezensenten“ sind nicht alle mit dem Buch zufrieden, einige wollten mehr über den Bereich wissen, in dem Hannah ihren Journalismus betreibt.

Stimmt, das wird nicht erzählt, sonst ist die Atmosphäre aber erstaunlich dicht beschrieben und man merkt, was ja vieleicht auch abschrecken kann, daß da eine sehr unsichere und einsame junge Frau in die Freiheit des großen Berlins hineingesetzt wurde, aber hätte sie in Innsbruck bleiben und, wie es wahrscheinlich, die Generation ihrer Mutter tat, ihren Gott in Weiß heiraten sollen?

Die Arztgattinen von damals, wurden wie ich aus Gesprächen weiß, zum Teil von den von ihren Gatten verschrieben bekommenen „kleinen Helfern“, süchtig und Hannah braucht schon am Anfang der Geschichte „was zum Schlafen“.

Die Rezensenten sprechen auch von der Depression und nicht von dem Prekatiat, um das es in dem Buch gehen würde.

Und das vermischt sich natürlich auch, hat ja Stein, als er sie zum Essen einlud, das er dann nicht bezahle, auch von den „Tüchtigsten erzählt, die in Zeiten, wie diesen überleben“, während die anderen unterhehen und Hannah kennt  auch Freundinnen, die es geschafft haben.

Aber so leicht kann man sich wahrscheinlich nicht heraussreden, wenn man zwanzig Leute einlädt oder auf eine Liste setzt und dann drei von ihnen aussucht und den anderen ein bedauerndes Absagebrieflein schickt, daß sie halt leider nicht passte, es nichts mit den Qualifikationen zu tun hat, es in Zeiten wie diesen, aber keinen „Welpenschutz“ geben kann!

Und wir spielen wahrscheinlich auch ein bißchen mit in dieser neoliberalen Marktwelt, wenn wir zu den Preisverleihungen gehen, wo drei ausgesuchte Leute vorlesen können und der Moderator anschließend bedauert, daß zwar alles schöne Texte, aber leider, leider nur einer gewinnen kann!

Friederike Gösweiner hat es bis ganz nach oben geschafft und wird sich vielleicht am Vorabend der Buch-Wien freuen oder ein bißchen traurig sein.

Viele andere, die, die vielleicht jetzt beim „Nanowrimo“ mitschreiben oder selber publizieren haben es nicht so weit geschafft und auch der „Debutblog“ hat bei seinen Debutbedingungen, genau, wie auch beim „öst Preis“ hineingeschrieben, daß sich Selbstverleger nicht bewerben dürfen, aber auch die haben Wünsche, Täume, Hoffnungen, müssen, essen, Miete zahlen, auch wenn sie vielleicht, wie Hannah mit allen ihren Chancen,  nicht bei den Besten sind.

In diesem Sinne wünsche ich Friederike Gösweiner alles Gute und empfehle das Buch zu lesen und vielleicht ein wenig geduldiger zu sein und nicht nur nach oben, sondern nach unten zu schauen, wo sich die Hinuntergefallenen befinden, obwohl das vielleicht nicht so leicht ist, denn „die im Dunkeln, sieht man ja bekanntlich nicht!“

2016-10-31

Und was hat das mit mir zu tun?

Nach einem Ausflug in das Nachkriegs-Berlin und zu einer Wiederentdeckung aus dem „Aufbau-Verlag“ geht es gleich thematisch mit dem österreichischen Buchpreis, beziehungsweise den Debuts weiter, obwohl ich bei Buch eins, das ich jetzt gelesen habe, schon die Frage hörte, was hat ein Schweizer mit dem öst BP zu tun?

Denn das ist ja der 1973 geborene Sacha Batthyany, der in Zürich und Madrid Soziologie studierte und mit seinem Debut auch auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises steht, der Verlag ist ein deutscher, nämlich „Kiepenhheuer & Witsch“, dem ich gleich herzlich für das Rezensionsexemplar danke, bleibt nur noch der Ort des Geschehens, nämlich „Rechnitz“ und das liegt im Burgenland, das nach dem Krieg zu Österreich gekommen ist.

Das Buch ist ein Rezensionsexemplar, obwohl es der Alfred, der bei der dortigen Präsentation am blauen Sofa war, es in Leipzig kaufte, er hat es aber an einen Kollegen verschenkt, der beklagte, daß die Jungen nichts mehr von den damaligen Geschehnissen wissen.

Und da ist ist ja genau das Buch dafür, es ist wieder kein Roman, aber das ist für den öst Bp, glaube ich, auch keine Bedingung, sondern „Die Geschichte meiner Familie“, also ein Memoir und das ist an dem Buch auch sehr  zu loben, beziehungsweise habe ich, als sehr geglückt gefunden, daß hier die Autobiografie perfekt mit der Fiktion vermengt wird. Dazu vielleicht noch später.

Jetzt erst einmal hinein in das Geschehen, da ist also der in der Schweiz aufgewachsene Erzähler, der Sohn einer ehemaligen ungarischen Adelsfamilie, die nach 1956 Ungarn verlassen hat und sich zuerst in Deutschland, dann in der Schweiz niederließ, die Batthyanies, ein Graf Batthyani, schreibt der Autor auch, kommt jährlich in der weihnachtlichen Wiederholung der Sissy-Filme vor. Der tanzt da mit der Romy Schneider und macht ihr den Hof, darauf wird er regelmäßig angesprochen, aber einmal kommt eine Redakteurin zu ihm, er arbeitet bei der NZZ knallt ihm eine Zeitung hin und sagt „Was hast du denn für eine Familie?“

Es ist ein Bericht über das Massaker von Rechnitz, Elfriede Jelinek hat darüber, glaube ich, auch ein Stück geschrieben, da gab es in dem Schloß der Grafen Battyhany, 1945 ein großes Fest, wo sich die Nazi-Größen trafen, die Großtante Margit war die Hausherrin und hielt Hof und aufeinmal kam ein Anruf, daß da hundterachtzig Juden wären, die erschoßen werden müßten.

Die NS-Größen marschierten los und taten ihre Plicht, bevor sie weitertanzten und die Tante war darin verwickelt, hat selbst mitgeschossen oder zumindestens davon gewußt.

Der Rest der Familie nicht, so trifft es  den jungen Schweizer, der daraufhin nachzuforschen beginnt und Maxim Biller, der vom literarischen Quartett, der mit seinen nicht sehr qualifizierten Äußerungen Thomas Melle vielleicht um den dBp brachte, stellte die Frage  „Und was hat das mit dir zu tun?“

Das ist die Ausgangslage des Buches und, um die Antwort gleich vorweg zu nehmen, die Frage, ob die Gräfin, die mit der spitzen Zungen, eine reiche Erbin, die den verarmten Teil der Familie, dem der Autor angehört, mehrmals im Jahr zum Essen einlud, geschossen hat, eine Nazinin war, etcetera, wird nicht beantwortet.

Das konnte heute siebzig Jahre später wohl auch nicht mehr aufgeklärt werden. Sacha Battyany forschte aber in seiner Familie, nahm auch eine Psychoanalyse auf und stieß auf ein Tagebuch seiner Großmutter Maritta, deren Mann Feri zehn Jahre in  russischer Kriegsgefangenschaft, sprich in den berühmten Gulags war, so fährt er mit seinem Vater auch nach Sibirien und zu Beginn des Buches nach Argentinien, denn dort lebt jetzt hochbetagt, Agnes, die jüdische Tochter des Gemischtwarenhändler, der neben dem Schloß, in dem Sachas Großmutter aufwuchs, seinen Laden hatte.

Dieses Tagebuch, wohl ein fiktives, weil in ihm immer die Erlebnisse Marittas mit denen von Agnes verglichen werden und die Großmutter über Margit gar nicht so viel schreiben konnte, nimmt einen weiten Teil des Buches ein.

Agnes, 1944 in Budapest eine Schule besuchte, wird, als dort die Nazis einmarschierten, mit ihrem Bruder verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Maritta leidet inzwischen unter ihrem autoritären Vater und schreibt in ihrem Tagebuch von den Mandels, das sind Agnes Eltern, die als Zwangsarbeiter in dem Schloß waren und von einem jungen Soldaten erschoßen wurden.

Maritta war dabei und macht sich Zeit ihres Lebens Vorwürfe, daß sie nicht eingegriffen hat, aber wahrscheinlich wäre das der jungen Frau um die zwanzig, schon verheiratet, mit dem zweiten Kind schwanger, der Mann eingerückt, nach der damaligen Stellung der Frau bei einem autortären Vater ohnehin nicht gelungen.

Als nach dem Krieg, die Kommunsiten kamen wird sie enteignet und kann mit ihrem Kind in einem kleinen Forsthaus wohnen, als ihr Mann zehn Jahre später aus Russland zurückkommt, emigriert sie  mit Magits Hilfe, während Agnes Auschwitz überlebt, nach Argentinien auswandert und der Meinung ist, ihre Eltern hätten Selbstmord begangen.

Das ist die Geschichte der Familie mit der sich wohl alle deutschen und österreichischen Kinder oder Enkel auseinandersetzen müßen, Anna Mitgutsch die auch auf der öst Shortlist steht hat es mit ihrer „Annäherung“ auch getan und Doron Rabinovici in einem seiner früheren Romane, so ist das hier Beschriebene wohl nicht wirklich neu.

Der Unterschied ist vielleicht, die prominente Familie und natürlich ist es wichtig sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, schon um die Frage zu bewantworten, was machen wir, wenn so etwas wieder passiert?

Sacha Batthyany stellt sie sich auf der Coach und kommt zu dem Schluß, daß er nicht könnte, Juden zu verstecken. Ich gebe zu bedenken, daß er das eigentlich nicht weiß, wie er auf Herausforderungen, die noch auf ihn zukommen, regagieren wird und in Zeiten, wie diesen ist wahrscheinlich auch viel präsanter zu wissen, wie man reagiert, wenn beispielsweise, der Sohn oder die Tochter mit einem syrischen Flüchtling auf einem zukommt, der ein Versteck braucht, weil er sonst abgeschoben wird oder was mache ich, wenn ich auf der Straße sehe, daß Anhänger der Pegida-Bewegung einer muslimischen Frau ein Kopftuch hinunterreißen oder einen Afrikaner zusammenschlagen?

Deshalb finde ich es sehr wichtig, daß viele Leute das Buch lesen, um zu überlegen, was man selber gegen den Rechtspopulismus, der heute herrscht tun kann,  so daß es nie mehr so weit kommt.

Spannend finde ich, wie schon geschrieben, die Aufarbeitung, es geht ja ganz eindeutig, wie schon am Cover zu sehen, um die Geschichte der Familie des Autors, um die Gräfin Margit Battyani-Thyssen, um seine Großmutter, den Vater, etcetera und dann wird ganz ofen wieder sehr viel dazu gefunden, sich nämlich eine Identität, des jungen SS Mannes, der die Mandels erschoßen hat,  ausgedacht und ihm den Namen Böhme, weil so die Schweier Nachbarn heißen gegeben.

Agnes hat ein Buch über ihre Vergangnheit geschrieben, die Großmutter ein Tagebuch, daß der Vater nach ihrem Tod eigentlich zereißen sollte, was er nicht tat, sondern dem Sohn übergab, der damit seine Vergangenheit aufarbeitete und damit so erfolgreich wurde, daß er sowohl auf die Schwiezer, als auch den öst Buchpreisliste kam.

Ob er den Debutpreis gewinnen wird, ist angesichts der beiden Konkurreten, dem Roman über die prekären Bedingungen einer jungen Germanistin und den über die Mißhandlungen einer jungen Kurdin oder Türkin, schwer zu sagen und wäre für mich auch nicht zu entscheiden, weil man ja bekanntlich Äpfel mit Birnen nicht vergleichen kann.

Die beiden anderen Bücher habe ich auch noch nicht gelesen, nur bei den Ö-Tönen und zuletzt beim „Alpha“, wo ich ganz sicher war, daß Katharina Winkler ihn gewinnen wird, ein Stückchen daraus gehört, aber wie schon gesagt, diese spannende Entscheidung muß ich nicht treffen und, um die Ausgangsfrage zu beantworten:

Natürlich ist man nicht Schuld, an dem was zwanzig dreißig oder fünzig Jahre vor seiner Geburt geschah, aber es gut zu wissen, wie man heute reagieren könnte, um nachher nicht lebenslang Schuldgefühle zu haben, denn die Zeiten sind ja nicht rosig und wenn wir nicht sehr aufpassen, steuern wir vielleicht schon auf die nächste Katastrophe zu.

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