Literaturgefluester

2021-03-02

ausgestoßen

Filed under: Bücher — jancak @ 00:52
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Noch einmal Peter Paul Wiplinger, dessen neuen Gedichtband ich ja vor kurzem gelesen habe und der mir, als ich ihm um das Buch anfragte, gleich drei geschickt hat, ist der 1939 in OÖ geborene Dichter, Photograph und IG-Aktivist ja literarisch sehr produktiv und so haben sich auch bei mir schon einige seiner Bücher angesammelt. So habe ich nicht nur die „Lebenszeichen“, die er mir auch schickte, sondern auch „unterwegs“,“Positionen 1960- 2012″ und die „Tagtraumnotizen“ in meinen Bibliothekskatalog, beziehungsweise in meinen Regalen stehen.

Ob und wieviel ich davon gelesen habe, kann ich jetzt nicht so genau sagen, bin ich ja auch eine Sammlerin, die gerne alles von alles Autoren bei sich haben will. Den 2006 bei „arovell“ erschienenen, aber offenbar schon in den Neunhzigerjahren geschriebenen und erstmals erschienen Prosaband „ausgestoßen“, habe ich, obwohl „unverlangt“ zugesandt, jetzt gleich gelesen und ich muß wieder schreiben, es war ein Gewinn, habe ich Peter Paul Wiplinger ja bisher eher als engagierte IG oder sogar PEN-Mitglied, das sich sehr für seine nicht so priveligierten Kollegen vor allem aus Osteuropa oder aus dem „Writer in prisons-Programmen“ einsetzt, kennengelernt, war aber auch bei seiner Lesung im „Arabisch österreichischen Haus“ und bei seinem achtzigsten Geburtstagsfest im Presseclub Concoria und bei der „Goldenen Margarete“ in der Bücherei Pannaschgasse habe ich ihn auch einmal lesen gehört

Jetzt habe ich ihn aber auch gelesen und ich wiederhole mich, das war ein Gewinn Peter Paul Wiplingers Schreiben besser kennenzulernen. Denn dieser fast in Thomas Bernhard-Manier geschriebene Monolog eines Trinkenden, ein nächtlicher Spaziergan durch Wien und die damit verbundenen Schimpfereinen oder Refektionen über den aufgezwungenen Katholizismus, das Versagen, das Scheitern und den wachsenden Rechtsextremismus mit dem Aufstieg Jörg Haiders, der ja in den Neunzigerjahren das politische Bild bestimmte, sind ebenso beeindruckend, wie der Gedichtband, wo sich Peter Paul Wiplinger ja sehr mit seiner Gebrechlichkeit beschäftigte.

In den Neunzigerjahren war er noch jünger. Am Buchrücken ist sein Foto mit schwarzen Rollkragenpulli und schwarzen Käppchen, sowie Schnurrbart, so wie ich ihn von den IG-GVs kenne, zu sehen und auf der Iimpressumseite steht zu lesen, daß eine „Hauptpassage dieses Textes wurde 1997 mit dem Luitpold-Stern-Preises des ÖGBs ausgezeichnet“.

Da habe ich mich ja auch ein paarmal beteiligt und auch ein paarmal was gewonnen, als es diesen Preis noch gab und, das finde ich sehr schön und macht das Buch besonders wertvoll, gibt es wieder eine handschriftlich beschriebene erste Seite, wo Peter Paul Wiiplinger unter den Buchtitel „ausgestoßen“- „aber nicht verloren sein“ geschrieben hat. Weiter oben hat er die Kaffeehäuser aufgeschrieben, die die Orte des Geschehens darstellen oder dort geschrieben wurde, wie beispielsweise das Cafe Sport, Cafe Savoy und das Caf Alt Wien und dann hinein in den Monolog, der wenn ich es recht verstanden habe, im Göttweiger Stiftskeller beginnt.

Richtig, am Anfang liest sich das Buch etwas sperrig und ich brauchte ein wenig um in den Stil hineinzukommen, bis ich es dann sehr berührend fand, von diesem „Ausgestoßenen“, „Ich hasse mich-“ lautet der erste Satz, zu lesen, der in einer Winternacht durch Wien taumelt und über sein leben resumiert. Es beginnt wie schon geschrieben, im Göttweiger Stiftkeller, da wird dann auch das Stift Göttweig erwähnt, wo ich ja auch einige male bei der „Literatur und Wein“ war. Der namenlose Ich- Erzähler ist, erfahren wir, Sohn aus guten ländlichen Hauses, hat studiert, der Kellner verweigert etwas später dem betrunkenen „Herrn Doktor“ das bestellte viertel Wein und hat sich immer hinter seinen Brüdern zurückgesetzt fühlt. Er war dann zwar auf der Uni Assistent oder Dozent, hat aber gerade seinen Job wegen seiner Trinkerei verloren und sitzt dann einige zeit im Stephansdom, bis der geschoßen wird und hier ist wieder interessant, daß ihm der Glauben, obwohl er auf die Kirche schimpft, offenbar doch nicht so ganz abgegangen ist.

Später sitzt er auf einer Bank vor dem Dom, wird angeschneit und raucht gedankenverloren einige Zigaretten. Dann schlendert er, weil er etwas Warmes braucht ins Cafe Alt Wien wo sich ja wahrscheinlich auch heute noch die“Pseudokünster“, wie einmal Hermann Schürrer, ansammeln, bestellt, um sein letztes Geld ein letztes Achterl, stellt sich zum Wärmen an die Heizung, bricht zusammen, wird von einem Zivildiener versorgt und wandert dann zum Lueger-Denkmal weiter, um die Nach im Bahnhof Landstraße zu verbringen, weil er es in seinen Zustand nicht mehr in seine Basenawohnung am Gürtel schafft. Polizisten rütteln ihn von einerParkbank auf, er schafft den Weg zum Bahnhof, verbringt die Nacht in einer Nische, obwohl er ja kein Sandler ist und geht am nächsten Morgen durch den Stadtpark, um dort die U-Bahn zu erreichen und nach Hause zu fahren, sich zu waschen und rasieren und auszuschlafen und entgegen dem Buchrücken, wo etwas von einem Gescheiteren und Ausgestoßenen steht“, endet Peter Paul Wiplinger eher versöhnlich mit „Er verspürte eine innere Dankbarkeit in sich. Und er sagte pötzlich laut vor sich hin: „Alles ist gut, alles ist gut!“ Dann ging er mit schnellen Schritten aus dem Park und der Haltestelle der U-Bahn zu. Es war nicht mehr weit nicht mehr weit, dann war er endlich daheim.“

Und noch etwas ist interessant, daß dem 2006 erschienenen Buch die Verlagsanmerkung vorangestellt „Auf ausdrücklichen Wunsch des Autors wurde als Bestandteil und Ausdruck seiner literarischen Authentizität die alte Rechtschreibung beibehalten“, wurde.

2018-12-20

Deppentango

Filed under: Bücher — jancak @ 00:50
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Im Amerlinghaus habe ich das Lesen des Buchs angefangen, das mir Paul Jaeg vom „Aroell-Verlag“ an dem Tag schickte, an dem ich ihm im Amerlinghaus getroffen habe. Das war Ende August, es hat also ein bißchen gedauert, bis ich zum Lesen von Dietmar Füssels Kurzgeschichten gekommen bin, obwohl ich den 1958 geborenen schon lange kenne, auf seine Homepage 2008 oder 2009 gestoßen bin und mich eine Zeitlang auch an seinen monatlichen Gewinnspielen beteiligt habe und schon sehr viele seiner Bücher gelesen habe.

Der Oberösterreicher ist ein sehr origineller Autor, der immer wieder skurrile Themen für seine Bücher findet und so sind die „literarische Kurzgeschichte“ wie am Buchrücken steht, diesmal den „Versagern, Unglücksraben und Idioten“, wie der Untertitel lautet, gewidmet und Dietmar Füssel geht es in seinen kurzen Texten auch rasant an.

So wird hier in der „Operation Adele“ von einem Experiment berichtet, wo der britische Geheimdienst aus Adolf Hitler  eine Adele machen wollte, weil Frauen ja viel friedlicher sind, was, wie Dietmar Füssel behauptet, leider mißlungen ist, weil stattdessen aus Ernst Braun eine Eva wurde.

Es geht um einen Herrn mit „Grillenangst“, der an einer Insektizidvergiftung zugrunde geht, um einen „Ewigen Versager“, das ist ein Mensch, der soviel Pech in seinem Leben hatte,  daß er nicht eimal den Kannibalen schmeckt und ein „Interview mit einem  Vampirjäger“, gibt es auch.

Es gibt den „Spaghettifeind“, der diese Sorte Nudeln nicht mag, nicht weiß warum und deshalb schaut, daß sein Sohn einen Grund dafür hat und den, der wegen der Muttermilch, keine solche in seinem Kaffee mag.

Ein Arbeitsloser schreibt, um sich selbst einen Posten zu verschaffen, einen Brief an den Finanzminister mit Vorschlägen, wie man durch „Gesundbeten“, die Leute schneller gesund werden lassen kann und Sir James wird, als er seine Frau weggeschickt hat und genüßlich mit der Zofe ins Bad steigen will, zweimal durch das Telefon herausgeholt.

Weiter geht es mit dem Mann, der seiner gewöhnlichen oder auch ungewöhnlichen Maus ein Mausoleum um zwölftausen Euro setzte,  dem „Ziegenbockpeter“, der sich aus hygienischen Gründen nicht duscht und dem Märchen von dem Knecht, der sich von seinem Bauern mit einer angeblichen „Zauberwindel“ abspeisen ließ.

Es gibt den „Leichensammler“ und den Mann, der sich an einem Sonntag auf einen zwanzig Kilometer Fußweg zu seinem Zahnarzt begibt, um sich seine Schneidezähne ziehen zu lassen, um den Frauen besser zu gefallen und in der Geschichte vom „Königstiger“ geht es um einen Säufer, der sauft und sauft, zuerst weiße Mäuse, dann weiße Katzen, weiße Hunde und zuletzt einen weißen Königstiger sieht, das beunruhigt ihn  so sehr, daß er die Polizei anruft, die schickt ihm die Sanitäter mit den weißen Jacken und die werden dann, wem wundert es bei Dietmar Füssels schrägen Humor, prompt aufgefressen.

Das „Kind mit den Blumen“, die zu allem nicken, ist vielleicht ein wenig einfach , wie bei einigen der kurzen Texten auffallen kann, daß sie, wie schnell hinunter geschrieben wirken.

Dietmar Füssels Stil und skurriler Humor ist auch der „Magischen Kriegsführung“ gut zu erkennen. Da geht der Leutnant Pospischil zu General Weissfuß, der gerade mit „gezückten Zeigefinger durchs Zimmer hüft und dabei laut „Päng! Päng Du bist tot!“, brüllte und der ihm dann Befehl gibt, einen Zauerspruch zu finden, mit dem man die feindliche Armee in Schweine verwandeln kann.

Im Verein der „Wildenwerwolfwürger“ hat noch keiner der Mitglieder einen Werwolf weder gewürgt noch gesehen und gehört und als er das bemerkt, verläßt Herr F. der, den Verein  zu Recherchezwecken besucht hat, diesen frohgemut, denn „Ich hatte soeben feststellen dürfen, dass es tatsächlich Leute gab, die noch verrückter waren als ich selbst.“

Was die Frage aufwirft, ob es sich bei Herrn F. um den Autor selbst handelt, was vermutlich stimmen könnte, da der Herr F. der in „Die wichtige Angelegenheit“ zu einem Grafen Tox gerufen wird, Schriftsteller ist und am Schluß noch hintergründig an seine Leser, die Frage stellt: „Bist du aus dieser seltsamen Geschichte schlau geworden? Ich nämlich nicht.“

„Na dann ist Hopfen und Malz verloren!“, mag sich die Leserin denken, die eigentlich gar keine „Idiotengeschichten“ mag, aber die vom „Angsthasen“ enthält Eemente, die der Psychologin gefallen können.

Da fürchtet sich einer vor allem, hat „Höhenangst, Platzangst,  Versagensangst, Angst vor Wespen, Hornissen, Spinnen, Mäusen, Hunden, Schlagen, Betrunkenen und Psychiatern“.Dann geht er in eine Bank „um einige Erlagscheine einzuzahlen“, beobachtet einen Bankräuber und steckt ihm aus Angst „in der Zukunft für einen erbämlichen Feigling gehalten zu werden“, „den rechten Zeigefinger in den Rücken und sagt barsch: Pech gehabt Freundchen, Kriminalpolizei. Weg mit der Waffe und Hände hoch!“

Das nenne ich  originell, während zugegeben, die anderen Geschichten, die sich zum Teil in ihren Elementen wiederholen, so bildet sich einer ein, ein Indianer zu sein, geht auf eine Bank, um sein Geld abhzuholen und landet dann in der Gummizelle, weil der Bankbeamte die Rettung holt, nachdem er mit „Wilder Büffel“ statt seinem Namen unterschreibt,  manchmal etwas nerven, weil die Menschen wahrscheinlich doch nicht so eindimensional deppert sind, wie sie Dietmar Füssel genüßlich schildert.

„Es gibt den harmlosen Spinner“, der seinem Psychiater beweisen will, daß er „ein gemeingefährlicher Psychopath ist“ und es dann nicht zusammenbringt, ihn zu erschlagen oder zu erschießen und dann den „Verständnisvollen“, der alles versteht, daß ihn seine Frau betrügt, sein Chef entläßt, der Räuber ausraubt und dafür nicht einmal in den Himmel, sondern in die Hölle kommt und vom Teufel belehrt wird, daß „wer sich nicht wehrt, verkehrt lebt.“

Am Schluß wird noch das „Denkmal“ der Gerechtigkeit nicht enthüllt, was vielleicht auch eine „Hinterfotzigkeit“ Dietmar Füssel ist, darüber eine Geschichte zu schreiben.

Dietmar Füssel Skurrilität und  Vielschreiberfleiß ist also beeindruckend und ich bin gespannt, was dem „Kurzgeschichtenmeister“, der zu seinen größten Erfolgen die Teilnahme an einem „Hundert Kilometer Lauf von Biel mit einer Endzeit von knapp über vierzehn Stunden“, zählt, noch so alles einfallen wird.

Am Cover ist auch noch einer zu sehen, der genußvoll lächelnd, den Ast abzusägen beginnt, auf dem er sitzt.

 

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