Literaturgefluester

2020-07-26

Abschiedsfarben

Filed under: Bücher — jancak @ 00:41
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„Geschichten über Abschiede, die belasten, und Abschiede, die befreien, über das Gelingen und Scheitern der Liebe, über Vertrauen und Verrat, über bedrohliche und ewältigte Erinnerungen und darber, wie im falschen Leben oft das richtige liegt und im richtigen das falsche“, des 1944 bei Bielefeld geborenen Jruisten Bernhard Schlink, Autors des berühmten „Vorleser“, von dem ich außer einem Krimi noch „Olga“ gelesen habe, steht als Nächstes auf meiner Leseliste und beeindruckend die Ironie und der feinen Ton des alten Mannes, der in hoher Brillanz wohl Abschied von seinem Leben nimmt.

In „Künstliche Intelligenz“ nimmt der Ich-Erzähler Abschied von seinem Freund Andreas. Beide haben in der DDR ein Institut über Kybernetik aufbauen wollen, aber Andreas wollte mit einem Boot nach dem Bau der Mauer in den Westen. Das hat er anonym verraten und ist Institutsleiter geworden und Andreas nach seiner Haftstrafe nur von ihm geförderten Zweiten oder Gehilfen. Der ist längst gestorben. Jetzt kommt aber die Tochter, will die Geschichte aufarbeiten und die Stasi-Akten haben. Da hilft nur Verdrängen, Dissoziieren oder eben, das berühmte Abschiednehmen.

In „Picknick mit Anna“ steht ein alter Lektor oder „Buchdoktor“, also einer „der aus schlechten Manuskripten gute Bücher macht“, auch ein leicht überheblicher oder ironischer Überton, am Fenster in der Nacht und beobachtet, wie Anna, die Hausmeistertochter, der er Nachhilfestunden gab, um aus ihr eine „feine Dame, wie in Pygmalion“ zu machen und mit ihr in Oper ging, von ihrem Freund ermordet wird. Er steht dabei und holt nicht die Polizei oder den Rettungsdienst. So kommt der Kommissar zu ihm und sagt ihm, eine Nachbarin des Nebenhauses hätte ihn am Fenster gesehen. So resummiert er über seine Beziehung zu Anna und holt dann die Pistole, um, wen den Freund oder sich selbst zu töten?

In „Geschwisterliebe“ trifft ein Musikwissenschaftler Susanne, seine Jugendliebe wieder. Er hat sich als Sechzehnjähriger in dieTochter aus reichen H<haus verliebt, die aber einen rollstuhlfahrenden Bruder hat, der sein bester Freund wurde. Die Eltern tuen alles um den Jungen zu fördern, Er will aber auf einer fremden U<u<u<uni studieren und Philip soll ihn begleitet. Der will Susanne nicht verlassen, die ihn aber nicht als Liebhaber will, so geht er nach Amerika. Jahrzehnte später wird er von Susanne, die verheiratet ist und zwei Kinder hat, ein fünftes gibt es auch noch, sagt der Mann spöttisch zu einem Vortrag über Fanny Mendelssohn eingeladen und erfährt, daß der Bruder, der alle „Arschloch“ nennt, dement geworden, als fünftes Kind im Haushalt lebt und Susanne gesteht ihm, daß sie es war, die damals Eduard vom Berg hinuntergestoßen hat, weil sie auf ihn wütend war und jetzt lebenslang dafür büßt.

Ein wenig altmodisch und sehr konstruiert wirken die Geschichten, die von Ursula März besser, als die Romane empfunden werden. Mir sind sie vielleicht ein wenig zu dicht.

In „Amulett“ wird eine Ärztin vom ehemaligen Au Pair Mädchen besucht, die hat ihr den Mann weggenommen. Jetzt hat er Krebs und will seine Ex-Frau sehen. Sie trifft sich nach längeren Zögern mit ihm und er übergibt ihr das Amulett, das ihr seine Mutter hinterlassen hat.

Noch einmal tragisch die Geschite der „Geliebten Tochter“, die heißt Mara und ist nicht das Kind von Bastian, denn der hat Theresa erst kennengelernt, als sie schon fünf war. Ist aber ein Vorzeigevater mit dem Mara über alles sprechen kann. So fragt sie ihn einmal, ob sie lesbisch ist, weil sie ein Verhältnis mit ihrer besten Freundin Sylvie hat. Dann gibt es aber einige Freunde. Mara wird Gebärdensprachenlehrerin, bevor sie zu Sylvie endgültig zurückkehrt. Jetzt wollen die beiden, die im weißen Kleid und weißen Anzug heiraten, ein Kind. Die künstliche Befruchtung hilft nicht. So fährt sie mit Bastian in ein Hhotel und kommt in der Nacht zu ihm. Er erkennt sie angeblich oder tatsächlich nicht, glaubt, sie wäre Theresa und ist danach nicht sicher, ob die drei Frauen, das miteinander ausgemacht haben, wälzt auch noch die Literatur, wo solche Geschichten erwähnt werden und wird dann ein Großvater, der sich in sein Schicksal ergibt.

„Der Sommer auf der Insel“ nimmt das Motiv von Stefan Zweigs „Brennenden Geheimnis“ auf. Ein Junge fährt mit seiner Mutter im Sommer auf eine Insel und entdeckt dort das Geheimnis, das sie mit einem Fremden hat und in „Daniel, my brother“, wird vom Selbstmord eines Bruders, der sich mit seiner Frau umgebracht hat, berichtet, was laut dem Interview mit Ursula März autobiografische Bezüge zum Autor hat.

In „Altersflecken“ gehen einem nach dem siebzigsten Geburtstag alle Niederlagen, Peinlichkeiten, Enttäuschungen seines Lebens durch den Kopf. Der Psychiater nennt das Altersdepression und will was Auffhellendes verschreiben. Er spürt aber einer ehemaligen Geliebten auf und am“Jahrestag“ geht ein auch schon älterer Herr, erfolgreicher Schriftsteller mit jüngerer Geliebten erfolgreicher Journalistin in ein Restaurant, um Champagner zu trinken und sie fordert ihm zum Tanzen auf, was bei ihm ein bißchen Widerwillen erregt.

Das ist auch etwas das man an dem wohlgeschliffenen Buch bemängeln könnte, daß alle Geschichten in der gehobenen intellektuellen Mittelschicht spielen. Die Protatgonisten, Ärzte, erfolgreiche Geschäftsleute, cetera sind, Campagner trinken und die Männer jüngere Geliebte haben und beinahe sorglos ihre Ehen brechen etcetera.

Ich weiß schon, das ist höchstwahscheinlich die Lebenswelt des Autors, der ja ohne Zweifel etwas Altmodisches in seiner Themenwahl und Sprache hat, obwohl er auch durchaus aktuelle Themen anschneidet, die aber dann in dieser Art und Weise behandelt und da würde es ihm wohl nicht wirklich liegen, mal einen jügeren Knaben um des Erfolgs oder auch um der Liebe willen mit seiner Chefin anbändeln lassen und die dann nicht zum Champagner sondern vielleicht zum Joint verführen.

2020-04-24

Meine Mutter, das Alter und ich

Filed under: Bücher,Uncategorized — jancak @ 00:49
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Jetzt kommt ein „Kremayr & Scheriau – Buch“, aber keines aus der literarischen Schiene, obwohl ich bei einer der ersten „Corona-Lesungen“, die Günter Kaindlsdorfer in der Hauptbücher darüber abhielt, daraufgekommen.

„Wahre Geschichten“, die, die 1961 in Graz geborene Journalistin Katja Jungwirth mit ihrer Mutter, die sie betreut, erlebte und in kurzen knappen Szenen schön von Melanie Haas illustriert, die auch, nomen est omen, meisten hasenähnliche Figuren mit lange Ohren zeichnete, aufschrieb und das Alter ist ja ein Thema, das mich, glaube ich, schon seit meiner Jugend beschäftigt.

Bin ich ja bei relativ alten Eltern aufgewachsen, hatte eine um elf Jahre ältere Schwester, die 1978 einen Autounfall hatte, habe nach dem plötzlichen Tod meiner Mutter 1991bis 1995 meinen diabetischen Vater betreut, habe in dieser Zeit auch mit Pflegeheilferinnen im Geriatriezentrum Wienerwald gearbeitet, Alfred Vater ist 2012 gestorben, seine Mutter wird von zwei vierundzwanzig Stunden Pflegerinnen betreut, über die Themen Älter werden und Demenzen habe ich auch schon sehr oft geschrieben und natürlich auch darüber gelesen, so hat Bärbl Danneberg, sozusagen die Organisatorin des „Arbeitskreis schreibender Frauen“ ein Buch über die Betreuung ihrer dementen Mutter geschrieben, Elfriede Haslehner hat einen Text über den Tod ihrer Mutter, zu der sie, glaube ich, ein eher schweiriges Verhältnis hatte, geschrieben und und… und nun ein eher heiteres Buch über die Beziehung zu einer eher schwierigen Mutter, wie es, glaube ich, Günther Kaindlsdorfer bei der Lesung und dem Gespräch mit der Autorin nannte, mit einem Augenzwingern erzählt, füge ich hinzu, nachdem ich mich durch die kurzen Episoden gelesen habe.

Nachdem Katja Jungwirth fast sechzig ist und die Mutter Pharmazeutin war und die Tochter gegen Ende ihres Studiums gebar, wird sie so an die Fünfundachtzig sein und leidet an einer nicht näher genannten Krankheit. Wahrscheinlich leidet sie amÄlterwerden und der Einsamkeit. An den Wehwechen, die man wahrscheinlich mit über Achtzig hat, sie geht mit einem Rollator, das heißt sie rennt mit diesen durch die Straßen, weil sie sich ihrer Schwäche schämt und vermeidet damit Kaffeehäuser und Kinos zu besuchen. Sie sagt auch alle Besuche von Freunden ab, bricht Therapien ab und fordert die Tochter, die sie betreut zu Fürsorge und zu Besuchen auf. Sie ist auch depressiv setzt aber ihre Psychomarmaka ab und jammert dann darüber.

So begleiten wir Katja Jungwirth durch den Rollenwechsel und das Erleben des Älter- und  Schwächerwerden, einer wahrscheinlich sehr anspruchsvollen Frau, die wohl ihre Schwierigkeiten mit ihren kleineren oder größeren Wehwechenhat hat und die, so wie Katja Jungwirth sie beschreibt, auch noch sehr vital, elegant und gepflegt ist.

Die Spannungen, wo die Mutter zum Kind wird und ungeduldiger, als die Enkerln ist, werden in dem Kapitel über „Weihnachten“ besonders deutlich und so geht es hin und her.

Die Mutter kann nicht, will aber,  die Tochter leidet darunter und kann sich nicht abgrenzen. Die perfekte Mutter-Tochter Symbiose könnte man so sagen und die Mutter, die wahrscheinlich im Feminismus der Siebzigerjahre  versuchte ihren Sohn zu keinen Macho zu erziehen, erzählt jetzt der Tochter, daß sie ihm nicht zumuten kann, sich um sie zu kümmern, weil er ja eine Sitzung hat, während sie vier Kinder, einen alten Hund und noch einige Enkel zu betreuen hat, nein sagen kann sie aber offenbar auch nicht. So versucht sie einen Manipulierungsplan, beziehungsweise herauszufinden, ob das, wenn die Mutter jetzt anruft, ein Notfall ist oder ihr nur einfach langweilig war, aber Langeweile oder Einsamkeit ist ja irgendwie auch ein Notfall, etcetera.

Ein interessantes Buch, dem man, wenn man es so ohne wirklich Betroffenbheit, wie es beispielsweise bei mir der Fall ist, liest, Oberflächlichkeit vorwerfen könnte, denn diese Mutter hat ja vielleicht nicht wirklich was, außer daß sie wahrscheinlich über achtzig ist, im Gesicht noch sehr gepflegt ausschaut, unter dem körperlichen Verfall leidet und nicht mehr so gut gehen kann.

Liest man es aber als vielleicht selber pflegebedürftige Mutter oder betreuende Angehörige, wird man es vielleicht anders interpretieren.

„Es ist wie in frühester Kindheit, eine Symbiose zwischen Mutter und Kind. Geht es der Mutter gut, geht es dem Kind gut.

Berührend und mit viel Humor erzählt Katja Jungwirth in ihren tagebuchartigen Texten von der Beziehung zu ihrer pflegebedürftigen Mutter, von großer Aufopferung, von kleinen, liebevollen Gesten und von all den Situationen, die sie immer wieder an ihre eigenen Grenzen bringen,“, steht am Buchrücken.

2019-09-13

Es wird Zeit

Filed under: Bücher — jancak @ 00:28
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Bevor es doch an das Buchpreislesen geht, da sind schon alle Bücher da, aber bisher erst ein Einziges gelesen, jetzt noch ein Frauenroman von Ildiko von Kürthy.

Ich habe, die ich ja manchmal auch Chicklits und Krimis lesen von der 1968 Geborenen schon einige Bücher gelesen und sie haben mir, glaube ich, nicht so besonders gefallen. Hier ist es anders, aber auch ein bißchen ambivalent.

Geht es doch, um die Bewältigung einer Midlifekrise einer Frau, um die Fünfzig mit drei Söhnen, einen Zahnarzt, als Gatten mit einer Ehe, wo nicht mehr viel läuft, in einem Vorort von Hamburg, wo sie all das macht, was die Mittelschichtfrauen halt so machen, die Kinder zur Schule bringen, dort im Elternverein oder sonstwo helfen, halbtagstätig ist, kocht, putzt, bügelt, mit der Putzfrau verhandeltund mit ständig schlechten Gewissen wegen des Übergewichts doch noch ein bißchen Nutella aus dem Glas nascht.

Das ist Judith Rogge und deren Mutter ist gestorben und nun muß sie zur Beerdigung der Urne und zum Verkauf des elterlichen Hauses in das Dorf, wo sie aufgewachsen ist und das ist keine gute Idee, hat sie dort doch ein großes Geheimnis, das sie die letzten zwanzig Jahre sehr belastet hat.

Das wird nun nach und nach und manchmal durchaus sehr langatmig und so geschrieben, als käme es aus einem Ratgeberbuch aufgeklärt, manche Szenen sind wieder sehr lustig und am Schluß ist alles gut und die Mittelschichtfrau geht glücklich in ihr neues Leben hinein?

Doch nicht so ganz, denn vor zwanzig Jahren, hatte Judith eine beste Freundin und die hatte einen Freund mit dem sie in die Anwaltskanzlei ihres Vater einsteigen wollte, aber der macht zuerst noch eine Reise, kommt von dort nicht mehr zurück und Judith plagt das schlechte Gewissen, hat sie sich doch in Michael verliebt und ist nun schwanger.

Kopflos verläßt sie die Freundin und das elterliche Haus, zieht nach Hamburg, heiratet Joachim, bekommt drei Söhne und nun steht sie am Friedhof des elterlichen Dorfes, um das künftige Grab ihrer Mutter zu besichtigen und fällt dort fast hinein, als Anne sie entdeckt.

So was hatten wir schon ein oder zweimal in der Literatur und es geht auch gleich weiter, denn der der dasHaus kaufen will, ist eine andere Jugendliebe, ich glaube, der, der sie mit Vierzehn oder Fünzehn entjungfert hat und auch ihr Meerschweinchen ermordete, also ein Arsch.

Das ist er noch immer, verheiratet und das Haus will er auch zu Spekulationszwecken, aber Judith verliebt sich in ihm und hält nun während es zu verunglückten Treffen kommt und die Urne doch nicht so schnell, wie gedacht beerdigt werden kann, schier endlose Mologe über das glücklose Leben einer Mittelschichtfrau und dem fluch des Älterwerdens.

Dabei ist das Leben der anderen noch viel schlimmer. Anne hat nämlich Krebs im letzen Stadium. Die Freudinnen versöhnen sich wieder, Judith begleitet sie zu den Behandlungen, beschließt das Haus doch nicht zu verkaufen, sondern mit ihren Freunden in einer Art Altershippiekommune glücklich zusammen zu leben.

Sie erfährt, daß Michael nicht gestorben, sondern nur ausgestiegen und das Kind auch nicht von ihm ist, trennt sich glücklich von ihrem Joachim, der sich mit einer Seljacht statt mit einer Frau fortan vergnügen will und alles wird gut, bis, daß Anne doch stirbt und das den anderen irgendwann auch nicht erspart bleiben wird.

Ein vergnüglicher Roman über die Midlifekrise könnte man so sagen und ich denke, daß er wahrscheinlich hauptsächlich von Frauem, um die fünfzig oder noch älter, wie ich beispielsweise, gelesen werden wird und frage mich, wie das Buch auf sie wirkt?

Ich habe mich ja schon in meiner Jugend mit der Mildlifekrise beschäftigt und als ich noch nicht viel davon verstanden habe, eine Dissertation darüber geschrieben und als ich am vorigen Donnerstag das Buch gerade angefangen hatte, und zum Salten-Symposium ins Rathaus ging, meine Straßergassenfreundin auf der Straße getroffen, die mir von ihrem Krebs und der sechsten Chemotherapie erzählte, die sie erwartete.

So wird es wahrscheinlich auch den anderen Frauen gehen, das Übergewicht ist da, die Ehe im Heimer und das Buch gibt manchmal sehr lustig, beispielsweise die Stelle, wo der achtzehnjährige Sohn mehrmals anruft, weil er nicht weiß, wie man eine Waschmaschine betätigen muß, sich die Mutter gerade in einem Schweigekloster befindet, manchmal sehr langatmig gute Ratschläge, wie man das Leben bewältigen kann, die wahrscheinlich auch mehr oder weniger gut wirken werden.

So bin ich gespannt, wie das Buch von den Lesern aufgenommen wird  und kann auch noch spoilern, daß sich Ildiko von Kürthy derzeit auf Lesereise befindet, war doch dem Buch ein Flyer beigelegt, auf dem man die genauen Termine von September 2019 bis Juni 2020 finden kann.

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