Literaturgefluester

2016-11-12

Vom Leben und Sterben des Herrn Vatern, Bauer, Handwerker und Graf

Noch ein Buch aus dem steirischen „Keiper-Verlag“ mit dem ich vor einigen Jahren auf der „Buch-Wien“ über Andrea Stift in Kontakt gekommen bin, ich habe danach einige Bücher daraus gelesen, darunter Andrea Wolfmayrs „Roter Spritzer“ und mit der 1953 in Gleisdorf geborenen Andrea Wolfmayr, Buchhändlerin und ÖVP-Politikerin, habe ich einmal, lang lang ists her gemeinsam in „Mädchen dürfen pfeifen, Buben dürfen weinen“ eine Geschichte gehabt.

Dann habe ich lange nichts mehr von ihr gehört, ihr Buch „Spielräume“ aber einmal im Schrank gefunden und  im Oktober 2013 mit ihr gemeinsam bei den „Textvorstellunge“ gelesen.

Da war „Rot- Weiß-Gin“, das Thema, ich habe aus „Kerstins Achterln“ gelesen, Andrea Wolfmayr aus der „Weißen Mischung“ und bei den „Buch-Wien“ treffe ich sie auch regelmäßig.

Bei der letzten hat sie mir, glaube ich, gesagt, als ich ihr von meinem Gefühl ausgeschrieben zu sein erzählte, daß die Themen bei ihr seit sie in Pension ist, herausrquellen und sie das bearbeitet, was sich  angesammelt hat.

Jetzt liegt wieder ein sehr interessantes Buch vor mir, eines das wahrscheinlich jeden betrifft und jede Frau besonders, weil sich die ja meist auch besonders intensiv mit der Pflege ihrer alten Eltern auseinandersetzen.

In dem Roman, der nehme ich an, sehr viel Autobiographisches enthält, also wieder ein „Memoir“ seindürfte, er ist jedenfalls Andrea Wolfmayrs Vater gewidmet, geht es um Magdalena, die mit ihrem Mann Sepp im Haus ihres Vaters lebt, der an Harnwegsinfektionen leidet, Demenz und Parkinson hat und den sie bis zu seinem Tod begleitet.

In Tagebuchform von 2005 bis 2009 wird das beschrieben. Das Haus befindet sich in Weiherbach, eine Hütte als Zufluchtsort, für die fünfzigjährige Tochter gibt es auch und eine Familie, zwei Schwestern, einen Bruder, einige Tanten und die Putzfrau Eva, die sich, um den alten Mann kümmern.

Aber Ebva und Sepp wohnen im Haus mit ih, und der in den Neunzehnzwanziger Jahren geborene, wird von Magdalena auch als Tyrann beschrieben, der Herr Graf, der anschafft, mit dem Geld herumschmeißt, die Türen offen läßt, Auto fährt, obwohl er es nicht mehr kann, mit der Tochter schimpft und vorallem überall sein Blut und seinen Harn verbreitet, denn er hat eine Ziste an der Niere, will aber keine Medikamente, will nicht zum Arzt gehen, wie das bei alten Leuten oft so ist.

Ein „Feuchtgebiete desAlters“ könnte man das Buch literarisch überhöht, vielleicht nennen und Magdalena ist mitten drin, hat noch ihre Kindheit aufzuarbeiten, hat Schuldgefühle, muß sich um alles kümmern, geht auch zur Therapeutin, die mit ihr bespricht sich abzugrenzen und den Verfall des Vaters nicht als persönliche Kränkung zu erleben.

Andrea Wolfmayer ist auch sehr direkt offen und erstaunlich ehrlich. So wird ihre Wut und ihr Zorn auf den alten Mann, auch sehr direkt beschrieben.

Loslassen und ihn beispielsweise in ein Heim geben, kann und will sie aber ebenfalls nicht. So werden die letzten Jahre sehr anstregend und das Aufschreiben und Berichten darüber, einerseits eine Entlastung für sie, andererseits sicher auch eine Hilfe für andere Töchter, Frauen, Schwestern, die das Gleiche durchmachen.

Das Auto wird verkauft, im ersten Stock eine Tür eingebaut, damit Magdalena und Sepp wenigstens etwas Rückzug haben und der Gestank von Urin und Kot, der Vater hat bald einen Dauerkatheder, dessen Stöpsel sich aber fortwährend löst oder vielleicht aus Widerstand gegen die Hilflosigkeit und Bevormundung herausgerissen wird, haben.

Dann kommt zuerst eine Altenpflegerin, dann die vierundzwanzig Stundenbetreuerinnen aus der Slowakei. Der Vater wird immer hilfloser und schwächer und die Tochter muß um ihre Selbständigkeit ringen, aufpassen, daß sie sich trotz aller Valditation, die ebenfalls betrieben wird, nicht verliert und schließlich doch loslassen.

Trotz aller Drastigkeit oder vielleicht gerade deshalb, ein wirklich eindrucksvolles Buch, das wahrscheinlich allen Töchtern, Müttern, Schwestern und vielleicht auch den Männern und den Söhnen, Brüdern zu empfehlen ist.

Anna Mitgutsch hat in ihrer „Annäherung“ etwas Ähnliches beschrieben und ich habe sowohl, die Pflege meines Vaters, die mich auch oft genug überforderte, sowie, die meines Schwiegervaters, der kurz ebenfalls eine vierundzwanzig Stunden Betreuung hatte, hinter mich gebracht und kann daher das hier Beschriebene auch gut nachvollziehen.

Ob, wie am Buchrücken steht, wirklich „Nie zuvor das Leben mit alterskranken Angehörigen so packend geschildert wurde, bin ich mir gar nicht so sicher, habe ich doch schon einige diesbezügliche Bücher gelesen und auch geschrieben. Ist es ja auch ein Thema das wahrscheinlich jeden betrifft, so daß man sich wahrscheinlich auch damit beschäftigen sollte.

2015-10-16

Roter Spritzer

Filed under: Bücher — jancak @ 00:36
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„Der zweite Roman aus der Provinz“, der 1953 in Gleisdorf geborenen Andrea Wolfmayr, wieder bei „Keiper“ erschienen, der erste hat „Weiße Mischung“ geheißen und die Autorin hat ihn mit mir in den „Textvorstellungen“ vorgestellt und erklärt, daß in der Steiermark die Spritzer Mischung heißen würden.

Ich habe aus „Kerstins Achterln“ gelesen, wo es ja auch um Rotwein geht. Jetzt also doch ein Spritzer in dieser „Soap-Opera“ aus der Steiermark, in der eine Unzahl von Familien vorkommen, die sich lieben, mischen, streiten, das Gesetz umgehen, etcetera, das wirkliche Leben halt.

Daß sie dabei soviel Rotwein trinken würden, ist mir nicht aufgefallen, ging es da eher um härtere Getränke, aber auch um chinesischen Tee, denn die Buchhändlerstochter Barbara, hat sich mit einem chinesischen Apotheker vereinigt, der sie Wasser trinken lehrt und die vegane Küche ist offenbar auch in der Steiermark hoch in Mode, wie das Kinderkriegen.

Doch der Reihe nach oder besser im Anhang nachgeschaut, denn da sind die Familien, die in den Buch vorkommen und sich lustig untereinander vermischen, zur besseren Orientierung aufgereiht und wenn man das erste Buch nicht gelesen hat, tut man sich vielleicht etwas schwer.

Mir ist es jedenfalls so gegangen, daß ich mich am Anfang, wo von Kapitel zu Kapitel, eine andere Familie und deren Schicksal aufgereiht wird, nicht recht ausgekannt habe.

Beginnen tut es mit einer Regina, die lebt mit einem Ludwig auf einem Bauernhof, hat aber im Lotto eine größere Summe gewonnen.

Sie hält das zuerst für einen Spam, Ludwig hat den Schein aber an das Casino geschickt, denn er kann das Geld für den Hof brauchen. Sie nimmt es aber und fährt damit ab und er wird sich später mit einer schönen Praktikantin trösten, die Landwirtschaft studierte.

Dann geht es schon weiter zu Agne,s einer Greißlerin, die bekommt ein Burn Out und wird später mit Wolfgang, das ist der Buchhändler nach Mallorca emigrieren. Migräne hat sie auch und Wolfgang hat drei Töchter, Barbara, Petra, Ami.

Barbara ist die mit dem Chinesen, Amy hat die Buchhandlung übernommen und eine Topchter namens Pearl von einem Musiker, der zuerst in Amerika die große Karriere machen will, dann aber reumütig zurückkommt und Musiklehrer wird.

Petra ist mit Juli verheiratet, der einen Buschenschank führt, in China große Geschäfte machen will, dabei auf schiefe Bahn gerät, beziehungsweise vom Bezirksgauner und seiner Edelnutte gehörig ausgenommen wird.

Man sieht, Andrea Wolfmayr, die selber einmal Buchhändlerin sowie Politikerin war, zieht alle Seiten und kennt sich aus in der Provinz.

Die Frauen werden immer dicker und bekommen alle Kinder, die am Ende von einem anderen Pfarrer getauft werden, denn der früherer, wird gerade selber Vater.

Der Bürgermeister bekommt, glaube ich, in der Kirche einen Schlaganfall und hat Schwierigkeiten mit seiner Bürochefin, die ihn mit Marillenzipfs fütterte und gerne  kurze rote Röckchen trägt.

Ja, die Männer gehen fremd und verlassen ihre mittelalterlichen aus der Form gehenden Frauen, die um die Ehe zu retten, vielleicht gerade noch Kinder bekommen können.

Homosexuelle Paarungen gibt es natürlich auch und einen ehemaligen Kulturreferenten, der sich hinuntergetrunken und versandelt hat. Einen Künstler, der von zwei Frauen, der eigenen und seiner Galeristin „gefangengehalten“ wird und nicht sagen darf, daß er Sonnenaufgänge liebt, denn er ist wahrscheinlich ein experimenteller Maler und das wäre dann kitischig.

Allmählich kommt man in das Buch, seine Veränderungen und Wandlungen hinein, kennt sich aus in der vorkommenden Personenschaft und ich habe zwischen meinem Buchpreisbloggen, wieder ein Stück österreichische Gegenwartsliteratur gelesen, die in einen steirischen Kleinverlag erschienen ist, der mir gelegentlich seine Bücher schickt, so daß ich auch in der literarischen Provinz ein bißchen bewandert bin.

Auf einen kleinen Fehler darf ich Verlag und Autorin auch aufmerksam machen, der November hat nur dreißig Tage, aber vielleicht war das so gewollt und ist satirisch zu interpretieren.

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