Literaturgefluester

2017-07-19

Kindernazi

Filed under: Bücher — jancak @ 00:36
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jetzt kommt, könnte man so sagen, fast schon ein Klassiker, obwohl der 1930 in Kosice geborene Andreas Okopenko erst 2010 gestorben ist.

Ich war auf seinem Fest zu seinem Achtzigster und bei seinem Begräbnis an einem sehr heißen Sommertag am Grinzinger Friedhof und habe, was ich bekennen muß, nicht sehr viel von ihm glesen, war aber bei einigen Lesungen.

Und als ich 1973 literarisch zu schreiben angefangen habe, hat es, wenn ich mich nicht irre und nichts durcheinanderbringe, in Ö1 den „Lexikonroman“ gegeben und damals habe ich mich ja von den eher konservativen Deutschstunden der Frau Prof Friedl kommend, sehr für die österreichische Gegenwartsliteratur interessiert.

Die war damals sehr experimentel und ist so bei bißchen an mir vorbeigegangen, aber die „Lockergedichte“ waren glaube ich mal in der „Alten Schmiede“, bei „Rund um die Burg“ war der Meister glaube ich auch und zum Achtziger hat „Klever“ ein Büchlein herausgebracht, das ich mir erschnorrt habe.

Neben dem „Lexikonroman gilt „Kindernazi“ sicherlich als ein Klassiker, obwohl ich mich, wenn ich dieses Titel hörte, immer“ fragte, wie dieses Thema experimentell verarbeitet werden kann?

Nun weiß ich es, denn, als ich 2015 zu meiner Adventlesung in den „Read!!ingroom“ ging, fand ich das Buch, es ist die „Residenz-Originalausgabe“ mit dem schönen blauen Cover von 1984 in den dortigen offenen Regalen.

Inzwischen ist das Buch, glaube ich, wieder aufgelegt. Bei „Amazon“ kann man aber, was ich sehr schade finde,  keine Rezensionen finden, wohl gibt es eine im Literaturhaus, der „Falter“ hat eine, etcetera und das Buch ist wegen dem experimentellen Anspruch wahrscheinlich trotz seines wichtigen Themas kein Bestseller geworden, aber sicher interessant und wichtig.

Denn es hat ja viele Kinder getroffen, die in den Dreißigerjahren geboren wurden, dann in die „Hitler-Jungen-“ oder „Hitler-Mädchen-Uuniformen“ gepresst wurden und nach 1945 mit Schuldgefühlen dastanden.

Denn damals hat man ja in den Familien nicht viel geredet, hat sich seiner Vergangenheit geschämt, nichts gewußt und nichts mitbekommen und die Lehrer haben womöglich, das Parteiabzeichen von ihrer Anzugjacke abmontiert und dann im Herbst 1945 aus anderen Schulbüchern etwas anderers erzählt oder was vielleicht noch ein bißchen schlimmer war, aus den neuen Büchern das alte.

Ich bin ja ein bißchen später geboren geworden und habe gleich die neuen Bücher gehabt und meine Eltern waren außerdem noch Sozialisten. Der Vater war es, während die Mutter manchmal von ihrer jüdischen Lehrfrau erzählte, die dann verschwunden ist.

Andreas Okopenko war 1938 acht und 1945 fünfzehn. Das Foto im Klappentext zeigt den Zehnjährigen in der „H-J-Uniform und das Buch, das ist auch sehr interessant, wird in einundsechzig Episoden vom 1. 4. 45 bis zum April  39 rückwärts erzählt.

Dazu gibt es im Klappentext eine Erklärung.

„Wie meinen Sie? Der Titel gefällt nicht? Irgendwie unangenehm und überhaupt hätten die Leute allmählich die Nase..?“

So wird man in das Thema gleich hineingeworfen. Zwei Zitate gibt es am Anfang und am Ende auch. Zuerst eines aus der „Edda“: Die Wala weiß, die Welt wird enden, den Untergang ahnt sie der Asen alle“ und dann eines von der Bachmann: „Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.“

Trotzdem ist das Lesen, glaube ich, wegen des experimentellen Ansatzes, der ja irgenwie distanziert und so kunstvoll ist, daß man in die harte Realität vielleicht nicht gleich hineinfindet und sich auch nicht so auskennt, was da jetzt erlebt und was erfunden wurde, nicht so einfach.

Auch das Rückerzählen macht es das nicht, aber andererseits ist das wohl auch die Realität. Da wurden viele Kinder und auch Erwachsene in die Zeit hineingeworden, haben Uniformen angezogen und Fahnen in die Hand gedrückt bekommen, haben „Hurra!“ geschrieben und hatten 1945 auf einmal einen Schuldkommplex, mit dem es höchstwahrscheinlich nicht so einfach zu leben war.  Denn Traumatherapeuten hat es wahrscheinlich keine gegeben, wohl aber die Frage „Wieso bist du bei der „Hitler- Jugend“ gewesen?“

Die aber, glaube ich, gar keine so freiwillige Sache war.

So beginnt das Buch auch gleich im Jahre 1945 wo der Vater dem Fünfzehnjährigen verkündet:

„Aber jetzt Schluß kommentiert Papa: Anatol! Hitler hat den Krieg verloren, verstanden? Wir müssen uns jetzt umstellen. Sei jetzt ein vernünftiger Mann. Stell dir vor , du warst ein großer Star, ein Kinderstar, und jetzt ist bist du ein Mann und deine Rolle ist aus. Tilki, jetzt darfst kein Nazi mehr sein, sagt Mama, sehr schlaff. Ein Kindernazi, sagt Anatol zornig und weint wieder los“

Und auf der letzten Seite, im April 39, steht „Aber, Papa, was heißt Gestapo? Ja, diese Art von Polizei ist überall geheim. Aber warum steht sie dann angeschrieben? Du wirst ein deutscher Junge werden, Tolko. Wirst alles lernen und verstehen.Ich verständnisvols. Bist du bereit, Tolko?  Bereit, was heißt denn das? Ja, ich bin bereit Papa!

Dnd dazwischen liegt das Aufwachsen im deutschen Reich, Juden verschwinden, die sich zuerst Sara nennen mußten, um das jüdische zu demonstrieren und in der Schule bekamen die Kinder, 1942 Merkblätter mit, wo sie in die „Erweiterte Kinderverschickung“ der „Pimpfe und Jungmädeln“ eingeladen wurde, was für die Kinder warscheinlich lustig war, aber sicher dann auch wieder viel Disziplin bedeutete. Vor allem, wenn sie vielleicht nicht so stark und blauäugig waren und von zu Hause vielleicht auch gesagt bekamen, daß man über das und das nicht sprechen darf: „An der Tür die feierabendliche Besuchstante mit dem Hitler-und Echo-Witz: Wir haben gute Waffen! -Affen! Wo wird der Krieg beginnen? -Innen! Aber: Pscht, Tilki, du hast nichts gehört! Warum? Sonst kommen wir alle nach Dachau. Was ist eigentlich Dachau? Papa, abherschend. Eine Strafanstalt“

Dazwischen wird das Deutschlandlied gesungen, ins Kino gegangen, hat in der Deutschstunde Aufsätze geschrieben, ist langsam erwachsen geworden, etcetra, bis man vom „Kindernazi“ zu dem erwachsenen Mann werden mußte, der von allen nichts gewußt und geahnt hat und man, weil man ja nicht darüber reden durfte und es auch keine Therapeuten gab, oft traumatisert zurückblieb.

Bis dann sehr viel darüber geschrieben und geredet wurde. Jetzt sind es ja schon die Enkel, der damals betorffen 1984 hat es der erwachsene experimentelle Dichter Andreas Okopenko getan und im Sommer 2017 habe ich endlich dank dem „Read!!!ing Room“ und seinen offenen Regalen diesen Klassiker gelesen und bin sehr beeindruckt, obwohl ich  schon wirklich viel über dieses Thema gelesen habe.

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2016-07-26

Zu Lasten der Briefträger

Jetzt kommt ein wahrer österreichischer Klassiker aus einem inzwischen klassischen und in dieser Form ebenfalls nicht mehr bestehenden „Residenz-Verlag“, nämlich das1974 erschienene „Zu Lasten der Briefträger“, die Litanei in bester „Bernhardscher“ oder vielleicht auch anderer Manier auf die Untugenden des sozialistischen bayrischen Nachkriegsstaates, geschrieben von dem sprachsinnigen, 1938 in Oberösterreich geborenen Philologen und Universitätsprofessor Alois Brandtstetter, der sein Deutsch aus dem FF versteht.

Ein wahrer Klassiker und schon der Titel und wahrscheinlich nur der, ist inzwischen in aller Munde und weil Alfreds Vater ja Briefträger war, hat er ihm, so geht die Mär, dieses Buch einmal zu Weihnachten geschenkt. Das, was ich jetzt gelesen habe, stammt allerdings aus Alfreds Bibliothek und ich kann das Buch 2016 wirklich allen nur empfehlen, die wissen wollen, was sich in den letzten vierzig Jahren bei uns und anderswo so alles verändert hat.

Es ist kein Roman, wie auch „Jung und Jung“ 1974 auf die Litanei hinaufdruckte, sondern ein Monolog, denn da erzählt einer, ein namenloser Ich-Erzähler, seinem Postmeister von den Zuständen in einem niederbayrischen Dorf.

Er erzählt ihm von den Taten, beziehungsweisen Untaten seiner drei Briefträger, dem Ferdinand Ürdinger, dem Karl Deuth und dem Franz Blumauer und da wird, ist Brandstetter ja ein wahrer Sprachvirtuose, alles durcheinandergewürfelt und kein Stein, beziehungsweise Brief auf dem anderen gelassen.

Denn die Postboten hatten schon in dem sozialistischen Wiederaufbauzeiten Rationalisierungsprobleme und eigentlich keine Zeit zum Zustellen, mußten sie die Post, die Karten und die Briefe zur Wahrung des Briefgeheimnisses doch vorher lesen und weil sich inzwischen ebenfalls die Zeiten geändert hatten, hatten sie dem Entziffern der Kurrenth- oder Süterlinschriften ihre Probleme oder würden sie bekommen, wenn keine der Briefträger diese Schriften mehr lesen würde können.

So mußten sie sich das Austragen einteilen und konnten nicht wegen jeder Drucksache gleich aufs Land hinauslaufen, sondern gewöhnten es sich an, die Post gleich gesammelt zu überbringen oder die Drucksorten, was Sache war und wie Brandtstetter listig nachweist, viel besser funktionierte und die Postboten so gleich zu Kanditaten eines Friedensnobelpreises machte, in den Flüßen vorher zu entsorgen.

Oder halt, das traf besonders für die Wahlwerbung zu, denn wozu böses Blut in die Dörfer bringen? Die Wahlwerbung wurden gar nicht erst zugestellt und so ein Volk, was wir uns in Österreich derzeit ja besonders zu Herzen nehmen können, gar nicht erst gegeneinander aufgehetzt.

Aber auch sonst war das Austragen der Briefe sehr beschwerlich, lagen ja mindestens sieben Wirtshäuser im Revier des Ferdinand Ürdinger, des heiligen Trinkers oder gleich vierzehn, wenn man den Rückweg einrechnet.

Und so saß er dann dort und traf sich mit seinem Kameraden, zu denen auch der Ortsgendarm Valentin Naderhirn  gehörte, zum Kartenspielen, aber vorhin las er ihnen die besten Stücke aus deiner Post vor, die Liebes- oder die Amtsbriefe und wenn sich dann ein Ortsunkundiger über die Verletzung des Amtsgeheimnis beschwerte und nach dem Gendarmen rief, war dieser gleich zu Amtshandeln an der Stelle, wobei er manchmal die Uniform verwechselte und den Querulanten aus dem Lokal verwies.

Mit den Paketen, die zu Weihnachten zugestellt werden sollten, wurdeähnlich verfahren, denn „Mit Packeln darst nicht fackeln!“, sagt Karl Deuth, der Philosoph und Senisible unter den Drein.

So wurden die, wo „Vorsicht Glas!“ draufstand, gleich probehalber und, um das zu überprüfen, denn es wird ja soviel geschummelt und übertrieben, vom Tisch geworfen und der Hausfrau konnte es dann leicht passieren, daß sie statt eines Porzellangeschirr von der Schwiegermutter, ein „Glockenspiel“, das heißt einen Scherbenhaufen zugestellt bekam, wobei Karl Deuth, der Feinsinnige, dann die schuld auf die Bahn und die besoffenen Bahnbeamten, die dort hantieren, zu schieben wußte.

Und so weiter und so fort, über zweihundert Seiten, wird geschimpft oder eigentlich nur erzählt, in feinster, schöner Sprachen mit vielen lateinischen Brocken, die Mißstände aufgezählt, die damals, 1974, sicher eine Farce und eine Übertreibung waren, aber in Zeiten, wie diesen, wo wir vor einer Wahlwiederholung stehen, weil da zu früh, zu spät oder mit nicht ordentlicher Besetzung höchstwahrscheinlich ohnehin richtig ausgezählt wurde oder man sich seine Pakete inzwischen nicht mehr von der Post, sondern vom nächsten Schneider oder „Kleintierprofi“ abholen kann, weil die Post inzwischen längst privatisiert wurde und ihre einstmals unkündbaren Beamten zu Hort- oder Heimerzieher umgeschult, beziehungsweise gleich in Frühpension geschickt hat, kann man sich darüber wundern, lachen, schmunzeln, ärgern, staunen, etcetera.

Aber auch über anderer wird hergezogen, über die Tierbeschau zum Beispiel. Da geht der Tierarzt mit dem Fleischhauer durch die Reihen der geschlachteten Rinder- und Schweinehälten, macht seine Nase zu und drückt seinen Unbedenklichkeitsstempel darauf und nachher bekommt er zum Lohn und zum Dank für seine Gefälligkeit ein schönes Fleischpaket.

Der Gemischtwarenhändler muß herhalten und die Bauverordnung und besonders wird über die Lehrer und das Schulwesen hergezogen.

Köstlich, das Kapitel über die Mengenlehre, wo er Erzähler dem Postmeister diese erklärt. Der Direktor, der früher Oberlehrer hieß und heute kein Instrumente mehr spielen kann, hat eine Menge von fünfzehn Lehrern mit einer Teilmenge von zehn weiblichen und fünf männlichen, wobei sich die weibliche Teilmenge, wieder in eine von schwangeren und karenzirten unterteilt und bei dieser oder der Hauptmenge gibt es nur mehr eine sehr kleine Menge, die was von Literatur, Musik, oder bildender Kunst versteht, so daß es zu einem wahren Lottogewinn wird, welche Schüber mit welchen Bildungsgrad, nachher die Schule verlassen und auf eine Lehrstelle warten.

Auch da kann man inzwischen, die wunderschönsten Vergleiche ziehen und in Seufzer oder auch Heulen ausbrechen, aber es geht noch weiter.

Über die Jagd wird hergezogen über die Krankenstandkontrolleure und den Baron, dem alles im Dorf  gehört, der eine Hühnerfarm und eine Bierfabrik hat, deshalb der Blasmusik gerne mal ein Krügerl spenden kann und den Sozialisten Deuth, der auch die Dorfchronik schreib, gleich einmal zum heimlichen oder wiederbelebten Monarchisten macht.

Und beben dem Alkoholiker Ürdinger, dem Philosophen Deuth, haben wir  noch den Frauenhelden Blüminger, der seinen Dienst mit der Posttasche und der schönen Uniform so versteht, daß er allen einsamen Witwen und  Hausfrauen, die schönsten Komplimente macht und er deshalb seinen Dienst am liebsten auch am Sonntag ausführen würde, aber da sind ja die Handelsvertreter und Fabriksarbeiter, also die Gatten der einsamen Damen, zu Haus.

Und so weiter und so fort und köstlich grausig übertrieben. Spitzbübisch von dem Philologen, der auf dem Bild am Klappentext gar nicht mehr zu erkennen ist, erzählt.

Inzwischen sieht, der emeritierte Universitätsprofessor ganz anders aus und hat auch schon eine Fortsetzung seiner Briefträger geschrieben.

Inzwischen sind die Herren Ürdinger, Blumauer und Deuth, in dem 2011, beim neuen „Residenz-Verlag“ erschienenen „Zur Entlastung der Briefträger“ längst in Pension und sitzen im Gasthaus, um über die vergangenen  und vielleicht auch neuen Seiten zu räsonieren.

Da war ich zu Zeiten der „Leipziger Buchmesse“ bei einer Lesung in der „Gesellschaft der Literatur“ und das 2013 erschienene „Kummer ade“ habe ich auch gelesen.

Im Vorjahr erschien dann „Aluigis Abbild“, das habe ich leider nicht mehr bekommen, aber im Sinne meines Buchpreislesens höchstwahrscheinlich keine Zeit dazu gehabt oder doch vielleicht, denn Brandtstetter zu lesen, lohnt sich, wie dieser „Oldie“ zeigt besonders, weil man in dem feinsinnigen Sprachgeschimpfe gut erkennt, wie sich die Zeiten geändert haben und besser sind sie, wie ich fürchte, auf keinen Fall geworden, obwohl ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, daß Alfreds Vater dieses Buch gefallen hat.

Wahrscheinlich hat er es aber, der, wenn er mit seinem Moped und seiner Uniform zu seiner Arbeit fuhr, auch schon mal einen toten Hasen auf der Straße fand, gar nicht gelesen, würde ich vermuten und bedaure sehr, daß ich mir solange Zeit dazugelassen habe.

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