Literaturgefluester

2019-12-28

Der Kreis des Weberknechts

Nun kommt schon Buch vier der Bloggerdebutshortlist, Ana Marwans „Der Kreis des Weberknechts“, die 1980 in Slowenien geboren wurde, nach Österreich kam, 2008 den Exil-Preis gewonnen hat und nun bei „Otto Müller“ ihr Debut vorlegte, das am Buchrücken als „Hervorrragender Debutroman der von übersättigten aber dennoch sinnsuchenden modernen Menschen erzählt“, gelobt wird und am Klappentext kann man noch etwas von „herrlicher Ironie“ lesen, in der die Autorin, ihr Spinnennetz gewebt hat.

Worum geht es in dem Buch?

Es geht um den Misanthropen  Karl Lipitsch, der sich in ein Haus mit Garten zurückgezogen hat, um die Menschen zu meiden, in Büchern zu lesen und an einem allfassenden philosophischen Werk zu schreiben.

So weit so gut und fein ausgedacht. Dann fährt er aber zu einem Begräbnis und wird am Flughafen von seiner Nachbarin Mathilde angesprochen, die zehn Tage später mit Kaffee und Kuchen in der Hand, vor seiner Gartentür auftaucht und ein sich Umlauern, sich Umwerben, Zurückstoßen und immer Wiederkommen  beginnt.

Ein bißchen könnte man da an Adalbert Stifter und seinen „Hagestolz“ denken und dabei beobachten, wie der Misantrop der schönen Frau verfällt. Es kommt zu einem Gegengeschenk, einem Honigglas von dem das „Spar-Ettikett“ durch ein Handgeschriebenes, ersetzt wurde, dann zu einer Einladung in den nachbarlichen Salon.

Schließlich bittet er sie jeden Freitag zum Kaffee, weist das „Du-Wort“ aber zunächst zurück, denn mit Distanz kann man sich besser ausdrücken, geht dann mit ihr in ein Konzert, gesteht ihr seine Liebe, bis sie schließlich mit Freunden auf Urlaub fährt und die Liebe zerbricht.

Am Anfang war, ich muß ich gestehen, von der schönen Sprache und der genauen Schilderung der Begegnung begeistert und habe gedacht „Uje, jetzt muß ich schon wieder würfeln!„, ironisch hab ich das Buch eigentlich nicht empfunden, sondern gedacht, daß sich der Hagestolz, der schüchterne junge Mann, es steht aber nirgends, wie alt dieser Karl eigentlich ist, in die schöne Frau verliebt und ich hatte schon einige schüchterne junge Männer in meiner Praxis und kenne mich da vielleicht ein bißchen aus.

Später habe ich das Buch und den Stil eher altmodisch empfunden und mit dem Schluß, der in einer philosphischen Wendung und bei Nietzsche endet, bin ich  nicht ganz mitgekommen.

Wahrscheinlich mag ich auch keine Bücher, wo Menschen von den Stärkeren übern Tisch gezogen, ausgenützt und zerstört werden, was aber eigentlich  nicht geschieht, denn Karl hat am Ende, nach zwei Jahren Einsamkeit, sein Buch fertiggeschrieben und auch beschloßen  an den Anfang  zurückzukehren und Anna Marwan hat  ihre  gut konstruierten Wendungen, um dieses Spinnennetztreiben, vielleicht  nur etwas zu lange ausgedehnt.

Und hier noch  zum Interview auf der Debutpreisseite.

2019-12-27

Wie man Dinge repariert

Jetzt kommt Buch drei der „Bloggerdebutshortlist“, schon oder erst, denn in den letzten Jahren habe ich die Shortlistbücher gleich nach Bekanntgabe der Liste gelesen und war Ende November, Anfang Dezember damit fertig, da man aber diesmal seine Jurybegründung erst am sechsten Jänner veröffentlichen soll, habe ich zuerst die die öst und die Schweizer Buchpreisliste fertig gelesen und werde mich jetzt zwischen Weihnachten und Neujahr den drei noch nicht gelesenen Debutbüchern widmen.

Martin Peichls „Wie man Dinge repariert“ erschienen in der „Editon Atelier“ mit einem ästehtisch schönen Cover, eine zerdrückte Bierdose „Peichl Bräu“ und „Reparaturseidl“ steht darauf und aus der Dose ragen ein paar zerknickte Rosenknospen heraus, die man als Metahper für den Roman verstehen könnte, der natürlich  wieder einmal keiner ist, ist also nach den SchweizerDystopien als Nächstes an der Reihe und ich habe aus dem Debut des 1983 in Waldviertel geborenen und in als Lehrer in Wien lebenden Martin Peichl schon ein Stück bei der „Alpha-Preisverleihung“, wo er neben Angela Lehner und  Malte Borsdorf auf der Shortlist gestanden ist, schon ein Stück gehört.

Das Buch, das ich benützte, stammt auch von dort her und ich kann wieder schreiben, daß ich bei der Lesung von dem Buch, von dem ich durchaus sehr beeindruck bin, wieder nicht viel mitbekommen habe und erst jetzt, ähnlich wie bei der Marie Gamilschegg seine poetischen Vorzüge erkenne, denn es ist ein durchaus lyrisches von der Sprache lebenden Buch, wie Martin Peichl auch im Interview auf der Debutseite bekennt, daß ihm die Sprache mehr als der Inhalt interessiert, allerdings würde ich das Buch, das wohl aus einer Reihe von Metapher über das Gelingen oder Mißlingen des Lebens garniert und umrankt von diversen Statusmeldungen, auch als ein, wie schon die Bierdose verrät,  etwas Zerdrücktes und Zerknautschtes beschreiben, eben eines, das man reapieren muß, wie das bei den Leben und den Lebensläufen halt so ist.

„Beziehungsstatus: Es gibt die große und die kleine Liebe so wie es im Wirtshaus  ein großes und ein kleines Bier gibt“, steht am Buchrücken und klappt man das Buch auf, findet man als Nächstes wieder einen „Beziehungsstatus: Ich schreibe schon wieder einen Text über dich“, heißt es da und das ganze Buch, das ich nicht als Roman, sondern eher als eine poetische Bestandsaufnahme bezeichnen würde, besteht aus Monologen an  ein vielleicht wechselnden oder auch bleibendes „du“, umrankt von den schon erwähnten Statusmeldungen, des Dreißigjährigen, wie ich im Netz, nicht im Buch, gelesen habe, der sein Leben leben, reparieren oder verweigern will, immer auf der Suche nach dem du, ist er vom Waldviertel aufgebrochen, nach Wien zum Studium, könnte man so sagen und nun sitzt er da, zählt seine Bierflaschen, schreibt seinen Roman, erzählt von seiner Lektorin, zitiert Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, dabei ist er auch, was mir naturgemäßt sehr gefällt, sehr politisch dabei und der „Krebs“ ist auch so eine Metapher für das Leben oder das Buch.

„Der Nachbar hat Krebs“, hat die Mutter dem kleinen Buben erzählt und ist mit ihm ihm besuchen gegangen. Der findet dann ein Pornoheft in seiner Lade, sieht, was ihm auch sein Leben begleitet, den schönen Frauen auf den Busen. Später stirbt der Vater wahrscheinlich auch an dieser Krankheit, vermacht ihm den Wald, wo er früher den Großvater auf einem Baum höngen gesehen hat und noch später hat er sein Leben gelebt, die Haare gehten ihm aus und er braucht eigentlich nicht mehr zur Frisörin gehen, weil es gar nichts mehr zum Wegschneiden gibt und das Ganze wird in einer Reihe von poetisch schönen Geschichten erzählt, wo man gar nicht nachkommt, die schönen Sätze und Formulierungen aufzuschreiben und zu unterstreichen.

Kein Roman, aber eine Statuserklärung eines wegen der vielen Bierflaschen wahrscheinlich doch nicht so geglückten Lebens, obwohl die Lektorin begeistert ist und das Buch, wie man sieht, schon das zweite Mal auf einer Shortlist gelandet ist und ich es, weil ich ja wahrscheinlich, die kleinen feinen poetisch formulierten Bücher doch sehr mag, bis jetzt nach Angela Lehners“ Vater unser“, an zweiter Stelle reihen  würde.

2019-12-25

Balg

Buch fünf der Schweizer Buchpreisliste, das Schweizer Buchpreislesen ist zu Ende und nach den großen Katastrophen und der Weltuntergangsstimmung, die Sibylle Berg von England ausgehend über ganz Europa ausbreitete, erzählt die 1981 am Bodensee aufgewachsene Tabea Steiner, die offenbar Lehrerin ist oder war vom kleinen Unglück in einer Familie, die sich auch zu einer großen Katastrphhe ausbreiten kann.

Balg ist die Bezeichnung eines unerzogenes Kindes und Timon ist ein solches, ein verhaltensauffälliges Kind, das durch die Unfähigkeit der Erwachsenen in die Verhaltensstörung hineingetrieben wurde.

Die Jugendämter können wohl wahre Lieder davon singen, aber das Wort Jugendamt kommt in dem Buch höchstens einmal vor, während die Kindergärtnerinnen den kleinen Timon weil er die anderen Kinder gebissen hat, in ein Extrazimmer sperren und die Schulleiterin, die Eltern in die schule holen und den Jungen von der Schule ausschließen, weil er die Lehrerin bestohlen hat und dabei hat alles so schön angefangen.

Chris und Antonia sind aufs Land gezogen, damit ihr Junge es einmal besser hat und in einer schönen Umgebung aufwächst. Antonia kommt von dort her, ihre Mutter lebt hier und kann sich, was ja auch sehr gut ist, gleich um ihn kümmern, wenn Antonia arbeiten geht.

Dann beginnt es gleich passend am Weihnachtsabend, Timon krabbelt zum Christbaum, schluckt irgendwas, Chris beschuldigt Antonia, die sich betrinkt, obwohl sie ja noch stillt. Dann verläßt Chris sie, zieht in die stadt, Antonia muß zu arbeiten beginnen, die Großmutter ist auch überfordert und die Kindergärtnerinnen schimpfen, weil Timon die anderen beißt.

Dabei gibt es einen Lichtblick im Dorf, Valentin, der war mal Lehrer, jetzt ist er Postbote, denn da ist einmal etwas ganz Schlimmes passiert, man weiß nicht genau was, ahnt, daß es umMißbrauch geht, daß Valentin zu lang geschwiegen hat und daß Antoina jetzt stinksauer auf ihn ist und seine Frau und seine Tochter haben ihn deshalb auch verlassen. Der alte Valentin ist es aber, der sich um Timon kümmert, er schafft sich auch Hase für ihn an und kauft ihm Süßigkeiten, als Antonia davon erfährt, droht sie mit der Polizei und verbietet Timon zu ihm zu gehen.

Dann schickt die Großmutter Timon auf einen Bauernhof, wo es ihm gefällt, Antonia holt ihn von dort weg und das Kätzchen das er gerne will, darf er auch nicht haben.

Antonia findet einen neuen Freund, der den Jungen nicht leiden kann, der Vater zu dem kontakt besteht und der eine neue Familie hat, kauf ihm ein Fahrrad, Antonia verkauft es und kauft sich dafür einen Mantel, den er zerschneidet, dann rückt er aus, verstckt sich in einer alten Käserei, Valentin gibt ihm Essen und läßt ihn bei sich duschen, während  Antonias Freund, dem sie sein Verschwinden verschweigt, auch nicht zur Polizei geht, sondern nur seine Hadybewegungen verfolgt, sein Zimmer bezieht und ihn zur Großmutter schickt.

Man sieht, es passiert viel in dem Buch, alles machen alles falsch, es ist sehr beeindruckend, das Elend in den Familien zu verfolgen, obwohl manches wieder etwas unlogisch und übertrieben scheint, kennt man solche Geschichten der Sprachlosigkeit, der Mißverständnisse, der Überforderungen, die zu Verhaltensstörungen und Traumatisierungen führen.

„Atemlos erzählt Tabea Steiner von einer grausamen Kindheit: ein verzweifelt zärtliches Buch über die Liebe und die Sprachlosigkeit“, hat Dana Grigorcea auf den Buchrücken geschrieben und man sieht wie vielfältig und unterschiedlich die heurige Buchpreisliste war, die einen auch zum Nachdenken bringen läßt.

Ein Debut kann ich noch verraten, ist es auch gewesen, obwohl es nicht auf die Bloggerdebutshortlist gekommen ist.

Und hier gehts zum Adventkalender und zum 25. Türchchen der „Nika, Weihnachtsfrau“.

2019-12-22

GRM-Brainfuck

Buch vier der „Schweizer Buchpreisliste“ und das Siegerbuch, der im Frühjahr erschienene Roman, der 1962 in Weimar geborenen und in Zürich lebenden Sibylle Berg von der ich schon ihr Kolumnenbuch „Gold“ und das  2012 auf der Schweizer Liste gestandene „Vielen Dank für das Leben“ gelesen hatte, das mir Klaus Khittl für meine Recherchen bezüglich „Paul und Paula“ geborgt hat.

Mit „Der Mann schläft“, ist sie, glaube ich, 2009 auf der deutschen Buchpreisliste gestanden und „Der Tag als meine Frau einen Mann fand“, steht auf meiner Leseliste für das nächste Jahr und das erste Mal habe ich von Sibylle Berg etwas gehört, als ich das „Nähkästchen des Schreibens“, ein Romanschreibratgeber, den ich einmal von einem dieser Selbstzahlerverlage bekommen habe, gelesen habe, denn da wurde ihr „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“, sehr gelobt.

Eine interessante Frau und eine interessante Autorin, die als Dramatikern vor kurzem auch den Nestroypreis gewonnen hat, da hätte sie Walter Famler eigentlich für sein „Utopie Festival“ einladen können oder auch nicht, denn „GRM-Brainfuck“ ist mehr eine Dystopie, als eine Utopie und was für eine, eine die den Rahmen sprengt, die verstört und betroffen macht, eigentlich keinen Plot und keine Handlung hat, die eine oder einen aber  nicht kalt lassen kann, denn es sprengt jeden Rahmen und sagt viel über die Zeit aus, in der wir leben und so ist es wohl auch kein Zukunftsroman, denn es ist ja wieder schon fast alles da, was hier beschrieben wird, auch wenn es wieder in der nächsten Zukunft spielt.

Utopische oder dystopische Romane scheinen jetzt ja sehr modern zu sein,  jeder scheint sie zu schreiben und jeder will sie lesen, wohl auch vielleicht, um von der eigenen Zukunftsangst abzulenken und sie zu verdrängen und da hätte ich gedacht, nur 1984 oder die „Schöne neue Welt“ wären solche, weit gefehlt.

Ich habe ja bei Stephan Teichgräber ein „Utopie-Workshop“ besucht und mich da ein bißchen mit dem utopischen Roman beschäftigt, dann die von Helmut Krauser und Andrej Kubicek gelesen und die vorige „Literatur im Herbst“ hat ja auch davon gehandelt.

Dann ist das Erscheinen von „GRM-Brainfuck“ im Frühjahr dieses Jahres wohl an mir vorbeigegangen. Das Schweizer Buchpreislesen hat es aber wieder eingeholt und mich auf das Buch aufmerksam gemacht.

Ich habe Sibylle Berg sowohl bei der „Buch Wien“ als auch bei der „Buch Basel“ daraus lesen oder erzählen gehört und war  von ihrer sehr trockenen zynischen Art, wie sie darüber berichtet hat, sehr beeindruckt.

Worum geht es nun in dem Buch, das in der nahen Zukunft in England spielt? Der Brexit ist vollzogen, die EU, glaube ich, abgeschafft, die Monarchie ist das auch und alle bekommen, was erst einmal tröstlich klingt und das ja auch viele wollen, ein bedingungsloses Grundgehalt, man muß sich nur dafür einen Chips einsetzen lassen und wird dadurch total überwacht und bekommt, wenn man sich fehl verhält, Punktabzüge, so daß man nicht mehr mit der U-Bahn fahren darf, etcetera, wie es ja in China schon passieren soll.

Das ist die Handlung, das, was Sibylle Berg in Wien und Basel darüber erzählte und das, was auf den Beschreibungstexten zu lesen ist und ist nur ein ganz kleiner Teil davon.

Vier Jugendliche, Don, Karen, Hanna, Peter, in der englischen Unterschicht aufgewachsen, die alle ihre Eltern verloren haben und denen auch Gewalt zugefügt wurde, machen da nicht mit, verweigern sich, rücken nach London aus, leben da im Untergrund, bekommen Kontakt zu Hackern und interessieren sich auch für „Grime“,  das ist eine Art Rap, die für diese Zeit und für diese Schicht typisch ist.

Sibylle Berg scheint auf ihren Lesetouren auch mit diesen Musikern aufzutreten. In Wien und in Basel war sie ohne diesen da und es geht auch nicht nur um die Grime-Musik, sondern, um den Niedergang der Mittelschicht, den Sieg der künstlichen Intelligenz , die Angst an die Chinesen verkauft zu werden, etcetera.

In einem sehr rasanten Tempo, mit dem man kaum mitkommt, wird auf den sechshundert Seiten plot- und handlungslos vom Untergang dieser Welt erzählt.

Schicksale werden aufgezählt, wo ein Mann seine Frau und seine Kinder erschießt, beispielsweise, weil die Frau querschnittsgelähmt ist, die Versicherung aber nicht bezahlt und er die Versorgung nicht schafft.

Die handelnden Personen werden steckbriefartig vorgestellt „Frau Cäcilie, Ausbildungsnachweis: Wachdienst, Armeedienst, ehrenhaft entlassen, Gesundheitszustand 1a, Psychische Probleme diverse“, zum Beispiel, man hetzt durch das Buch und denkt vielleicht darüber nach, was noch normal ist in der Welt, in der wir leben und an die Angst, die wir vor der Zukunft haben.

Von  der Geldabschaffung, den Überwachung oder, wie die  Verschwörungstheorien  alle lauten, die man sich im Netz und bei You Tube ansehen kann und Sibylle Berg meint auch, daß die, die sich für das Grundeinkommen, für das man später dann noch sinnlos arbeiten muß, registrieren, die neu gewonnene Kreativität in You Tube-Videos ausleben kann und ich habe ein gutes Buch gelesen, das den „Schweizer Buchpreis“ sicher verdient, aber auch verstört und man wohl nur denken kann,  „Wie kommen wir da heraus ?“

Mir ist während des Lesens auch noch eingefallen, daß es vielleicht gut sein könnte, „1984“ wieder zu lesen, um zu sehen, wie weit das, was da beschrieben wurde, schon eingetroffen ist und wie weit uns die Wirklichkeit schon überholt hat?

2019-12-21

Unhaltbare Zustände

Nun geht es in die Schweiz zum Schweizer Lesen und zu Buch drei des „Schweizer Buchpreises“ nämlich Alain Claude Sulzers „Unhaltbare Zustände“ der schon 2012 mit „Aus den Fugen“ auf der Schweizer Liste gestanden ist, das Buch habe ich im Sommer in Locarno gelesen, das neue habe ich nach Basel mitgenommen, bin aber neben der „Buch-Basel“ und dem siebenten „Nanowrimo“ und der Stadtbesiichtigung nicht zum Lesen gekommen und nun habe ich das Buch gelesen, das ein sehr langsames altmodisches ist und das mich mehr beeidruckt hat, als das von dem Künstler der plötzlich den Konzertsaal mitten im Spiel verläßt, obwohl es wahrscheinlich, um einen ähnlichen tragischen Ausnahmezustand geht und der 1953 Geborene, den ich auch bei der Lesung im Volkshaus Basel hörte, wohl ein Meister darin ist.

Ein sehr langsames und altmodisches Buch, das im jahr 1968, wo sich alles änderte und das neue Leben in die Schweiz und da wohl in die Stadt Bern mit dem Bärengraben eintritt und auf dem Münster die Vietcongfahne gehießt wird, spielt und da von einem älteren wohl sechzigjährigen Schaufensterdekorateur handelt, der im „Quatre Saisons“ schon seit Jahrzehnten für die Gestaltung der Schaufenster zuständig ist.

Ein etwas altmodischer Herr, unverheiratet, der bis zu ihrem Tod bei seiner Mutter lebte, ein wenig schrullig wohl, wie ihn Sulzer, der ja auch schon über sechzig ist, sehr gekonnt, aber wohl auch sehr klischeehaft schildert.

Nun holt ihm die neue Zeit, die er nicht mehr versteht ein und er wird durch einen neuen Schausfensterdekorateuer ersetzt, der lebende Figuren, sprich Schauspielschüler in die Schaufenster setzt und Robert Stettler bleibt über und zerbricht daran, gibt es ja auch keine Frauen in seinem Leben, die Mutter ist tot, sondern nur eine Liebe oder Schwärmerei zu einer Rundfunkpianistin namens Lotte Zerbst, wohl auch schon eine ältere Dame. Ihr schreibt er Briefe und fängt auch Bier zu trinken an und sie, die in ihrer Jugend von ihrem russischen Klavierlehrer mißbraucht wurde, wäre wohl auch nicht abgeneigt, ihn zu treffen.

Allein der Zufall spielt dagegen, das geplante Schostakowitsch-Konzert, das sie in seiner Stadt geben soll, wird wegen dem Einmarsch in die CSSR abgesagt und als sie dann doch kommt, um Chopin zu spielen, findet sie seine Adresse nicht und er hat da schon längst seinen Abgang, sprich letzten großen Coup geplant.

Das ist wieder etwas dramatisch und ich würde das wohl eher banaler schildern, aber Stetter, der seinem Widersacher vorher verfolgte und auch einen Denuziationsbrief an die Geschäftsleitung schrieb, als er ihn mit ein paar jungen Leuten aus seiner Wohnung gehen sah, auch das ist vielleicht ein bißchen dick aufgetragen, reagiert am Ende viel moderner, als der strahlendene Konkurrent, als er sich nämlich nackt in in das Schaufenster setzt und dadurch einen wahren Auflauf erregt.

Blöd ist nur, daß er damit wahrscheinlich nicht nur in die „Irrenanstalt“ kommt, sondern, daß Lotte Zerbst auch an dem Schaufenster vorbei geht und entsetzt über den „armen Irren“ ist, wie sie ihm später in einem Brief mitteilt.

Einen Prolog und einen Epilog, gibt es auch und ich habe ein spannendes Buch gelesen und bin wieder ein Stück weiter in die Schweizer Literatur  eingedrungen und habe vielleicht auch von Alain Claude Sulzer, den ich, wenn ich mich nicht irre, 1996 kennenlernte, als ich da einmal nach Klagenfurt zum „Bachmannpreis“ als Zuschauerin gefahren bin, etwas mehr erfahren.

2019-12-15

Schotter

CJetzt kommt Buch zehn des österreichischen Buchpreislesens, das damit abgeschlossen ist.

Florjan Lipus „Schotter“ ist das letzte Buch, das noch zu lesen war und von den 1937 bei Bad Eisenkappl geborenen, habe ich schon einiges gelesen und gehört, denn der auf slowenisch schreibende Dichter, ist einer, der wahrscheinlich ähnlich wie Josef Winkler sein ganzes Leben ein einziges Buch, beziehungsweise sein Trauma beschreibt und das war bei Florjan Lipus, wahrscheinlich die Mutter, die, als er sechs war ins KZ Ravensbrück verschleppt und dort ermordet wurde.

Sein bekanntes Werk ist wohl der „Zöglings Tjaz“, der von Peter Handke übesetzt wurde. Das habe ich nicht gelesen, wie „Schotter“ auch mein erstes gelesenes Lipus-Buch ist.

Ich habe aber einmal eine zweisprachige Lesung in der „Alten Schmiede“ gehört, 2017 war er bei den O Tönen, wo von Katja Gassner bedauert wurde, daß er nicht den österreichischen Staatspreis für Literatur bekommen hat, weil er ja nicht auf Deutsch  schreibt, slowenisch ist aber eine anerkannte Minderheitensprache und er hat den Preis, glaube ich, inzwischen auch bekommen.

Das Buch, das er dort vorstellte, habe ich mir aber, glaube ich, bei einem Literaturhaus-Flohmarkt gekauft und den „Zögling Tjaz“ einmal in den Schränken gefunden und nun „Schotter“, wo es nicht, zumindestens nicht vordergründig, um die tote Mutter geht, sondern um einen Gedenkbesuch in ein Lager, das eine Dorfgemeinschaft macht und das nicht sehr dicke Büchlein, ich habe das PDF oder E Book gelesen, das mir „Jung und Jung“ zur Verfügung stellte, ist, würde ich sagen, eine einzige Litanei oder ein Totengesang auf das damals Geschehene.

Der Titel beszieht sich auf den Schotter, der am Boden liegend, sowohl die Fußsohlen, der damals Inhaftierten, als auch die, der Besucher berührten und es gibt zwei Enkelkinder, einen Knaben und ein Mädchen, die nach den Spuren der getöteten Großmutter suchen und die natürlich nicht finden.

Ein beeindruckendes Werk eines großen österreichischen Schriftstellers, der vielleicht ein wenig im Schatten von Peter Handke, Josef Winkler und Gerhard Roth steht, ich habe mir aber schon 2017 gewünscht, daß er den „Buchpreis“ bekommt, da stand er nicht auf der Liste, jetzt ist er nicht auf die Shortlist gekommen.

Auf Meiner würde er stehen und wenn ich, was ja eigentlich nicht geht, eine Reihung von meinen Favoriten geben würde, würde die so ausschauen:

  1. Florja Lipus „Schotter“
  2. Raphaela Edelbauer „Das flüssige Land“
  3. Gerhard Roth „Der Himmel ist leer, die Teufel sind alle hier“
  4. Marlene Streeruwitz „Flammenwand“
  5. Clemens J. Setz „Der Trost runder Dinge“
  6. Karl Markus Gauss „Abendteuerliche Reise durch mein Zimmer“
  7. Sophie Reyer „Mutter brennt“
  8. Norbert Gstrein „Als ich jung war“
  9. Ivna Zik „Die Nachkommende“
  10. Harald Darer „Blaumann“

Und von den Debuts kann ich gleich hinzufügen, haben mir Angela Lehner und Marco Dinic besonders gut gefallen.

2019-12-13

Die guten Tage

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Jetzt kommt das letzte Buch der österreichichen Debutpreisliste und ich muß sagen der 1988 in Wien geborene und in Belgrad aufgewachsene Marco Dinic, der dann in Salzburg Germanistik und jüdische Kulturgeschichte studierte und beim „Bachmannpreis“ glesen hat, macht es mir nicht leicht, mich zwischen ihm und Angela Lehner bezüglich des besten Debuts, was ja ohnehin nicht geht, zu entscheiden.

Beide Bücher sind sehr gut und schade, daß es nicht auf die  Debutpreisshortlist gekommen ist, obwohl ich länger brauchte, bis ich die Struktur erkannte und mich von dem Ton, der teilweise sehr hart rauh aggressiv und auch unsympathisch ist, mitreißen ließ.  Aber so sind sie die Kriegskinder des ehemaligen Jugoslawien, die ihre Kindheit in den Krisengebieten oder in der Diaspora erlebten und einige von ihnen äußern sich auch sehr scharf über ihre vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner.

Beginnen tut es, wie auch Verena Mermers „Autobus Esperanza“ in dem sogenannten Gastarbeiterexpress, der von Wien nach Belgrad fährt. Dorthin reist der Ich-Erzähler, der glaube ich, wie an einer Stelle erwähnt wird, tatsächlich Dinic heißt, zum Begräbnis seiner Großmutter.

Dort war er lange nicht, denn der Krieg, sein Verhältnis zu seinem Vater, einem ehemaligen beamten, den er nur wüst beschimpft, hat ihn davon abgehalten.

Er soll auch den Ring der Großmutter mitbringen, den ihm diese zusammen mit ihren Ersparnissen gab, als er die Matura hinter sich hatte und sich wohl in einen ähnlichen Bus in umgekehrer Richtung gesetzt hat und sein Leben fortan in Wien als Barkeeper verbrachte.

Im Bus neben ihn sitzt ein Elektriker und Hobbyautor, der nach Belgrad reist um seine Familiengeschichte zu schreiben. Der schwafelt ih die Ohren voll, verschwindet dann an der ungarisch-serbischen Grenze auf geheimnisvolle Weise, wie er überhaupt ein eher faustischer Charakter zu sein scheint.

Der Bus fährt weiter und die Gedanken des Erzählers gehen in seine Kindheit bzw. Schulzeit zurück. Der Vater wird, wie schon beschrieben beschimpft, die Familiengeschichte erzählt, die Großmutter hat einige Söhne geboren und dann bei seinen Eltern gelebt. Die Mutter wollte zwar einstmals in Amsterdam Kunst studieren, ist dann aber doch nach Belgrad zurückgekommen.

Eine Schulstunde kurz vor der Matura wird lang und breit geschildert, wie der Geschichtslehrer, die Schüler mit seinen Geschichten nervt und unter Druck setzt. Dann kommt die Matura, die Großmutter gibt ihm das Geld, er haut ab und ist jetzt mit demRing zurückgekommen, sieht, daß der Vater klein und alt und geschrumpft ist, erlebt das Begräbnis als Farce, irrt dann in der Stdt herum und trifft an der Stelle über einem ehemaligen Konzentrationslager, das jetzt teilweise ein luxuröses Neubauviertel werden soll, teilweise aber noch die Roma aus der ehemaligen Roma-Siedlung und anderen Obdachlose in einer Bauhütte im Schmutz zusammenkauern läßt, den jetzt seltsam verjüngten Busnachbarn wieder, der sich in seiner zynischen Art über die Gegend und ihre Geschichte ausläßt und dann sein Leben aushaucht.

Das ist die Stelle die Marco Dinic auch bei der Debutlesung in der AK-Bibliothek gelesen hat. Der Erzähler geht nach Hause, trifft sein Vater erstaunlicherweise beim Lesen der russischen Dichter an, die schon früher in dem Buch vorkamen und der Erzähler söhnt sich mit ihm aus, reist am nächsten Tag nach Wien zurück oder bleibt  vielleicht auch in Belgrad zurück?

Das Ende ist jedenfalls unklar.

„Ich öffnete die Augen. War nirgends angekommen“, lauten die letzten Sätze.

2019-12-12

Als ich jung war

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:42
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Nun kommt Buch acht der österreichischen Buchpreisliste und gleichzeitig das Siegerbuch Norbert Gstreins „Als ich jung war“ und ich habe von dem 1962 in Tirol geborenen schon einiges gelesen und gehört.

Aufgefallen ist er mir, glaube ich, vor zig Jahren als er beim „Bachmannpreis“ gelesen hat. Da habe ich ihn, glaube ich, für experimentell gehalten. Inzwischen ist sein Stil eindeutig realistisch geworden. Er greift immer aktuelle Themen auf und versucht sie, glaube ich, auch mit philosophischen Ansätzen zu verbinden.

„Selbstportrait mit einer Toten“, sowie „Die ganze Wahrheit“, habe ich gelesen und kürzlich erst die „Kommenden Jahre“ wo er mit dem Buch, glaube ich, sowohl in Krems, als auch bei den „O-Tönen“ war.

Er ist, glaube ich, auch schon öfter auf den „Buchpreislisten“ gestanden. 2013 mit einer „Ahnung vom Anfang“, in der „Alten Schmiede“ habe ich auch schon Lesungen aus seinen Romanen gehört, den „Wildganspreis“ hat er bekommen und bei dem neuen Buch haben, glaube ich, einige bedauert, daß es nicht auf der deutschen Liste gestanden ist.

Nun  war er auf der österreichischen und ich kann schreiben, daß ich mit dem Buch wohl das Problem hatte, wie mit Norbert Gstrein überhaupt, den ich wahrscheinlich, als etwas distanziert empfinde oder man kann über das Buch ein großes philosophisches Konstrukt stülpen, kann die verschiedenen Fragen, wie „Wem gehört die Wahrheit?“, „Wer erzählt eine Geschichte?“, „Was erzählt man dabei und was nicht?“, diskutieren und dann liest man ein Buch, wo auf den dreihundertfünfzig Seiten eigentlich nicht sehr viel geschieht, als daß der Ich-Erzähler Franz der im Hotel seines Vaters aufgewachsen ist, der dort eine sogeannten Hochzeitfabrik betrieb, das heißt, jedes Wochenende Hochzeiten ausrichtete, einmal die Cousine einer Braut küsste, die sich als siebzehn ausgab, aber erst dreizehn war.

Er war zu dieser Zeit Student und ein paar Wochen später ist eine Braut bei einer anderer Hochzeit, die er fotografierte, tot aufgefunden worden. Der Protagonist ist daraufhin nach Amerika gegangen, war dort jahrelang Skilehrer und kehrte, nachdem er eine Beinverletzung hatte, wieder nach Tirol in das Hotel, das inzwischen von seinem Bruder geführt wird, zurück. Dazwischen liegt eine Beziehung zu einem tschechischen Professor, dessen Skilehrer er in der USA war und der sich dort umbrachte.

Das ist eigentlich die ganze Handlung und die ist eigentlich banal. Norbert Gstrein schreibt einen ganzen Roman daraus, der die Frage, der Schuld aufbläht oder beleuchtet und eigentlich einen Looser aus diesem Franz macht.

Aber, um welche Schuld geht es? Ein Kuß ist, denke ich, kein Verbrechen auch wenn das Mädchen erst dreizehn ist und die Theorie, die ich auch schon hörte, daß er die Braut umgebracht hat, kann ich aus dem, was ich gelesen habe, eigentlich nicht nachvollziehen.

Trotzdem tauchen ständig Kommissare oder Sheriffs auf, das halbe Buch spielt in Amerika, die andere Hälfte in Tirol und am Schluß, da fährt er zu einem Konzert, wo das inzwischen erwachsene, dreizehnjährige Mädchen, eine Geigerin ein Konzert gibt.Er geht aber nicht hienein, aus Angst, daß ihm die Polizei verhaften können, flieht er mit dem Auto nach Sizilien, wo er zusammengeschlagen wird, in einem Krankenhaus aufwacht und den dort ihn fragenden Ärzten einen Namen angibt.

Das erscheint mir etwas sehr aufgebläht oder viel Lärm um nichts und man könnte das alles viel einfacher und viel weniger geheimnisvoll erzählen, aber damit vielleicht keinen Buchpreis gewinnen.

Interessant ist auch, daß Norbert Gstrein bei der Preisverleihung ja krank war, den Anfang seines nächsten Romans von seiner Lebensgefährtin vorlesen ließ, was einigen Besuchern nicht gefallen hat und Clemens J. Setz der ja auch auf der Shortlist gestanden ist, dessen Erzählband ich gerade ebenfalls lese, sich auf der „Buch Wien“ wo er für Michael Köhlmeier eingesprungen ist, sich darüber mokierte, daß er nicht anwesend war und in seiner ersten Erzählung auch Norbert Gstrein erwähnte.

Da ich außer „Schotter“ jetzt schon alle Bücher gelesen habe, könnte man mich nach meiner Einschätzung zum Buchpreis fragen und wissen wollen, wem ich den Preis gegeben hätte?

Ich fürchte, ich weiß es nicht, bei meiner Shortlistprognose hätte ich ja auf Florjan Lipus oder Gerhard Roth getippt. Das Roth Buch hat mir, glaube ich, während des Lesens nicht so sehr gefallen. Jetzt würde ich es aber bei meinen Ranking hinaufreihen. Raphaela Edelbauers Buch hat mir sehr gefallen. Sie hätte ich gern auf der „Bloggerdebutshortliste“ gehabt und sonst Karl Markus Gauss ist interessant, Norbert Gstrein ohne jeden Zweifel ein routinierter Schreiber, Sophie Reyer eher experimentell und Harald Darer, der mir auch nicht so gefallen hat und Marlene Streeruwitz sind ja nicht auf der Shortlist gestanden, was auch für Ivna Zik gilt.

 

2019-12-08

Der Trost runder Dinge

Buch acht des öst Bp und das vierte Shortlistbuch, der Erzählband des 1982 in Graz geborenen literarischen Shootingsstar, der immer skurriler wird.

Ich habe seinen Werdegang ziemlich vom Anfang an verfolgt, habe „Söhne und Planeten“ gelesen, was mir eigentlich auch schon sehr kompliziert konstruiert erschienen ist. Die Skurrilität war dann schon ein bißchen im „Mahlstädterkind“, wofür er den „Leipziger Buchpreis“ bekommen hat zu merken. Von den Romanen habe ich außer dem Erstlings nur das deutsche Buchpreisbuch von 2015, den Monsterroman „Stunde zwischen Frau und Gitarre“ gelesen, der mir eigentlich sehr gut gefallen hat.

Den Erzählband hat Setz schon bei den O-Tönen vorgestellt, da habe ich eigentlich nicht so viel damit anfangen können. Jetzt denke ich, daß ich wahrscheinlich kein Setz-Erzähltyp bin, will ich es ja eigentlich realistischer und so kann ich mit den Geschichten, wo einer zu einem Schriftstellerkongreß nach Kanada fliegen will, wo auch und das ist interessant „Norbert Gstrein“, der „Buchpreisträger“, neben dem Setz, wie er auf der Buch-Wien sagte, eigentlich sitzen hätte sollen, aber krank gewesen ist, teilnehmen sollte. Der Flug geht aber nicht und nicht ab, so verzichtet er geht nach Haus und findet dann seine Wohnung bevölkert mit hunderten Gestalten, die von seiner Frau liebevoll gepflegt werden.

Das ist mir zu skurill, wie auch die Geschichte von dem „Alten Haus“, das sich einer, der sich Peter Ulrichsdorfer oder Ulrichdorfer nennt und meint früher dort gewohnt zu haben, anschauen will, dann aber von der Familie mit einer ähnlich skurrillen Geschichte hinauskomplmentiert wird.

Der nächste Ich-Erzähler fliegt dann mit einem „Or“ nach Norwegen und erlebt auch sehr viel dabei.

Dann kommt passend zu den „Erich-Fried-Tagen“ auf dem ich das Buch vorwiegend las, eine Angstgeschichte. Da geht es um Herrn Zweigl und seine Söhne. Der hat Panikattacken und lebt sie auch intensiv aus. Besonders interessant war da für mich die Stelle, daß es ja einen Tag im Jahr gibt, an dem man irgendwann einmal sterben wird und man weiß es nicht. Das hat mein schriftstellerische Neugier geweckt und ich habe gedacht, das würde ich gerne wissen, welcher Tag das ist, aber das bekommt man wohl auch mit der größten Angst nicht heraus, ganz im Gegenteil.

Die nächsten zwei Geschichten sind wieder etwas schwierig zu verstehen. Das heißt, vorher gibt es noch die ganz kurze, die auch bei der „Buchpreisverleihung“ gelesen wurde, nämlich die, wo ein Mann vor einem Salamander steht und beide fragen sich, ob der andere nicht vielleicht tot ist?

Auf Einfälle muß man erst kommen. Clemens J. Setz scheint da ein Meister zu sein und während manche Geschichten eher schwer zu lesen ist und mich nicht in ihren Bann ziehen konnten.

Beim „Schulfoto“ war das anders, die ist zwar auch sehr skurril, regt aber  zum Nachdenken an und ist in vielleicht anderer Form gar nicht sosehr von der Wirklichkeit entfernt.

Wird da ja ein Mann in die Schule seiner Tochter zur Frau Direktor zitiert, weil er sich geweigert hat, das Schulfoto zu kaufen. Warum hat er das getan? Weil da ein Kind darauf zu sehen ist, das nur leben kann, weil es von einem Automaten begleitet oder in ihn gesteckt wird. Das kommt nicht so ganz heraus, scheint jedenfalls skurriller zu sein, als wenn ein Spastiker in einer Integrationsklasse sitzt.

Aber dazu fällt mir ein, daß sich, als ich eine junge Studentin war und für den Herrn Novak um Opernkarten anstellte, da die Empörung über Erwin Rngel zu hören bekam, der im Rollstuhl auf die Opernbühne kam, um dort Vorträge zu halten und ich kann mir auch vorstellen, daß es Unterschriftenaktionen gibt, wenn ein behindertes Kind in eine Klasse aufgenommen werden soll.

Auf der anderen Seite gibt es wieder die Frage, was alles medizinisch möglich sein soll, so gibt es ja auch Geschichen, daß klinisch tote Mütter künstlich am Leben erhalten werden, damit sich das Kind in ihrem Bauch entwickeln kann und die Großmütter dazu angehalten werden, den zu streicheln.

Natürlich kann man sich fragen, wieso die Eltern dann nichts dagegen haben, daß ihre Kinder mit diesem Kind in die Klasse zu gehen und sich nur weigern das Foto zu kaufen, was man aber wieder psychologisch interpretieren kann.

Auch sehr spannend ist die Beziehung eines Schulwartes zu einer blinden Frau, deren Wohnung bis oben hin voll mit Obzönitäten beschrieben ist und ein bißchen makaber, man kann es sich aber auch wieder sozialkritisch deuten, die wo eine Frau einen Begleitservice bestellt und von dem sie besuchenden Mann möchte, daß er sie in dem Zimmer, wo ihr Sohn im Koma liegt, vögelt.

Ebenfalls beeindruckend war für mich „Frau Triegler“. Da wird eine Krankenschwester, die sehr einfühlsam in einer Schule mit den Kindern umgeht, plötzlich entlassen, weil die Schule sparen will und sie entführt dnn einen Schüler. Man sieht denke ich Clemens J. Setz Sozialanliegen, das er dann sehr skurril und einzigartig umzusetzen versteht.

Ums „Christkind“ geht es dann zur Jahreszeit passend auch. Da soll ein Weihnachtshasser für ein krankes Kind Signale ausetzen.

In „Suzy“ gehen ein paar sechszehnjährige Schüler in eine Bar und bevor sie hinausgeschmissen werden, schreibt einer im Klo seine Telefonnummer und den Namen „Suzy“ an die Wand. Die Anrufe folgen, er gibt sich als den zehnjährigen Sohn der Dame aus, sagt er darf während sie arbeitet sein Zimmer nicht verlassen und daneben läuft die Schule und der Schulwochen der Schwester ganz gewöhnlich ab.

Ein paar sehr packende und ungewöhnlich kombinierte Geschichten in dem Band, ein paar sind das, wie schon beschrieben weniger, dennoch würde ich das Buch in dem öst Ranking, das bald erfolgen wird, eher höher reihen, vor dem Preisträgerbuch kann ich schon flüstern und wenn Clemens J. Setz das lesen sollte und ihm das ein Trost sein sollte, sofern er sich auf der Buch Wien und auch schon vorher geärgert hat, wird mich das freuen.

2019-11-30

Jesolo

Nach dem die Bloggerdebutshortlist bekanntgegeben wurde, das zweite Buch der öst Debutliste, Tanja Raichs „Jesolo“ und ich habe die 1986  in Meran geborene ja als Herausgeberin der „K&S“-Literaturschiene kennengelernt.

„Jesolo“ ist bei „Blessing“ erschienen und hat eigentlich nicht viel mit dem italienischen Badeort zu tun oder doch vielleicht, denn dort verbringen Andi und Georg jeden Sommer ihren Urlaub und sie streiten sich im nullten Kaptel auch sehr viel dabei.

Überlegen eine Trennung, Andi tut das, Georg will eigentlich, daß sie bei ihm einzieht und hat auch schon längst Pläne für die Erweiterund des Hauses seiner Eltern geplant. Dann wird Andi schwanger und „Jesolo“ entpuppt sich als das zweite Buch über die Schwangerschaft, das ich in der letzten Zeit gelesen habe.

Andrea Grill ist es in „Cherubino“ artizifieller angegangen, Tanja Raich ist realistischer und am Anfang erschien mir diese Andi, eine Grafikerin, auch als sehr gestört und ich habe mir gedacht, warum verläßt sie ihn nicht und warum treibt sie nicht ab?

Sie tut es nicht, sondern hält im ganzen Buch einen Dialog mit dem „Du“, dem Georg, der alles besser weiß, alles plant, etcetera.

Ratschläge tauchen auf: „Hör zu rauchen auf!“, „Eine Zigarette kann nicht schaden!“, „Du mußt zunehmen!“, „Du mußt für zwei essen!“, etcetera.

Die Schwiegermutter von der zuerst gesagt wird, daß sie sich nicht einmischschen wird und nie da ist, steht auf einmal in der Wohnung und fängt zu putzen und zu bügeln an und Andi träumt von ihrer Mutter, die sie verlassen hat, als sie zehn war. Den Kontakt zu ihrem Vater hat sie auch abgebrochen. Jetzt meldet er sich wieder und will neu anfangen. Schwangerschaftsuntersuchungen werden gemacht, der Platz im Graphikerbür geräumt, die Ultraschllbilder hergezeigt. Die Hebamme im Schwangerschaftsvorbereitung fragt nach den Gefühlen? Filme über die Geburt werden angesehen und am Ende sieht es dann „genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe.“

Ein interessantes Buch würde ich urteilen, leicht zu lesen, über die geschilderten Ambivalenzen läßt es sich nachdenken und die widersprüchigen Ratschläge hat wohl jeder, der einmal schwanger war, schon gehört.

Und ich war schon bei zwei Lesungen aus dem Buch,  bei „Rund um die Burg“ im April und dann bei der Debutpreislesung im Oktober.

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