Literaturgefluester

2018-04-16

Alte Engel

Noch ein Debut, diesmal eines, das schon auf der „Blogger-Debutlonglist“ steht und das ich mir aus Leipzig mitgebracht habe. Simon Grimm vom „Rowohlt-Verlag“ hat es mir mit freundlichen Grüßen mitgegeben und mir auch ein bißchen was zu der Autorin und dem Buch erzählt, von der ich noch nie etwas gehört habe.

Mareike Schneider wurde 1881 geboren, lebt in Leipzig, studierte in Hildesheim und hat 2014 beim „Open Mike“ einen Preis gewonnen und dann würde ich noch vermuten, daß ihr erster Roman ziemlich autobiografisch ist.

Denn da geht es um Franka Raben, eine abgebrochene Kunststudentin, die mit ihrer Katze Käthe in das Haus ihrer Großmutter Marie fährt, um ihren Vater, der Maries Schwiegersohn ist, bei der Betreuung der alten Frau zu helfen.

Franka hat, wird angedeutet keine andere Wahl, weil keine Wohnung, die prekären Verhältnisse der Generation Dreißig wird wieder einmal thematisiert. Sie sucht sich auch einen Job und verkauft dann Brötchen in einer Billigbäckerei oder steht in der Kantine des Kulturhauses und das alles wird sehr skurril bizarr erzählt.

Mehr frech und rotzig, als poetisch, würde ich sagen und das Buch ist in drei Kapitel: Sommer, Herbst, Winter eingeteilt, die sich dann in jeweils mit einem bis drei Kreuzen markierten Abschnitten untergliedern. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Mareike Schneider, das wirklich komplett durchgehalten hat, daß ein Stern, die Vergangenheit der Großmutter, zwei Kreuze das Leben mit ihr und  drei die, prekäre Arbeitssituation und die Zukungsperspektiven der jungen Frau thematisieren. Es könnte aber so sein, vielleicht auch in anderer Reihenfolge.

Denn es geht in den über fünfhundert Seiten, in denen auch ein kurzer Anhang über die vogtlädische Sprache angefügt ist, denn die Oma kommt aus dem Vogtland und spricht noch diesen Dialekt, ein wenig ungeordnet zu.

Hier meine ich, hätte eine Kürzung und Straffung des Inhaltes und vielleicht eine Reduktion von hundert oder so Seiten genützt, denn es kann einem beim Lesen so vorkommen, als würde hier ungeordnet dahin erzählt.

Die Sprache ist frech und rotzig, hat durchaus originelle Wendungen, wie, wenn Franka ihrem Vater von der Herfahrt im Bus erzählt. Da saß sie mit dem Katzenkorb auf den Knien vor einer Frau, die sich darüber aufregte, daß man sowas ihrer Katzenallergie antuen könne.

Die Großmutter wird auch ein wenig rotzig frech geschildert. Sie ist Diabetikerin, ist blind oder stellt sich vielleicht nur so, jedenfalls hat sie die Augen ständig geschlossen, so daß ihr ein Zivi zugeteilt wurde, der sich um sie kümmern soll, den sie aber nur mit Keksen fütterte, so daß alles andere liegenblieb. So beschloß die Verwandtschaft, Hagen, der Schwiegersohn muß her. Die Mutter, die Wohnungsausräumerin ist, wollte oder konnte das offenbar nicht schaffen und Hagen, der auch ein origineller Mann ist und davon lebt, alte Sachen zu reparieren und seltene Plfanzen zu züchten, hat auch unkonventonelle Betreuungsmehthoden. Er baut im Winter aus dem Schnee auch einen Iglu und setzt die Oma dann auch einmal hinein.traße

Die Oma ist eine, die in der vogtländischen Sprache ständig schimpft und Hagetraßen immer noch detraßen „Moa“ nennt und Franka das „Madl“. Sie versteckt ihre Süßigkeiten an allen Ecken und Enden und schmatzt sie dann auf, während die Familie sich bemüht, ihr Diabetikeressen zu servieren.

Es geht aber auch in die Vergangenheit, der jungen Marie, die im World War II zwangsverpflichtet war. Ihr Haushaltsjahr bei verschiedenen Familien absolvierte. Sich dann mit dem Sohn der einen verlobte, der aber gefallen ist. So kam sie zu dem Opa in die DDR, der war Alkoholiker und meldete Oma vom Kindergarten, ihren Traumberuf, gleich ungefragt ab.

Mit der Katze gibt es natürlich auch Probleme , was wieder zu bizarren Szenen führt, wenn Franka versucht die schwarzgefärbte Katze in der Badewanne abzuduschen.

Ganz schwierig wird es zu Weihnachten. Da wird die Oma vorher, damit der Vater sich erholen kann, in ein Spital gebracht, das natürlich unterbesetzt ist und wo es ihr auch nicht gefällt. dann holen sie sie zu Weihnachten wieder ab, der Arzt ist trotz der Unterbesetzung dagegen und die Familie ist mit ihren selbstgebastelten Geshenken, die man früher „Aus der Not eine Tugend machen“ jetzt „recyclet“ nett, angekommen und auch mit den neunerlei Schnittchen, mit den man im Vogtland schon zu Weihnachten, das neue Jahr begrüßte.

Brot mit neun verschiedenen Aufschnitten, von denen man immer nur von jedes eines essen durfte. Das war früher ein arme Leute essen. Ein Brot mit Butter, eines mit Salz, eines mit Pfeffer, dann mit Pfeffer und Salz und so weiter und so fort, bis man satt gegessen war.

Jetzt gibt es natürlich viel bessere Aufstriche und als die Mutter mit den Platten kommt, muß sie sich über die Neffen und Cousins ärgern, die sich einfach gleich zwei der selben Sorte ergreifen und auf den Brauch pfeifen.

Weihnachten wird trotz des echten Weihnachtsbaumes, den Franka ihrer Oma schenkte, damit sie nicht immer im Plastikmüll leben muß, schrecklich, denn die Dilalyseschwester gibt ihr nur noch ein paar Tage und die Mutter steht schon am Dachboden und räumt sie Sachen aus, denn das ist ja ihr Beruf, während Franka das streng unterbindet.

Schließlich ist man eingeschneit, die Dialyseschwester kann nicht kommen und man diskutiert, ob man die Oma mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus bringen oder selber „Sterbehilfe“ leisten soll. Das sind die Stellen, wo die junge Frau vielleicht ein wenig übertreibt oder die Emotionen überschwappen. Aber ansererseits auch wahrscheinlich das, was man empfindet, wenn man mit zwanzig oder fünfundzwanzig  seine Großmutter beim Sterben begleiten soll.

Am Schluß gibt es das Begräbnis und die Pastorin lobt den Vater und Franka geht in ihren Erinnerungen in ihre Jugend zurück, wo sich alle manchmal mit Schneebällen auf einen Jungen stürzten, bis dieser am Boden lag und erzählt auch von den Aprilscherzen, die die Oma mit ihren beiden Töchtern machte, die ihr immer darauf hineinfielen und einmal, ein einziges Mal war es umgekehrt.

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2017-04-06

Walter Nowak bleibt liegen

Julia Wolfs zweiter Roman, aus dem sie letztes Jahr ein Stückchen beim „Bachmannpreis“ vorgelesen hat, habe ich mir neben Feridun Zaimoglus „Evangelo“ mit als „deutsche Lektüre“ nach Leipzig mitgenommen.

Zum Lesen bin ich dann nicht gekommen, obwohl es gepasst hätte, lebt doch die1980 geborene in Leipzig und in Berlin und es ist auch eigentlich mein Thema, über das die junge Frau da in einem klaren und doch nicht einfach zu verstehenden Stil geschrieben hat.

Denn Walter Nowak, achtundsechzig und ein „Alphatier“ wie es in den Beschreibungen so heißt und ich das gar nicht so empfunden habe, redet oder denkt sich um sein Leben.

Walter Nowak, achtundsechzig, ein Ex Geschäftsmann, Nachkriegs- und Besatzungskind, dreht, vielleicht seit er sich in Pension befindet, jeden Morgen seine Runde im Schwimmbad, das ist gesund und soll man auch so tun und so beginnt das Buch auch damit.

Seine zweite Frau Yvonne ist auf einer Tagung, er sieht im Bad eine junge Frau in rosa Bikini mit einem Kind und dann passierts, er stößt sich den Kopf an, fährt mit der Badekappe und den Ohrstöpsel nach Hause, liegt dann am Boden, eine Beule, überall Blut oder ist es vielleicht doch nur Saft und einmal liegt Walter Nowak im Bett, einmal geht er in den Keller, um ein Wildschwein aus der Tiefkühltruhe zu holen, fährt mit dem Auto zu seiner ehemaligen Firma, ruft seine erste Frau an, um sich nach einem Wildschweinrezept zu erkundigen, sperrt eine Fledermaus ins Bad oder sind das alles doch nur Phantasien eines Sterbenden, eines Mannes nach einem Schlaganfall vielleicht?

Eine Diagnose von einer afrikanischen Ärztin gibt es auch und Yvonne hat ihm, bevor sie zu ihrer Tagung entschwand, auch einen sehr diätischen Speiseplan gemacht, Graupensüppchen und Brei, vielleicht deshalb die Sehnsucht nach dem Wildschweinbraten.

Wenn man so am Boden liegt und sich nicht rühren kann und sich das Blut überall in der Wohnung verteilt, gehen einem die Gedanken über sein bisheriges Leben durch den Kopf und da hat man mit achtundsechzig höchstwahrscheinlich auch schon viel erlebt.

Walter Nowak, der Sohn eines Besatzungssoldaten, selber Vater, der Sohn Felix ist von seiner Frau Gisela, die er wegen der hübschen Yvonne mit dem Pferdeschwanz verlassen hat. Der Sohn ist, als er sich in der Pubertät befindet auf Ahnenforschung und sucht im Stammbaum nach seinem Großvater.

Der hat ein Grab in Nebraska, so will er dort unbedingt hin. Walter Nowak weigert sich zuerst, fährt dann mit Sohn und Yvonne, er er hat in den USA auch etwas zu finden, gibt es doch eine Elvis Verehrung und in dem Örtchen, wo er lebt, einen nach dem berühmten Sänger benannten Platz, der dann aber so nicht mehr heißen soll.

Die Freunde tauchen auf, sogar die russische Putzfrau und schließlich erscheint, während Walter Nowak liegen bleibt oder muß, auch noch der Sohn und soll die Fledermaus aus dem Badezimmer holen.

Rasant, rasant diese Reise durch ein Leben und sehr eindrucksvoll von der siebenunddreißigjährigen Frau erzählt.

Das zweite Buch das ich vom letzten Bachmannpreis in meinen Besitz haben, das erste ist Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“, ein Geburtstagsgeschenk, das ich noch nicht gelesen habe, aber die Autorin in Leipzig daraus vortragen hörte.

Eine interessante Ausbeute des vorigen Bachmannwettbewerbs und, wie schon geschrieben, ein Thema das mir sehr gefällt, der Monolog des alten Mannes und der Gang durch ein Männerleben, das ich gar nicht so machohaft, eher ganz normal und alltäglich empfunden habe und denke, daß ich die Machophatasien eher in der vorigen Novelle vorgefunden habe.

Hier denkt die Psychologin in mir, die ja auch viel in Pflegeheimen unterrichtet hat, daß so das Leben zu Ende geht, da kommt alles hoch und daß das Ganze wird wahrscheinlich auch sehr ungeordnet, durcheinander,  in Puzzlestücken, die man sich erst zusammenlegen muß, wie Marina Büttner, die das Buch schon gelesen hat, in ihrer Rezension beschreibt, erzählt.

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