Literaturgefluester

2020-05-18

Betibu

Filed under: Bücher — jancak @ 00:44
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Corona-Zeit ist Krimizeit, habe ich, glaube ich, einmal geschrieben. Das ist sicher Zufall, obwohl ich bis jetzt ja hauptsächlich Neuerscheinungen gelesen habe und erst jetzt allmählich zu meiner Backlist, das heißt zur Nummer eins der 2020-Leseliste komme.

Martin Caparros „Väterland“ kann ich gleich vorgreifen, ist auch ein argentinischer Krimi,obwohl es ja angeblich dort keine diesbezügliche Autoren gibt.

Auf Platz eins der 2020-Liste, steht ein Fund aus dem Bücherschrank, beziehungsweise „Ihr Leseexemplar aus dem Unionsverlag – bitte nicht vor dem 27. Februar 2013 zu besprechen“, darauf, das ist lang vorbei und wer das Buch in welchen Schrank gelegt hat und, ob es gelesen wurde, weiß ich nicht.

Das sind so die kleinen Geheimnisse, die es auch in den digitalen Überwachungszeiten so gibt und ich kann jedenfalls flüstern, daß mir der Name, der 1960 in Buenos Aires geborenen  Claudia Pineiro nicht so ganz unbekannt ist, denn ich habe ja früher, als ich selber noch nicht soviele Leseexemplare bekommen habe, mich auf die, in den Schränken intensiver gestürzt, das heißt früher und regelmäßiger gelesen und da war auch  „Ganz die Deine“ dabei, das Buch habe ich 2013 gelesen und kann hier outen, daß ich mich an den Inhalt eigentlich nicht mehr so gut erinnern kann, wohl aber, daß ich von der Autorin noch  „Ein Kommunist in Unterhosen“ gefunden, aber noch nicht gelesen habe.

„Betifu“ habe ich wohl im Vorvorjahr gefunden und ganz zuoberbst auf meine Leseliste gepackt und ich kann wieder gestehen, daß ich gezögert habe, ob ich es jetzt  hinunterlesen oder nicht nach Prominenteren, beispielsweise dem „Pianisten“ oder „Vergoogelt“ von Julia. K. Stein weitermachen soll? Und kann gleich weiterschreiben, daß ich froh bin, das nicht getan zu haben, denn das Buch ist wohl im Gegensatz zu „Ganz die Deine“ ein Hit, beziehungsweise wieder eines, das sehr sehr langsam und bedächtig einen ganz anderen Krimi schreibt, man kann darüber diskutieren, ob es überhaupt einer ist und es steht auch irgendwo in dem Buch, daß es obwohl ein paar Morde passieren, eigentlich um das Dahinter geht.

Und die sind in Zeiten, wie diesen höchst beeidruckend, geht es da ja um eine dieser Privatsiedlungen, wo sich die Reichen hinter Mauern Luxushäuser bauen. Vorne stehen Wachleute und kontrollieren jeden der hineinwill  und schikanieren ihn mit sinnlosen Vorschriften. Erinnert das an etwas?

Hätte ich das Buch schon früher gelesen, wahrscheinlich nicht, jetzt aber schon, denn man muß sich inzwischen, wenn man in ein Restaurant oder in ein Cafehaus gehen will, auch anmelden, muß sich auch eine Maske aufsetzen und geht man in einen Baumarkt, wird man getrackt, etcetera.

Eine Maske braucht man nicht, wenn man nach „La Maravillosa“, möchte, damals noch nicht, füge ich hinzu, wurde das Buch ja wahrscheinlich 2012 geschrieben und spielt, wenn ich mich nicht irre, um 2010. Es gibt einen Hausangestellten und einen Besuchereingang. Vor dem steht Gladys Varela am Anfang des Buches und wartet auf das sich Kontrollieren lassen. Sie muß ihre Handynummer angeben und den Inhalt ihrer Handtasche, damit sie nichts hinausschmuggeln kann, dann darf sie zu ihrem Arbeitgeber Senor Chazarreta gehen und den findet sie erstochen auf einem Sessel und bekommt  einen Schreikrampf.

Das ist einer der Morde, die in dem Buch passieren, um das Dahinter deutlicher zu machen. Dann geht es nach Buenes Aires in eine Zeitungsredaktion und da wird es satirisch, denn da muß der ehemalige Polizeireporte Jaime Brena, der degradiert wurde, weil er in einem Interview sagte, daß er alle Zeitungen außer, die bei der er arbeitet,liest, degratiert und muß jetzt über Statistiken berichten, wie, die, ob mehr Frauen als Männer in der Rückenlage schlafen, etcetera.

Dann gibt es noch eine ehemals erfolgreiche Krimiautorin, die heißt Nurit Iscar, wurde aber vom Chef der Zeitung und auch von Brena „Betibu“ nach einer bekannten Comicfigur, getauft und hat aufgehört zu schreiben, nachdem sie einmal eine schlechte Rezension bekommen hat.

Jetzt ist sie  Ghostschreiberin, bekommt aber vom Chef der Zeitung, ihrem ehemaligen Liebhaber, der sich aber schon bald als Arschloch entpuppte, den Auftrag, in diese Siedlung zu fahren, um über den Tod, Mord oder Selbstmord ist die Frage, einen literarischen Bericht zu schreiben.

Den Journlistischen soll ein sogenannter, namenloser „Junge“ , der jetzt der Polizeireporter der Zeitung schreiben, der nimmt, weil er noch sehr viel lernen muß, Brena mit und wir erfahren dann, daß vor drei Jahren, die Frau des Toten auch schon in diesem Stuhl ermordet wurde und, daß ein Foto gestohlen wurde, auf diesen sind sechs Jungen abgebildet, die alle die selbe Schule besuchten und fast alle von ihnen sind inzwischen eines mehr oder weniger gewaltsamen Todes umgekommen.

Das ist im Wesentlichen die Krimihandlung und macht ungefähr ein Zehntel des Buches aus. Dazwischen wird viel über die Regeln in dieser Siedlung geschrieben, wo man parken darf und, wo nicht und welche Absurditäten, die Wachposten jeden Tag von Neuem ausführen müßen.

Erinnert das wieder an etwas? Wenn ich jetzt schreiben würde, unsere Regierung oder die aller Staaten, hätten dieses  Buch gelesen und es sich zum Vorbild für ihre Überwachungsmaßnahmen genommen, ist das mit Sicherheit Fake News, denn die Wirklichkeit inzwischen wahrscheinlich weiter fortgestritten, als es sich George Orwell oder Claudia Pineiro träumen ließen.

Es geht auch viel, um das Schreiben und um Literatur. Um den Unterschied zwischen dem journalisten und literarischen Schreiben und wahrscheinlich ist vieles auch wieder autobiografisch, weil Claudia Pineiro ja auch Journaistin war oder ist und am Schluß beschließt Nurit Iscar oder Betibu wieder Romae zu schreiben, der Junge verlßtä die Zeitung und gründet eine Internetnachrichtenplattform nur Jaime Brena bleibt, denn er kann ohne den Redaktionsgeruch, obwohl sich der inzwischen sehr verändert hat, nicht leben und ich habe ein interessantes Buch gelesen und kann jetzt nur wieder schreiben, daß ich auf den „Kommunisten in  Unterhosen“ schon sehr gespannt bin, aber keine Ahnung habe, wann er an die Reihe kommt?

2020-04-20

Väterland

Jetzt kommt ein Politthriller des 1957 in Buenos Aires geborenen argentinischen Autors Martin Caparros, ein „Wagenbach-Quartbuch“, das einen tief hineinführt in die argentinischen Klassenkämpfe von 1933 und auch noch einige reale Anspielung hat, so wird die Wahl Hitlers zum deutschen Reichskanzler erwähnt, der Gründer des phantastischen Realismus Jorge Luis Borges taucht als junger noch unbekannter Dichter auf, der Film King Kong wird erwähnt, etcetera und es beginnt damit, daß ein Freund des Tangodichters und abgebrochenen Jusstudenten Andres Riviera, der eigentlich Andrea heißt, einem Fußballstar Drogen verkauft hat und jetzt, weil der verschwunden ist, sein Geld nicht zurückbekommt. Riviera wird gebeten, den Fußballstar zu suchen und das löst eine Kettenreaktion von Ereignissen aus, die eigentlich genau betrachten, ganz banal und der üblichen Handlungskurve entsprechen, aber mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund betrachtet, durchaus spannend zu lesen sind.

Der Fußballstar wird von dem „charmanten Tagedieb“, steht  in der Buchbeschreibung, der bei der strengen Dona Norma zur Untermiete wohnt und in einer aus einer aus Moldawien stammenden Jüdin namens Raquel, die in buchhandlungen die Bücher ihrers als Verleger tätigen Vaters ausliefert und Gedichte schreibt, weil sie keinen bürgerlichen Mann heiraten will, sowie Herrenanhzüge trägt, verliebt ist, bald gefunden, der ihm erzählt, daß er mit einer konservativen Politikertochter namens Mercedes Olavieta zusammen war und die wird nun ermordet aufgefunden. Es ist nicht ganz sicher, ob es nicht doch ein Selbstmord war und als Riviera und Raquel zum Begräbnis kommen, feiern dort die Patrioten, die Verstorbene als Heldin und Märtyrerin. Die hatte eine Schwester, die sich in ein Kloster zurückgezogen hat und von der Hausangestellten des Vaters erfahren, die Zwei, daß der seine Kinder mißbraucht hat und die eine deshalb ins Kloster flüchtete, während sich die andere, der argentinischen Tradition, der neunzehndreißiger Jahrre entsprechend verlobte.

Rivera vermutet nun Carlos Maria de Olavieta  hätte seine Tochter ermordet. Es wird aber der Fußballstar, der zu seinen Club zurückkommen soll, verdächtig.

Schließĺich wird ein Sozialist als Täter ausgemacht.  Riviera bekommt am Schluß seine Raquel, verbringt sicher ein paar aufregende Nächte mit ihr und wir haben ein interessantes spannendes Buch eines interessanten Autors gelesen und vielleicht auch noch ein bißchen über die korrupten zeitpolitischen Zustände Argentiniens der neunzehnhundertdreißiger jahre erfahren.

Und wieder kann ich hinzufügen, daß mir die Wahl des Titels nicht ganz nachvollziehbar war.

2019-04-12

Lidschlag

Filed under: Bücher — jancak @ 00:04
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Noch ein Buch der kleinen feinen „Wagenbach-Salto-Reihe“ mit wieder einer mir bisher unbekannten Autorin, nämlich  der 1975 in Buenos Aires geborenen Kunstkritikerin und Kuratorin Maria Gainza, deren Debut  „Lidschlag“, gleich in  zehn Sprachen übersetzt wurde und  der Band „Lidschlag“ beinhaltet elf Skizzen, würde ich sagen, die alle von einer Kunsthistorikerin namens Maria handeln, die in Buenos Aires mit prekären Jobs lebt und da beispielsweise interessierte Touristen durch Privatsammlungen führt, wie man in dem ersten Text „Dreuz Hirsch“ erfahren kann.

Und Alfred Hirsch ist ein 1810 in Paris geborener und 1860 dort verstorbener Maler, mir ebenfalls bisher unbekannt und so gleite ich wieder durch ein Buch in dem es um Bilder und Museeumsbesuche geht.

Da hat ja Hanno Millesi kürzlich durch das kunsthistorische Museum geführt und durch Roberts Gabe, die er mir ins Landesklinikum St. Pölten brachte, bin ich ja vor kurzen auch durch die Kunst des Malers Velasques und seine Prinzessisnnenbilder gewandert.

Der zweite Text ist dem 1902 verstorbenen Fotografen und Maler Candido Lopez gewidmet, der im Paragayischen Krieg einen Arm verloren hat. Die schwangere Erzählerin fährt, um der Hitze der Stadt zu entgehen, in das Museum, das seine Bilder ausstellt, um dort zu erfahren, daß die immer noch restauriert werden. Eine Rahmenhandlung, um den Bruder der ersten Frau ihres Mannes, Charly, der im Urwald eine Farm bewirtschaften will, gibt es auch.

In „Ruinenromantik“ geht es um den 1808 verstorbenen Maler Hubert Robert, während Maria Gainza in „Die schöne Zuflucht“, die Erinnerung an ihre Freundin Alexa, die in Angola als Journalistin arbeitet, sowie einen Roman schreibt, mit der sie als Kind mit ihrem Vater einen Tiermaler besuchte,  dem der Vater  ein Katzenbild abkaufte, mit der Biografie des  1968 in Zürich verstorbenen  japanisch-französischen Maler Tsuguharu Foujita, der sich mit einer Katze portraitierte, verknüpft.

In der nächsten Geschichte fährt sie mit Freunden ans Meer, bleibt dort im Auto sitzen, passt auf das Gepäck und die Musikanlage auf. Hört die „Doors“, dreht sich piniennadeldünne Joints und denkt an das  Bild „Stürmische See“ oder  „Mer orageuse“ von Gustave Courbet.

Dann kommt Maria Gainza von einer japanischen Keramikkugel, die sie im Bücherregal ihrer Freundin Amalia entdeckt zu Henri Toulouse Lautrec und erzählt auch ein bißchen von ihrer unglücklichen Kindheit und der schlechten Beziehung, die sie zu ihrer Familie hatte.

Danach begibt sie sich wegen zuckender Augenlider zum Arzt und blickt während sie im Wartezimmer sitzt auf ein Poster des lettischen Farbfeldmalers Mark Rothko und macht hier ihre kunstgeschichtlichen Verknüpfungen, bis ihr der Arzt verkündet, daß sie eine harmlose Augenentzündung hat.

Eine Geschichte hadelt vom katalanischen Maler Josep Maria Sert von der sich ihr Onkel Marion das Boudoir seines Palais einrichten ließ.

In der nächsten Geschichte soll sie, da Jurymitglied, zu einer Sitzung nach Genf fliegen, was aber durch ihre Flugangst verhindert wird, die Verknüpfung zur bildenden Kunst passiert hier durch den autodidaktischen Maler Henri Rousseau, der offenbar auch einmal eine Ballonfahrt machte.

In den letzten beiden Geschichten geht es, um den argentinischen Maler Augusto Schiavoni und den Renaissancemaler El Greco und wieder verknüpft Maria Gainza, die Biografien- mit ihrer Familiengeschichte, was beim Lesen manchmal etwas anstrengend ist, den vielen Verknüpfungen  zu folgen und zu verstehen.

Aber sicher  interessant, die persönliche Geschichte  mit den verschiedenen Künstlerbiografien zu verknüpfen und so  sehr  literarisch eine neue Art der Kunstvermittlung zu kreieren.

„Ein verführerisch kluges Debut über eine Frau, die durch Bilder und fesselnde Künstlergeschichten auf ihr Leben, ihre Familie und Freunde schaut. Höchst originell, bestechend schön, ein Buch das man genießen soll“ hat der „Guardian“  geschrieben und am Buchrücken steht sogar:  „Blicke, Bilder und Geschichten: ein Buch in dem sich Kunst und Leben auf einzigartige Weise verweben – verführerisch gut erzählt von einer argentinischen Exzentrikerin.“

Das Letztere würde ich weglassen.

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