Literaturgefluester

2016-12-10

Wiederholte Geburten

Nun kommt der historische Roman aus dem alten Ägypten „Wiederholte Geburten“, an dem Dietmar Füssel, glaube ich, sehr lang gearbeitet hat.

Jedenfalls kann ich mich daran erinnern, als ich 2008 oder so auf seine Website und seine Gewinnspiele, stieß, an denen ich mich zu Anfang sehr beteiligt und mich so inzwischen fast durch sein gesamtes Werk gelesen habe, daß er schon da an einem historischen Roman gearbeitet hat.

Inzwischen sind aber einige andere Bücher, Gedichte, Erzählungen, Satiren, entstanden, denn der 1958 in Wels geborene Schriftsteller und Aktionskünstler, der mir auch regelmäßig seine Videos schickt, ist ein Vielschreiber und er hat ohne Zweifel einen Hang zur Satire beziehungsweise zum schwarzen Humor.

Deshalb war ich, als ich von dem neuen, wieder bei „Sisyphus“ erschienenen Roman erfuhr, auch ein wenig skeptisch, denn ganz ehrlich, Romane aus dem alten Ägypten interessieren mich nicht so besonders, hört mein historisches Interesse, das an sich stark vorhanden ist, ja ungefähr beim ersten Weltkrieg auf und bei „Wiederholte Geburten“ handelt es sich noch dazu um ein besonders dickes, über sechshundert Seiten, Buch.

Es scheint seinem Autor, dem sehr bemühten GAV-Mitglied aber sehr wichtig zu sein und er hegt, wie er mir bei der letzten GV beim Abendessen versicherte, damit auch große Pläne, hat er doch nichts anderes vor, als damit auf die Longlist für den nächsten öst Bp zu kommen und deshalb versucht er es auch bekannt so machen, so daß nicht nur ich ein diesbezügliches Ememplar bekommen habe, sondern sogar zwei, denn das erste habe ich auf die „Buch-Wien“ getragen und das zweite jetzt gelesen, das, ich kann es gleich gestehen, nicht so langweilig war, wie erwartet und das konnte es eigentlich auch  nicht sein, ist Dietmar Füssel ja ein Satiriker und so ist die Geschichte des Frauenarztes Merire aus dem dreizehnten vorchristlichen Jahrhundert auch eine, die voll Sarkasmus tropft und so erzählt wird, wie es sich höchstwahrscheinlich nicht im alten Ägypten zugetragen hat oder doch vielleicht, gibt es ja am Ende einen umfangreichen Anhand und eine ausführliche Quellenangabe, die uns die ägyptische Geschichte näher bringen kann, während der Autor, wie er vorher schreibt, versucht hat, seinen Stoff so alltagstauglich, wie nur möglich zu erzählen, so kommen auch Worte und Wendungen darin vor, wie „Sanktionen“ oder „Du hast einen Vogel!“, wie sie die alten Ägypter höchstwahrscheinlich nicht verwendet haben und Dietmar Füssels Stil ist wieder sehr bedächtig, sehr genau, verwendet Erzählung um Erzuählung, um uns in das alte Ägypten einzuführen und uns dabei eine wahrscheinlich sehr heutige Geschichte zu erzählen, die von Intrigen, Liebe, Haß, Verrat, etcetera handelt.

Einige Absurditäten, ganz, wie bei einem Füssel gewohnt, sind auch dabei und am Ende kommen immer wieder Wendungen, wie „Dieses hier ist aber nicht geschehen!“, so daß man sich nicht so ganz auskennen kann, von dem listigen Autor irregeleitet und das muß ich zugeben, auch gut unterhalten wird.

Es beginnt mit der Mitteilung, daß 2005, vielleicht der Beginn der Füsselschen Romanarbeit, im altägyptischen Piramesse, das Skelett eines männlichen Kindes mit dem Kopf eines Frosches gefunden wurde und „Heket“ entnehme ich dem Anhang, war die „Froschköpfige Geburtsgöttin, diezuständig für das  Wachstum des Ungeborenen, im Leib der Mutter und für den Vorgang der Geburt ist, die meistens als froschköpfige Frau dargestellt wird.“

Um aber an den Anfang zurückzukommen. Da sitzt die Frau des  thebanischen Sunus Maatamuun, das ist ein ägyptischer Allgemeinmediziner, auf dem Geburtsziegel, um zu gebären, während der Gatte draußen warten muß, darf er ja nicht seiner Frau dazu beistehen. Er darf nur später hereinkommen und dem Kind, es ist ein Sohn, seinen Namen geben.

Er nennt ihn Merire und die Mutter stirbt nach drei Tagen, während der Dreijährige von seiner älteren Schwester erfährt, daß er schuld am Tod seiner Mutter ist. Er rennt darauf in die Ordination des Vaters und spricht sehr viel für einen Dreijährigen. Der Vater beruhigt ihn und Merire beschließt daraufhin Frauenenarzt zu werden, um anderen Frauen in ihrer schweren Stunde zu helfen.

Was er auch tut. In deren Nähe wird er später allerdings im Zustand des Gebären nicht dürfen, denn das ist nur den Hebammen gestattet, die müssen bei uns zwar auch bei einer Geburt dabei sein, die Frauenärzte haben aber Zutritt, Merire, der ein ausgezeichneter solcher geworden ist, aber nicht. So gerät er später beim Pharao auch in Ungnade, als er aufmüßig genug, doch in den Leib einer Frau hineingreift, um das tote Kind herauzuholen und ihr damit das Leben zu retten und wird dafür auf eine Mission zu den Hetihtern geschickt, die ziemlich unmöglich klingt, obwohl Merire immer wieder versichert, daß es eigentlich gar nicht so unmöglich ist. Er soll nämlich einer sechzigjährigen Prinzessin zur Mutterschaft verhelfen.

Heutzutage bringt, glaube ich, die Wissenschaft mit der Gentechnik, künstlicher Berfruchtung und Leihmutterschaft etcetera, solches zusammen, ich erinnere da nur an ein köstlichen Fian-Dramulett, das ich vor einiger Zeit im „Standard“ gelesen habe, im alten Ägypten war es aber wahrscheinlich unmöglich, umsomehr, da Merire  gar nicht an den Körper der Prinzessin und sie auch nicht untersuchen durfte, so daß er ihr nur täglich ein paar Zäpfchen schicken konnte, die im günstigen Fall einen roten Regelähnlichen Ausfluß vortäuschten.

Er bricht auf seine Mission in das Land der Hetither mit einem Rahotep genannten Priester auf, offiziell, weil dieser die Sprache der Hetither spricht, inoffiziell, weil er den Frieden zwischen Ägypten und den Hetithern wiederherstellen soll, was so geheim ist, daß Merire keine Ahnung davon hat, was aber zu seltsamen Verwicklungen und Mißverständnissen führt, denn Merire verliebt sich in die schöne Hofdame Lavinia, die auf Geheiß der Königin, den Haushalt der beiden Fremden betreuen soll. Rahetop versucht ihn davon abzuhalten, was ihm aber nicht gelingt und einen assyrischen Gedandten namens  Assur-Nadin, der all das verhindern soll, Lavinia vergewaltigt, Rahetop zu töten versucht, gibt es auch, der um die Mission zu verhindern, die harmlosen Zäpfen mit einem mit Gift gefüllten vertauscht, so daß die Prinzessin stirbt und Merire an ihrer Tötung verdächtigt wird. Er soll dafür getötet werden, die hochschwangere Lavinia, kann das aber verhindertn. Kurz darauf kommt sie nieder. Gebärt ihr Kind mit einer sehr harschen Hebamme, während Merire nichts anderes überbleibt, sich in der Zwischenzeit mit dem Sunu Rabasha zu betrinken und dann gibt es in Merires Haus noch einen Pestverdacht, Rahtop ist inzwischen auf Mission in Ägypten, an dem Livinia und ihr Sohn angeblich sterben und Merire wird des Landes verwiesen.

„Packend leidenschaftlich und mit großer Sachkenntnis erzählt Dietmar Füssel von Autokratie, politischer Ränke, verlogener Staatsräson, Korruption, Heuchelei und Gewalt, aber auch von wirklicher Freundschaft und wahrer Liebe im alten Ägypten“, steht am Buchrücken und ich füge noch hinzu, daß, die in der gewohnt Füsselschen-Manier manchal sehr verzerrt erscheint.

So beginnt das Brautpaar am Vortag seiner Hochzeit gehörig zu streiten und dabei ganz derbe Wortfloskeln zu verwenden „Warte nur, wenn wir erst verheiratet sind, dann werde ich dir schon noch Manieren beibringen, verlaß dich darauf“

„Wenn da so ist , möchte ich dich lieber doch nicht heiraten…“

„Das mein Lieber hättest du dir vorher überlegen müssen. Jetzt ist es dafür zu spät. Jetzt wird geheiratet.““

Den Titel des Buches, habe ich, wie ich gestehen muß, nicht ganz verstanden, wenn er sich nicht vielleicht auf die ägyptische Mythologie beziehen sollte, wovon es am Buchrücken noch ein Zitat gibt:

„Wir dürfen uns freuen, Liebster, aber wir dürfen auch traurig sein. Weil jede Geburt das Ende eines Beginnes und der Beginn des Ende ist!“

Denn so viel Geburten hat ja der berühmteste Frauenarzt den Ägypten im dreizehnten vvorchristlichen Jahrhunderts, nach seiner Aussage, hatte, gar nicht mitbekommen.

Aber auch das ist vermutlich ein Teil der Füsselschen Satrie, so daß ich nicht umhin komme, zu erklären, in den letzten fünf Tagen einen sehr spannendes Roman gelesen zu haben.

Ob ich jetzt viel vom altägyptischenen Leben erfahren habe, bin ich aber nicht sicher, halte das Buch aber für einen „sehr gelungenen Füssel“, dem ich für den nächsten österreichischen Buchpreis aless Gute wünsche und bin gespannt, ob ich es auf der Liste finden werde?

Denn dann hätte ich auf jeden Fall weniger zu lesen und ach ja, als Weihnachtsgabe für die berühmte Schwiegermutter, eignet es sich allemal, denn diese mögen ja im Allgmeinen, wie ich von meiner Schwiegermutter weiß, historische Romane sehr.

 

2015-05-03

Die Töchter Allahs

Filed under: Bücher — jancak @ 00:22
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Es geht gleich weiter mit der Hintergrundrecherche für die „Pensionsschockdepression oder Selmas Kopftuch“ wie die „Bibliophilin“ jetzt wahrscheinlich heißen wird, und zwar mit Geraldine Brooks „Die Töchter Allahs“, das ich zeitgleich mit „Gefangen in Deutschland“ in den Schränken gefunden habe.

Das Buch der 1955 in Australien geborenen Journalistin, die als UN-Sonderkorrekspondentin in New York gearbeitet hat und die sehr viel die arabischen Länder bereiste, wurde aber in den Neunzigerjahren geschrieben und behandelt in den einzelnen Kaptieln, die alle mit einem Vers aus dem Koran eingeleitet werden, vornehmlich das Leben von Frauen der Oberschicht in Saudi-Arabien, Iran, Ägypten etc und seit den Neunzigerhahren hat sich sicherlich viel geändert und das Leben einer Oberschichttochter in einer Saudi-Arabischen Privatschule unterscheidet sich sicherlich auch sehr von den jungen Hauptschülerinnen Deutschlands und vielleicht aus Österreich, die in der Schule von türkischen Mitschülern, als „Huren“ beschimpft werden, weil sie kein Kopftuch tragen, Schweinefleisch essen und vielleicht auch Sex vor der Ehe haben.

Interessant ist es aber allemal und auch sehr flott geschrieben, schildert die Journalistin, die glaube ich, wegen ihrem Mann zum Judentum konvertierte, doch im Vorwort, wie sie in Saudi-Arabien ein Hotelzimmer haben will, aber keines bekommt, weil sie kein Mister sondern eine Missis ist.

Als sie dann in der Lobby übernachtet will, holt der Portier die Polizei und die gibt ihr dann nach längeren Hin und Her die Sondererlaubnis, doch dort zu übernachtet und so wird sie in ein Extrazimmer geführt.

Die einzelnen Kapiteln handeln in den verschiedenen arabischen Ländern und sie behandeln verschiedene Themen zu Frauenfragen und Frauenunterdrückung und zeigen manchmal  die Absurditäten, der jeweiligen Gesetzeslage, etwa die, daß die Töchter Allahs in einer der Saudi-Arabischen Privatschule, neben Englisch, Mathematik etc auch Unterricht in Automechanik erhalten.

„Warum das?“, die erstaunte Frage an die tiefverschleierte Direktorin. Dürfen sie in dem Land doch nicht Autofahren. Ja, doch, aber es ist gut, wenn sie sich überzeugen können, ob es stimmt, wenn ihr Fahrer ihnen erzählt, daß der Motor einen Schaden hat.

Es wird auch viel von den Frauen des Phropheten Mohameds erzählt, um die Lage der Frau, wie Geraldine Brooks, sie erlebte zu erläutern, die besipielsweise zu einem Tee bei der Witwe und der Tochter von Khomeini eingeladen war, die Tochter war Philosophie-Professorin und schien sich sehr für die Lage der Frauen im Iran einzusetzen, so hat sie beispielsweise Sportwettkämpfe ermöglicht, denen ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Gab es da ja einmal eine eigene Frauenolympiade, die streng von den Männern abgeschottet stattfand, Teilnehmerinnen waren vorwiegend Frauen aus den ehemaligen sowetischen Staaten wie Aseribeidshan, weil das die Saudis finanzierten, die Frauen durften ohne Erlaubnis die Hotelanlage nicht verlassen, eine ehemalige malaysische Polizistin wehrte sich dagegen und als es zum Fotoshooting kam, haben die Frauen auch ihren Hidschab abgelegt,  sich gepudert und geschminkt, obwohl das sonst ja streng verboten ist.

Die Frauen dürfen auch ihr Haar nicht zeigen und von den Männern nicht angesehen werden, was in Saudi Arabien auch zu einer absurden Situation führte, als Geraldine Brooks mit einem Universitätsprofessor sprechen wollte, ihre Begleiterin aber aufs Klo mußte, so hat er das Zimmer verlassen müßen, denn er darf mit einer Frau nicht allein bleiben.

Geraldine Brooks hat auch lange in Kairo gearbeitet und erzählt da von der Wandlung ihrer Assistentin, die zuerst ziemlich freizügig und sehr bemalt herumlief,  dann allmählich konvertierte, sich verschleierte, sich aber trotzdem eine Bauchtanzausrüstung kaufte, weil sie vor ihrem Mann tanzen will.

Geraldine Brooks war mit der Königin Nour  von Jordanien, wie im Vorwort steht, fast befreundet und schildert in einem Kapitel deren Weg an der Seite von Königs Hussein und ihren Einsatz für die Frauen.

Ein Kapitel ist der Frauenverschleierung gewidmet und es werden auch die Hochzeitsrituale im Irak geschildert, beziehungsweise eine schlaflose Nacht der Journalistin, weil rundherum der Lärm der Hochzeitsgesellschaften zu hören war, denn „Saddam Hussein hatte angeordnet, daß die Iraker heiraten und sich vermehren sollten, um so die an der Kriegsfront verursachten demographischen Schäden zu beheben.“

In dem Kapitel die „Konvertiten“, schildert sie das Leben ihrer amerikanischen Freundinnen, die sich mit Moslems verheiratet hatten und erzählt, wie sie es mit der Verschleierung hielten, beziehungsweise ihre kleinen Töchter aufwuchsen ließen und erzogen.

Es gab aber, um wieder zu den Widersprüchlichkeiten zurückzuzukommen, neben den islamischen Sportlerinnen, auch muslimische Kämpferinnen, denn „Der Dshihad gilt auch für Frauen“ und so bindet sich Hadra Dawish ein Kopftuch unter ihre Militärmütze,  sie hat, glaube ich, auch einen Kampfanzug an und „Anfangs auch immer Probleme mit dem Schießen im Liegen.“

Das Kapitel „Die Weisheit erlangen“, widmet sich der Frauenausbildung, das heißt den Privatschulen und  Universiäten in Saudi-Arabien, beziehungsweise denen am Gazastreifen.

In Saudi-Arabien ging und geht es ja sehr streng zu. Die Frauen dürfen nichts ohne die Zustimmung ihrer Männer, Söhne oder sogar Enkel unternehmen, da die Männer, die Frauen aber nicht anschauen, bzw. sich mit ihnen alleine  aufhalten dürfen, gibt es im Bankbereich, im Gesundheitsbereich und bei der Bildung, Bereiche, wo die Frauenarbeit erwünscht und notwendig ist und in einem Kapitel werden auch die Mühen der berufstätigen ägyptischen Frau beschrieben, die zum Haushaltseinkommen beitragen darf, in dem sie beispielsweise tief verschleiert irgendwo als Sekretärin arbeitet. Dann fährt sie stundenlang in einem überfüllten Bus nach Hause, kocht zuerst den Männern in der Wohnung Tee, dann geht sie aufs Dach, füttert dort die Vögeln, dreht zwei Tauben den Hals um, um sie für die Männer zu braten,  putzen und waschen muß sie natürlich auch, weil sie zwar ihr Gehalt mit ihrem Mann, aber der sich nicht mit ihr die Hausarbeit teilt.

Weibliche Politikerinnen gibt es auch und die sind manchmal noch konservativer als die Männer und am Schluß wird noch beschrieben, wie in Ägypten die Bauchtänzerinnen nach und nach, oft von den Saudis bezahlt, sich aus ihren Beruf zurückzogen und ihr sündiges Verhalten aufgaben und sich von einem Imam zum Tragen eines Schleiers bekehren ließen, so daß sich Geraldine Brooks zum Trotz ein Bauchtanzkostüm kaufte, Unterricht nahm und in einem entsprechenden Lokal, um die Ehre der Frauen zu retten, auftrat.

Im Nachwort geht sie ihre Soveniers, die sie von ihren jeweiligen Reisen mitbrachte, durch, bei den meisten sind das ja die Fotos von den besuchten Ländern, bei ihr die Kleidungsstücke, die sie für ihre Berufsausübung brauchte, die Tschadors, Kopftücher und auch die Hochzeitsschuhe, die noch mit Kamelblut getränkt waren, wie die Söckchen die sie sich kaufen mußte, weil sie die islamischen Anstandkontrolleure ohne diese nicht in eine Teheraner Bank hineinließen.

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