Literaturgefluester

2019-02-15

Gotteskind

Filed under: Bücher — jancak @ 00:12
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Nun kommt meine erste oder zweite 2019 Neuerscheinung, die erste ist das Camilleri-Bekenntnisbuch gewesen, aber das ist schon Mitte Dezember zu mir gekommen, während ich John Wrays „Gotteskind“ erst im Jänner bekommen habe in den letzten Tagen aber schon einiges über das Buch, das in Ö1 vorgestellt wurde und auch auf die Feburar ORF- Bestenliste gekommen ist.

Bestellt habe ich es mir, dem Autorennamen nicht dem Inhalt nach, habe ich den Namen des 1971 in Washington geborenen US- Amerikaners, der eine Känrtner Mutter hat und deshalb auch beim „Bachmannpreis“ gelesen und gewonnen hat, das erste Mal auf einer meiner Frankfurt Surfings  und auch in Göttweig gehört, als dort sein Zeitreiseroman vorgestellt wurde und im Dezember oder so habe ich auch einen Wray auf Englisch im Schrank,“Lowboy“, das auf Deutsch unter „Der Retter der Welt“ erschienen ist, gefunden und durch Ö1 habe ich erfahren, daß John Wray ein Meister des Stilwechsel ist und jetzt in die Welt der Dschihadisten eingetaucht ist.

Als ich das Buch bekommen habe, war ich erst einmal durch Cover und Titel verwirrt, „Gotteskind“ ist einer, der mich unvorbenommen nicht vom Sessel reißen kann und der Hahn mit dem roten Turban konnte es auch nicht, eine Geschichte über eine junge Dschihadistin konnte das dann schon viel mehr, habe ich mich als ich die „Unterwerfung“ gelesen und „Die Pensionsschockdepression“ geschrieben habe, ja auch mit diesem Thema beschöftigt.

In den Ö1 Berichten wurde noch erwähnt, daß John Wray 2015 in Afghanistan war und daß es 2001 einen amerikanischen Taliban namens John Walker Lindh gegeben hat, der das Vorbild für das Buch war, dessen Heldin eine achtzehnjährige Amerikanerin namens Aden ist, die einen Vater als Islamwissenschaftler und eine Trinkerin als Mutter hat, alles hinter sich läßt und mit ihrem Freund Decker, einem gebürtigen Pakistani nach Pakistan reist, um dort den Koran zu studieren.

Das klingt einmal gut und ist sehr spannend und so war ich bis zum Ende des ersten Teils in das Buch auch sehr hineingezogen. Es beginnt mit Briefen an den „Lehrer“, das ist Adens Vater, den sie so anspricht und man erfährt, sie ist in der Pubertät von ihren Eltern enttäuscht worden und nun reißt sie aus, um die Welt zu erobern.

Das das vielleicht nicht die übliche Pubertätsreaktion ist, einfach alles hinzuhauen, sich die Haare abzuschneiden, den Busen zu bandagieren und dann monatelang den Koran zu studieren, diese Idee ist mir erst später gekommen, so  sehr hat es mich in das Buch hineingezogen.

Es gibt auch spannende Szenen, so gehen sie noch am Flughafen in Kalfornien zuerst in den Gebetsraum und wissen da gar nicht so genau wo der Osten ist, ihr Gepäck lassen sie draußen stehen und müßen es dann bei der Sicherheitskontrolle abholen. Sie kommen aber problemlos nach Pakistan, im Flugzeug wird Aden noch von einem pakistinischen Geschöftmann instruiert sich ja nicht den Dschihad anhzuschließen und der Lehrer der Koranschule erkundigt sich auch gleich besorgt, warum sie sich seine kleine Schule dicht an der afghanischen Grezne ausgesucht hat?

In den Ö1 Besprechungen habe ich gelesen, daß Aden sich erst dort zum Kampf entschieden hat, mir war aber immer klar, daß sie dorthin will, erst später habe ich mich gefragt, warum eigentlich, nur weil die Mutter trinkt und der Vater sie betrogen hat?

Aber gut,  es sind sehr viele frustrierte Jugendliche in den Dschidhad gezogen, da ist diese Aden Sawyer nur ein Beispiel von John Wray, der im interview erzählte, daß er viel recherchierte, danach alles vergaß und die Geschichte frei erfunden hat und es ist wirklich plastisch geschildert, obwohl ich meinen Geschmack nach zu aprupt in die Geschichte hineingeworfen wurde und den reiligösen Fanatismus der jungen Frau, die sich als Mann verkleidet und fortan Suleyman, wie auch jeder John Walker Lindh genannt wurde, nicht so ganz nachvollziehen konnte.

Es kommt auch zu Zerwürfnissen mit ihrem Freund Decker, der nicht so fromm, wie sie scheint und nicht versteht, daß sie keinen Sex und auch nicht mehr fluchen will. Er ist es, aber der zuerst über die Grenze geht. Der alte Lehrer hat einen Sohn namens Ziar, der schon ein Kämpfer ist und immer in die Schule seines Vaters kommt, um von dort Rekruten abzuziehen.

Aden will auch dorthin und im zweiten Teil wird dann die Ausbildung in dem Lager in Afhghanistan beschrieben, Decker kommt durch eine Explosion ums Leben, Aden schließt sich Ziar an und muß einen alten Mann erschießen, was sie widerspruchslos tat.

Ab da kippte bei mir die Lesefreude, denn der Alltag in der Koranschule, wo man den ganzen Tag Suren hinunterbetet, war durchaus spannend geschildert, aber warum Aden umbedingt kämpfen will,  war mir dann nicht so klar?

Irgendwann erfährt man dann vom Anschlag an die Twintowers und da habe ich erst kapiert, wir sind im Jahr 2001 und nicht 2018 und, daß sich dann der Suleyjman, jener fromme Superkämpfer plötzlich in Ziar verliebt und der erkennt, daß sie ein Mädchen ist, war mir auch nicht ganz klar.

Ab dann ist es für mich völlig verwirrend geworden und vielleicht die Phantasie mit John Wray durchgegangen, denn jener Ziar verhält sich durchaus widersprüchig. Aden ebenfalls und sie wird dann auch fast mit einem alten Mann verheiratet, dem sie nur dadurch entkommt, daß sie ihm umbringt und dann flüchtet sie offenbar nach Hause und ist geläutert oder nicht und das Buch hat mich ein bißchen ratlos zurückgelassen und ich habe nach John Walker Lindh gegoogelt und mir das Interwiev mit John Wray in Ö1 nochmals angehört.

Ein spannendes interessantes Buch wo man etwas mehr über den Dschihad und Afghanistan erfahren kann, war es trotzdem, wenn mir auch einiges unlogisch erschien, ich wahrscheinlich mehr Erklärung gebraucht hätte, mir das Ende eher unwahrscheinlich erschien und ich auch Adens Beweggründe für den Fanatismus genauer erkärt haben hätte.

Daniel Kehlmann ist es nicht so, wie mir gegangen, schreibt er doch am buchrücken „Ich stehe mit hilfloser Bewunderung davor, was John Wray hier fertiggebracht hat“, aber vielleicht  hat er sich besser informiert.

2017-12-30

Die Zeit der Ruhelosen

Das wahrscheinlich letzte Buch in diesem Jahr ist noch ein Nachtrag des Frankreich-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse und der war für mich eine Überraschung, denn, daß die französische Gegenwartsliteratur so aktuell politisch ist,habe ich nicht gewußt.

Eduard Louis „Im Herzen der Gewalt“ habe ich mir zum Geburtstag schenken lassen und werde wahrscheinlich erst im nächsten Jahr, wenn überhaupt, zum Lesen kommen.

Sophie Divris „Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“ habe ich schon gelesen und viel Übereinstimmung mit meinem Schreiben gefunden, habe ich diese Themen ja auch in meinen Texten bearbeitet und von der  1972 geborenen promovierten Juristin Karine Tuil, habe ich vor einiger Zeit die „Gierigen“ im Schrank gefunden.

Da bin ich auch noch nicht zum Lesen gekommen, dafür habe mich „Die Zeit der Ruhelosen“ die letzten Tage begleitet und was soll ich sagen, es ist ein verstörendes Buch, eines das von sehr viel Gewalt geprägt ist und das Leben der Reichen und der Schönen in Frankreich schildert, die auch nicht glücklich sind.

Ein Frankreich nach dem Irak Krieg, das Buch spielt etwa 2009 oder 2010 habe ich mir ausgerechnet und Romain Roller kommt schwer traumatisiert von einem Afghanistan-Einsatz zurück und wird bevor er wieder nach Frankreich darf in einem Luxushotel  in Zyperbn ein paar Tage lang von Psychologen behandelt.

Dort ist auch die Journalistin Marion Decker und die ist mit einem der reichsten Männer Frankreichs, dem Chef einer Telecom-Firma Francois Vely verheiratet, der oder dessen Vater eigentlich Levy hieß, sich aber vom Judentum abwandte oder sich ihm nie zugehörig fühlte.

Der ist auch ein gebrochener Mann, hat sich seine zweite Frau doch aus dem Fenster gestürzt, als er Marion heiratenwollte, sein Sohn Thiboult ist inzwischen zum Judentum konvertiert und nennt sich Moldechai und Vely, weil sehr an moderner Kunst interessiert, posiert bei einem Interview auf einem Sessel, der eine unterdrückte afrikanische Frau darstellt.

Das löst eine Well der Empörung aus, Vely wird des Rassismus verdächtigt und als Jude beschimpft und bekommt ausgerechnet von dem ehemalisgen Streeworker Osman Diboula, einem Schwarzen, der Berater des Präsidenten war, aber inzwischen in Ungnade gefallen ist, weil er sich nicht von einem Rechten beschimpfen lassen wollte, Unterstützung.

Ja, so geht es zu, im Frankreich in den Zweitausenzehnerjahre, die starken Männer koksen und trinken und werden erpresst, die Frauen tauchen eher als Schemen auf und im dritten Teil des Buchen finden sich alle im Irak ein.

Roller kehrt, obwohl schwer traumatisiert, als Sicherheitsmann dorthin, Osman, der beim Präsidenten wieder Gnade gefunden hat, wird Staatssekretär des Äußeren und soll in Bagdad eine Messe besuchen. Er kommt auf die Idee, Francois zu bitten, ihn dorthin zu begleiten und der wird dort entführt und letztlich als Geisel erschossen.

„Eiskalt, fesselnd, furios“, geschrieben, steht am Buchrücken und man bleibt wirklich mit einem beklemmenden Gefühl, ob der Gewalt, der Verzweiflung, der Depression, die im heutigen modernen Leben herrscht und uns umgibt, zurück.

„Furios erzählt Karine Tuil von Menschen, die getrieben sind vom Wunsch nach Anerkennung, Geld und Macht, ein gradioses Gesellschaftspanorama unserer Zeit“, steht noch im Klappentext.

Jetzt bin ich auf die „Gierigen“ gespannt und weise auf mein letztes Adventkalenderfenster hin, das es in diesem Jahr zu öffnen gibt.

Was bisher geschah läßt sich hier erfahren und die „Nika,Weihnachtsfrau“, vor zwei Jahren im Rahmen des „Nanowrimos“ geschrieben, ist wahrscheinlich auch ein Gesellschaftspanorama unserer Zeit, zumindestens eines im kleineres Rahmen, das sich  vielleicht während der Flüchtlingskrise auf der Wiener Mariahilferstraße abgespielt hat.

2017-05-10

Binde zwei Vögel zusammen

Jetzt kommt noch ein Geburtstagsbuch und zwar Isabelle Lehns Debutroman „Binde zwei Vögel zusammen“, aus dem sie im Vorjahr in Klagenfurt las, auf der Longlist des „Debutpreises“ stand, aber leider für die Shortlist nicht ausgewählt wurde, was ich insofern bedauere, weil ich dann ihr meine Stimme gegeben hätte, als das für mich beste Buch aus der Liste, aber ich habe ja nicht die gesamte Longlist gelesen, nur ein paar davon.

Ein auch nicht auf Shortlist gekommenes Debut war Nele Pollatscheks „Unglück anderer Leute“, die damit gerade den Förderpreis des „Hölderlin-Preises“ bekam, die Hauptpreisträgerin ist Eva Menasse und ich erwähne das, weil Nele Pollatschek eine der „Amazon-Rezensenten“ für „Binde zwei Vögel zusammen“ ist, was ich sehr spannend finde.

Isabel Lehn wurde 1979 in Bonn geboren, lebt in Leipzig, hat dort das Literaturinstiut besucht, ist dort auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und hat der der letzten „Alumnilesung“ auch aus dem Buch gelesen und ihr Buch ist zumindest vordergründig das poltische Buch des Jahres, würde ich mal sagen, daß die so oft beklagte fehlende präsante Situation der Welt bearbeitet und hintergründig, würde ich hinhzufügen, ist es sehr kompliziert und nicht zu fassen, weil es, wie ein Verwirrspiel die Ebenen ständig wechselt, so daß man sich bald nicht mehr auskennt und nicht mehr weiß, worum es hier wirklich geht?

Aber vielleicht hilft hier das Titelzitat, das auf Seite fünfundreißig zu lesen ist: „Binde zwei Vögel zusammen, sie werden nicht fliegen können, obwohl sie nun vier Flügel haben“

Ja, richtig darum geht es und da ist der Ich-Erzähler Albert Jakobi, ein Journalist, der irgendwie in ein Ausbildungscamp oder in ein Trainingslager geraten ist, wo er den Paschtunen Aladdin spielen soll, der achtundzwanzig Jahre alt ist, verheirat und drei Kinder hat und in dem afghanischen Dorf, das eigentlich in Bayern liegt, ein Cafe betreibt, das nur einen einzigen Gast hat. Außerdem rennt der Superviser herum und brüllt Anweisungen vor sich her und die Talibans greifen auch ständig an.

Das Ganze wird von einer Firma organisert, auch das Arbeitsamt schickt Kanditaten für sechs Wochen hin und wenn man sich nicht an die Regeln hält, wird man zurückgeschickt und darf später nicht mehr hinkommen.

Albert Jacobis oder Aladdins sechs Wochen sind bald aus, so kehrt er in sein reales Leben, nach Leipzig, wenn ich richtig kombinierte und zu seiner Freundin zurück und will über den Einsatz schreiben, obwohl er ja eigentlich ein Schweigegelübde unterschrieben hat.

Es geht auch nicht, er bringt es nicht zusammen und kommt draußen in der schönen friedlichen Welt auch nicht mehr zurecht. Die Paranoia holt ihn ein, Aladdin sitzt plötzlich neben ihm auf der Parkbank, läßt ein Buch liegen, klaut ihm dafür sein Handy und ruft damit seine Frau und seine Kinder in Afghanistan an und läßt ihn die Rechnung zahlen.

Das Buch das er liegen gelassen hat, stammt von Elisabeth Langgässer und wurde 1936 geschrieben und Aladdin ist auch ein Flüchtling, der mit dem Buch Deutsch gelernt hat, um über die Grenze zu kommen, etcetera, etcertera.

Wem das noch nicht kompliziert genug ist, kann sich mit Albert Jacobi in die Real life Situationen des deutschen Hartz IV Lebens gegeben, wo die Kanditaten in Supermärkten, wo keine echten Kunden sind, den Verkaufsallteg nachspielen müßen und vor den Sozialmärkten bekommt man ein Los, damit es gerechter ist, wenn man als letzter hineinkommt und nur mehr das verwelkte Gemüse vorhanden ist.

Dazwischen gibt es dann noch die Nachrichten vom  wirklich echten Leben des Jahres 2014, wo das Buch offenbar geschrieben wurde, die Todesfälle, die Flugzeugentführungen, die Terroranschläge, die Erschießungen, etcetera.

Noch einmal ganz real bewerben sich, sowohl Albert und seine Freundin für neiue Jobs und während die nach München fährt, um die Probezeit zu beginnen, wechselt Albert mit Aladdin seine Identität, läßt ihn mit seinen Papieren in seiner Wohnung zurück und macht sich auf ein weiteres Training zu beginnen.

So habe ich es mir gelesen, vielleicht läßt sich die Geschichte, wie Andreas Okopenkos „Lexikoroman“ auch anders interpretieren. Mir hat sie, auch wenn sie keine Lösungen anbietet und uns die Wirklichkeit vielleicht schon wieder überholt hat, sehr gut gefallen und wie erwähnt, ich bedauere es sehr, daß es nicht auf die Shortlist des Debutpreises gekommen ist, da es wahrscheinlich stärker, die politische Situation wiedergibt, als Shida Bazyars Geschichte, für die ich mich entschieden habe.

Aber, wie schon erwähnt, ich habe nicht alle Bücher gelesen und ein weiteres, das ich von Marc Richter gewonnen habe, daß es auch nicht auf die LL schaffte, steht jetzt auf meiner Leseliste.

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