Literaturgefluester

2018-02-24

Komm in den totgesagten Park und schau

Zu den momentanen Trends der Gegenwartsliteratur scheint die Dystopie zu zählen, die Beschreibung vom Niedergang einer Gesellschaft in einer rechtsradikalen Kultur, die in der Zukunf spielt, die wenn man genauer hinschaut, vielleicht sogar die Gegenwart ist.

Helmuth Kraussers „Weltmeisterschaft“ wäre so ein Beispiel, dann hat es vor kurzem einen Film im ARD gegeben, der die Flucht aus Deutschland nach Südafrika nach der Machtübernahme der Rechten zeigt, der die Identitären sehr erboste und mit Andre Kubiczeks neuem Buch, wird man wieder in eine solche Welt geworfen, wo man sich zuerst in der Zukunft glaubt und sich dann überlegt, ob es nicht vielleicht doch die nackte Gegenwart ist, die das Buch, wenn natürlich abgehoben und mit vielen Stilmitteln, wie beispielsweise Durchstreichungen im Text, die für mich nicht so ganz nachvollziehbar waren, beschreibt.

Von dem 1969 in Berlin geborenen Andre Kubiczek habe ich „Skizze eines Sommers“ gelesen, das 2016 auf der Shortlist des dBp stand, einen leichten Sommerroman, der die schöne Erinnerung eines Jugendlichen im Sommer 1985 in Potsdam, glaube ich, schildert, der von seinem ins Ausland reisenden Vater mit tausend Mark zurückgelassen wurde und der nun seine erste Liebe erlebt.

Die DDR war nicht so schön, sondern  eine Diktatur, der Held und vielleicht auch sein Autor Sohn eines Funktionärs konnte man so sagen. Erinnerungen können trotzdem positiv vorhanden sein und eine sturmfreie Bude mit viel Geld ist vielleicht sehr schön und auch jetzt geht es um die DDR beziehungsweise um ihre Lyrik.

Das Buch wird in drei Strängen erzählt, die von drei Personen Felix, Marek und Veit erzählt werden und, daß Kapitel beziehungsweise Teile Namen haben, scheint auch eine Spezifität der jüngsten Neuerscheinungen zu sein

Es beginnt dramatisch, der achtzehnjährige Felix der gerade sein Abitur hinter sich hat, sitzt vor Weihnachten in einer Hütte in der Tschechei hinter der deutschen Grenze und schreibt einen Brief an seine Freundin Nina in der er ihr die Ereignisse schildert, die im Laufe des Geschehens klar werden.

Da sind die vielen Ausstreichungen und Durchstreichungen in dem Brief, wie gesagt, ein Stilmittel das ich nicht ganz verstehe und mir nicht ganz logisch erschien. Es ist aber sehr spannungswgeladen, denn Felix befindet sich offenbar auf der Flucht in dieser Hütte. Der Freund seines Vater mit dem er dort ist, hält sie dort gefangen, sie haben die Handies weggeworfen, verdunkeln die Fenster, heizen ein, es stinkt, der Freund ist paranoid und verläßt nur einmal in der Woche die Hütte um einzukaufen.

Nach und nach erfährt man was geschah, durch Felix und dem Vater Marek, der auch einen Brief an seinen Sohn schreibt, um ihm näher zu kommen, während Veit sich sozusagen durch das Leben trinkt.

Der Vater Marek ist Professor für Literatur, von seiner ersten Frau und seinen Kindern Laura und Felix schon lang getrennt. Er hat eine zweite Frau mit zwei Kindern und Mareks Geschichte beginnt, als er vom Pförtner des Jugendamtes zusammengeschlagen wurde, das ihm wegen der Verletzung der Sorgfaltspflicht der beiden adoptieren Töchter bestellt hat.

Es ist schon ein dystopes Bild, in dem Marek sich nicht wehren kann. Dann fährt er auf die Uni, hält seine letzte Vorlesung über die DDR-Lyrik vor der Sommerpause. Geht dann in sein Sprechzimmer in den Keller, wo er sowohl seinem Assistenten Veit Stark, als auch die dunkelhäutige Studentin Noa Snow, die eigentlich Karoline Schmidt heißt, begegnet.

Von Felix erfahren wir dann, daß er vor dem Abi mit seinen Klassenkameraden auf eine Demostration nach Köln fuhr. Mit Nina und mit Sascha, der offenbar ein Nebenbuhler war, der ihm als Nina ihn einen Nazi nennt, auffordert, das Auto eines Burschenschaftler abzufackeln.

Deshalb ist am Cover des Buches  und auch darin immer wieder ein brennendes Streichholz, ähnlich wie bei dem Buch von Ronja von Rönne zu sehen.

Er tut es, versteckt sich eine Woche und als er Nina doch besuch,t um nachzuschauen, wie es ihr geht, entdeckt er sie in den Armen Saschas und als noch eine Aufforderung von der Polizei kommt sich zu melden, haut er nach Berlin zu seinem unbekannten Vater ab, von dem er vorher im Antiquariat ein altes Reclambüchlein mit DDR-Lyrik gekauft hat, daß der Vater herausgegeben hat.

Gedichtanfänge von DDR-Gedichten sind öfter auch die Kaptielanfänge und Veit Stark ein paranoider Llooser, der lustig vor sich hinsäuft, der Assistent von Marek hat ein zweijahres Stipendium, um an dieser Lyrik zu forschen beziehungwweise seine Dissertation darüber zu schreiben. Das geht nicht sehr gut, denn Veit läßt seine Wohnung verkommen und postet auch Hassnotizen im Internet. Bei einer begeht er dabei den Fehler sein Profil zu enttarnen, was ihn in Ängste stützt und er bekommt dann auch ein Mail von Noa Snow, das ihn in große Aufregung versetzt.

Sie möchte aber nur ein Interview mit ihm machen, bezeihungweise eine Seminararbeit über ihn schreiben. So bahnt sich  eine zarte Liebesbeziehung an, die darin gipfelt, daß Veit mit ihr das Sommerhäuschen seiner Schwester besuchen, beziehungsweise ihr die Plattenbausiedlung zeigen will, in die er aufgewachsen ist.

Mareks Ärger mit dem Jugendamt verdichtet sich indessen, die Sozialarbeiterin taucht mit dem Schlosser und einer Polizistin unerwartet zum Hausbesuch auf, als Marek noch betrunken von der Nacht mit Veit ist und die Tochter Bibi, die Schule schwänzete.

Das ist eine der eindruckvollsten Szenen in dem Buch. Die Schilderung, wie Bibi, in der Schule von einem Mitschüler verletzt wurde Die Direktorin dem Vater aber erklärt, sie wäre von der Rutsche gefallen, weil der Schüler Sohn von einflußreichen Eltern ist, die die Schule leicht einmal verklagen und Recht bekommen und als Marek dann versucht, Mails an den Vater zu schreiben, bezichtigt ihn der des Stalkings.

Er gibt auf, seine Frau Adriana macht aber weiter, so daß die Schule das Jugendamt schickt und als Marek noch Veit davon erzählt, bricht der mit ihm zu der Wohnung der Sozialarbeiterin auf, wo es dann zu einem Unfall kommt.

Man sieht, das buch ist sehr gewalttätig, denn auch Noa wird in der ehemaligen Plattenbausiedlung niedergeschlagen und verletzt, so daß alle drei einen Fluchtgrund haben, die sie in die tschechische Hütte brachte, wo Veit und Marek sich niedersaufen, Felix sich zu Weihnachten, nachdem sie sich ein halbes Jahr versteckten,  aber davon lösen kann und ins Leben zurückkehrt. Das Buch endet mit einem Brief Ninas, wo sie ihre Sicht der Dinge und den Freund als verrückt erklärt.

Sehr eindrucksvoll und spannend diese Dystopie, die eigentlich davon erzählt, daß es seit dem Niedergang der DDR eigentlich um nichts besser geworden ist. Gewalt und Terror herrschen, die Mittelschicht vor sich hinsumpert und die sogenannten Looser von den sogenannten Besserverdienenden nieder und fertiggeklagt werden.

Eigentlich gar nicht so viel von Realität entfernt, wenn man wahrscheinlich auch noch nicht gleich vom Pförtner des Jugendamts niedergeschlagen wird und ein Teil der Gewalt auch durch den Alkohl entsteht, der wahrscheinlich für sehr viel  verantwortlich ist und dagegen, als Kontrast steht die DDR-Llyrik. Die Gedichte von Sarah Kirsch, Rainer Kunze und auch Johannes R. Becher, dem ehemaligen DDRKulturministers, der vielleicht auch nicht so gewaltfrei war, das ich sehr interessant finde.

Den Titel des Buches, kann ich noch anmerken, habe ich auch nicht ganz verstanden, da das Buch ja in der hütte der Schwester Veits, in das die drei, sich nach ihren Gewalterlebnissen fluchtartig zurückgezogen haben, und eigentlich in keinen Park spielt, wenn man nicht die ehemalige und jetzt niedergerissene Plattenbausiedlung in der der paranoidgewaordene Veit aufgewachsen ist, dafür hält. Aber vielleicht ist das auch ein Gedichtanfang und am Buchrücken kann man noch lesen, daß Andre Kubiczek eine „Vater-Sohn-Beziehung im Ausnahmezustand schildert – und übertrumpft unsere absurde Wirklichkeit nicht durch überdrehte Volten, sondern zeigt fabelhaft, wie sich die Apokalypse tänzelnd nähert.“

Das zweitere befürchte ich fast auch, von der Vater-Sohn Beziehung war dagegen nicht viel zu merken, beziehungsweise wurde sie in Whisky und Bier ersoffen.

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2016-10-09

Skizze eines Sommers

Buch sechzehn und das fünfte der SL ist ein Sommerbuch und führt in die DDR, in den Sommer 1985, wo wir mit der kleinen Anna auch dort waren und ich mich noch an ein Plakat in Ost-Berlin erinnern kann, das den Kindern schöne Ferien wünschte.

Rene wohnt in Potsdam und wird gerade sechzehn, das heißtm er hat die Schule abgeschlossen und kann sich jetzt für eine Lehre oder die erweiterte OS entscheiden, beziehungsweise wird er dorthin delegiert und ist so alt, wie der 1969 in Potsdam geborene Andre Kubiczek, der sich an diesen Sommer erinnert und wahrscheinlich seinen Freunden dieGeschichte erzählt.

Die Schule ist fertig, der Geburtstag steht bevor, die Mutter ist vor einigen Jahren, vielleicht an Krebs, das Trauma wird umschifft und nicht besonders erwähnt, gestorben und der Vater, offenbar ein Universitätsprofessor, darf für sieben Wochen in Genf an einer Friedenskonferzenz teilnehmen.

Da hat vorher die Staatspüolizei, die Nachbarn besucht und sich nach dem Lebenslauf erkundigt, die haben es Vater und Sohn gemeldet und offenbar nicht Negatives erzählt, so kauft sich der Vater einen kanariengelben Trenchcoat und läßt sich vom Chauffeur nach Schönefeld fahren und der Sohn, der nach den Ferien, weil er auch  einen vorteilhaften Lebenslauf hat, in ein Internat kommt, wo er die „Organisation der materiell-technischen Basins“ studieren soll-.

Der ist zwar  nicht so angepasst, sondern liest mit seinen Freunden Baudelaire und andere dekatente Dichter, deren Bücher man nur ausnahmsweise in den Volksbuchhandlungen kaufen kann, kleidet sich schwarz und ärgert, die jungen Lehrerinnen, weil sie zwar nicht aufpassen, aber trotzdem gute Schüler sind, so daß sie ihnen nichts anhaben können.

Aber noch sind Ferien, die Bude ist  sturmfrei, Rene soll zwar die Hälfte der Ferien im Harz bei den Großeltern verbringen, hat aber nicht viel Lust dazu und der Vater hat ihm tausend Mark, „kein Geld der Welt, sondern Mark der DDR“,  für den Monat seiner Abwesenheit und dann nochmal zweihundert, als Geburtstagsgeschenk hinterlassen.

Rene schwimmt also in Geld, das er getreulich mit seinen Freunden teilt, die heißen Dirk und Michael und waren mit ihm in der Klasse, sowie Mario, der ist erst vierzehn, schaut aber, weil er einen libanesischen Vater hat, viel älter aus und hat, worum Rene ihn beneidet, unschlagbaren Erfolg bei den Mädchen, den er gehörig aufsnützt.

Rene geht es also gut und kann den Sommer genießen, so trinkt er mit den Freunden die sieben Flaschen „Napoleon“ aus, die die Großmutter immer den Vater schenkte, fängt zu rauchen an und natürlich interessieren ihn die Mädchen, die ganz besonders.

Da gibt es eines, von der er den Namen nicht weiß, später erfährt er, daß ihre kleine Schwester Fritzi heißt, er trifft sie an seinen an sich einsamen Geburtstagstag, wo die Freunde ihn scheinbar vergessen habe, so daß er sich, um sechzig Mark, die Baudelaire-Ausgabe, die in der Volksbuchhandlung hinter Glas aufgereiht steht, kauft, auf einer Bank am Keplerplatz und  verabredet sich mit ihr für den nächsten Tag in der Jugenddisco trifft.

Dort geht einiges schief, denn Mario kommt dorthin mit seiner Freundin Connie und stellt ihm eine Bianca vor.  Sie und Connie werden eine Lehre beginnen und werden daher, von den „dekatenten Intellktuellen“ als Proletarier bezeichnet.

Rene ist aber trotzdem von ihrem tollen Busen hingerissen, es kommt zu einem Kuß oder eine Umarmung,  das Mädchen ohne Namen, kommt nicht zum ausgemachten Date und fährt am nächsten Tag mit ihrer Familie in die Ferien.

So bleibt Rene gar nichts anderes über, als mit Bianca eine Beziehung aufzunehmen und sich mit ihr in einem Gasthaus am See zu treffen, bis auch sie in die Ferien fährt und Potsdam langsam leer wird.

Rene sollte zwar zu seiner Großmutter, fährt aber mit Mari in das Kuhdorf wo Conni das Haus einer Tante hüten soll. Sie werden dort zwar in der Nacht von einem Volkspolizisten auf einer Bank mit dem „Napoleon“ aufgegriffen, der entpuppt sich aber als Connies Onkel und bringt die beiden zu ihr.

Eine  Blutschwester hat Rene vorher auch noch gefunden, die intellektuelle Rebecca, eine Künstlertochter, in die sich sowohl Dirk, als auch Michael verlieben und nun soll Rene entscheiden, wer von ihnen die meisten Chancen bei ihr an.

Sie hat aber nur  schwesterliche Augen für Rene und fährt auch in die Ferien und als die vorüber sind, trifft Rene das Mädchen ohne Namen, das ihn  verrät, daß sie Vicotia heißt und eine große Liebe in der letzten Ferienwoche beginnt.

Ein leicht zu lesbares Buch, mäkeln die „Amazon-Rezensenten“, die offiziellen Buchblogger sind begeistester und der Autor dementierte, glaube ich, daß es in dem Buch um die DDR geht und meinte, daß die eher nur Staffage oder Nebenprodukt wäre und ich denke , daß ich jetzt mein viertes Shortlistbuch gefunden habe, bin beigeistert von der leichten Ironie mit der Kubiczek über die DDR-Schikanen drüberwischt und meinte, daß man auch im Jahr 1985, wenn man jung war, viel Geld und eine sturmfreie Bude hatte, sein Leben genießen konnte.

Wahrscheinlich ist wieder viel Autobiografiesches dabei, auch wenn es der Autor bestreiten sollte und denke, daß für mich die DDR, die mich ja sehr interessiert, schon sehr greif und sichtbar war, auch wenn 1985 auch im Westen die Schulabgänger wahrscheinlich rauchten, Kognac tranken und sich für Mädchen interessierten.

Im vorigen Jahr habe ich ja auch ein Buch über die DDR Jugend gelesen und dieses beschreibt die Szene der HO- Läden und der Volkspolizisten sehr dicht, zeigt aber auch, daß man trotzdem widerständig und kritisch sein konnte, auch wenn Rene, dem intellektuellen Künstlervater, der ihn aushorchen will, stolz erzählt, daß er ein echter Kommunist werden wird.

„Andre Kubiczek erzählt wunderbar einfühlsam und hintergründig von jeder Zeit, die auf ewig die beste unseres Lebens bleibt“, steht am Buchrücken und die war offenbar für Rene oder auch für Andre  Kubiczek auch in der DDR möglich.

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