Literaturgefluester

2020-03-26

Die rechtschaffenen Mörder

Das zweite Buch der Belletristik-Schiene, des diesmaligen „Preises der Leipziger-Buchmesse“, der nicht dort vergeben wurde. Nach der Lyrik und dem Mondgedicht, folgt nun der beinharte Wenderoman oder die drei Variationen darüber, denn so einfach läßt sich das wohl nicht erzählen, wie durch einen DDR-Dissidenten und Lesemenschen ein Rechtsradikaler wurde, wie das in Ostdeutland wohl öfter passierte oder gerade passiert.

Autor ist Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, ich habe ihn nach der Wende, wie ich ja immer schreibe, bei einer Lesung in der „Alten Schmiede“ kennengelernt und einiges von ihm gelesen, einiges habe ich wohl auch noch ungelesen in den Regalen und von dem Buch, das den „Buchpreis“ nicht gewonnen hat, habe ich, bevor ich zum Lesen gekommen bin, schon einiges gehört, hat Ingo Schulze es ja, glaube ich, trotzdem in Leipzig und auf jeden Fall auf der Online-Buchmesse vorgestellt.

Drei Teile und ein wunderschöner Klappentext „Ich wollte eine Erzählung schreiben über das Lesen und die Leser und ich wollte fragen, ob man durch Lesen sein Leben verfehlen kann oder warum es Leser gibt, die plötzlich zu verraten scheinen, was ihnen ihr Leben lang wichtig war“, hat dort Ingo Schulze und dann geht es los mit dem ersten langen Teil und das ist wohl der Wenderoman, wie ihn der Leser sich vorstellt oder vielleicht auch das Lieschen Müller, weshalb sein Held der Dresdner Antiquar Norbert Paulini auch von einigen Amazon-Rezensenten, als naiv dargestellt wird.

Ich, die ich ja ebenfalls eine Vielleserin bin und mich jetzt auch durch die Corona-Krise lese, vielleicht um nicht verrückt zu werden und zu denken, ich wäre in einen dystopischen Roman, empfinde das nicht so und habe ja auch Bücherberge in meiner Wohnung und wahrscheinlich auch die fünftausend ungelesenen Bücher, von denen in dem Buch, glaube ich, irgendwo geschrieben wird.

Da ist also Norbert Paulini, 1950, glaube ich, in  die DDR geboren und seine Mutter Dorothea war Buchhändlerin, beziehungsweise Antiquarin. Sie ist, glaube ich, bei der Geburt gestorben und der Vater sammelte all ihre Bücher in die zwei Zimmer, die er in der Villa Kate bewohnte, so daß der kleine Norbert auf Bücherbergen aufgewachen ist.

Zuerst nach der Schule etwas „Anständiges“ lernen sollte. Er war schon damals Vielleser, dann von Freunden vermittelt, eine Buchhändlerlehre machte und schließlich in der Villa sein Antiquariat aufzog, das, wie man vielleicht sagen könnte, die DDR zu etwas Besonderes machte, zu einem Hort des geistigen Widerstands, wo es Lesungen und Feiern in den Räumen gab und Paulini hier eine Menge Intellektuelle und Künstler kennenlernte. Doch dann kam die Wende und die schönen DDR- Bücher und vielleicht auch die etwas weniger schönen, wie die Honegger Biografien, ich schreibe das deshalb, weil ich vor circa vierzig Jahren eine solche, von einer Müllhalde gerette, geschenkt bekommen habe, wurden dorthin gekippt und niemand wollte mehr Paulinis schätze haben.

Die Bank gewährte keinen Kredit mehr, sondern zuckte nur die Achseln und die Frau, die Paulini geheiratet hat, eine Friseurin, entpuppte sich zuerst, als Stasi-Spitzel, später als Kapitalistin, die zwischen ihren drei Friseursalons hin- und herpendelte, weil alle nur von der Chefin frisiert werden wollte und Paulini versuchte sich zuerst als Kassier in einem Supermarkt. Dann flüchtete er mit seinen Restbeständen in die sächsische Schweiz und dort klopft eines Tages die Polizei bei ihm an. Denn es gab einen Anschlag an ein Asylheim und Paulini und sein Sohn wurden verdächtigt, die Täter zu sein.

So weit, so gut.

„Wie wird ein aufrechter Büchermensch zum Reaktionär- oder zum Revoluzzer. Eine aufwühlende Geschichte, die uns alle angeht“, steht am Buchrücken.

Wenn es Ingo Schulze dabei belassen hätte, hätten wohl alle geschrieen, nicht schon wieder ein DDR-Roman, das wollen wir nicht hören, kitschig, aus, etcetera.

Also endet es nicht da, sondern es gibt einen zweiten und einen dritten Teil. Im Zweiten taucht ein Ich-Erzähler auf, der sich imTeil drei, als der Autor Schultze entpuppt, der Paulini einmal in seiner Villa „Prinz Vogelfrei“ wie er sich auch nannte, kennenlernte und dann einen Roman, beziehungsweise, die Novelle über ihn schrieb, die wir auf den ersten hundertsechsundneunzig Seiten gelesen haben und im Dritten sind dann Paulini und seine Weggefährtin Elisabeth Samten tot, bei einem Bergunfall vergunglückt und Schultzes Lektorin macht sich auf den Weg mit dem Nachfolger des Antiqarats zu sprechen und herauszufinden, was wirklich geschehen ist.

Also drei deutungen, drei verschiedene Versionen des Geschehehn oder Perspektiven. Drei Wahrheiten und, daß die ja sehr verschieden sein kann, habe ich  erst kürzlich bei Daniel Zipfel gelesen.

Ein Buch, das mit gefallen hat, füge ich hinzu und ich wäre wahrscheinlich auch mit dem ersten Teil schon zufrieden gewesen.

So habe ich, muß ich gestehen, den Titel nicht ganz versctanden. Denn wer hat oder, wie hat Paulini jetzt ermordet?  Der Autor Schultze, wie das die Autoren mit ihren Figuren gerne tun?

Wieso dann das Plural?

Vielleicht kann  mir das einer meiner Leser erklären? Mein Stammleser Uli wird das Buch aber wahrscheinlich nicht gelesen haben.

2020-03-17

Oreo

Nun kommt das Gewinnerbuch der Sparte Übersetzung des „Leipziger Buchpreises“, das von Pieke Biermann übersetzte und ich glaube zum ersten Mal auf Deutsch erschienene 1974 herausgebrachte Roman der 1935 geborenen und 1985 an Krebs verstorbenen Frances Dolores Ross, die wie ihre Heldin Christine alisas Oreo einen jüdischen weißen Vater und eine schwarze Mutter hatte.

Fran Ross wuchs in Philadelphia auf, arbeite als Journalistin, „Oreo“ ist, glaube ich, ihr einziger Roman, der bald wieder vergessen wurde, zweitausend wieder entdeckt wurde und dann zum Kultbuch der Frauenbewegung oder der afroamerikanischen Literatur  hochstilisierte, denn Oreo ist eine wahrlich ungewöhnliche Figur, vielleicht sogar mit dem Ullysses vergleichbar, vielleicht auch nur eine Idee, der Autorin, ihre sechzehnjährige Heldin mit dem  Theseus zu vergleichen und solcherart, die griechische Sage auf eine rotzig freche Art wiederauferstehen zu lassen, von einem Comic habe ich irgendwo etwas gelesen und ich bin, da keine  keine besondere Kennerin der griechischen Mythen ein bißchen unsicher in der Beurteilung, denke aber doch, ein außergewöhnliches Buch gelesen zu haben.

Da ist also die sechzehnjährige Christine, Tochter von Helen Clark und Samuel Schwartz und als Samuel Schwartz, die Afroamerikanerin heiratet, haben deren Eltern jeweils einen Herzinfarkt oder sonstige Zustände bekommen.

Der Vater hat die Mutter  bald verlassen und ist nach New York übersiedelt, nicht ohne der Tochter einen Zettel mit geheimnissvollen Hinweisen, wie sie ihn auffinden kann, zu hinterlassen und die Oreo genannt, nach dem berühmten amerikanischen Keks, dunkle Umhüllung mit weißer Fülle, eine rotzfreche Göre, die alles mit Karate und Witz zu lösen weiß, macht sich auf den Weg, vorher gibt es noch und das finde ich für ein Buch aus den Siebzigerjahren sehr ungewöhlich, eine Szene, wie sie sich gegen einen Vergewaltiger zu wehren weiß.

Auf der Reise in die Metropole macht sie auch noch einige außergewöhnliche Bekanntschaften, so trifft sie zum Beispiel einen Reisehenker, das heißt, einen, der in ein Büro beordert wird, um dort Kunden zu feuern, das finde ich auch sehr beeindruckend.

Sie übernachtet in einen Park, wird am Klo von einem frechen Jungen gespannt, den sie dann, als er Hunde quält es auch ordentlich heimzahlt, dieser Theseus hat also einen  starken Gerechtigkeitssinn.

Mit einem Bordellbesitzer legt sie es sich oder er mit ihr auch an, dann gibt es noch einen stummen Radiomacher und und, der Skurilitäten ist kein Einhalt geboten.

Sie kauft sich noch Schuhe in einem Laden, weil ihre Sandalen beim Kampf mit dem Bordellbesitzer zu Schaden kamen. Dann trifft sie ihren Vater, löst das Räsel und Fran Ross, die am Schluß noch Hinweise auf die Thesseussage gibt und vorher auch noch, die Familienverhältnisse genau erklärte, hat eine rotzfreche afroamerikanische Göre zur Heldin der griechischen Mythologie gemacht.

Ein interessantes Buch, einer interessanten Autorin, das ohne die Buchpreisnominierung wahrscheinlich an mir vorbei gegangen wäre.

2020-03-16

Der Spleen von Paris

Das zweite Buch, das für den „Leipziger Buchpreis“ auf der Sparte „Übersetzungen“ steht, Chales Baudelaires „Le Spleen de Paris“, denn es ist eine zweisprachige Ausgabe, die von „Rowohlt“ 2019, neu übersetzt herausgegeben wurde, so daß ich mein Französisch, das ich ja fünf Jahre in der Schule lernte, aber eigentlich nicht viel mehr als einen Kaffee mit Milche bestellen kann, wenn ich mich in französisch sprechende Gebiete, wie beispielsweise in Genf oder Elsaß aufhalte, üben kann.

Übersetzt wurde der Band von dem 1957 geborenen Simon Werle, der schon die „Fleurs du mal“ übersetzte und damit mit dem „EugenHelmle-Preis“ ausgezeichnet wurden.

„Die Blumen des Bösens“ sind wohl das bekannteste Werk des 1821 in Paris geborenenen  und 1867 dort verstorbenen Charles Baudelaire.

Und der „Spleen von Paris“ enthält, sowohl Gedichte, als auch Posastücke, die sich nicht nur mit Paris beschäftigen.

Im Nachwort steht, daß der Band, der in mehrere Teile gegliedert ist, 1868 posthum von Charles Asselineau und Theodore de Banville herausgegeben wurde und es beginnt mit den „Jugenddichtungen“, die ein Lobgesang an die Liebe und die schönen Frauen, aber auch Männer,  wie beispielsweise eines an Henri Hignard „…und dass Hendy, des lieben , ich gedacht!“, gewidmet sind.

Eines an eine  „Maitresse“ gibt es auch:

„Sie ist erst zwanzig: schon hängt ihr des Bussens Masse

Auf jeder Seite schwer herab wie eine Kalebasse,

Und dennoch schlepp ich hin zu ihr mich Nacht für Nacht,

Und saug und beiß daran, wie es ein Säugling macht.“

 

Interessant ist der „Entwurf“ zu „Alptraum“, der zeigt, daß sich offenbar auch Chales Baudelaire im neunzehnten Jahrhundet Gliederungen bediente, obwohl der die Worte „Heldenreise“ und „Spannungsbögen“ wahrscheinlich nicht kannte.

Es gibt „In zusammenarbeit entstandene Gedichte“ und da ist die „Unterstützung für den Pik-Buben“,  besonders interessant, wo doch im Nachwort von dem lockeren Umgang mit Plagiaten und Nachdichtungen, die Rede war.

„Corneille, Byron, Werner schreien laut

Hinter ihm her im Chore:

„Haltet ihn fest, er hat geklaut!“

Höhnen auch  anderen Autoren?

So mancher könnt – auch wenn er es nicht tut –

Ihm abverlangen, wär er auf der Hut,

Sein Gut.

Oh, oh, oh, oh! Ah, ah, ah, ah!

Kenn ihr den Plagiator da?

La la.“

Dann gehts zu den „Baudelaire zugeschrieben Gedichte“: „Der Brunnenflicker“, „Der arme Teufel“, das wiederum interessant, fast experimentell aus mehreren Wortlisten besteht  zur „Elegie zurückgeweisen bei den Jeux Floraux“ und „Wiederentdeckte Gedichte“ gibt es auch.

Nach den Gedichten folgen zwei Jugendwerke, ein Versdrama namens „Ideolus“, das er gemeinsam mit Ernest Prarond geschrieben hat und die Novelle „Die Fanfarlo“, wo ein Erzähler von dem dandyhaften Dichter Samuel Cramer erzählt, der einer Madame de Cosmelly, die Geliebte ihres Ehemannes, die Tänzerin Franfarlo, ausspannen soll, in die er sich dann unsterblich verliebt und die am Ende verbürgert, in die Kirche geht, und Zwillinge bekommt.

Die Titel gebenden Texte sind sogenannte „Prosagedichte“ also Kürzesterzählungen, die in einem Ablauf von zwölf Jahren entstanden sind. Seltsam surreal anmutende Geschichtchen, die manchmal etwas unverständlich, manchmal höchst aktuell erscheinen, wie beispielsweise die vom „Fremdling“, der weder seine Famalie, noch das Vaterland, noch Geld und Gold am meisten, sondern „die wunderbaren Wolken!“, am meisten liebt.

Die Geschichte von der verzweifelten Greisin, die die Erfahrung macht, daß sich die Kleinstkinder, obwohl haar- und zahnlos, wie sie voll Entsetzen von ihr abwenden, ist  real nachvollziehbar, schwieriger wird es da vielleicht mit dem Hund, der sich mit Entsetzen von dem Flacon mit dem kostbarsten Parfum, dem Kot zuwendet oder eigentlich auch wieder nicht.

„Der schlechte Glaser“ ist dafür etwas surrealer und auch die, wo die Kinder in China an den Augen der Katzen, die zeit ablesen.

In der Geschichte vom „Kuchen“ wird, um ein Stück Brot gerauft, was in Corona bedingten Zeiten, der Hamsterkäufe und das angeblich oder tatsächliche Gerangel, um das Klopapier, wieder höchst aktuell erscheint.

Es gibt eine Feengeschichte, eine von der „Schönen Dorothee“ und die von dem Hofnarren Fancioille, der von seinem Fürsten zum Tode verurteilt wird, ihn vorher aber noch ein letztes Mal unterhalten darf, worauf er dann eines offensichtlich natürlichen Todes stirbt.

Einer gibt einem Bettler eine falsche Münze und in der Edouard Manet gewidmeten Geschichte, erzählt der Maler von einem armen schönen Burschen, den er zu sich nahm, ihn gut kleidete und ernährte, um sich von ihm die Pinsel auswaschen zu lassen.

Heute würde man da wohl sofort an Mißbrauch denken, aber der Bursche war schwermütig, verging sich an Zucker und Alkohol, was ihm der Maler verbot, bevor er zum Spaziergang aufbrach, als er zurückkam, fand er den Knaben erhängt vor.

Er schnitt ihn, was heute  auch seltsam scheint, selbst hinunter, verständigte wohl einen Arzt und einen Polizeibeamten und dann auch seine Mutter, die von ihm unbedingt den Strick haben wollte, wohl um ihn an die sensationslüsternen Nachbarn zu verkaufen.

Es geht natürlich wieder und auch ein bißchen ungewöhnlich surreal um die Liebe, so erzählen sich beispielsweise vier Herren, wie sie ihre Geliebten losgeworden sind und eine Kurtisane oder Hure, je nachdem, wie man es nennen will, nimmt einen, den sie für einen Arzt hält, zu sich nach Haus, denn sie hat einen „Ärztespleen“, psychologisch wird es also auch.

Ein spannendes, wenn vielleicht auch nicht immer leicht zu lesendes und zu verstehendes Buch, für mich eine Neuentdeckung“.

Die „Blumen“ habe ich mir glaube ich mitgenommen, als die längst verstorbene Edith B. meine Straßergassenfreundin, ihren Gang von dem Buchhändler in ihrem Haus zurückgelassenen Bücherschachteln ausräumen wollte.

„Ein Klassiker der Weltliteratur in neuer Übersetzung“, steht am Buchrücken. Eine Leseempfehlung also, auch wenn Simon Werle nicht den Übersetzerpreis gewonnen hat. Also auf zu „Oreo“ und das ist, habe ich schon nach wenigen Seiten entdeckt, ein vielleicht noch ungewöhnlicheres Buch.

2020-03-13

Im Brand der Welten: Ivo Andric. Ein europäisches Leben

Nun kommt das erste Sachbuch der zum „Leipziger Buchpreis“ nominierten Bücher, das ich mir, obwohl ich wußte, daß „Zsolnay“ mir ein PFD schicken wird, die ich ja nicht so gerne lese, doch nicht zu bestellen verkneifen konnte, nachdem mir „Rowohlt“ auch „Middlemarch“ als E-Book schickte, denn Ivo Andric, der Nobelpreisträger von 1961, von dem ich, wenn mir mein Bibliothekskatalog nichts unterschlägt, zwar „Wesire und Konsuln“ , aber nicht die berühmte „Brücke über die Drina“ in meinen Regalen habe, interessiert mich eigentlich sehr.

Der 1973 in Hamburg geborene Journalist Michael Martens hat das Buch geschrieben, das vorigen Herbst erschienen ist und er geht es sehr genau mit einem Kapitel über die Geschichte Bosniens an, in dem zu der Zeit wo Ivo Andric 1892 geboren wurde, noch der Aberglaube herrschte und die Bewohner, Moslems, Katholiken, Ortohodoxe, Juden, alles durcheinander gemischt, oft noch Analphabeten waren.

Ivo Andrick, dessen Vater früh gestorben ist und über den man munkelt, daß er der Sohn eines katholischen Priesters ist, weil seine Mutter diesen den Haushalt führte, wuchs bei Verwandten seines Vaters auf, weil die Mutter ihn nicht ernähren konnte und hatte das Glück, daß es in Sarajevo, ein Gymnasium gab, weil er sonst nach Wien reisen hätte müßen, in das er erst  nach seiner Matura kam, um kurz dort zu studieren, er studierte auch kurz in Krakau, die Ermordung des österreichischen Thornfolgers 1914 ließ ihn aber  zurückkehren, denn er war ja in seiner Jugend ein Revolutionär, hat als Gymnasiast auch ein solches Gedicht geschrieben, ist mit jenen Gavrilo Prinzip in das selbe Gymnasium gegangen und war mit einem anderen Anfhrer des Attentates auch befreundet.

Am Tag des Attentates saß er in Krakau im Theater, verließ dieses fluchtartig und reiste zuerst nach Wien zurück, später begab er sich in den Sommerurlaub nach Split, wurde dort aber verhaftet und wurde erst 1916 von Kaiser Karl amnestiert.

Nach 1918 hat sich dann der erste jugoslawische Staat gegründet, mit dem die Kroaten  unzufrieden waren und Ivo Andric, der von Michael Martens durchaus widersprüchlich, ja sogar unsympathisch gezeichnet wird, entpuppt sich als glühender Jugoslawe.

1919 erscheint Andric erstes Buch, an das er sich später gar nicht gern erinnert, er übersiedelt nach Belgrad und wird dort, obwohl er Atheist ist, Sekretär im Religionsminiterium, ein ehemaliger Lehrer, inzwischen Religionsminister, hat ihm das vermittelt. Andric, der fürchtet als Schriftsteller, seine Tante und seine Mutter nicht unterstützen zu können, will aber in den diplomatischen Dienst.

Er will zuerst nach Amerika, wechselt dann aber schnell die europäischen Botschaften, kommt nach Rom, Bukarest, Triest, Spanien und Graz, dort studiert er fertig und schreibt seine Doktorarbeit, fühlt sich oft krank, er hat die Tuberkolose, ist mit den Städten in denen er arbeitet oft unzufrieden, so nennt er Genf, wo er drei Jahre für den Völkerbund arbeitet, eine häßliche Stadt, was ich, die ich ja vor zwei Jahren dort war, eigentlich nicht bestätigen kann. Sein literarisches Werk  nimmt zu, obwohl er wegen seines diplomatischen Dienstes oft länger nicht zum Schreiben kommt.

Als seine literarischen Vorbilder zählen Thomas Mann und Goethe und am PEN-Kongreß von 1933 in Dubrovnik, dem berühmten, um Hitler zu verhindern, nimmt er auch teil.

1939 wird er Gedandter des Königreichs Jugoslawien in Berlin, es gibt es Foto von ihm bei seinem Antrittsbesuch in Berlin, in seiner Paradeuniform, er soll verhindern, daß es zu einem Krieg kommt, was aber durch den Putsch in Belgrad verhindert wird. 1941 greift Deutschland Jugoslawien an, die Botschaft wird ausgewiesen und Andric kehrt nach Belgrad zurück.

Dort in dem von den Deutschen besetzten Land, wo die Gewalt,  die Gehenkten oder die in die Flüße geworfenen Leichen von beiden Seiten passieren, zieht sich Andic in ein Untermietzimmer zurück und schreibt seine drei Großen Romane.

„Die Brücke über die Drina“, „Wesire und Konsuln“, wo es um inen nach Bosnien versetzen französischen Diplomaten geht, der sich mit den Türken auseinandersetzen muß und das „Fräulein- eine Studie über denGeiz“, die alle drei 1945 bei verschiedenen Verlagen erscheinen.

Andric wird Präsident des kommunistischen Schriftstellerverbandes und er, der einst Gedsandter des Königs war, Kommunst, reist als Genosse Ivo durch das Land, läßt sich vor einem Flugzeug fotografieren und hält erste Mai Reden an Tito und Stalin.

Auch da soll er sich vornehm oder diplomatisch zurückgehalten haben, heißt es in dem Buch, nie das gesagt, was er wirklich dachte, sich weder für die verfolgten Schriftsteller eingesetzt noch sie denunziert haben, weil er, wie es einer seiner Verteidiger nannte „nur schreiben und leben wollte.“

1958, mit sechsundsechzig Jahren, heiratet er seine langjährige Geliebte Milica Babic und 1961 ist es dann, der schon einige Male dafür nominiert war, soweit, daß ihm der Nobelpreis zugesprochen wurde. Tito gratuliert und Andric, der, obwohl ja langjähriger Diplomat, Interviews haßt, setzt es durch in Stockholm keine Pressekonferenz geben zu müssen und erkundigt sich bei seiner Übersetzerin wieviel Abendkleider seine Frau für die Verleihung braucht?

Andric kauft sich ein Haus an der Adria, kehrt nach dem Tod seiner Frau nach Belgrad zurück, hat Probleme mit dem Altern und Angst blind zu werden.

Am 13. März 1975, also vor genau fünfundvierzig Jahren stirbt er, sechzehn Jahre später zerfällt Jugoslawien und der Balkankrieg beginnt. Andric oder seine „Brücke“ wird zum Spielball der Nationen, auf der einen Seite geehrt, auf der anderen wird eine Straße mit seinen Namen umbenannt und seine Büste zerstört. Er ist aber trotzdem wahrscheinlich ein wichtiger Literat gewesen und seine Bücher sicher Wert gelesen zu werden. Hoffentlich komme ich bald dazu.

2020-03-12

Preise der Leipziger Buchmesse, Selfpublisherinterview und Corona-News

Der Preis oder die Preise der „Leipziger Buchmesse“, denn da gibt es ja die Kategorien „Sachbuch“, „Übersetzung“ und „Belletristik“, werden üblicherweise, am Donnerstag, dem ersten Messetag, also eigentlich heute, um sechszehn Uhr in der Glashalle vor Publikum vergeben.

Die Halle ist abgesperrt, hinein kann man nur mit Einladung oder mit Presseausweis und dann gibt es Sekt und Brezeln,  kann aber draußen herumstehen und zuhören,  laut übertragen wird es auch.

Aber heuer ist ja alles wegen dieses Carona-Virus, das sich rasant ausbreitet, anders, die Messe wurde vor einer guten Woche abgesagt und anders ist auch, daß ich mich das erste Mal für den Preis besonders interessierte, also die Bücher angefragt, sie lesen und darüber bloggen wollte.

Das heißt, ich habe zuerst, die Belletristikschiene, die mich ja besonders interessiert, dann die Übersetzungen und zuletzt von den Sachbüchern, die Biografie über Ivo Andric angefragt und acht Bücher bereits bekommen, auf eines warte ich noch, drei habe ich schon gelesen, beim Charles Baudelaire bin ich gerade dabei, es waren ja einige sehr umfangreiche Schinken und als die Messeabsage kam, kam damit zugleich die Frage, wie, wann und wo, der Preis der vergeben oder verkündet werden würde und bald die Antwort, daß das am Donnerstag um 9. 30 die Preisgeber bekannt gegeben werden und das ist jetzt geschehen.

Der Belletristikpreisträger ist also Lutz Sailer mit seinem „Stern 111“, ein Buch das „Suhrkamp“ mir versprochen hat, aber noch zu mir kommen muß.

Dafür werde ich die beste Übersetzung, nämlich die von Pieke Bierman von „Oreo“ von der afroamerikanischen Autorin Fran Ross lesen, sobald ich mit dem Charles Baudelaire fertig bin und das Sachbuch habe ich nicht bestellt, wäre aber angesichts derzeitgen <lage sicher auch sehr interessant, nämlich Bettina Hitzer „Krebs fühlen – eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts“.

Das ließe sich sicher auf das Corona Virus, das derzeit alle Gemüter erregt und schuld daran ist, daß es derzeit nur ein „Leipzig vurtell“ gibt, sicher ausdehnen, aber bei mir ging es dann sowohl emotional, als auch literarisch weiter.

Hatte ich doch um Zehn ein Interview mit einer Studentin, die ihre Dissertation zum Thema „Autorenschaftskonzepte im Literaturbetrieb der Gegenwart“, schreibt und sich dabei auch für das „Selfpublishing“ interessiert.

Wow, ich wußte gar nicht, daß es das schon  gibt, denn ich erlebe ja noch immer, obwohl ja, wie ich immer schreibe in Leipzig und Frankfurt, die Selfpublisher schon ganze Hallen füllen, aber in Wien nennt man das ja noch immer „Eigenverlag“ und setzt ein „Wollen wir nicht!“, hinzu.

Also kann das vielleicht helfen und auf jedenfalls vielleicht die Grundlage für meinen nächsten diesbezüglichen Antrag bei der nächsten GV der IG- Autoren stellen.

Aso war ich an diesem „Ersten Messetag“ sehr beschäftigt, an dem ich ja eigentlich von halb elf bis halb zwölf, eine Einladung  zur „Präsentation des Lesekompass“ hatte.

Da habe ich inzwischen auch schon die diesbezüglichen Informationen bekommen und das Programm des „Österreichs-Cafes“ und das des „Blauen Sofas“, habe ich mir ja auch ausgedruckt. Da hätte ja um halb eins Peter Veran sein „Plädoyer für einen Märtyrer“ halten sollen.

Um vier wäre eben die Bekanntgabe der Preisträger in der Glashalle gewesen und, um fünf der offizielle Empfang oder Umtrunk im Österreich- Cafe.

Das entfällt alles und wäre wohl auch nicht so erfreulich, überschlagen sich ja derzeit bei uns die Corona-Meldungen. Die Schulen werden geschloßen und den ersten Toten gibt es auch schon zu vermelden.

Was die Vorsicht oder die allgemeine Panik wahrscheinlich noch ein Stückchen  anwachsen läßt, denn da gibt es  seit Dienstag sogenannte Notverordnungen, also keine Veranstaltungen über hundert Personen.

Da würden üblicherweise sowohl das Literaturhaus, als auch die „Alte Schmiede“ und die „Gesellschaft für Literatur“ nicht darunter fallen.

Das Literaturhaus hat den Poetry Slam am Freitag abgesagt. Da wären wahrscheinlich mehr Leute gekommen.

In der „AS“ und in der „Gesellschaft“ waren oder sind noch bis jetzt die Pforten offen und ich war am Dienstag auch in der Herrengasse, wollte mich  aber nicht in eine Namensliste eintragen, obwohl mich dort wahrscheinlich ohnehin jeder kennt und für heute beim „Hörspielfestival“ in der „AS“ bin ich mir nicht sicher, ob ich hingehen soll, weil man sich ja wahrscheinlich auch anstecken oder das Virus weitergeben kann, wenn sich weniger als hundert Personen im Raum befinden.

Vielleicht also doch eine Lesequarantäne, beziehungsweise ein „Leipzig im Zimmer“ oder „Leipzig virtuell“.

Da macht ja am Samststag „MRD-Kultur und ARD“ einen intensiven Online Tag und Karin Peschka, die am Samstag um halb drei im Österreich-Cafe lesen hätte sollen, verlegte die Lesung auf ihren You Tube-Kanal und lud  auch die anderen Autoren dazu ein.

Der „Falter-Bücherfrühling“ ist auch zu mir gekommen, also vielleicht ein „Leipzig im Zimmer“ mit einer Lesequarantäne und da habe ich obwohl Lutz Seilers Siegerbuch noch nicht zu mir gekommen ist, noch einiges zu lesen, den neuen Ingo Schulze vielleicht, der ja auch auf der Belletristik-Liste gestanden ist, also um fünf oder um sechs oder sieben, da ich zu dieser Zeit eine Stunde habe, das Glas Wein erheben, auf die Sieger anstoßen und hoffe, daß das Virus gut an uns vorüberzieht, eine demensprechende Glosse wird es bei mir auch bald geben.

2020-03-03

Middlemarch

Nun kommt wieder ein Buch das für den „Leipziger Buchpreis“ nominiert wurde, George Eliots „Middlemarch“, die eigentlich Mary Anne Evans hieß und von 1819-1880 in England lebte, also vor kurzem ihren zweihundersten Geburtstag feierte, weshalb es das Buch auch in zwei deutschen Ausgaben, eine von „dtv“, eine von „Rowohlt“ herausgegeben gibt, die von „Rowohlt“ steht auf der Nominierungsliste und wurde von Melanie Walz übersetzt.

In England gilt George Eliot, neben Jane Austen wahrscheinlich, als die Klassikerin und das Buch wurde, glaube ich, auch vor kurzem zum „Buch des Jahres“ oder so gewählt.

Ich habe, glaube ich, in der Schule von George Eliot im Englischunterricht gehört, aber bisher noch nichts oder nicht viel von ihr gelesen.

„Daniel Deronda“ habe ich auf meiner Leseliste und in meinen Regalen und jetzt habe ich mich eineinhalb Wochen durch das über tausend Seiten lange Werk gewühlt. Ich habe die E-Book-Ausgabe gelesen, die fast zweitausenzweihundert Seiten hat, also ein sehr dicker Wälzer, wo ich mir wieder die Frage stellen kann, wieviele Leser jetzt nach den Neuübersetzungen greifen und sich durch das englische Kleinstadtleben von 1830 wühlen werden? Nicht sehr viele, glaube ich, obwohl es zu empfehlen wäre, denn diese Mariy Anne Evans war wohl eine sehr emanzipierte Frau, die unverheiratet mit einem verheirateten Mann zusammenlebte oder zumindest mit ihm liiert war, die journalistisch und übersetzerisch tätig war, von Emily Dickinson und Virginia  Woolf sehr gelobt wurde und sich unverhohlen gegen die Unterdrückung der Frau einsetzt und das auf eine sehr ironische Art und Weise tut.

„Middlemarch – eine Studie über das Leben in der Provinz“ heißt das Buch, das aus acht Teilen besteht und, glaube ich, zuerst als Fortsetzungsroman gedacht war.

Die Hauptprotgonistin ist eine Dorothea, die mit ihrer Schwester Celia bei ihrem Onkel Mister Brooke lebt, der auch ihr Vormund ist. Das Buch beginnt, daß Dorothea den Schmuck der Familie betrachtet, den sie, weil fromm und ernsthaft, nie tragen wird und dann an ihre etwas leichtlebendigere Schwester verteilt. Dann verheiratet sie sich, vielleicht etwas unverständlich, würde ich sagen, an einen wesentlich älteren Gelehrten, einen Pfarrer, der jahrelang an einem Werk arbeitete, das er nie vollenden kann. Er stirbt und hinterläßt ein Testament, das beinhaltet, das Dorothea ihr Erbe verliert, wenn sie seinen Cousin Will heiratet, den sie auf der Hochzeitsreise in Rom kennenlernte und sich in ihn verliebte, worauf der knöcherne Ehemann eifersüchtig wurde.

So könnte man es etwas flapsig zusammenfassen. Dorothea schwört sie nie zu verheiraten und trägt, sie ist zu diesemZeitpunkt, glaube ich, einundzwanzig, für eine Zeit die Witwenhaube, wie das damals üblich war, dann vertauscht sie sich mit einer etwas leichteren und interessiert sich sehr dafür, wie sie Gutes tun, ihren Besitz verwalten und sich, wie  damals üblich für die Armen einsetzen kann?

Celia hat inzwischen einen Sir James geheiratet und den kleinen Arthur geboren. Es gibt mehrerer Pfarrer, die wohl damals die Provinz dominierten, den Arzt Dr Lydgate, der aus Paris kommt, vieles verändern und reformieren will, die Kapitel über die Medizin scheinen mir auch sehr modern geschrieben oder übersetzt, wird von der Rückständigkeit der Menschen in der Provinz gehindert, hat es schwer eine Praxis aufzubauen und verschuldet sich sehr schnell, weil er die schöne Rosamond, die Tochter des Bürgermeisters Vincy heheiratet hat, die sehr oberflächig und sehr anspruchsvoll ist, beim Reiten ihr Kind verliert und auch mit Will flirtet oder ihm ihre Liebe gesteht, die er aber, weil in Dorothea verliebt, standhaft vefrweigert.

Ihr Bruder Fred, der eigentlich Pfarrer werden soll, ist auch ein Leichtfuß und verschuldet, wird  vom Vater gezwungen fertig zu studieren, aber die Verwalterstochter Mary auch eine der sehr energischen Frauen in dem Buch, in die er verliebt ist, will das nicht, so steigt er in die Fußstapfen ihres Vaters und alles wird nach den schon erwähnten tausend bis zweitausend Seiten gut, denn Dorothea bricht die Konventionen, heiratet ihren Will, verzichtet auf Besitz und Erbe und noch ein paar andere Personen, wie einen korrupten Banker, der erpresst wird und ein Familiengeheimnis, um Will gibt es auch.

Ein interessantes Buch, das mich manchmal wieder ein bißchen an die Courths-Mahler, die ich ja früher viel gelesen habe, erinnert, aber die Stellung der Frau und, die Art wie George Eliot oder ihre Übersetzerin darüber schreibt, ist auch sehr spannend.

„Ich frage mich, ob irgendein Mädchen auf der Welt seinen Vater für den besten Mann der Welt halten kann“, fragt Mary Garth beispielsweise ihren Vater, als er ihr eröffnet, daß sie vielleicht doch bald ihren Fred heiraten kann.

„Unfug deinen Ehemann wirst du für besser halten!“, antwortet der darauf.

„Niemals“, sagte Mary, die in ihren gewohnten Ton zurückfiel. „Ehemänner sind eine untergeordnete Klasse von Männern, die man zur Ordnung rufen muß!“

Sehr fortschrittlich für das frühe neunzehnte Jahrhundert, in dem gerade die Eisenbahnen gebaut werden und es daher vorkommt, daß die Bauern, Arbeiter, die gekommen sind das zu tun, zusammenschlagen, weil sie um ihre Zukunft fürchten.

Auch sehr aktuell und könnte an die gegenwärtigen Zustände und Aufstände erinnern, so daß das Lesen allen, die sich die tausend bis zweitausend Seiten zurtrauen, sehr zu empfeheln ist.

Man brauchte wahrscheinlich einige Zeit dazu, bekommt aber auch einen ausführlichen Anhang, der Übersetzerin dazu mit, die in das Leben und in die Rezeption einführt.

Motti gibt es zu den siebenundachtzig Kapitel, der acht Teile jeweils auch und Fußnoten, die einen auch noch weiter in das frühe achtzehnte Jahrhundert und in die englische Gesellschaft einführen können, wenn die bei einem E-Book nur nicht so schwer zu lesen wären.

Jetzt kann ich mich an eine andere <neuerscheinung, nämlich an Cornelia Travniceks „Feenstaub“ machen und der Übersetzerin alles Gute für den „Preis der Leipziger Buchmesse“ wünschen und hoffen, daß ich demnächst dorthin fahren werde, was ja wegen der Corona-Hysterie die momentan herrscht, nicht so selbstverständlich ist.

2020-02-27

luna luna

Nun kommt das erste Belletristik Buch das heuer für den „Leipziger Buchpreis“ nominiert ist. Das ich mich für den, beziehungsweise dessen Bücher bisher nicht sonderlich interessierte, aber schon einige gelesen habe, habe ich schon geschrieben, aber das Interessante am „Leipziger Buchpreis“ ist vielleicht, daß da Bücher nominiert werden, die in Frankfurt keine Chance haben.

So hat doch 2015 Jan Wagner mit einem Lyrikband gewonnen, ob das heuer der 1984 in Überlingen geborenen Maren Kames mit ihrem Langgedicht „luna luna“ ebenso geht, weiß derzeit wahrscheinlich nicht mal die Jury, die Konkurrenz zu Lutz Seiler, Ingo Schulze, den großen Romanciers und Leif Randt bzw Verena Günter ist aber wahrscheinlich groß und ich muß sagen, ein sehr schönes Buch aus dem kleinen „secession-Verlag“, das wahrscheinlich sonst an mir vorbei gegangen wäre, das auch locker für den „Preis der schönsten Bücher“ nominiert werden könnte.

Denn ein schwarzer Leinenband, silbrig steht „maren kames luna luna“ am Cover. Dann kommen rosa Zwischenseiten mit dem Klappentext zur Tetbeschreibung: „Luna Luna ist ein dunkler Text. Rasant, rasend und atemlos spricht er von tief innen aus dem weit offnen Gaumenraum heraus. Es geht um die dünne Wand zwischen Traum und Trauma, um dünne Haut, um eine Gans aus Pappmache und den Bären, den sich eine aufbindet, um sich gegen den Wind zu schützen“  und den biografischen Angaben und dann weiß auf schwarz gedruckt in konsequenter Kleinschrift in drei oder vielleicht noch mehr Teilen, das Langgedicht, das zumindestens bei mir mehr einen optischen Eindruck machte, als daß ich wirklich verstanden hätte, um was es hier geht.

Aber das ist wohl bei den Gedichten überhaupt und bei den experimentellen Texten im speziellen so.

Die drei Teile haben die Titel:

„1 scheiße und einskatz“ 2 krieg (wieso) 3 liebe (wieso)

und dann kann man Zeilen lesen, wie

„habe mir einen bären aufgebunden, am rücken, gegen den wind, aber es kommt keiner (kein wind° und niemand) und liebt mich“ im ersten Teil.

Eine Gans aus Pappmache und der bewußte Bär tauchen, wie im Klappentext auf und immer wieder eine Mathilda. Es gibt immer wieder eingestreute graphische Seiten, Fußnoten und einen Soundtrack gibt es am Schluß auch.

Immer wieder englische Texte, auch ein bißchen was auf japanisch.

Im zweiten Teil wird Schillers „Ode an die Freude zitiert:

„seid umschlungen, millionen

diesem kuß der ganzen welt

brüder überm sternenzelt

muß ein lieber vater wohnen“

„sind das prognosen oder gebete“ schreibt wohl Mares Kames dazu.

Helene Fischers „atemlos durch die Nacht in der Inszensierung von Christoph Marthaler, auf der Volksbühne Berlin, 2014 folgt erst später.

Gereimt wird manchmal auch ein bißchen:

„die band packt ein, es regnet hämmer, es regnet nägel,

und es stimmt, es ist zeit

für all die waisen, all die züge, die entgleisen“

Am Schluß gibts den schon erwähnten Soundtrack und eine Danksagung „Für meine Mama, unsere katzen und Clowns (=Opa, Oma, Opa u. Oma). und bezüglich Maren Kames kann ich noch erwähnen, daß sie 2014 beim Literaturkurs in Klagenfurt war und außer ihren „Hypnotischen Nachtgesang“, wie deutschlandfunkkultur.de, das Langgedicht nennt, auch noch „halb taube halb pfau“, 2016 ebenfalls bei „Sesession“ veröffentlicht hat.

Bei „Amazon“ gibt es derzeit zwei Einträge. Eine mit fünf Sternen bewertete, während ein anderer „Schade ums Geld“ geschrieben hat. Dem kann ich nicht zustimmen, denn es ist ein sehr schönes, sehr poetisches Bändchen, für mich eine Entdeckung. Mal sehen, wie es Maren Kames in Leipzig geht? Ich wünsche ihr jedenfalls viel Erfolg!

2020-02-19

Preis der Leipziger Buchmesse

Den „Preis der Leipziger Buchmesse“, der in Leipzig immer am Donnerstag, ich glaube, um vier, direkt in der Glashalle verliehen wird, gibt es seit 2005, also genauso lang wie den „Deutschen Buchpreis“, der Unterschied dazu ist wahrscheinlich, Erstens die Verleihung direkt auf der Messe und dann, daß dieser Preis in drei Kategorien: „Belletristik“,“ Sachbuch und Essayistik“ und „Übersetzung“ verliehen wird und pro Kategoerie jeweils fünf Bücher nominiert sind.

Ansonsten ist das Procedere, glaube ich, gleich und ich bin 2010  in Leipzig auf den Preis gestroßen und einmal in dem Jahr als auch die Bloggerlounge eingeführt wurde und man auf Wolfgang Tischers Seite die Aufforderung sich als Blogger zu akkreditieren lesen konnte, hat es auch die Aktion der Buchpaten gegeben, die im letzten Jahr vom „Deutschen Buchpreis“ aufgegriffen wurde und vielleicht die „Buchpreisblogger“ ersetzen.

Da konnte man sich jedenfalls als“ Bloggerpate“ bewerben, ich habe es getan, wurde aber nicht ausgewählt. Im nächsten Jahr hat es diese Aktion  nicht mehr gegeben und ich habe mich, muß ich gestehen, eigentlich auch nie so besonders für die Bücher interessiert, obwohl ich den Preisverleihungen, wenn ich in Leipzig war, immer regelmäßig live und sonst per livestream folgte,  schon einiges gelesen und einige Bücher ungelesen zu Hause habe und andere, was wohl auch daran liegen mag, daß ich mich nur für bestimmte Sachbücher interessiere und über die eher nicht blogge.

Dann kam aber 2015 und seit dem blogge oder lese ich ja den deutschen Buchpreis, 2016 gab es dann das österreichische Pendant, für den „Schweizer Buchpreis“ habe ich mich erst im letzten Jahr besonders interessiert, da heißt die Bücher angefragt und gelesen, weil wir ja nach Basel gefahren sind, in der “ Bloggerdebutpreisjury“ bin ich auch schon seit 2016 und habe in den letzten Jahren auch immer regelmäßig relativ viele Debuts gelesen.

Aber der „Leipziger Buchpreis“, ein Stiefkind, warum eigentlich, wenn ich doch regelmäßig, im Gegensatz zu Frankfurt, wo ich das nur 2000 und 2002 tat, nach Leipzig fahre.

Warum wohl? Ich weiß es nicht und habe meistens nach der Nominierung mit den Titel nicht sehr viel angfangen können, auch nicht sehr viel davon gelesen, aber heuer extra die Seite aufgeschlagen, als ich erfahren habe, am 11. 2. werden die Nominierungen bekanntgegeben und dann habe ich mich hingesetzt und in einigen schlaflosen Stunden zuerst die fünf Belletristik- Bücher angefragt, die aus

1. Verena Günther „Power“

2.Maren Kames „luna luna“

3Leif Randt „Allegro Pastell“

4.Ingo Schulze „Die rechtschaffenen Möder“ und

5.Lutz Seiler „Stern 111“,  also drei bekannte und zwei mir eher unbekannte Namen bestehen.

Drei Zusagen habe ich schon bekommen und Maren Kames sehr poetisches Buch, das wohl auch einen „Schönsten Bücher-Preis“ bekommen könnte, liegt schon auf meinen Badezimmerstapel.

Dann habe ich das Anfragen vorerst gelassen, weil ich mir ja eigentlich vorgenommen habe, diesmal nicht so viele Bücher anzufragen, sondern lieber Backlistzu lesen, weil es ab August ja wahrscheinlich ohnehin wieder hitzig werden wird.

Mich nachdem ich mich zu diesem Artikel entschloßen habe, aber  nicht daran gehalten, sondern auch die fünf Übersetzungen angefragt, die das sind:

1.Fran Ross „Oreo“

2.Clarisse Lispector „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“

3.Angel Igov „Die Sanftmütigen“

4.George Eliot „Middlemarch“ und

5.Charles Baudelaire „Der Spleen von Paris“

Die Sachbücher habe ich noch immer ausgelassen, obwohl mich das bei Zsolnay erschienene „Ivo Andic-Buch interessieren würde, aber da ich nicht so gerne E-Books lese und außerdem auch meine Backlist schaffen will….

Mal sehen, was zu mir kommt, den dBp und den Öst lese ich jetzt ja immer fast vollständig und ich werde mit den Lesen auch sofort anfangen und Mal sehen, wie weit ich damit bin, wenn wir dann am 11. 3. nach Leipzig fahren.

Akkreditiert habe ich mich, der Alfred hat auch schon seine Karte, einen Verlagstermin und ein Bloggertreffen ist auch schon ausgemacht. Es kann also nur spannend werden und eigentlich ist der „Leipziger Buchpreis“ ja auch sehr interessant.

2020-01-06

Zum Bloggerdebutpreis 2019

Filed under: Buchpreisbloggen,Literaturpreise — jancak @ 09:57
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Und hier kommt sie, meine Begründung für das Bloggerdebut von 2019, womit ich mich in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr auseinandergesetzt habe, denn da habe ich ja  drei Bücher der von Janine Hasse, Bozena Anna Badura und Sarah Jäger ausgesuchten Shortlist gelesen und mir ein bißchen den Kopf darüber zerbrochen, wie ich das mit meiner Punktvergabe halten soll?

Katharina Mevissen „Ich kann dich hören“ habe ich ja schon im Februar gelesen und Angela Lehners „Vater unser“ im Oktober im Rahmen meines deutschen Buchpreisbloggens, ist sie da ja auf der Longlist gestanden und dann noch auf der des österreichischen Debutpreis, den sie dann auch gewonnen hat.

Von der Longlist, die ja aus achtzig Titel bestanden hat, habe ich zwanzig Bücher, also ein Viertel gelesen und hatte, als die Shortlist im November bekanntgegeben wurde, schon meine Vorstellung, was ich gerne darauf hätte.

Ein Buch hat es davon geschafft, zwei hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon gelesen und die drei anderen waren mir bis dahin eher unbekannt, obwohl ich Martin Peichls „Wie man Dinge repariert“ zusammen mit Malte Borsdorf „Flut“ schon auf dem Badezimmerstapel liegen hatte, weil sie ja mit Angela Lehner auch auf der „Alpha-Shortlist“ gestanden sind.

Jetzt habe ich alle Shortlistbücher gelesen und habe auch meine Entscheidung getroffen, die mir diesmal leichter gefallen ist, weil ich nicht wie im Vor- und im Vorvorjahr ein Buch hatte, dem ich gerne auch noch einen Punkt gegeben hätte, was ich aber nicht drufte.

Diesmal habe ich die Punktereihung im Kopf hätte aber, was ich hiermit tun möchte, gerne eine andere gegeben, da mir von den zwanzig gelesenen Büchern

Anna Lehners „Vater unser“

Raphaela Edelbauers „Das flüssige Land“ und

Marco Dinic „Die Guten Tage“ am besten gefallen haben und ich darunter

Emaneul Maess „Gelenke des Lichts“ und

Karin Köhler „Miroloi“ gereiht hätte.

Geht aber nicht, also voila, hier meine Bewertung:

Fünf Punkte für Angela Lehner, weil „Vater unser“, das ja in diesem Herbst schon viele Preise gewonnen hat, ein sehr ungewöhnliches erfrischendes Buch mit einem sehr ungewöhnlichen rotzigen Tonfall ist, das mir wirklich gut gefallen hat und ich das OWS, in das man wahrscheinlich, wenn man angeblich einen Kindergarten überfallen hat, nicht aus Bayern oder Kärnten  eingeliefert wird, noch einmal ein bißchen anders kennenlernen konnte.

Drei Punkte für Nadines Schneiders „Drei Kilomekter“, weil mich diese  leise Erzählung, auch wenn sie manchmal ein paar zu geläufige Metaphern hat, sehr beeindrucken konnte und ich mir ein  klares Bild von dem Rumänien im Sommer 1989 und dem was damals dort geschehen ist, von einer damals noch nicht Geborenen geschildert, machen konnte und schließlich

einen Punkt für Martin Peichls Statusmeldungen und Kurzepisoden mit denen er in einem sehr biergeschwängerten Ton ohnen großen Plot und Handlung, aber mit einer sehr schönen Sprache von der ich mir sehr viele Sätze und Wendungen angestrichen habe, vom Leben und Leiden eines Dreißigjährigen zwischen Schreiben, Kindheit und eben diesem Bier erzählt.

Jetzt kann ich meinen Lesern nur empfehlen möglichst viele der Debuts zu lesen, um sich ein eigenes Bild von den Büchern zu machen.

Und nun zur Entscheidung der dreizehnköpfigen Jury, genauer auf der Debutpreisseite nachzulesen, gewonnen hat also, was mich sehr freut Nadine Schneider mit ihren „Drei Kilometern“, die auch auf der Schätzstelle hochvertreten war, dann als zweitgereihte Angela Lehners „Vater unser“, die sich sicher etwas ärgern wird, aber im letzten Jahr schon sehr gewonnen hat und wenns so bleibt, wie es war, auch zur Preisverleihung eingeladen werden wird, danach was mich etwas überrascht, Katharina Mevissen mit „Ich kann dich hören“, weil mich das Buch Anfang des Jahres ja nicht so beeindruckt hat. Marttin Peichl, dessen Debut mir ja auch sehr gefallen hat, folgt und last not least Ana Marwans „Weberknecht“, der vom Verlag ja als das beste Debut des Jahres beworben wurde.

Die Entscheidungen der anderen Blogger gibt es auf ihren Seiten und ich würde nun noch gerne das Buch von Hannic Jan Federer finden oder geschenkt bekommen, das ich ja gerne auf der Shortlist gehabt hätte und Malte Borsdorf „Flut“ muß ich auch noch lesen.

2019-12-28

Drei Kilometer

Nun kommt Buch fünf der Bloggerdebutshortlist.

„Drei Kilometer“, der 1990 in Nürnberg als Tochter rumänischstämmiger Eltern geborenen Nadine Schneider. Das Buch ist bei „Jung und Jung“ erschienen und ich habe, glaube ich, zum ersten Mal davon gehört, als ich auf der „Jung und Jung-Facebookseite“ bezüglich Peter Handke nachgegooglet habe.

„Wir sind Nobelpreis!“, ist da gestanden und davor oder dahinter, daß Nadine Schneider ihr Debut auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen wird.

Ein dünnes Buch, das sehr ruhig und manchmal mit vielleicht zu schönen Metaphern von dem letzten Sommer in Rumänien vor der Revolution erzählt und dem auf dem Puplikumranking der Debutpreisseite, die größten Gewinnchanchen eingeräumt wird.

Von einem Dorf im Banat, drei Kilometer, wie schon der Titel besagt, von der jugoslawischen Grenze entfernt und das ist der Sehnsuchtsort der drei jungen Leute, die in dem Buch eine Rolle spielen.

Anna, die Ich-Erzählerin eine wahrscheinlich, um die zwanzig junge Frau und ihre zwei Freunde Hans und Misch. Die Beiden wollen über die Grenze in die Freiheit, Hans weil sein Bruder sich schon darüber machte und er deshalb nicht studieren durfte, sondern in der Fabrik arbeiten muß.

Anna zögert, weil sie ihre Familie, den Vater,  die Mutter und die Großmutter, die schon zu alt ist, um fortzugehen, nicht alleine lassen will.

Die Großmutter stirbt dann, glaube ich, am Ende des ersten Kapitels, des dreiteiligen Buchs.

Anna, die Lakiererin in einer Fabrik ist, obwohl sie das Lizäum besuchen hätte können, geht in ihren Erinnerungen in ihre Kindheit zurück, denkt an den Jahrmarkt, den sie einmal mit der Großmutter besucht hat und an die Wahrsagerin, die dort die Zukunft voraussagte, die das Kind so gerne wissen wollte. Als die großmutter in das Gespräch mit einer Bekannten vertieft ist, stiehlt sie sich in das Zelt der Zigeunerin, die Großmutter holt sie zurück und das Päckchen, das ihr die Zigeunerin schenkte, enthält nur Sand, was das Kind enttäuschte.

Es gibt auch einen schwarzen Hund, der Anna als Kind in die Hand gebissen hat und der sie seither abgöttisch liebt, als er alt und schwach ist und daher getötet werden soll, ist es Anna, die das mit Tränen in den augen und den Hund am Schoß tut.

Misch wagt den Sprung über die Grenze und der Vater bekommt sogar ein Ausreisevisum nach Deutschland und kommt zurück, weil er die Familie nicht verlieren will.

Das ist schon im Sommer 1989, wo man in dem Dorf nur die Gerüchte hört, daß es den Leuten in der Stadt schlecht geht, daß sie keinen Strom und keinen Nahrungsmittel haben und, daß es zu Unruhen kommt.

„Die Unruhen kamen nicht in unser Dorf, ins Dorf kam nur die Angst.“, lautet einer der schönen Sätze.

Anna will mit Hans, den sie vorher für einen Spitzel gehalten hat, mit in die Stadt demonstrieren gehen. Hans geht dann allein und kommt erst später verletzt zurück. Dann sieht man im Fernsehen, die Erschießung Ceausescus und zuletzt fährt Anna in die Stadt, um sich ihre Ausreisepapiere zu holen.

Das Buch ist Nadine Schneiders Vater gewidmet, der ihr viel von seiner rumänischen Heimat erzähllte.

Es erzählt nicht die Geschichte ihrer Eltern, sagt sie in einem Interview und ich habe ein sehr ruhiges, realistisches Buch in einer sehr schönen Sprache gelesen, wo manche Sätze hängen geblieben sind, manche vielleicht fast ein wenig übertrieben wirken.

Ein Buch, das wahrscheinlich, wenn es nicht auf Shortlist gekommen wäre  an mir vorübergegangen wäre, weil es auf keine andere mir bekannte Preisliste gekommen ist,  ich  nicht in Frankfurt und auch auf keiner Lesung war, wo es vorgestellt wurde.

Und hier noch das Interview von der „Debutpreis-Seite“.

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