Literaturgefluester

2015-07-31

Leichte Sprache – leichter lesen

Filed under: Glosse — jancak @ 00:11
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Vor ein paar Tagen gab es in Ö1 im Rahmen der Barrierefreiheit eine Sendung über „Leichte Sprache“. Denn bis Ende 2015 müssen laut Behinderungsgleichstellungsgesetz, die öffentlichen Gebäude und Geschäfte barrierefrei erreichbar sein und dann gibt es auch die Barrierfreiheit in anderen Bereichen. Denn viele Menschen können nur schlecht schreiben und lesen, verlassen die Schule als funktionale Analphabeten, haben Lernschwierigkeiten oder eine mentale Behinderung. Aber auch Migranten können sich mit der deutschen Sprache schwertun und die üblichen Texte schwer oder gar nicht verstehen und so gibt es inzwischen schon Institute, die leicht verständliche Texte herstellen, damit die Leute,  Parteiprogramm oder Anweisungen und Gesetze, etcetera besser verstehen. Die „Bank Austria“ bieten ihren Kunden inzwischen  Informationen über Kredite, Zinsen, etc in leicht verstänliche Sprache an, die Parteien formulieren ihre Programme um, etcetera, ecetera. Denn es gibt, das haben die Wissenschaftler, ermittlelt und erklärte und Ö1 sechs Stufen des Sprachsniveau von A1 bis C2. A1 haben die Menschen mit Lernschwierigkeiten. A2 ist das, das die Migranten in den Deutschkursen lernen müssen, um die Staatsbürgerschaft zu erlangen. B1, das was man nach neun Jahren Pflichtschule beherrschen sollte, was, wie die Experten der Sendung meinten, vierzig Prozent der Österreicher oder aller Menschen nicht beherrschen, mit B2 soll man dann die Tageszeitungen, wie den „Standard“ oder den „Kurier“ beispielsweise, lesen können, C1 haben hätten  die Akademiker und C2 wurde in der Sendung erklärt, wäre beispielsweise das „hochgestochene Juristenchinesisch“. Auch eine relativ leichte Erklärungsweise und in den Fachjournalen wird es vielleicht bürokratischer oder wissenschaftlicher erklärt sein, aber mit der „Leichten Sprache“ bin ich beim „Ohrenschmaus“ konfrontiert, habe da auch einmal das Vorwort für das „Fünf Jahre Ohrenschmausbuch“ versucht möglichst verständlich zu formulieren und B2 ist das, was die Deutschkurse für nichtdeutscher Muttersprache vermitteln müssen und, daß man sich bei Fachtexten auskennen sollte, ist auch ganz klar. Also einfach und verständlich formulieren, daß alle alle Anweisungen verstehen.

„Klarsprache“ nennt sich das und der Experte, der das erklärte, meinte, daß man sich dadurch auch viel Geld, beispielsweise für Rechtsanwälte erspart, wenn man seine Rechtsangelegenheiten selber erledigen kann, wenn man die Formulare versteht. Soweit klar und verständlich, Schwierigkeiten hatte ich dann ein bißchen mit der Dame, die meinte, daß man den Leuten, die durch, die Schule  B 2 halt nicht erreichen, durch leichte Sprache entgegen kommen soll. Denn Lesen ist Trainingssache und wenn, die Leute einige Zeit nicht mehr lesen, verlernen sie es,  können dann nicht mehr die Tageszeitungen, sondern nur mehr die Boulvardzeitungen verstehen und sie meinte auch, es gäbe zuwenig Lesestoff für die nicht Geübten und schon hätte man den Anschluß verloren und kann ihn nie mehr erreichen, wenn man nicht die Texte in leichter Lesbarkeit umformuliert bekommt. Und da fangen vielleicht die Alamglocken an zu schrillen, keine Fremdworte, keine Schachtelsätze und es gibt auch Ansätze in leichter Literatur, wo die dann, in  leichte Sprache umgeschrieben wird, in Spanien und Schweden, den Leseländern, soll es das schon geben, in Österreich noch nicht, weil zu teuer und die Dame von Ö1 meinte auch zögernd freundlich, daß sich Ö1 da vielleicht auch an der Nase nehmen soll!

Klar soll alles verständlich sein, aber statt Shakespeare und Arno Schmidt, was ja, wie man ironisch anmerken könnte, lustig sein kann, auf A1 umzuformulieren, sollte man die Lust am Lesen wieder wecken und den Lesestoff, damit trainiert trainieren werden kann, zur Verfügung stellen und da schrillen noch immer die Alarmglocken.

Denn das gibt es ja, haufenweise Bücher und es gibt auch Programme, den Kindern das Lesen beizubringen, bzw. die Lust am Lesen aufrechtzuerhalten, zu fördern, etc.

Die Stadt Wien verteilt, so glaube, ich am Ende des Schuljahres bei einem Fest Gratisbücher und dann gibt es auch noch die Aktion „Eine Stadt- ein Buch“.

Lesetanten gehen in Schulen und Kindergärten und dann gibt es auch die Blogs, wo sehr viele jungen Mädel mit B1, B2 oder was auch immer, Jugendbücher in die Hand nehmen, sie den anderen anbieten und angeblich achthundert Euro im Monat verdienen, weil soviele Käufer oder Käuferinnen sie sich bei „Amazon“ dann bestellen.

Auf den Blogs trifft man meistens auch die, die ohnehin viel lesen und vergißt auf die vierzig Prozent, die  die Deutschkurse für nicht deutsche Muttersprache besuchen, am „Ohrenschmaus“ teilnehmen oder auch nur in den U-Bahnen „Östereich“ oder „Heute“ lesen,  zu „Schades of Grey“, Sophie Kinsella, den neuesten Krim, etcetera greifen.

Über die wird dann gelächelt und die Verlage, die die Bücher beispielsweise für den deutschen Buchpreis einreichen bewegen sich wahrscheinlich auch jenseits von B2.

Da sehe ich einen Graben und denke, daß man den überwinden soll, denn erstens verwende ich selber gerne Schachtelsätze und habe auch schon einmal eine Leserin verloren, weil sie meinte, daß sie meine Texte nicht verstehen kann.

Das wunderte mich zwar ein bißchen, weil ich auf der anderen Seite höre, daß ich so leicht und locker dahinschreiben würde.

Die Wahrheit liegt wohl dazwischen und ich will einerseits verständlich sein, andererseits keinen leicht verständlich gemachten Shakespeare oder was auch immer lesen, obwohl ich schon denke, daß man das Juristendeutsch vereinfachen kann.

Ich würde auch, obwohl ich an sich niemanden das Lesen aufdrängen will, dieses  empfehlen. Die Dame von dem „Leichter lesen-Institut“ meinte, daß man denen, die das B1  Level nicht erreichen, obwohl der Pflichtabschluß in der Tasche liegt, entgegenkommen müßte.

Vielleicht mit einem Bücherkorb, möglichst in „Normaniveau“, denn vielleicht ist es das, was mich an der an sich sicher gut gemeinten Sendung störte, daß da wieder auseinanderdividiert wird.

Will ich ein leichteres Ö1? Einen Otto Brusatti beispielsweise, dem man seine Mansuskripte vorher auf A1 umgeschrieben und die Fremdwörter hinausgestrichen hat hat?

Ich will das, glaube ich nicht, obwohl ich ihn und alle anderen Moderatoren verstehen möchte.

Ich denke auch, daß Ö1 so schnell nicht umgeschrieben werden wird und soll, daß es aber gut ist, einmal Klartext und das ruhig auf A1, damit es auch wirklich alle verstehen, zu sprechen:

Hört einmal, vierzig Prozent der Leute verlassen, die Schule und lesen dann nie wieder, weil das, was sie angeboten bekommen, zu schwer und unverständlich für sie ist.

Ju Sophie hat mich einmal sehr zusammengestaucht, weil ich in der „Mimi“,  eine Erzählung, über eine schreibenden Frau mit Downsyndrom, eine Figur locker flapsig behaupten ließ, daß die Schulen vierzig Prozent Analphabeten erzeugen.

Und das denke ich, darf nicht sein. Man sollte nicht nur als sogenannter „Normalo“ die Schule verlassen und den „Standard“ lesen können und lesen wollen, weil spannend und interessant ist, was darin geschrieben steht.

Früher war das  gute alten Buch wahrscheinlich auch für manche migrantische Großmutter aus dem Böhmerwald, die in den Herrschaftsküchen, die böhmischen Buchteln formte, nicht verständilich und wurde von der Herrschschaft belächelt,  wenn sie die „Gartenlaube und Courths-Mahler las, während in der Herrschaftsbibliothek Goethe und Schiller stand, den das Dienstmädchen abstauben mußte.

Izwischen kommen Internet, Facebook, Viideo- und Handyspielen dazu. Allerdings muß man beim Facebook ebenfalls lesen können und wenn man twittert und SMSt auch schreiben.

Das Bemühen allgemein verständlich zu schreiben ist schon gut, dann kann man vielleicht auch einmal einen Satz der länger als fünf Worte ist oder ein Fremdwort verwenden, denn ohne  letztere kommt man im realen „Normaloleben“   ohnehin nicht aus, ganz egal, ob man jetzt als A1, A2 oder B2 gespeichert ist, denn da wimmelt es ja von „shops“ und „sales“,“ pages“ und “ themes“, etc.

Unsere Sprache ist nicht Fremdwortfrei und war es  auch früher nicht. Da mußten die Gebildeten Französisch parlieren, während sie über das „Böhmakeln“ der Köchinnen lachten und nach Canetti das Kinderfräulein entließen, wenn die sich am Tisch in die französische Konversation einmischte.

Jetzt wird das Deutsch verenglischt und man  sollte man sich wahrscheinlich mehr darum kümmern, daß die Leute, wenn sie schon ab vier in den Kindergarten und bis sechzehn die Schulbank drücken müssen, weil sie sowieso keinen Job bekommen, lesen können und das auch wollen und tun, weil es für sie wichtig ist.

Aber da gibt es ja die vielen Bücherblogger, die mit Begeisterung über die Bücher schreiben und sprechen, die sie lesen, nur kommt  dann sehr rasch die Kritik, die wären schlecht und die kriege, die auch mal ab, weil ich „daß“ noch immer mit scharfen ß schreibe, obwohl ich ja C1 beherrschen sollte und das höchstwahrscheinlich auch trotz einiger Flüchtigkeitsfehler auch tue, zumindest lese ich sehr viel und da bekanntlicherweise auch alles, durch den Gemüsegarten, wie ich immer schreibe, von Sophie Kinsella bis hin zu Richard Obermayr, der wahrscheinlich auch keinem leicht Lesekriterium entspricht.

Also mehr lesen und vielleicht aucht mehr Toleranz für die, die es versuchen, dann braucht man vielleicht nicht alle Texte barrierefrei umzuschreiben und Ö1 kann ruhig mal ein Fremdwort gebrauchen, daß sich  sicher nachschlagen und erklären läßt.

Und natürlich wäre es gut, den Kindern das Lesenlernen in kleineren Klassen zu ermöglichen und, daß es wahrscheinlich wenig Sinn macht, Vierzehnjährige mit dreißig Kindern und vielleicht einer überforderten Junglehrerin in eine Klasse zu stecken, wenn sie kein Deutsch verstehen und in ihrem Heimatland vielleicht auch nicht richtig lesen lernten, weil sie in Tschetschenien oder Afghanistan nicht oft zur Schule gehen konnten  und daß es vielleicht kein Rassismus ist, zu sagen, sie sollten, erst einmal  die Sprache lernen, bevor es an das Rechnen, poltische Bildung, Biologie, etc geht, sollte sich vielleicht auch einmal endlich durchsprechen, bevor wir sechzig Prozent  nicht B1 Versteher haben.

Die Hauptbücherei tut, glaube ich,  schon was dagegen, in dem sie ihre Tore, den Migranten öffnet, der „Bücherschmaus“ mit seiner neuen Buchhandlung und die offenen Bücherschränke wahrscheinlich auch.

Denn nur eine Sendung in einem hochsprachigen Kultursender, wo die, die ihn hören, wahrscheinlich das C1 locker haben und dann auch nur darüber lächeln, daß die „Bank Austria“ in leichter Sprache und sicher allgemeinen verständlich denen mit Lernschwierigkeiten, Migrationshintergrund und auch den Akademikern erklärt, daß man Zinsen für sein Geld am Sparbuch bekommt, obwohl das schon lange nicht mehr stimmt, wird wahrscheinlich zu wenig sein, gegen diese gesellschaftlichen Mißstände anzukämpfen.

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2015-05-22

Der Vorleser

Nun kommt das zweite Buch, auf meiner „Deutschland-Leseliste“, das ich von  Ulm nach Würzburg mitgenommen habe.

Bernhard Schlinks „Der Vorleser“, ein Fund aus dem Bücherschrank und ein sehr berühmtes Buch, das auch verfilmt worden ist. Beides ist an mir vorbeigegangen, so daß ich nicht genau wußte, worüber es darin geht.

Von dem  1944 in Großdorning geborenen Juristen, habe ich mir, glaube ich, 1996 als ich nach Klagenfurt gefahren bin, um dort zuzuhören und das literarische Feeling zu schnuppern, beim  „Libro“ einen Krimi gekauft, der mir aber, glaube ich, nicht sehr gefallen hat.

Jetzt ist vor kurzem ein neuer Schlink „Die Frau auf der Treppe“ erschienen“, da habe ich die Rezension ein bißchen mitverfolgt und jetzt den “ Vorleser“, gelesen

Auf der Zugfahrt zurück von Würzburg nach Wien, als ich mit der Gabriele Wohmann fertig war, habe ich es begonnen und ich kann schreiben, daß es leichter zu lesen war und mir auch sehr gefallen hat.

Sehr eindrucksvoll die Geschichte des Ich-Erzählers, Michael Bergs, der in den frühen Sechzigerjahren mit fünfzehn Jahren als er an Gelbsucht erkrankte, die etwa zwanzig Jahre ältere Hanna Schmitz kennenlernt.

Sie hilft ihn bei einer Unpäßlichkeit, seine Mutter schickt ihn mit Blumen zu ihr, um ihr zu danken. Sie ist gerade beim Bügeln, entkleidet sich bis aufs Unterkleid, er läuft davon, kommt aber wieder und sie beginnt ihn zu verführen „Das ist doch, was du willst, Jungchen!“ und die Geschichte beginnt.

Heute würde man das sexuellen Mißbrauch nennen, aber das wird nicht einmal thematisiert.

Eine Geschichte also über die sich sehr nachdenken läßt und, die in den drei Teilen, in denen sie erzählt hat, mehrere überraschende Drehungen und Wendungen nimmt.

Der Ich-Erzähler, ein Jurist, der sich mit Rechtsgeschichte beschäftigt, man könnte auch einiges Biografisches zuordnen, beziehungsweise finden, erzählt die Geschichte, zehn Jahre nach Hannas Tod.

Im ersten Teil übersteht er die Gelbsucht, muß dabei solange zu Hause bleiben, daß er glaubt, das Schuljahr wiederholen zu müßen, das läßt Hanna, die er seither jeden Tag besucht nicht zu, so verspricht er ihr zu lernen und schafft es auch.

Er muß ihr vor der Liebe jeden Abend vorlesen und es kommt auch zu Mißverständnissen zwischen den Beiden, einmal schlägt sie ihm mit ihrem Gürtel, als er nur kurz Frühstück holen wollte, sie glaubte offenbar, er wolle sie verlassen und hat den Zettel, den er ihr hinterließ, nicht gesehen. Einmal will er sie, sie ist Straßenbahnschaffnerin, auf der Fahrt überraschen, da ignoriert sie ihn und sie auch auf einmal verschwunden.

Das irritiert den jungen Mann, Sohn eines Philosophieprofessors, der die Nazi Zeit einigermaßen mit Anstand überstand, der nach der Matura Jus studiert und während eines KZ-Seminars, wo die Studenten einen Prozeß mitverfolgen, trifft er Hanna wieder.

Sie, die ihm nie sehr viel von sich erzählte, war Aufseherin in einem KZ bei Krakau, ist auch Schuld, daß Frauen und Kinder in einer Kirche verbrannten und wird lebenslang verurteilt.

Er kommt jeden Tag in den Gerichtssaal, reagiert dann körperlich, daß er keine Kälte verspürt und fast daran stirbt, schließt sein Studium  ab, heiratet und läßt sich bald wieder scheiden.

Im dritten Teil beginnt er Hanna Cassetten von der „Odyssee“, aber auch von anderen Klassikern, die er besprochen hat, zu schicken, dernn er hat während des Prozeßes herausbekommen, daß sie Analphabetinist, deshalb interessiert sie sich soviel für Bildung.

Auch eine überraschende Wendung und nach achtzehn Jahren soll sie freikommen, da wendet sich die Leiterin der Strafanstalt an ihn mit der Bitte ihr eine Wohnung und eine Arbeit zu besorgen, da er offenbar der einzige ist, der Kontakt zu ihr aufnahm.

Er drückt sich erst vor einem Besuch, kommt dann aber doch, trifft eine alte, dicke Frau, die auch so riecht und am Tag vor ihrer Entlassung, als er sie abholen will, hat sie sich in ihrer Zelle erhängt.

Die Leiterin zeigt ihm ihre Zelle, sie hat an Hand seiner Cassetten das Lesen und das Schreiben erlernt und sich Bücher von Primo Levi, Elie Wiesel, Jean Amery, aber auch die über die Eichmannprozesse aus einer Spezialbibliothek bringen lassen und sie hinterläßt ihr Geld einer Überlebenen, er soll das Geld, das sich in einer Dose befand, nach Amerika bringen und dann beginnt er über Hanna und sich zu schreiben und man hat eine etwas andere Holocaustliteratur gelesen.

Kann darüber nachdenken, wie es dazu kommen konnte und bekommt vielleicht auch ein bißchen Einblick in die Psyche der KZ-Wärter, die wahrscheinlich oft einfache Menschen waren und vielleicht auch nicht schreiben und lesen konnten. Kann über die Sozialisierung in den Fünfzigerjahre und über den Liebessommer eines Fünfzehnjährigen zu einer zwanzigjährigen älteren Frau nachdenken, die sich als KZ-Wärterin meldete, weil sie verhindern wollte, daß jemand ihren Analphabetismus bemerkte.

Auch so kann man den Holocaust erzählen, denke ich, lese am Buchrücken, daß das Buch in neununddreißig Sprachen übersetzt und zum internationalen Bestseller wurde und bin wieder gespannt, was ich noch von Bernhard Schlink finden und lesen werde.

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