Literaturgefluester

2017-06-18

Erkenntnis am Hochzeitstag

Dann setzte die Musik ein und die Menge begann zu tanzen. Walzer, Donauwalzer, der Braut aus dem schönen Wien an der angeblich genauso schönen Donau zu Ehren und Natalie in dem weißen Kleid mit der Brüsseler Spitze, das sie  selber entworfen hatte und  von einer Schneiderin genau nach ihren Anleitungen nähen hatte lassen, den Schleier hatte sie inzwischen abgelegt, der sollte sie nicht stören, befand sich mitten in der Menge und schmiegte sich an Moritz, ihren Ehemann, der in seinem schwarzen Anzug eine absolut eindrucksvolle Erscheinung war. Imposant und sympathisch, absolut der Held des Abends. Sie jetzt aber so zornig oder auch irritiert anfunkelte, daß sie intuitiv „Uje, Jetzt kommt die Standpauke!“, dachte und tief durchatmenen mußte, damit sie nicht aus der Fassung kam.

Denn jetzt hatte er es geschnallt, daß er Natalie, die Psychoanalytikerin, die einzige und richtige Tochter ihrer Eltern und nicht, wie er geglaubt hatte, Mathilde, das Aschenputtelchen geheiratet hatte. Jetzt hatte er es begriffen, während er vor zehn Tagen, als die Hochzeitsanzeigen geliefert worden waren, noch an einen dummen Druckfehler geglaubt und darüber gewitzelt hatte, weil da N.Schmidt und nicht das erwartete M. stand und sie hatte getan, als ob sie der Fehler ärgere und es hatte sie auch wirklich ein wenig geärgert, daß auf ihrer Trauanzeige, ein schlichtes unscheinbares „N“ und nicht, wie ihr eigentlich zukam und sie es sich immer so vorgestellt hatte: Dr. med Natalie Schmidt, Psychoanalytikerin, gestanden hatte.

Sie hatte es zwar selbst so ausgesucht und wenn man es so wollte, den angeblichen Fehler selber zu verantworten, weil es nicht anders ging, wenn Moritz sie statt ihrer Schwester heiraten sollte und, daß es so gekommen war, hatte sie, wenn sie eherlich war,  für ein Spel und eine Laune des Schicksals gehalten.

Irgendwie hatte sie, seit er sie damals auf der Tautenzienstraße angesprochen und sie für ihre Schwester gehalten hatte, der Teufel geritten und etwas in ihr hatte ausprobieren wollen, wie lange es ging, ihn in sie verliebt zu machen, ohne daß er den Irrtum merkte?

Und es hatte, was sie selbst ein wenig wunderte, geklappt, obwohl sie nur äußerlich, dem grauen Mäuschen ähnlich sah und auch das nicht wirklich. Denn er hatte sie  in der Ritterschen Weinstube in einem eleganten Kleid gesehen, während Mathilde mit der Valentinsrose in Jeans und einem graugestreiften Pullover daneben gesessen war.

Er hätte den Unterschied also merken können, daß sie plötzlich im Designerkostüm, geschminkt und parfumiert auf der Tautenzenstraße auftauchte, obwohl Mathilde in Krankenstand war und das Bett hüten mußte.

Er hatte es nicht getan, weil er es nicht merken wollte. Das war immer noch ihre These und etwas, was sie auch Dr. Gubinger, ihrem Lehranalytiker beweisen wollte und deshalb hatte sie zu spielen angefangen und sich die ganze Zeit gewundert, daß das so einfach ging und er nichts merkte.

Denn sie war mit ihm in seine Wohnung gegangen, hatte nur ein bißchen aufgepasst, daß sie sich nicht verriet und nicht aus Versehen im Besernkammerl statt am Klo landete, denn sie konnte nicht wissen, ob und, wie oft Mathilde schon in dieser gewesen war und, wie gut sie sich darin auskannte?

Sie tat das wahrscheinlich, wie sie später merkte. Aber sie hatte sich in Moritz Junggesellenheim mit den vielen Büchern auch bald ausgekannt. So groß war die Wohnung nicht und hatte die drei Tage ihres angeblichen Krankenstandes dort verbracht. Dazwischen war sie  zweimal bei Mathilde gewesen. Das erste Mal, um ihre Reisetasche abzuholen. Das zweite Mal, um ihr ihre Verlobung zu verkünden, worauf das graue Möuschen prompt reagierte und schreckhaft nach Wien geflüchtet war. Das wärere noch eine Schwierigkeit gewesen, weil sie das nicht ohne den Umweg in den Verlag und ihrem Chef zu kündigen tat.

Aber da war sie mit Moritz selbst in Wien gewesen, hatte ihn den Eltern vorgestellt und sich ihre Papiere abgeholt, um beim Standesamt in Lichtenberg später das Aufgebot zu bestellen. Und das war glatt gegangen, ohne, daß sie sich in den Weg gelaufen waren. Später war Mathilde aus dem Verlag verschwunden, weil sie, wie Moritz allen erzählte,  seine Braut geworden war und sich verändern wollte und auch hier hatte niemand etwas geschnallt. Er hatte nicht nachgefragt. Der Chef, der es anders wissen mußte, nichts verraten.

„Glück muß der Mensch haben!“, dachte sie ein wenig spättisch. Und sie hatte es auch und absolut keine Schuldgefühle. Denn es war ein Spiel, das sie ausprobieren wollte und so fand sie es nur faszinierend, daß es so leicht klappte.

Die nächste Schwierigkeit war die Trauanzeige gewesen. Aber da hatte er nur den Kopf geschüttelt und von den „Deppen!“, geredet die das „M“ mit einem „N“ verwechselten und sie hatte  so getan, als ob sie nichts höre. Sich das Kleid schneidern lassen, die Eltern zu der Hochzeit eingeladen, die natürlich auch nicht nach Mathilde fragten. Denn sie spielten dieses Verwirr- und Verdrängungsspiel selbst perfekt seit fünfunddreißig Jahren. An Mathilde hatte sie, damit, die sich auskannte, auch eine Anzeige geschickt, aber keine Sorge gehabt, daß sie zur Hochzeit kommen würde.

Sie war auch nicht gekommen. So kam der Tag heran und sie war in dem weißen Kleid mit dem Schleier zuerst zur Kirche, dann aufs Standesamt gefahren und da mußte die Erkenntnis natürlich kommen und tat es auch, denn der Standesbeamte, ein Herr Rainer Schneider, wie sie sich erinnern konnte, hielt ihr das Vermählungsbuch hin und forderte sie lauf auf ihren Namen: Dr. Natalie Schmid hineinzuschreiben, was sie auch tat.

Die Mutter und sein Vater unterschrieben, als Trauzeugen und sie sah an seinem Gesichtsausdruck, daß er jetzt etwas zu schnallen begann. Es war aber zu spät, einen Einwand zu machen, denn das Dr. Moritz Lichtenstern stand schon da. Der Standesbeamte gratulierte, die Eltern und die anderen Gäste taten das ebenfall und es ging auf in das Seehotel und dort zur Tafel, wo auch keine Gelegenheit zur Aussprache war.

Dann begann, die engagierte Musikkapelle den Donauwalzer zu spielen. Moritz mußte sie der Sitte nach auf das Tanzparkett führen und mit ihr allein die erste Runde tanzen.  Danach gesellte sich die Menge dazu. Sie tanzten mittendrin und Moritz sah sie jetzt scharf an, rückte etwas von ihr ab und fragte streng „Natalie? Du heißt Natalie und bist die Psychoanalytikerin und nicht Mathilde?“

Sie hatte sich inzwischen gefaßt, schaute spöttisch  und tat erstaunt.

„Natürlich, hast du das nicht gewußt? Mathilde ist meine Zwillingsschwester, die bei euch Sekretärin ist oder besser war, denn sie ist inzwischen nach Wien zurückgekehrt und hat eine andere Stelle angenommen. Wir sehen uns sehr ähnlich und man hat uns immer gesagt, daß wir leicht zu verwechseln sind, wie das bei eineigen Zwillingen üblich ist, obwohl wir grundverschieden sind. Im Charakter sind wir gänzlich anders und auch unser Berufsweg ist unterschiedlich verlaufen. Ich habe Medizin studiert. Math ist zuerst in die Hauptschule, dann auf die Handesakademie gegangen, weil sich die Eltern kein zweites Studium leisten konnten. Math ist danach nach Berlin gegangen und weil diese Stadt sehr interessant ist, bin ich ihr nach Abschluß meiner Lehranalyse gefolgt und habe in der Tautenzienstraße, wo wir uns, nachdem wir uns in der Weinstube kennenlernten, wiedergetroffen haben, meine Praxis aufgemacht. Ich finde, daß ich Math eigentlich nicht wirklich ähnlich sehe und auch einen gänzlich anderen Kleiderstil habe! Läuft sie doch, wie du sicher weißt, fast auschließlich in Jeans und Schlapperpullis herum, während ich mich dafür nicht erwärmen kann! Ich mag schlampig gekleidete Frauen nicht und schminke mich auch gern!“, versuchte sie möglichst harmlos zu sagen und nicht rot  dabei zu werden. Was ihr auch zu gelingen schien, obwohl er sie immer noch anstarrte, ihren Arm ergriff und sie, weil jetzt die Musik verstummte, zuerst auf die Terrassse und dann auf die Seepromenade hinausführte.

„Du bist nicht Mathilde, hast mich betrogen und dich bei mir eingeschlichen!“, sagte er jetzt scharf und sie schüttelte den Kopf und versuchte weiter harmlos dreinzusehen.,

„Wie kommst du darauf, daß ich Mathilde bin? Das kann nur ein Blinder sein, der mich mit ihr verwechselt! Aber ja, ich erinnere mich, auf der Tautenzienstraße hast du mich mit diesem Namen angesprochen! ich habe gedacht, das ist ein Scherz, weil ich ihr in meiner Kleidung  nicht ähnlich sehe und habe dir gesagt, daß sie wegen ihrer Halsschmerzen zu Hause ist und dann bin ich mit dir in deine Wohnung gegangen, weil du mich dorthin eingeladen hast und ich mich-“ jetzt schwankte ihre Stimme etwas, weil sie nicht ganz sicher war, ob er ihr das glauben würde- „in dich verliebt habe! Ist etwas zwischen dir und Mathilde gewesen? Habe ich eure Kreise gestört?“, fragte sie daher in der Angreiferpostion weiter und versuchte spöttisch aufzulachen.

„Hat sie vielleicht deshalb so überstürzt ihre Stelle augegeben und ist nach Wien zurückgefahren? Ich habe mich schon darüber gewundert und auch, daß sie nicht zur Hochzeit gekommen ist! Ich habe sie, wie du weißt, eingeladen! Hast du wirklich geglaubt, daß ich Mathilde und nicht Natalie bin?“, wiederholte sie lauter und sah ihn dabei herausfordern an.

„Dann bist du sicher enttäuscht!“, setzte sie in dieser Art und Weise hinzu „daß wir jetzt verheiratet sind! Aber ich dachte, du liebst mich genauso sehr, wie ich dich! Glaubte, es wäre Liebe auf den ersten Blick gewesen, daß wir so schnell geheiratet haben und jetzt ein Ehepaar sind!“, sagte sie energisch und atmete noch einmal durch.

„Geglückt!“, dachte sie dabei.

„Er scheint mir zu glauben oder hat zumindest keine Möglichkeit auszuweichen ohne zuzugeben, daß er ein Trottel war und was soll es? Ich habe mich wirklich in ihm verliebt und wenn er so blöd ist, nicht zu merken, daß ich Natalie und kein graues Mäuschen bin , dann ist er selber schuld und ich kann ihm auch nicht helfen!“

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