Literaturgefluester

2019-07-21

Consummatus

Zwischen dem Neuerscheinungslesen jetzt schnell noch ein altes Buchpreisbuch eingeschoben, denn das stand ja auf meiner 2019 Backliste und, daß ich vielleicht die alten Buchpreisbücher, die sich inzwischen angesammelt haben, lesen will, das habe ich mir ja auch vorgenommen. Sibylle Lewitscharoff „Consummatus“, ein Longlistbuch von 2006 und ich weiß jetzt gar nicht so genau, ob es aus den Schränken oder einer Abverkaufskiste stammt, war doch eine „Morawa-Rechnung“ zwischen den Seiten eingeklemmt, ich dachte aber, ich hätte es aus dem Schrank.

Von der 1954 in Stuttgart geborenen Sibylle Lewitscharoff, die 2013 den „Büchner-Preis“ bekommen hat, habe ich schon einiges gelesen und kennen tue ich sie, glaube ich, seit ihrem „Bachmannpreislesen“,1998.

„Montgomery“ habe ich von den Büchertürmen der „Literatur im März“, das habe ich gelesen und, glaube ich, nicht sehr verstanden, denn Sibylle Lewitscharoff ist ja eine sehr komplizierte Schriftstellerin, die kunstvoll mit der Sprache spielt und dabei auch manchmal übertreibt oder sie da mit den „halben Kindern“ oder den „Selbstmördern“ auch manchmal übers Ziel hinausschießt.

In dem vorliegenden Buch gibt es auch so eine Stelle:

„Man sollte die Sträflinge wieder in Ketten schließen, um ihnen wieder die Würde zurückzugeben“, heißt es da doch auf Seite vierundfünzig und da könnte ich genauso  ein Fragezeichen machen, wie ich auch eines ans Ende des Buches gesetzt habe.

Aber wieder schön der Reihe nach, damit ich nicht zu unverständlich bin.

Sibyille Lewitscharoff die“ Büchner-Preisträgerin“ und „Preisträgerin des Leipziger Buchpreises“, stand auch noch 2015 und 2011 auf der deutschen Buchpreisliste, beide Bücher habe ich gelesen

Aus „Blumenberg“ stammt der Satz mit den Selbstmördern, auf der „Buch-Wien“ hat sie glaube ich laut verkundet, daß sie „Amazon“ nicht mag.

Gut, da ist sie nicht allein und das „Pfingstwunder“ hat mir sehr gut gefallen. Bei diesem Buch bin ich mir nicht so sicher, da würde ich zu dem Fragezeichen auch hinzusetzen „Was soll denn das, da ist die Phantasie doch zu weit durchgegangen und was wäre, wenn ich das geschrieben hätte?“

Dabei habe ich doch Bücher die im Himmel spielen und die Toten mit ihren Anverwandten reden, aber Sibillye Lewitscharoffs „Consummatus“, das nicht, wie ich annahm, vomKonsumieren kommt, sondern „Vollendet“ heißt spielt an einem Vormittag in einem Stuttgarter Cafe, wo ein Gymnasiallehrer sitzt, weiche Eier und Croissants verzeht, unzählige Tassen Kaffee konsumiert und sich außerdem noch mit Wodka betrinkt.

Dabei hält er einen Monolog auf seine Toten, das heißt eigentlich ist das ein Dialog, denn die Toten, seine Eltern, seine Geliebte, Andy Warhol und Jim Morrison sind auch in dem Cafe und reden munter zurück und damit man das in dem Buch auch gleich bemerkt, sind diese Stellen unterschiedlich stark ausgedruckt.

„Falls es Sie interessiert, was uns nach dem Tod erwartet und was Jim Morrison und Andy Warhol heute so treiben, kommen Sie um diesen Roman nicht herum. Und falls es Sie nicht interessiert, dann sind Sie wahrscheinlich schon tot und haben es nur noch nicht gemerkt“, hat der Literaturkritiker Denis Scheck auf das Buch schreiben lassen.

Und das klingt genauso gut, wie manche schöne Sätze in dem Buch, stimmt aber nicht, daß das darin vorkommt oder wir haben schon wieder zwei verschiedene Bücher gelesen.

Es geht um Gott und die Welt und vieles andere in dem Buch, dazwischen wird mit der Kellnerin geschäkert und dann geht es, ich muß noch erwähnen, daß der Handlungszeitraum mit dritter April datiert ist, in den Schnee hinaus.

der Betrunkene tappt sich durch die verschneite Landschaft und damit man das optisch gut erkennt, sind Schneeflocken in dem Buch eingezeichnet. Das war für mich ein bißchen schwer zu lesen und ich habe nicht sehr viel verstanden, als ich aber schon dachte „Aha, das ist die Vollendeung, er bleibt im Schnee liegen und geht heim zu seinen Vätern!“, kommt das Kapitel null zwei, da muß ich noch eine besondereheit erwähnen, die Kapitelüberschriften bestehen aus einem Quadarat, wo die Zahlen ein bis sechzehn durcheinander gewürfelt sind und das jeweilige Kapitel  schwach ausgedruckt ist, zwei Nullkapitel gibt es auch, am Anfang und am Ende und bei diesem Kapitel hat Sibylle Lewitscharoff geschrieben: „Die Geschichte des Mannes, der seine Toten immer um sich hat, endet fröhlich. Wer will, kann ihm jetzt dabei zusehen, wie er die Stufen zu seinem geliebten Weinhaus hinaufsteigt, wie er nach Altherrenart ablegt und mit steifen Fingern nach dem Aufhänger sucht, um den Mantel am Garderobehaken zu versorgen, wie er sich noch einmal mit der Hand über den beperlten  Stoff streicht, aus der Tasche ein Tuch zieht und sich das Gesicht damit abtupft, wie er sich nach dem Jenseitsberater im Eck umsieht, der ihm ein Bier zum Wohl entgegenhebt, wie plötzlich Leben in ihm kommt, er sich die Hände reibt und vergnügt nach der Kellnerin umdreht, die ein Schatz ist.“

Nun ja, könnte ich da sagen, das ist halt die große Literatur und Sibylle hat es sicher Spaß gemacht mit der Sprache zu spielen und vielleicht auch die Leser ein bißchen zum Narren zu halten. Das Meine ist es nicht gerade, ich mag es ja nicht so abgehoben und bleibe realistischer, auch wenn meine Geschichten im Himmel spielen.

Trotzdem bin ich nicht empört, schreie nicht „Pfui!“, habe nur ein paar Mal den Kopf geschüttelt, ein Fragezeichen gesetzt und eigentlich bin ich stolz, daß ich mich in Sibylle Lewitscharoff schon so gut eingelesen habe, denn von „Mongomery“ habe ich ja nicht soviel mitbekommen.

2019-07-14

Die Wahrheit ist ein Heer

Die 1979 in Wiener Neustadt geborene Tiwald habe ich, glaube ich, bei einer IG-Autoren Veranstaltung im Augarten Spitz kennengelernt, wo sie erzählte, wie so der Alltag einer schreibenden Jungautorin aussieht: Reden bei Begräbnissen, das hat mich so beeindruckt, daß ich in der „Sophie Hungers“ eine solche Figur einbaute, Deutsch und Analphabetisierkurse und dazwischen schreiben und verschicken der Texte an Zeitschriften und Verlagen, das füge ich jetzt frei hinzu, weil ich das so am Anfang meiner literarischen Laufbahn so gemacht habe.

Dann kann ich mich erinnern, daß ich sie gesehen habe, als ich 2009 Gästin bei der damals von Franz Blaha geleiteten „Augustin Schreibwerkstatt“ war. Da ist sie im Hof gesessen und hat mit Franz Blaha etwas gesprochen, denn es gibt auch Connections zum Burgenland, inzwischen ist Katharina Tiwald, glaube ich, Präsidentin des burgenländischen PEN und das von den Deutschkursen hat mich auch sehr fasziniert. In meinen Texten kommen auch immer wieder solche Sprachlehrerinnen vor und Katharina Tiwald hat Sprachwissenschaften und Russisch studiert, die Hauptschullehrerzusatzprüfung gemacht und, glaube ich, auch dort unterrichtet und immer wieder Berichte über die Zustände in den Schulen gegeben, daß sie an einem Buch darüber schreibt, habe ich auch gehört, beziehungsweise hat sie dieses, glaube ich, vorgestellt, als sie Gästin bei den „Wilden Worten“ war, das ist dann 2012 bei „Styria“ erschienen und da hat mich der Titel verwirrt, weil ich mir den nicht zum Schulalltag in Beziehung setzen konnte.

2015 habe ich das Buch dann in der „Morawa-Abverkaufskiste“ um zwei Euro gefunden und jetzt erst gelesen, obwohl es ja auch nicht ganz in den Sommer, wo ja Ferien sind passt, aber erfahren, was es mit dem Titel auf sich hat, das ist eine Metapher die Nietzsche einmal gebrauchte und jetzt wissen wir schon viel über das Buch und was es von dem unterscheiden würde, das ich über den Schulalltag schreiben würde und da kommt ja einiges in der „Pensionsschockdepression“ vor.

Katharina Tiwald macht es natürlich sprachlich viel genauer und abgehobener und so steht auch in der einzigen „Amazon-Rezension“, die es zu finden gibt, etwas, daß es schwer zu lesen ist.

Darüber bin ich dann auch gestopert und fast gescheitert, habe ich doch fast ein verlängertes Wochenende für die zweihundert Seiten gebraucht, denn man kommt nur schwer hinein und Katharina Tiwald macht es wirklich sehr kompliziert und der Leserin und ich bin ja eigentlich eine geübte, nicht sehr leicht.

Die Vergleiche zum „Schüler Gerber“, stehen natürlich auch im Klappentext und da könnte man denken, was hat das Schulsystem des vorigen Jahrhunderts mit dem heutigen zu tun? Da hat sie sich ja  viel verändert und das wird dann auch, wenn auch, wie erwähnt sehr abgehoben, von Katharina Tiwald auch  thematisiert.

Es geht um das Mädchen G. Interessant, beziehungsweise wieder sehr viel von Katahrina Tiwald, die sich immer wieder als die von außen kommende Erzählerin im Wir-Stil in die Handlung einmischt, daß das Mädchen keinen Namen hat.

G. ist die Abkürzrung des Nachnamens. Ernst G. heißt der Vater und ist Arzt in einer Provinzstadt. Die Mutter hieß Martha Vogelbauer bevor sie ihren Ernstl heirate, beschloß dann, nicht mehr als ein Kind zu bekommen und ist diesem eigentlich eine recht liebevolle Mutter.

Kurz wird noch etwas vom Kindergarten und der Volksschule philosophiert, bevor es in das Provinzgymnasium und in Gs Pubertät hineingeht und dieses Mädchen wird von der Autorin auch sehr widersprüchig und keineswegs, wie man es eigentlich erwarten könnte, nur als Opfer geschildert.

So fordert sie die Mutter eimal auf, eine Freundin zum Essen mitzubringen, sie lädt dann ein Mädchen ein und sagt dem zweiten, das auch dazu möchte, schroff ab.

Die Lehrer werden geschildert. Die „Cinderella“ genannte Englischlehrein, die ein Herz für ihre Schüler hat und dann an einem Burn-out endet. Die strenge Mathemathiklehrerin und G. ist natürlich eine schlechte Schülerin in diesem Fach, was den Vater in Verzweiflung bringt und er mit seiner Autorität droht. Die Mutter ist da viel verständiger und sagt „Schreib halt nicht so schön, dann hast du mehr Zeit!“

Die Deutschlehrerin, die daran verzweifelt, daß die Schüler keine Phantasie haben und nicht erzählen können, ruft „Eure Eltern sollen euch doch ein Buch kaufen!“,  verzweifelt ruft. Da zeigt G. auf und sagt: „Wie sollen wir das können, wenn keiner mit uns spricht?“

Es werden dann auch die Schüler geschildert. Da gibt es den „Paten“, den Gottfried Blech, der alle schikaniert, aber dann mit Vierzehn seltsamerweise abstürzt und seine Macht verliert, den Bosnier Nebojsa Cvijetinovic, als einzigen Migranten und mit dem und zwei anderen Burschen, „Die Ritter von der Tafelrunde“ genannt, freundet G. sich auch an.

Die erste Regel kommt, glaube ich, mit Dreizehn und als sie vierzehn wird, will die Mutter unbedingt eine Party starten. So lädt G. die drei Freunde ein, nur einer sagt zu. Nebojsa kommt zu spät, der Dritte mußte mit seinen Eltern auf einen Berg und widerwillig ein paar Mädchen der Klasse.

Es kommt zu den ersten Liebesbeziehungen mit Nebojsa und dann zu einer mit Gottfried Blech und das ist der Untergang und das, woran G. scheitert. Sie wird krank, geht nach Hause, ruft die Großmutter an, die aber auch nicht versteht und nur „Alles Gute!“, wünscht. Dann geht sie ins Schlafzimmer der Eltern, holt sich dort die Schlafpulver, der Mutter und ein Fensterputzmittel, ruft dann noch einmal ihre Freunde an, die sich nicht melden.

Nebojsa will nicht mit ihr sprechen. Gottfried Blech ist schon in den Ferien so daß nichts überbleibt, als daß sich die allwissende Erzählerin wieder einmischt und den letzten Satz hinschreibt:

„Ich sage noch“, jetzt verwendet sie die Einzahl „dass sie noch einmal den Korridor entlanggegangen ist, ins Schlafzimmer der Eltern. Sie hat das Fenster dort aufgerissen.“

Der Schüler Gerber hat sich, glaube ich,  ja auch aus dem Fenster gestützt, aber der hat und das ist der Clou der Torberg-Geschichte, seine Matura bestanden. Das Mädchen G.  dagegen die Unterstufe gerade erst abgeschlossen und ich schließe mit der Betrachtung, daß Katharina Tiwald zwar ein sehr sperriges Buch mit all seinen Ecken und Kanten, die ja auch von mir immer gefordert werden, geschrieben hat, daß aber trotzdem, gerade in Zeiten wie diesen, also wahrscheinlich zehn Jahre nach dem Schreiben, noch sehr aktuell und für die etwas im Lesen geüberten, sehr zu empfehlen ist. Ich hoffe es gibt es noch und ist noch nicht vergriffen oder ausverkauft und ansonsten bin ich sehr gespannt was ich noch von Katharina Tiwald lesen und hören werde.

„Die Messe für eine“ habe ich zu Hause, sie ist aber glaube ich in meinen Bücherbergen sehr vergraben und ich müßte erst danach suchen und sie wieder auf meine Leseliste setzen.

2019-07-12

Die Stille in Prag

Weiter geht es mit dem Backlistlesen, nämlich mit Jaroslav Rudis „Die Stille in Prag“, 2007, geschrieben, gekauft vor einigen Jahren bei einem dieser Literaturhausflohmärkte.

Es ist ein Sommerbuch könnte man anmerken, denn es spielt in diesem oder am Ende, lautet doch der letzte Satz „Der Sommer ist vorbei“ und es ist auch eines in dem man Prag kennenlernen könnte, leben die handeldnden Protagonisten doch dort und ziehen mehr oder weniger erfolgreich in der Stadt herum.

Da ist einmal Petr, er hat sein Studium abgebrochen und arbeitet jetzt als Straßenbahnfahrer. Dazu nimmt er, was eigentlich streng verboten ist, seine Hündin Malmö mit, er ist auch sonst ziemlich unangepasst.

So beginnt das Buch, daß er mit Vanda die Nacht verbrachte, die ist knapp achtzehn, einePunkerin oder Sängerin der Band „Kill the Barbie“, da soll sie am Abend als Vorprogramm auftreten. Einer der Bandmitglieder hat sie betrogen, so ist sie auf einer Bank vor einer Straßenbahnhaltestelle gesessen und Petr hat sie mitgenommen.

Sie hat auch Schwierigkeiten mit ihren Eltern, der Vater hat die Mutter betrogen und ist eigentlich ein Arschloch, seither lebt sie von Wein und Alkohol und der Vater gibt Vanda nicht das von ihr gewünschte Geld für einen Computer. Da soll sie erst ihr Abi machen, aber sie ist ja schon lange ausgestiegen.

Wayne heißt Wayne nach dem berühmten Schauspieler, weil sein Vater einen Cowboyhelden als Sohn haben wollte, er ist Amerikaner aus dem berühmten Delaware, lebt aber jetzt als erfolgreicher Anwalt in Prag und hat die „Kleine“ als Freundin.

Die heißt eigentlich Hana, hat Kulturwissenschaften studiert, in Berlin, Genf und sonstwo gelebt und befindet sich gerade auf einen Rückflug von Lissabon, wo sie auf einem Kongreß war. Dort hat sie mit einem Thomas gevögelt, den sie zwar nicht mehr wiedersehen wird, trotzdem aber Wayne  verlassen möchte und der hat auch Probleme, beziehungsweise Panikanfälle, hat er doch im Fernsehen einen Soldaten auf einer Bahre gesehen und denkt, daß es sein Bruder Mike sein könnte, der ja gerade im Irak stationiert ist.

Dann gibt es noch Vladimir, einen ehemaligen Musiker, der seine Frau verloren hat und deshalb am Durchdrehen ist, er haßt den Lärm, die vier anderen sind ja eher laut, so hat er eine Lärmzerstörungsmaschine gebaut, weshalb ihn seine Kinder in die Klapse bringen wollen. Er läuft auch mit Scheren in den Straßenbahnen herum und zerschneidet Passanten, wie beispielsweise Hana, das Kabel ihres Walkmans.

Dann will er sich nur heimdrehen, kauft eine Flasche Wodka, zermörsert sämtliche Tabletten, die er zu Hause hat und trinkt das Gemisch dann trotzdem nicht, stattdessen besucht er das Konzert auf dem sich sämtliche Protagonisten und auch der Hund Malmö, obwohl er das eigentlich nicht darf, befinden, dreht den Strom ab, um die gewünschte Stille zu erzeugen, eine Schlägerei beginnt. Vanda kommt in ein Krankenhaus, Wayne wird auf die  Polizei gebracht. Vladimir ist umgefallen und Petr geht mit Hana nach Hause, beschließt aber Vanda am nächsten Tag im Kankenhaus zu besuchen.

Ein spannender Roman über den man sicher geteilter Meinung sein kann, manchen wird er nicht genug literarisch sein, es ist aber wieder das, was mir auch zu schreiben vorschwebt und was ich auch schon seit einigen Jahrzehnten tue.

Jaroslav Rudis wurde 1972 geboren, ich habe ihn, glaube ich, beim ersten „Literatur und Wein“ in Krems kennengelernt, heuer hat er wieder dort gelesen, war auch mit seinem „Winterbergs letzte Reise“, das ich erst lesen muß, in Leipzig prominent und „Grand Hotel“ habe ich im letzten Jahr gelesen, weil „Wagenbach“ da eine Hotel-Serie herausgebracht hat.

2019-07-10

Fliegengewicht

Filed under: Bücher — jancak @ 00:37
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Weiter gehts mit einem richtigen Backlist-Buch, nämlich den 2010 erschienen Debutroman von Anna-Elisabeth Mayer, der bei mir natürlich auch seine Rezeptionsgeschichte hat.

Gehört habe ich von dem Werk, der 1977 in Salzburg gbeborenen Autorin, glaube ich, das erste Mal im Radio, bei den „Neuerscheinungen aus Österreich“, daß es sich bei der in Leipzig studierenden Anna Elisabeth Mayer, um einen ungewöhnlichen Arztroman handeln würde und habe mich noch über das Sujet gewundert.

Dann bin ich am Vorabend des zweiten „Alphas“ in die SVA gegangen, weil die da einen Abend für ihre Autoren hatten und habe mich mit Andreas Renoldner über die Autorin, die ja dort für den Preis nominiert war unterhalten.

Am nächsten Tag war die KritLit, der Alfi war zu Hause und hat alles für das Geburtstagsfest vorbereitet, daß ich extra wegen dem „Alpha“, obwohl die sich auf mein Mail nicht gemeldet hatten und ich auch nicht genau wußte, wann die beginnen würde, verschoben hatte.

Ich kam dann sehr spät in das Studio am Rennweg, wollte nach dem Schutting hinein, wurde das aber nicht gelassen, bin nach Hause gefahren und habe mich geärgert und dann auf der Website erfahren, Anna-Elisabeth Myaer hat den Preis gewonnen.

„Wir laden Sie das nöchste Jahr ein!“, hat der nicht sehr freundliche Herr zu mir gesagt und sein Versprechen natürlich nicht gehalten. Da habe ich aber den „Chef“ auf der „Buch Wien“ angesprochen und ihm die „Buch-Kultur“ gezeigt, wo die Veranstaltung wieder angekündigt wurde, ohne, daß dazugeschrieben war, daß man ohne Einladung hinausgeschnissen wird.

Herr Leitgeb hat sich dann zu mir gesetzt, gesagt, daß er sich der Sache annehmen wird, ich aber nicht böse sein solle, wenn….

Angenommen hat sich dann aber erst „Atalante“ und ab dann hat es geklappt und 2015 hat Anna-Elisabeth Mayer den „Priessnitz-Preis“ bekommen. Da ist mir ein Herr im Literaturhaus aufgefallen, der dort sehr auffällig „Hof gehalten“ hat. Der Verleger habe ich gedacht, es war aber der Vater, den habe ich dann angesprochen, ihm mein Karterl gegeben und er hatte meinen Blog gelesen, wo ich ja bei den Bücher von Anna- Elisabeth Mayer und Miliena Michiko Flasar, der Gewinnerin von 2012 immer dazu geschrieben habe, daß ich das Buch leider nicht bekommen und auf meinen „Alpha-Artikel“ verlinkt habe, weil man sich bei den Preisverleihungen, die entsprechenden Bücher immer mitnehmen konnte.

Er hat es mir dann aus Lichtenstein, wo er, glaube ich, eine Rechtsanwaltspraxis hat oder hatte, geschickt, wofür ihm nochmals sehr herzlich danke und das Buch dann angesichts meiner übervollen Leseliste liegenlassen, jetzt aber in der Sommerpause oder Sommerloch bevor die Neuerscheinungen des Herbstes kommen, hervorgeholt und ich muß sagen, es war eine Überraschung, nämlich ein Buch, wie ich es eigentlich schreiben möchte. Vielleicht lernt man das in Leipzig mit dem Klischee eines Arztromanes umzugehen und trotzdem keinen Trivialroman daraus zu machen.

Eine junge Frau komm auf eine Herzstation, wo außer ihr im Zimmer noch drei alte Frauen, Frau Ferdinand, Frau Ott und Frau Blaser liegen, die sich über das „Küken“, das sie nun bekommen haben, freuen. Der Stationsarzt heißt Dr. Winter, alle sind in ihm verliebt und träumen von ihm und die drei Frauen schlagen der Ich-Erzählerin eine Wette vor, daß sie ihn verführen soll oder so.

Sie steigt schließlich darauf ein, besucht ihm fortan immer, um drei im Ärztezimmer, um sich von ihm abhören zu lassen. Es gibt aber Schwierigkeiten, die eifersüchtige Stationsschwester mit Schmollmund namen Beatrice und natürlich auch die Frau Dr. Winter, die ein paar Staionen weiter auf der Urologie arbeitet.

Dazwischen laufen die Visiten ab, Medikamenten werden verabreicht und die Patientinnen werden besucht. Da kommt der Herr Abu ein afrikanitscher Ex-Flüchtling aus dem Herrenzimmer und verteilt Pistazien an die Damen, Frau Blaser wird von ihrem Sohn Reini besucht und Frau Ferdinand, die eigentlich nur sterben will, von ihrem Sohn Georg.

Die stets geschminkte Frau Ott, die Sophia Lorens Memoiren liest, ist die aktivste in der Runde. Sie erzählt von ihren Männern und gibt gute Ratschläge. Frau Blaser hat ein Hörgereät, daß einstmal einem russischen Minister gehörte und ihr Sohn Reini ist ihr Sorgenkind, denn er ist arbeitslos, lebt noch bei ihr und ist ein Spezialist für Vogelstimmen. Sie will ihn  auch gern an das Küken verkuppeln und dann gibt es noch ihre Tochter Ursl, die in Amerika ihren Xuan, drei Söhne von ihm hat und mit ihm einen vieatnamesischen Imbiß führt.

Sie kommt zum Muttertag auf Besuch und will Reini nach Amerika holen, was der Mutter so zusetzt, daß sie, was in einem Krankenhaus eben vorkommt, wie Schwester Beatrice belehrt, verstirbt. Der Herr Abo tut das aus, aber die Erzählerin wird entlassen und denkt bedauernd auf ihren Krankenhausaufenthalt zurück und überlegt, ob sich dort schon ein neues Fliegengewicht befindet.

Ein tolles und sehr gut geschriebenes Buch, so eines, wie ich, ich habe es schon erwähnt, auch gern schreiben würde können.

Anna Elisabeth Mayer hat inzwischen, glaube ich, zwei weitere eher ungewöhnliche Bücher geschrieben, die „Hunde von Montpellier“ ist das zweite, „Am Himmel“ heißt das dritte und das habe ich, höre und staune, vor ein paar Wochen im Schrank gefunden. Jetzt muß ich es nur noch lesen.

2018-08-16

Festland

Filed under: Bücher — jancak @ 11:33
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Ich habe mich ja schon ein paar Wochen vor unserer Reise auf die Schweitzer Literatur vorbereitet, mir das Schweizerische aus meinen Regalen hervorgeholt und auf den Badezimmerstapel gelegt und dann bin ich an einem Donnerstag davor in die Seestadt hinausgefahren, weil ich die dortige Buchhandlung aufsuchen wollte und habe in dem Nachbarschaftsregal, das es dort gibt, Markus Werners „Festland“ gefunden.

Seit ich so viele Neuerscheinungen bekomme, tue ich mir  mit den Büchern, die ich dort finde, etwas schwer, denn keine Chance sie zu lesen oder erst in ein paar Jahren. Aber Moment Mal, bei diesem ist es anders, dieses gleich auf die heurige Leseliste, zwischen den Neuerscheinungen und Buchpreisbücher gesetzt und das Buch mitgenommen, habe ich den 1944 in der Schweiz geborenen Autor, doch in meiner Schweizer Rundschau vergessen, aufzuzählen, obwohl ich von ihm schon „Am Hang“ und „Zündels Abgang“ gefunden, aber noch nicht gelesen habe.

Also das 1998 bei dtv erschienene Büchlein, das ursprünglich im „Residenz-Verlag“ herausgekommen ist, auf die Reise mitgenommen und in Genf zu lesen angefangen.

Da passte zwar nicht ganz die Sprachgrenze, aber egal, die Schweizer sind ja eine mehrsprachige Nation und lernen, glaube ich, sowohl Deutsch als auch Französisch in der Schule, wenn auch das Deutsch, das sie dann sprechen, vielleicht nicht immer zu verstehen ist und das Buch erinnert von der Thematik her, auch ein bißchen an das Debut von Donat Blum, denn da hat ein junger Mann über seine Großmutter geschrieben, während hier ein älterer  in einejr sehr abgehobenen, fast ein wenig altmodisch klingendes Sprache „Was mich so berürht hat:der wunderbare Ton dieses Buches“, hat Marcel Reich Ranicki im literarischen Quartett über das Buch besagt, wie am Buchrücken steht, eine Tochter über ihren ihr bisher unbekannten Vater erzählen läßt.

Es ist auch ein eher kleiner Roman, den man fast Novelle nennen können, die Tochter, bei den Großeltern aufgewachsen, weil sich ihre Mutter frühzeitig umgebracht hat oder war es doch ein Unfall, hatte bisher kaum Kontakt zu ihrem Vater, als sie der kurz nach ihrer Abschlußprüfung plötzlich anruft und sie zu sich bestellt.

Er bestellt sie in sein Haus oder in seine Wohnung, empfängt sie dort im Schlafanzug und im abgedunkelten Raum, erzählt ihr dort etwas von einer Geschäftsreise, die ihn kürzlich nach Wien und auf die Kärntnerstraße führte, wo ihn ein Hund verfolgte. Als ihn sein Chef anruft, läßt er sich verleugnen und, als der Rauchfangverkehrer kommt, um die Wohnung zu kontrollieren, zuckt er ebenfalls aus.

Die Tochter versucht den Meister zu beruhigen, gibt sich als des Vaters Pflegerin aus und läßt sich von ihm die Geschichte ihrer Mutter und die Beziehung, die der Vater zu ihr hatte, erzählen.

Der scheint immer schon ein eigenbrödlerischer Mann gewesen  sein, der noch bei seiner Mutter lebte, als er eine Reise machte und darauf hin jemanden rettete. Dafür wurde er von seiner Firma geehrt. Es kam in die Zeitung und Lena, die Mutter, eine Dolmetscherin ruft ihn an, um ihn zu treffen, obwohl sie bereits einen Freund hatte.

Es kommt zu einem Beischlaf der Beiden, obwohl vom Anfang an klar ist, daß die Mutter keine Beziehung will. Die Großeltern schirmen auch ab, seine Mutter ist ebenfalls dagegen. Trotzdem ruft dieMutter ihn, als sie in den Schnee hinausgeht und sagt „Julia braucht dich!“, der Kontakt war dann aber offenbar später nicht sehr dicht.

Jetzt übergibt der Vater, der Tochter den Schlüßel einer Wohnung und verschwindet dann wieder und als sie in seiner Firma anruft, sagt die Sekretärin „Ach Sie meinen wegen seiner Grippe, ich kann Sie beruhigen, er scheint sehr auf dem Damm, darf ich ihm etwas ausrichten? – Ja bitte, habe ich gesagt, er soll mich bitte anrufen, wenn das möglich ist – Geht in Ordnung , hat sie gesagt, und ich habe zu warten begonnen. Gegen Mitternacht habe ich zu warten aufgehört und den Koffer gepackt, langsam versonnen, fast schlafend schon.“

So endet das Buch und es hat wirklich einen sehr bedächtigen und sehr literarischen Ton, so daß es gut war, daß ich das dünne hundertvierzig Seiten Büchlein  rechtzeitig fand und so in der Schweiz einen mir bisher unbekannten Schweizer Autor kennenlernen konnte.

2018-07-15

Elementarteilchen

Jetzt kommt ein Klassiker von meiner Backleseliste, nämlich Michel Houellebeqcs, 1999 erschienener Kultroman „Elementarteilchen“, den ich mir einmal beim Rotary Flohmart in St. Pölten vom Alfred kaufen ließ und auf den ich schon sehr gespannt war, obwohl das Buch jetzt im Schutzumschlag und die erste Seite angelesen,  ein halbes Jahr lang im Harlander Badezimmer lag, denn als ich es im Jänner zu lesen angfangen wollte, habe ich nach der ersten Seite überlegt, daß es doch besser wäre mit dem PDF von Joshua Cohens „Buch der Zahlen“ anzufangen und bin seither mit dem Neuerscheinungslesenlesen nicht wirklich fertig geworden.Das heißt, doch im Juni, aber da war der Alfred in Amerika und ich bin in Wien geblieben.

Ein Kultbuch also von dem man schon viel gehört hat und mit dem auch, glaube ich, der 1956 oder 1958 geborene Autor, der  etwas exzentrisch sein dürfte, berühmt wurde und von dem ich einmal einen Gedichtband, der mir sehr gefallen hat und dann „Unterwerfung“ gelesen habe.

Hier, schreibe ich gleich, war ich anfangs etwas enttäuscht, beziehungsweise habe ich gedacht, daß man dem zwanzig Jahre alten Buch sein Erscheinungsdatum deutlich anmerkt, denn das, was da über diese Sommerakademie mit den kreativen Writingkursen geschrieben wurde, habe ich nicht so sensationell, sondern alltäglich gefunden.

Es dürfte auch ein bißchen Autobiografisch sein, denn ich habe bei den beiden Brüdern Bruno und Michel, die da beschrieben werden, 1956 der eine 1958 der andere geboren, einige Parallelen zum Lebensweg des Autors gefunden.

Aber dann ist es natürlich ein das ganze Jahrhundert umfassende, breitgefächertes Buch, das das Nachkriegsfrankreich mit all seinen sexuellen Phantasien, dem Leiden von Söhnen von neunzehnhundertachtundsechziger Mütter, obwohl oder weil, die zehn Jahre früher geboren wurden, den wissenschaftlichen Fortschritten, den sexuellen Abartigkeiten und und genau darstellt wird und es ist, weil es ja bis in die Hälte des einunzwanzigsten Jahrhunderts geht, wahrscheinlich auch ein utopischer Roman, den ich mit Stephan Teichgräber im Workshop behandeln hätte können, wenn das, das sich im letzten Kapitel abspielt, nicht nur eine listige Variante des Autors sein sollte, ich neige dazu, das zu glauben und stelle schließlich fest, daß es doch ein sehr beeindruckendes Buchist, obwohl soviel männliche sexuelle Besessenheit  immer ein bißchen abtörnend auf mich wirkt, so daß ich ganze Seiten nur überflogen habe und trotzdem länger, als geplant zum Lesen gebraucht habe.

Es gibt ein Vorwort und ein Nachwort, das sich, um das Leben des Molekularbiologen Michel  Djerzinski, man sieht schon den autobiografischen Bezug, handelt, der in Irland das neue menschliche Leben klonte oder den wissenschaftlichen Beweis dazu lieferte und dann nachdem er die Artikel an die entsprechenden Fachzeitungen schickte, ins Wasser ging.

Das wird in der sogenannten „Nachrede“ ausgeführt und dann noch bis 2050 oder so die wissenschaftlichen Folgen der Forschung erklärt.

Dazwischen liegen aber drei lange Teile, die das Leben der beiden Brüder Bruno und Michel, der eine, wie geschrieben 1956 der andere 1958 beboren, erzählt. Die Mutter hieß Janine und war eine Ärztin, die die sexuellen Ausschweifungen von 1968 sehr genoß, ihre beiden Buben von zwei Vätern hatte, sie bei den Großmüttern aufwachsen ließ, so war der eine Zeitlang in Algerien,  der andere bei der anderen Großmutter in Frakreich, beziehungsweise bei seinem Vater, auch einem Arzt, der Frankreichs Frauen, die Schönheitschirurgie bescherte, dann aber den Trend versäumte.

Bruno kam bald in ein Internat, wo er von den älteren Schülern gequält und mißhandelt wurde, mit den Mädchen Schwierigkeiten hatte und Zeit seines Lebens sich seines zu kleinen Penis wegen schämte. In der Jugend erlebte er mit seinem Bruder und mit Annabelle, einen wahrscheinlich nicht so flotten Dreier, in einer dieser Komunen, der Zeltanlage mit kreativen Angebot, die wohl an den Wiener Aktionismus und an Otto Mühl erinnern soll, denn das Buch ist wissenschaftlich unterminiert, die Wiener Ferkeleien werden erwähnt und auf der anderen Seite auch Albert Einstein und Werner Heisenberg.

Bruno wird Lehrer, verheiratet sich auch, wird bald geschieden, hat seinen Sohn Victor nur am Wocheneinde bei sich und versteht ihn nicht. Die Geschichte der sexuellen Revolution wird nebenbei erläutert und Bruno, der dann als Lehrer an das Internat kommt, wo er gedemütigt wurde, wird fast verrückt an den Miniröcken seiner Schülerinnen, holt sich wahrscheinlich hinter einem Schulheft verborgen, einem nach dem anderen hinunter und berührt dann eine nordafrikanische Schülerin, weil er die afrikanischen Schüler schon längst, wegenihrer angeblich längeren Pimmel beneidet.

Das Mädchen schweigt, Bruno sucht einen Psychiater auf und wird ins Ministerium versetzt. Dann hat er eine Zeitlang eine ebenfalls sexbesessene Freundin namens Christiane, als die aber nach einem Rückenmarkleiden gelähmt wird und sich umbringt, läßt er sich wieder in die Psychiatrie einweisen, besucht nur mehr die Mutter, die in ihrer Glückskommune, wo sie den Rest ihres Lebens verbringt und der auch allen ihren Besitz vermicht, stirbt, während Michel, nachdem seine Großmutter exhuminiert wurde, an dem Ort, wo er mit seiner Jugendfreunin Annabelle aufgewachsen ist, diese wiedersieht. Die will mit vierzig nochmals schwanger von ihm werden, was sich aber zu einer Katastrophe auswächst, die Ärzte entdecken einen Krebs an ihr, so daß sie schließlich nach einem Selbstmordversuch ins Koma fällt und stirbt und Michel nach Irland geht, wo er die oben schon beschriebenen Forschungen anstellt, wovon das Buch wohl auch seinen Namen hat.

Ganz am Anfang gibt es eine sehr berührende Stelle, über Michel, der als eine Art Autist beschrieben wird,  von einem Kanarienvogel, den er gerne loslassen will, der aber an panischer Angst vor der Freiheit stirbt, so daß Michel bis er nach Irland geht,  jahrelang mit einem leeren Vogelkäfig in der Wohnung lebt.

Die zwei Seiten des Michel Houllebecqs, könnte man so deuten, ein stark sexlastiges Buch, eines das wohl skandialierte und das ich mir auch etwas anders vorgestellt habe. Es aber sicher wichtig und gut es gelesen zu haben, um sich in der Welt der  starken Männer vielleicht wieder ein bißchen besser auszukennen und auch, um auch eineLücke im literarischen Kanon zu schließen.

2018-06-30

Nobels Testament

Filed under: Bücher — jancak @ 00:27
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Jetzt könnte eigentlich, wie ich es beim Schreiben ja immer gerne mache, ein wenig Rechercheliteratur, für mein „Work in Progress“, das heißt die „Unsichtbare Frau“ kommen, geht es da doch in einem Seitenstrang, um den Nobelpreis für Literatur und seine Vergabe, kommen.

Aber Erstens geht es in Liza Marklunds „Nobels Testmament“ um den Nobelpreis für Medizin, wie ich erst beim Lesen daraufgekommen bin, da ich das 2006 erschienene Buch, da ich den NB selbstverständlich für den für Literatur gehalten habe, schon immer haben wollte, Liza Marklund wahrscheinlich 2007 in Leipzig auch daraus am blauen Sofa lesen hörte und das Buch vor ein paar Jahren im Schrank gefunden und es auf meine heurige Liste gesetzt habe und da ist es dann während des Entstehens der „Unsichtbaren Frau“ gestanden und gestanden und ich habe gar nicht daran gedacht, es für Recherchezwecke vorzuziehen.

Erst jetzt, da ich mit dem Korrigieren hoffentlich schon bald fertig bin und dem Alfred sogar schon am Sonntag, ein allerdings noch sehr fehlerhaftes Manuskript gesendet habe, bin ich darauf gekommen, daß ich das Buch, wie ich es auch sehr gerne mache, als Sommerlektüre, ein Krimi ist ja leicht und sommerlich, vorziehen könnte und jetzt habe ich es gelesen und bin ein bißchen verwirrt, denn es war zwar einerseits sehr spannend, andererseits auch eine ziemlich kunterbunt zusammengewürftelte Geschichte, wo fast alles und jedesThema verarbeitet wurde.

Von der 1962 gebobrenen schwedischen Autorin, habe ich, glaube ich „Primetime“ gelesen, ein Buch, daß mir meine Freundin Elfi einmal zu einem meiner Geburtstagsfeste mitbrachte und „Mias Flucht“, wo es um einen angeblich oder wirklich authentischen Fall geht und „Prime time“ hat mir, glaube ich, schon nicht so gefallen. Wahrscheinlich habe ich es auch sehr verwirrend gefunden.

Annika Bengtzon ist die Hauptfigur. Sie ist eine Journalistin im Abendblatt und weil es eine ganze Annika Bengtzon Reihe gibt, und „Nobels Testament“ irgendwo in der Mitte angesiedelt ist und „Primetime“ 2002, erschienen, wahrscheinlich auch, ist es nicht so leicht zu lesen, weil sehr viel von den vorigen Krimis offenbar vorausgesetzt wird und man sich nicht auskennt.

Es beginnt mit der Nobelpreisgala, da tanzt Annika Bengtzon mit einem Journalisten der Konkurrenz und dann wird sie angerempelt. Ein Schuß fällt und der Nobelpreisträger für Medizin, der gerade mit der Vorsitzenden der Kommission tanzte, wird ermordet.

Annika hat gar nicht so viel gesehen, nur die gelben Augen des „Kätzchens“, der Auftragskillerin, wird aber trotzdem von der Polizei verhört und bekommt, was ich ein wenig unlogisch finde, ein Redeverbot. Noch unlogischer ist allerdings, daß sie daraufhin für ein halbes Jahr beurlaubt wird und, daß das, was auf den ersten hundert Seiten passiert, eigentlich nicht sehr spannend ist.

Im zweiten Teil im Mai geht es dann weiter. Da ist Annika, die sich mit ihrem Mann Thomas einem Juristen, der im Ministerium für die Terrorismusbekämpfung zuständig ist, ständig streitet und auch Alpträume hat, weil er sie offenbar in einem der vorigen Teile betrogen hat, in ein Haus an den Stadtrand gezogen, das sie sich von dem Geld kaufte, daß sie offebar auch in einem vorigen Fall, als Finderlohn bekam. Dort hat sie einen „verrückten“ Nachbarn, der ständig mit der Polizei droht, wenn sie ihr Auto vor dem Haus stehen läßt, aber mit seinem in ihren Garten fährt und in diesemauch einen Maibaum aufpflanzt. Ihre zwei Kinder werden im neuen Kindergarten gemobbt und ihr Mann ist auch nicht da, weil er für die Terrorismusbekämpfung neue Überwachungsgesetze ausheckt, die ihr ein Dorn im Auge sind.

Es wurde auch in ihrer Redaktion umstrukuriert, die Büros verkleindert, die Mitarbeiter ausgelagert und eigentlich denkt sie, sie bekommt den golden Handeshake angeboten, wird aber als freie Tagesreporterin im Mai wieder angestellt und da geht es dann mit dem Fall los, denn es werden hintereinander, die Mitarbeiter des Karolinska Instituts, dessen Direktorin, das ermordete Nobelpreismitglied war, ebenfalls ermordet.

Dazwischen geht es noch um sehr viel Kleinkram. Der Nachbar pudelt sich auf, als Thomas seinen Chef und seine Kollegen zu einem Abendessen einlädt. Er macht seine Frau lächerlich und ich wundere mich nur, wieso sie sich entschuldigt und nicht die Polizei holt, wenn er mit seinem Autor in ihren Garten fährt. Dann fällt Kalle, der Sohn im Kindergarten noch von der Schaukel. Ein Arschlochkind hat ihn huntergeschubbst und Anika geht wütend hin, und droht ihm an, es umzubringen, wenn es das noch einmal tut.

Da kann man diskutieren, ob das nicht vielleicht ein bißchen übertrieben ist. In einem Roman muß das alles sein. Ich weiß, da kann man nicht einfach sagen „Du pass auf, ich will nicht, daß du meinem Kind was tust!“

Es wirkt aber und es wird auch noch ein Kleinterrorist abgeschoben und Anika zerstreitet sich mit ihrem Thomas endgültig, bevor die Molotows Cocktails in ihr Haus fliegen. Sie die Mordfälle aufgeklärt hat und mit den Kindern flüchten kann und begreift, daß er nicht widerkommen wird und was den Alfred Nobel und sein Testament betrifft. Richtig darum geht es natürlich auch. Da werden E-Mails geschrieben, die über sein Leben und seine Beziehungen zu Frauen, wie beispielsweise der Berta Kinsky, nicht der Baronin von Suttner, Auskunft geben und auch, um eine schöne Vatermörderin aus vorigen Jahrhunderten, über die Alfred Nobel offenbar wirklich ein Theaterstück geschrieben hat.

Spannend und geheimnisvoll der Schwedenkrimi, obwohl ich micht die ganze Zeit fragte, wieviel, die vielen Themen, die da hineingepackt wurden und da habe ich jetzt noch gar nichts über die Stammzellenforschung an der im Karolinska Institut geforscht wurde und um die Intrigen und die Machtspielchen, die es dort gibt, geschrieben, miteinander zu tun haben?

Wahrscheinlich ist das Buch trotzdem unterhaltsam und angenehm zu lesen und die schwedische Krimiautorin versteht ihr Geschäft, obwohl sie, wie ich gelesen habe, ihre Anika Bengzton Reihe inzwischen beendet hat.

2018-06-21

Deine grünen Augen

Filed under: Bücher — jancak @ 00:31
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Jetzt kommt, während die Bücher der Herbstproduktion, die erst im Juli, August, September besprochen werden können im Badezimmer auf mich warten, wieder etwas von der Backlist.

Eines der älteren Bücher, das ich unbedingt lesen wollte, obwohl ich gar nicht so genau sagen kann,  wie es zu mir gekommen ist, wahrscheinlich habe ich es mir vor drei Jahren, kurz bevor wir nach Leipzig fuhren, vom klinischen Mittag kommend, in der ehemaligen „Buchlandung“ in der Lerchenfelderstraße, um einen  Euro gekauft, vielleicht habe ich es auch in einem der Schränke gefunden.

Arnost Lustig „Deine grünen Augen“ und gekauft oder genommen habe ich es mir höchst wahrscheinlich, weil mich der Name an Gila Lustiger erinnerte, von der ich einmal, langs lang ists her, etwas gelesen habe.

Das wäre aber wieder eine legasthene Verwechslung gewesen, denn Arnost Lustig wurde 1926 in Prag geboren, überlebte die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald. Nach dem Krieg kehrte er in seine Heimat zurück und arbeitete als Rundfunkredakteur und Schriftsteller. Aufgrund seiner führenden Rolle imPrager Frühling flüchtete er 1968 nach Israel, steht im Klappentext.

„Wikipedia“ entnehme ich, daß er 2011 in Prag gestorben ist und ein Schriftsteller und Publizist war, der sich in seinen Werken hauptsächlich mit dem Holocaust beschäftigte. In den USa scheint er auch gelebt zu haben.

„Deine grünen Augen“ erschien 2000 im „Berlin Verlag“, die Originalausgabe kam 2000 in Prag heraus und handelt in Auschwitz kurz vor Ende des Krieges, sowie in Ungarn und Prag kurz danach.

„Hanka ist fünfzehn und Jüdin. Ihre Familie ist in Auschwitz umgekommen. Sie selbst gerät als jüngstes Mädchen ins Feldbordell Nr. 232 Ost. Ein erschütterndes Zeitdokument und eine Huldigung an den Lebenswillen. Mit beinahe beängstigender Ruhe erzählt Arnost Lustig von den Möglichkeiten der Selbstbehauptung in einer humanen Welt“, steht am Buchrücken und die Geschichte, die man eigentlich nicht erzählen kann, wie ein „Amazon-Rezensent“ schreibt, wirkt, in seiner knappen,“ruhig“, wird es in der Beschreibung genannt, so, als könnte sie auch knapp nach dem Krieg geschrieben worden sein. Vielleicht ist es  auch die Erinnerung, die Arnos Lustig, das Unerzählbare in  eindringlich dichten Bildern und einer sowohl sehr direkten, als auch dissoziativen Erzählweise beschreiben läßt, die teilweise sehr experimentell  wirkt.

So gibt es immer wieder Stellen, wo beispielsweise „Fünfzehn: steht und dann wahrscheinlich ebensoviele Namen aufgeezählt werden „Hermann Hammer, Fritz Blücher, Reinhold Wuppertal…“ etcetera.

Das sind wahrscheinlich die Wehrmachtssoldaten, die eine „Feldhure“ pro Schicht zu bedienen hatte und Hanka ist mit ihren  Eltern und ihrem Bruder zuerst nach Theresienstadt, was sie noch, als angenehm und menschlich empfand, dann Auschwitz-Birkenau gekommen, dort wurde selektiert. Der kleine Bruder wurde sofort ins Gas geschickt, der Vater hat sich, um seine Würde zu bewahren an den Zaun geworfen, die Mutter hat sie auch verloren. Sie wurde sterilisiert und ist in eine medizinische Baracke zu einem Dr. Krueger geraten, der Experimente machte. Der wurde versetzt und Hanka gibt sich als Arierin aus, um, um ihr Leben zu retten, in das besagte Feldbordell zu kommen.

Hanka wird am Bauch tätowiert und muß bei Madame Kulikowa auch Offiziere bedienen, den Hauptmann Hentschel und den Obersturmführer Stefan Sarazin, der sich von ihr ans Bett fesseln läßt.

Es gibt außer ihr noch ein anderes jüdisches Mädchen Estelle, die eigentlich Esther heißt, mit ihr kann sie  kurz vor der Evakuation, wo alle erschossen werden, fliehen und kommt zuerst nach Ungarn, spter nach Prag, wo der Erzähler dessen Frau sie später werden wird, sie kennenlernt.

„Mit fünfzehn, fast schon sechzehn, hatte Hanka reine Haut, glänzendes Haar – sorgfältig gebürstet und immer wieder nachgewachsen und wunderbare grünen Augen.“, lautet der letzte Satz.

Die werden in dem nicht chronoligisch erzählten Roman, immer wieder erwähnt, den Soldaten und Offizieren, die sie bedienen muß, fallen sie auf. Hanka ist die jüngste in dem Bodell, gibgt sich aber, um zu überleben, als achtzehn fast neunzehn aus, wenn die Offiziere mißtrauisch auffällt, daß sie so jung ausschaut.

Die „Bordellstellen“ werden immer wieder mit den „Nachherstellen“, wo Hanka in Ungarn beispielsweise bei einem Rabiner unterkommt, der ihr zu essen und die Kleider seiner ebenfalls umgekommenen Frau und Tochter gibt und der, ob dem was geschenen ist, fast den Verstand verliert und immer wieder Fragen stellt, wie so etwas geschehen und wie Gott das zu lassen konnte, abgelöst

„Warum haben sie das getan?“, flüsterte er. „Wie haben sie das tun können?“

„Worin verstand das Vegnügen beim Töten von Menschen, die man nicht kannte?

An wen konnte er sich wenden, an welches Gesicht Gottes? An den Gott der Unendlichkeit? Den Gott der Weisheit? Den Gott der Rache? Den Gott der Blitze? Oder den Gott der Gnade? Den Gott der Güte? Den Gott der dreißig Pfade zur Weisheit?  Dem Gott der fünfzig Tore zum Licht? Dem Gott mit dem Flammenschwert? Den Gott des Bundes?“

„Du hast ein Recht darauf sie zu hassen“, sagt der Rabbiner zu Hanka.

„Ich weiß nicht, ob ich das will“, antwortet sie ihm.

„Was mich angeht, darfst du sie hassen“ sagt er.

„Das will ich aber nicht.“

„Niemand könnte es dir verdenken.“

„Das interessiert mich nicht.“

„Niemand würde dir einen Vorwurf machen.“

„Ich habe keinen Hass in mir“ sagt sie.

Eine seltsame Situation. Während sie nur ans Essen dachte, suchte der Rabbiner nach Antworten auf etwas, das er nicht begreifen konnte.“

„Über Auschwitz zu schreiben, sei ein unmögliches Unterfangen behaupten viele Schriftsteller der Nachkriegszeit und unterließen es deshalb. Mit deinen grünen Augen konnte Arnost lustig den Gegenbeweis jedenfalls nicht antreten“, behauptet ein Zweisternrezensent bei „Wikipedia“, dem das Buch und sein Inhalt wohl zu direkt und nahegehend war.

Und es ist wahrscheinlich auch richtig, daß man das Ungeheuerliche, das damals geschehen ist, wahrscheinlich nicht so einfach erfassen kann und auch das Aufschreibensehr schweirg ist. Es ist  aber trotzdem wichtig, ist das zu tun, kann man die Vergangenheit ja nur so erfassen und es ist wahrscheinlich auch die  knappe  und doch sehr deutliche Art von Arnost Lustig,  die das trotzdem möglich macht, auch wenn der Autor heute eher vergessen und das Buch wahrscheinlich schon vergriffen ist, ist es trotzdem sehr empfehlenswert, es zu lesen, auch wenn es dem Leser vielleicht genauso schwer, wie dem Rabbiner Gideon Schapira fällt, das Geschehene  zu begreifen.

„Arnost Lustig schreibt über den Holocaust mit der gelassenen Autorität, die einer großen Bescheidenheit entwächst. Die kluge Sachlichkeit des Tons ist unvergleichlich“, hat die „Washington Post“ noch auf den Buchrücken geschrieben.

2018-01-11

Sickster

Jetzt gehts vorerst mal mit der Wiener Leseliste aus den Vorjahren weiter und da steht ja „Sixster“, Thomas Melles Debutroman mit dem er 2011 auf der Longlist des dBp stand, ganz oben.

Ein buch das ich mir an dem Tag, an dem in der „Alten Schmiede“, die literarische Erleuchtung ausgefallen ist und ich nicht wußte, wie ich die zeit bis zur „Kolik Lounge“ verbringen sollte, um einen Euro bei „Kupptisch“ aus der Abverkaufskiste zog, weil es  am Buchrücken einige Einschnitte hatte und das Buch ist gleich zweimal interessant. Erstens einmal passt es bestens zu der Unverständlichkeitdiskussion oder dem was sich die Buchhändler auf den Buchpreislisten wünschen, weil die Leser lieber etwas leicht verständliches Spannendes, als etwas sprachlich Kompliziertes kaufen und dann ist es ja der erste „Depressions oder Psychoseroman“ von den drei mit dem Thomas Melle mit seinem Memoir „Die Welt im Rücken“ den dBp 2016 dann doch nicht gewonnen hat.

Mit Buch zwei „Dreitausend Euro“ ist er ja, gaube ich, 2014 auch auf der Shortlist gestanden und das Buch habe ich mir weil mich das Thema interessierte, vom Alfred schenken lassen und  damals nicht gewußt, daß Melle da auch, aber auf ganz anderere und viel leichter lesbarere Art und Weise das Thema psychische Krankheit beschreibrt, in der „Welt im Rücken“ macht er es biobgraphisch und bei „Sickster“ würde ich mal sagen, sehr kompliziert, so daß auch ich, eine glaube ich schon sehr versiierte Leserin, die ersten hundert Seiten brauchte, um in den Stil hineinzukommen und halbwegs zu verstehen, um was des da geht.

Auf den buchrücken hat glaube ich die Zeitschrift „Literaturen“ von Sigrid Löffler begründet und nicht der Blog von Sophie Weigard geschrieben „Ein abschüßiges hartes und herzergreifendes Debut. Melle nimmt das voll Risiko. Er bricht Kälte durch Pathos und ist ganz sicher eines nicht, der nächste Popliterat“.

Ob das stimmt, weiß ich nicht, weiß ich ja nicht einmal genau, was ich mir unter einen Popliteraten vorstellen kann, aber ich könnte mir vorstellen, daß das Buch das ist, wie die Literaturkritiker von der qualifiziertesten Sorte, die gute Literatur haben wollen.

Neu und unverständlich, sprachlich auf hohen Niveau und ohne Rücksicht auf die psychischen Befindlichkeiten des Autors würde ich noch keck einwerfen, denn Thomas Melle hat sich ja inzwischen geoutet und damit, wie man vielleicht auch unken könnte, die eleitären abgehobenen Kriitiker entlarvt, die ja in dem Buch noch euphorisch schreiben:

„Ein beschädigtet Text über Lebens- und Systemfehler. Ein kaputter Roman über eine kaputte  Gegenwart, so nah an jetzt, dass es wehtut“ Berliner Morgenpost oder

„Ein besseres Buch über trostlose junge Großstädter ist in den letzten Jahren nicht geschrieben worden.“ Spex.

Worum geht es in dem Buch werden jetzt meine Leser von mir wissen wollen und das, Leute, ist gar nicht so einfach zu erzähen oder doch natürlich, denn das steht ja auch am Buchrücken.

Es geht um einen Magnus der ist Journalist bei einer Tankstellenzeitung, dann gibt es noch einen Thorsten, der ist in der Ölfirma, der die Tankstellen gehören Manager und trinkt, um das harte Leben, in das er da geraten ist, zu packen, sich munter dahin. Dann kokst und kifft er auch und hat eine Freundin namens Laura und die übt sich in Selbstverletzungen und kratzt ihre Wunden immer wieder auf, wohl auch, um auch das harte Leben der frühen Zweitausenderjahren mit allen ihren Krisen und Neoliberalismus durchzustehen und am Buchrücken steht noch etwa,s daß Magnus, der inThorsten einen Schulfreund wiedergetroffen hat, ihm seine Freundein wegnimmt. Das Klappentexter, habe ich nun ganz anders gelesen, für mich war da nichts von zarter Liebesgeschichte, sonder eher das rauhe Leben der Erfolgsgesellschaft pur.

Das Buch ist in einigen Teilegegliedert, beginnt mit Magunus Abiturentenzeit, die glaube ich, in Bonn passierte, dann säuft und kifft sich Thorsten im zweiten Teil durch das Leben und die Vorstandsetage. Dann gibt es jahreszeitlich besonders interessant, ein Christmas Kapitel, wo Magnus Familiengeschichte erläuert wird und um die Psychose, in „Die Welt am Rücken“,  bestens beschrieben, geht es im vierten Teil.

2016 hat mich verwirrt, das einige der Blogger, die ewig wiederkehrenden Schübe in dem Buch langweilig fanden.

„Hä?“, dachte da die Psychologin in mir.

In „Sixster“ gehts, vom Autor abgewandt im Crashkurs durch die sensible Journalistenseele und dann treffen Magnus und Laura sich in der Klinik wieder und thorsten steht draußen, von seiner firma inzwischen beurlaubt, da ein kleiner Probedialog, um in den Stil des Buches einzuführen.

„Glauben Sie, ich bräuchte ruhe?“, fragte Thorsten.

„Ein wenig Urlaub, vielleicht.“

Das täte Ihnen sicherlich gut!“, sagt Francoise Starck“

„Wenn Sie meinen.“

„Das meinen wir“

Dann meine ich das auch“

„Das will ich auch gemeint haben“

So geht es offenbar zu in den Vorstandsetagen, wenn untragbar gewordenen Mitarbeiter entlassen werden und dann steht er also vor der Klinik und säuft und kotzt. Aber nicht sehr lange, denn Magnus und Laura holen ihn, glaube ich, hinein, beziehungsweisen machen sie dann zu dritt einen Aufstand und eine Revolution in der Ölfirma und so endet das Buch, Teil eins von Thomas Melles Krankekengeschichte, einem sprachlich nicht sehr leicht zu lesenden Buch, das damit die Befindlichkeit der 2000er Jahre ausdrückt, wie die Literaturkritiker jubelten und die wahrscheinlich erst fünf Jahre später begriffen, daß damit auch Thomas Melles psychische Befindlichkeit mit gemeint war und der Durchschnittsleser, der, der sich nach seiner harten Arbeit in einem Tankstellenshop oder einer Öllfirma unterhalten und erholen möchte und daher lieber zum Krimi oder Chick Lit greift, wird an dem Buch nicht viel Gefallen finden und „Das ist mir zu komplierzt sagen!“, wie ich fürchte und denke, die ich ja manchen meinen Lesern auch nicht sehr verständlich bin.

2017-08-07

Tauben fliegen auf

Jetzt kommt ein Buch, das ich, was ich ja sonst fast nie mache, in zwei Ausgaben habe, sonst trage ich ja, wenn ich mal ein Buch doppelt erwische, es brav zurück.

Als ich aber vor ein paar Wochen „Tauben fliegen auf“ das Buchpreisbuch von 2010 von Melinda Nadj Abonji im Schrank gefunden habe, hat mir das Cover so gut gefallen, daß ich es nicht liegen lassen konnte, obwohl das der älteren „Jung und Jung-Augaben“, die ja noch den selben Graphiker, wie die alten „Residenz-Ausgaben“ hatten, eigentlich auch sehr schön sind.

Diesmal gefällt mir aber die der Lizenausgabe besser und da steht dann auch „Buchpreis 2010“ darauf, so daß man nicht nachschauen muß, wann das gewesen ist und beide Covers und das ist auch sehr interessant, zieren Autos und Bäume und, um das geht es bei dem Buch ja, um das nach Hause fahren ind die Vojvovida Heimat aus der Schweiz im neuen Mercedes oder Chevrolet und ich habe auch in beiden Bücher jeweils ein bißchen gelesen.

Denn eines hatte ich ja in Harland, das andere, das ich mir vorige Weihnachten beim Bücherflohmarkt in der Grünangergasse gekauft habe, in Wien liegen und habe es dort auch zu lesen angefangen und das zweite dann während unseres Ausfluges auf den Edelweißboden im dortigen Pensionszimmer und auf der Rückfahrt im Auto.

Von der 1968 in  Becsej geborenen und in der Schweiz lebenden Melinda Nadj Abonji habe ich das erste Mal, glaube ich, etwas gehört, als sie beim „Bachmannpreis“ gelesen hat und mir dann ihr Debut „Im Schaufenster im Frühling“ das, glaube ich, noch sehr experimentell ist, genommen, als, glaube ich, die Buchhandlung „Kolisch“ zusperrte und man sich da zwei Bücher nehmen konnte.

„Tauben fliegen auf,“ fer mich die „Buchpreis-Überraschung“ ist nicht sehr experimentell, es ist eher ein Memoir und enthält wahrscheinlich viele autobiografische Elemente und ich habe die Autorin auch schon in Wien in der „Alten Schmiede“ daraus lesen gehört.

Da hatte ich aber, glaube ich, noch andere Vorstellungen von den Buch und so ist es sehr gut, daß es jetzt gleich zweimal bei mir liegen habe und so an das Lesen erinnert wurde, bevor die neue Buchpreisliste kommt und das Weglesen meines SUBS wieder etwas warten muß.

Das Buch ist, glaube ich, sehr raffiniert geschrieben. Ein Kapitel, wo die Familie  Kocsis mit ihren zwei Töchtern und ihren teuren schönen Wagen in die Vojvodina-Heimat fährt und dort die Mamika und die anderen Verwandten besucht und dann das Leben in der Schweiz, wo die Familie zuerst eine Wäscherei hatte und dann eine Konditorei aufmacht, wo die Mutter, die Chefin ist, der Vater, ein gelernter Fleischhauer kocht und die beiden Töchter, die nebenbei studieren, servieren.

Im ersten Kapitel sind die Kinder noch pubertierend und die Maminka, das ist die Großmutter, wartet mit den Gulaschtöpfen und dem „Traubi“ das ist das Traubisoda, das es in der Schweiz nicht gibt und das die Kinder lieben. Es geht zu einer Hochzeit, da werden auch die Fleischberge und die Kuchen aufgetischt und die beiden Mädchen beobachten den Cousin Gyula, beim Vögeln mit einer verheirateten Frau und sind etwas verwirrt.

Und um gleuch auf den Titel, die „Tauben“ zurückzukommen, die hält Cousin Belasich und die Mamika kocht daraus die besten Süppchen.

Eine andere Heimfahrt ist dann viel weniger lustig, denn da geht es zum Begräbnis der Mamika und der Krieg kommt dann auch bald und der stürzt die Familie in Verwirrung. Denn jetzt kommen alle Gäste und wollen von ihr wissen, wie das mit den Serben ist?

Aber die Vojvodina gehört ja zur ungarischen Minderheit. Die Mädchen sprechen gar nicht serbisch oder serbokroatisch, wie das damls noch hieß, weil sie schon in der Schweiz in die Schule gingen. Aber die Verwandten in der Heimat werden in Not gestürzt, denn die Burschen werden ja jetzt eingezogen und sollen vielleicht, wenn sie beispielsweise desertieren, aufeinander schißen.

Das Buch wird auch nicht ganz chronologisch erzählt. So handeln spätere Kapitel, wo die Mamika eigentlich schon gestorben ist, davon, wie sie den Mädchen von ihrem Großvater erzählt und in der Schweiz haben die Kocsiss auch ihre Schwierigkeiten, weil sie ja für ihre Einbürgerung lernen müssen und dann muß in der Schweiz offenbar die Gemeinde für oder dgegen stimmen, was auch sehr aufregend ist.

Ein interessantes Buch, das viel von dem Schicksal einer serbische, ungarischen oder was auch immer Emmigrantenfamilie erzählt, so daß ich jetzt vielleicht auch ein bißchen besser verstehe, warum es den „Deutschen Buchprei“s bekommen hat und auch ein bißchen schade finde, daß ich solange mit dem Lesen darauf gewartet habe. Aber jetzt habe ich es gleich in doppelter Ausgabe, werde mir beide behalten und gegenüberstellen und noch etwas ist interessant, habe ich mir doch beim Lesen öfter gedacht, daß der Titel so gar nicht passend ist.

Denn was haben die Tauben, die sich Cousin Bela hält, eigentlich mit Ildiko Kocsis, der Ich-Erzählerin zu tun, die in der Schweiz aufwuchs und Geschichte studierte und am Ende des Buches auch von zu Hause auszieht?

Beim Nachlesen meiner damaligen Eindrücke in der „Alten Schmiede“ bin ich daraufgekommen, daß die Autorin ihn gar nicht haben wollte, aber vom Verlag dazu überredet wurde.

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