Literaturgefluester

2017-04-22

Gott ist nicht schüchtern

Von der 1984 in Baku geborene Olga Grjasnowa, die am Leipziger Literaturinstitut studierte, habe ich das erste Mal vor dem blauen Sofa gehört, als sie dort ihr Debut „Der Russe ist einer der Birken liebt“ vorstellte, das ich mir dann zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken ließ.

Ein sehr beeindruckendes Debut von einer überforderten jungen Frau und einen toten Hasen, aus ihrem zweiten Buch habe ich sie im Wiener Literaturhaus lesen gehört und jetzt ist ihr dritter Roman bei „Aufbau“ erschienen und er begleitet zwei hoffnungsvolle junge Syrier, durch die Revolution, durch den Krieg, bis sie dann beide mit Booten geflüchtet, in Berlin wieder aufeinander treffen.

Endlich ein politisches Thema in der Gegenwartsliteratur, wie die Blogger schon länger fordern, beziehungsweise auf der letzten LL vermißten, aber Jenny Erpenbecks „Gehen ging gegangen“ vom Vorjahr, nicht als literarisch genug durchgehen lassen.

Bei Olga Grjasnowa, die groß in Leipzig vorgestellt wurde, erging es zumindest den „Amazon-Lesern“ ähnlich, denn ein Roman muß ja abgehoben sein, um als literarisch zu gelten.

Wenn da eine nur vom Leben im umkämpften Damakus berichtet, wird das schnell als Journalistisch und Reportagenhaft abgetan.

Dennoch, trotzdem kann ich mir jetzt ein realistischeres Bild von der Flüchtlingskrise machen, mir das Schicksal der Menschen, die zu uns gekommen sind, wie das so schön heißt, vielleicht ein bißchen besser vorstellen und, daß das Buch nicht literarisch wäre, ist mir nicht aufgefallen, aber ich gelte ja auch nicht dafür und habe in den letzten Jahren in meiner sogenannten Flüchtlingstrilogie auch ein bißchen darüber geschrieben und gelesen.

Olga Grjasnowa ist vielleicht ein bißchen besser mit der syrischen Küche und dem Mittelschichtleben in Damaskus vor und während dem Krieg vertraut, irgendwo habe ich gelesen, sie wäre mit einem Syrier verheiratet und so erzählt sie die Geschichte von Hammoudi und Amal, die irgenwann 2011 zu beginnen scheint, auch sehr packend.

Da ist Hammoudi gerade mit seinem Medizinstudium, das er in Paris absolvierte, fertig. Er hat auch schon eine Stelle als kosmetischer Chirgurg und eine Beziehung, muß aber nach Hause in die Grenzstadt Deir az Zour, um seinen Paß zu verlängern.

Von dort wir er nicht mehr hinausgelassen, muß seine Approbation machen, fällt dabei mit einem zweiten ausländischen Arzt durch, weil er das Schmierkuvert vergessen hat, „Zu lange im Ausland gewesen!“, sagen dieKollegen, die zwar nichts wissen, das Kuvert aber dabei hatten, beginnt dann ein geheimes Lazarett aufzubauen und die Angeschossenen und Verletzten zu operieren und zu operieren….

Amal hat dagegen bei ihrem Vater durchgesetzt, Schauspielerin zu werden, beginnt jetzt mit ihren ersten Rollen, geht zu Demonstrationen, wird verhaftet, lebt  mit dem Regisseur  Youssef zusammen und erfährt dann, die eine russische Mutter hat, die aber irgendwann aus ihrem und dem Leben ihres Bruders Ali verschwunden ist, daß der Vater schon längst eine zweite fromme Familie hat.

Sie flüchtet mit Youssef nach Beirut, beginnt dort in einer Küche zu arbeiten, das Geld geht aus. Sie flüchten in die Türkei und beginnen dann die Übefahrt nach italien zusammen mit einer jungen Mutter und deren Baby Amina. Die Mutter kommt um, als das Schiff untergeht, Amal, das Baby und Joussuf können sich retten.

Amal gibt Amina, als ihr Kind aus. Sie kommen nach Berlin, wo Amal in Kochshows zu arbeiten beginnt und Angst hat, daß man ihr das Baby wegnehmen könnte.

Hammoudi muß auch flüchten und kommt ebenfalls nach Berlin, wo er Amal, die er schon in Damaskus kurz gesehen hat, wieder trifft. Die beiden verlieben sich ineinander und verbringen ein paar schöne Stunden in einem Hotel.

Dann wird Hammoudi in ein anderes Flüchtlingsheim verlegt und kommt dort bei einem Bombenanschlag um, während Amal ein Angebot hat, für eine Kochshow nach L.A. zu reisen. Sie tut es auch, dreht aber, weil sie Angst vor dem Meer und dem Wasser hat, am Flughafen dort wieder um und fliegt zurück nach Berlin.

Ein sehr interessantes Buch, das ich jeden empfehlen kann, der sich für die Flüchtlingssituation interessiert. Es gibt auch drei Landkarten in dem Buch, die die drei Teile voneinander trennen.

Die erste zeigt die Staaten am Mittelmehr, Syrien, Türkei, Libanon, Irak,  in der zweiten ist schon Europa mitabgebildet, während auf der dritten, die Sterne am Firmanent aber auch Tiernamen stehen und ein Zitat von Brecht gibt es auch:

„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überal zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch  nicht anerkannt wird.“

Es ist aus den „Flüchtlingsgesprächen“ und ich vermute, Bertold Brecht hat es in einem ganz anderen Zusammenhang  geschrieben.

Und der Titel bezieht sich wohl darauf, daß der liebe Gott sehr viel Gewalt und Kriege zuläßt und nichts dagegen tut oder tun kann.

2017-01-19

Hans Fallada

Filed under: Bücher — jancak @ 10:45
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Der Name Hans Fallada war mir, glaube ich, immer schon als berühmter deutscher Schriftsteller bekannt, den „Kleinen Mann“, Band eins der „Rororo Taschenbuch Ausgabe“, habe ich, glaube ich, in den offenen Bücherschränken gefunden, sowie den ersten Hans Fallada, den „Blechnapf“ den ich gelesen habe und auch nicht sehr viel anfangen konnte, erschien mir das Buch, glaube ich, als sehr umständlich, obwohl ich mich da schon in die „Wikipedia-Biografie“ eingelesen habe.

Fallada ist das Pseudonym für Rudolf Dietzen und die Fallada-Bücher habe ich auch, wenn immer ich sie gefunden habe, gesammelt.

So habe ich auch „BBB-Bauern Bonzen und Bomben“ gelesen und wohl einen ähnlichen Eindruck, wie beim „Blechnapf“ gehabt.

Der „Kleine Mann“, der im vorigen Jahr bei „Aufbau“, die den Autor ja inzwischen unzensiert wieder auflegen, vollkommen herausgekommen ist, habe ich in der alten Ausgabe gelesen und hat mir  besser gefallen.

Das vorige Jahr habe ich dann mit einem Fallada, ich glaube, einen Kauf aus einer Abverkaufskiste einer der beiden Buchhandlungen auf der Wiedner Hauptstraße, die es nicht mehr gibt, begonnen, eines der leichten Unterhaltungsbücher mit denen Hans Fallada, wie ich jetzt weiß, den Krieg überstanden hat.

Ich habe im Vorjahr dank dem „Aufbau-Verlag“ aber auch den letzten Fallada „Jeder stirbt für sich allein“ gelesen, der dort schon etwas früher unzensuriert erschienen ist und jetzt die Biographie, die der 1965 in Berlin geborene Peter Walther pünktlich nach dem siebzigsten Todestag, geschrieben hat, der in Potsdam das „Brandenburgische Literaturbüro“ leitet und Mitbegründer des Literaturportals „literaturport“ ist.

Und die kann ich jeden  und vor allem psychologisch Interessierten sehr empfehlen, denn Falladas Lebenslauf, der auf dem ersten Blick wahrschlich unwahrscheinlich klingt ist, glaube ich, ein Paradebeispiel der Bipolarität und der Spaltung und gibt Zeugnis eines sehr bewegten Lebens in einer sehr bewegten Zeit.

1893 wurde er ins Greifswald als Sohn eines höheren Juristen geboren, es gab zwei ältere Schwestern, ein jüngerer Bruder folgte und der kleine Rudolf war in seiner Jugend oft krank, kam hier schon mit dem Morphium, das ihn sein ganzes Leben verfolgen sollte, in Berührung und hatte auch eine durchaus expressionistische Jugend.

So schrieb er an die Eltern einer Jugendfreundin Briefe, in denen er sich und sie eines unsittlichen Verhältlnisses bezichtigte. Es gab auch ein Duell oder einen Doppelselbstmordversuch mit einem Freund, den Dietze überlebte.

So kam er in Sanatorien wurde dort von Arthur Tecklenburg einem Schüler  von Kurt Binswanger, einem berühmten Psychiater und seiner Tante Ada betreut und das erste Buch „Der junge Goedschal-ein Pubertätsroman“ ist auch sehr expressionistisch.

Der Herr Landesgerichtsrat fianzierte die Schriftstellerversuche des Sohnes unter der Bedingung, das das Buch, wenn es erscheint, unter einem Pseudonym herauskommt, so wurde der Hans Fallada, weil Rudolf Dietzen Grimms Märchen liebte, geboren.

Nach dem Sanatorium begann er seltsamerweise nicht mit einem Studium, sondern mit einer landwirtschaftlichen Lehre.

Er arbeitete später auch als Buchhalter, wo es zu Unterschlagungen kam, womit er seine Süchte, Alkohol, Morphium, Zigaretten, Schlafmittel, finanzierte.

So macht er die Studien für den Brechnapf, lernt auch seine Suse, das Vorbild für das Lämmchen aus dem „Kleinen Mann“ kennen, hatte mir ihr drei Kinder, ein viertes ist gestorben, lernt Ernst Rowohlt kennen und hat mit dem „Kleinen Mann“ einen Welterfolg.

Es kommen noch andere Romane, einer „Wolf unter  Wölfen“ auch im Schrank gefunden, wartet noch auf meiner Leseliste, das Gefängnistagebuch von 1944 „In meinem fremden Land“ wurde auch bei „Aufbau“ neu herausgegeben und ist gerade zu mir gekommen und als der Krieg kam, lebte Dietzen mit seiner Familie, später auch mit seiner Mutter, in Carwitz, das ist ein Mustergut, wo er mit den verschiedenen Haustöchtern verschiedene Verhältnisse hat, Unterhaltungsromae schreibt, aber weil wegen seiner Süchte und Tobsuchtsanfälle wehruntauglich auf eine Tour durch  zu den Reichsdiensten ins besetzte Frankreich geschickt wird, wo es ihm sehr gut gefällt und er auch lobende Berichte schreibt.

Er kommt aber auch wieder in die Psychiatrie oder in ein NS-Gefängnis, denn er schießt auf Suse und dort schreibt er, was ebenfalls  unglaublich klingt einen Bericht gegen das NS-Regime.

E schreibt aber auch einen nichtantisemitischen semitischen Roman, der nie erscheint, wird nach dem Krieg, die Ehe mit Suse wurde geschieden, er hat sehr bald eine ebenfalls süchtige junge Frau namens Ulla wieder geheireirat, für kurze Zeit Bürgermeister, wird von Johannes R. Becher, dem DDR Kulturministier, protegiert und dazu veranlaßt „Jeder stirbt für sich allein“ zu schreiben und stirbt  1947 an einer Überdosierung in einem Krankenhaus.

Sehr interessant, sehr widersprüchlich und sicherlich empfehlenswert sich mit der unzensurierten Fallada- Gesamtausgabe zu beschäftigen. Ich werde aber auch die alten Bücher, so weit vorhanden, lesen.

„Zwei Lämmchen weiß wie Schnee“ und „Die Stunde eh du schlafen gehtst“, warten da noch auf mich.

Aber auch einige andere Fallada Bücher, wie beispielsweise „Der Trinker“, Fallada hat ja sehr viel aus seinem persönlich Erlebten geschöpft, würde ich  gern lesen und freue mich, wenn ich dazu komme.

Eine Art Biografie „Damals bei uns daheim“ hat er auch geschrieben und ein Buch „Wir hatten mal ein Kind“, wo der Tod der verstorbenen Tochter verarbeitet wird.

2016-12-17

Und die Nacht prahlt mit Kometen

Das nächste Buch ist wieder  bei „Aufbau“ erschienen, obwohl es in  Wien in den Neunzehnhundertachtziger Jahren und zu Weihnachten im Vorjahr spielt, nämlich Ela Angerers „Und die Nacht prahlt mit Kometen“ und von der 1964 in Wien geborenenen „News-Journalistin“ habe ich das erste Mal vor zwei Jahren auf der „Buch-Wien“ gehört.

Da wurde ihr Buch „Bis ich 21 war“ vorgestellt, das ich dann vom Alfred zu Weihnachten bekommen habe und noch heuer lesen will und während ich im Herbst mit dem „Buchpreislesen“ beschäftigt war, habe ich von zwei Neuerscheinungen gehört, die mich interessierten.

Nämlich von Paula Fürstenfeld „Familie der geflügelten Tiger“ weil ich dachte, daß eine Autorin ähnlichen Namens einmal bei „Etcetera“ veröffentlicht hat und eben „Die Nacht prahlt mit Komenten“.

Auf der heurigen „Buch Wien“ ist mir dann das Buch auch ständig vor die Augen gekommen und ich war auch kurz bei der Diskussion auf der „News Lounge“ wo Heinz  Sichrovsky mit Peter Henisch und Ela Angerer über die österreichische Literatur diskutierte und Ela Angerer, glaube ich, genau erklärte, wie sich ihr erstes Buch vom zweiten unterscheidet.

Es ist Fiction und geht unm Gewalt an Frauen und im Klappentext steht auch noch genau beschrieben, daß es zum Teil in einer Zeit spielt, wo es Vierteltelefone, den Reaktorunfall in Tschernobyl und die Waldheim-Affaire gab.

Das ist lange her und die jüngeren LeserInnen können sich vielleicht gar nicht an diese Zeit erinnern, in der Valerie oder Vie, Tochter aus guten Haus, die die Schule geschmissen hat, zwanzig ist und Bojan aus dem damaligen Jugoslawien kennenlernt.

Der ist etwas widersprüchlich, nämlich Maler oder Kunststudent, geht mit ihr auch in esoterische Sitzungen und ernährt sich makrtobiotisch. Dann schlägt er sie aber wieder serbisch-matschohaft, ist grundlos eifersüchtig, während er sie ständig mit anderen Frauen betrügt, hinauswirft und wiederkommt und Vie  sich nicht wehren kann.

Im zweiten Handlungsstrang ist Valerie knapp fünfzig, erfolgreich im Beruf, trotz ihres widerlichen Chefs und hat sich zu Weihnachten vierzehn Tage Auszeit genommen, die sie, wie sie erzählt, auf den kanatrischen Inseln verbringen will.

In Wahrheit hat sie vor zu Hause zu bleiben, holt sich Konserven aus dem Keller, will schlafen, fernsehen, als sie eine Facebookanfrage von Bojan bekommt, was sie veranlaßt über die Zeit damals nachzudenken, wo sie in verschiedenen Geschäften jobbte, Bojans Atielier aus dem er sie immer wieder hinausschmiß oder seine  jeweiligen Freundinnen mitbrachte putzte, ihm zu einem Festival nach Portugal nachreiste, von ihm schwanger wurde, einmal abtrieb und dann das Kind gegen seinen Willen bekam.

Am Ende schmeißt sie ihn hinaus und ist Bea eine schlechte Mutter, die inzwischen in Washingtohn studiert und von ihr nichts wissen will.

Valerie verläßt die Wohnung, fährt zu dem Atelier, beobachtet eine Frau und eine Katze darin, sieht einen Mann mit Krüken in dem Bojan, der immer Angst vor dem Alter hatte, erkennt, bis sie dann am vierten Jänner in ihre Firma fährt, dem Chef alles hinschmeißt und dann nach Washington fliegt, um sich mit ihrer Tochter zu versöhnen.

Sehr dicht und bildhaft ist das Ganze beschrieben und ich konnte mir das alles sehr gut vorstellen, obwohl ich da glaube ich, zehn Jahre vorher war, nämlich in den Siebzigerjahren wo ich studierte und ein ähnliches Wien erlebte.

Valerie geht  mit  Bojan in ein Restaruant, sie stopfen sich die Bäuche, dann rennen sie davon und weil es Vierteltelefone gibt und man so nicht immer telefonieren konnte, schmeißt Bojan mit der Zange den anderen Teilnehmer hinaus.

Sehr dicht und spannend, die Gewalt an Frauen, die damals und wohl auch noch heute serbische aber auch andere Männer an Frauen, die sich schlecht whren können, ausübten.

Ob es so Mischtypen, wie diesen Bojan gibt, weiß icht nicht oder doch höchstwahrscheinlich und die Tochter aus guten Haus, „Gräfin!“, sagt Bojan manchmal zu ihr, die in den Altbauwohnungen von Vermieterinnen wohnt, die auf Reisen sind, konnte ich mir auch gut vorstellen.

Ein sehr journalistischer Roman würde ich meinen, leicht zu lesen und ein Gang durch Wien von gestern und von heute, der Silvester mit den Ereignissen in Köln vor einem Jahr kommt auch vor und obwohl ich ja noch keine Weihnachtsbücher lesen wollte, habe ich jetzt außerplanmäßig eines gelesen und es ist wahrscheinlich auch, als schnelle Lektüre für das Weihnachtsfest an eine interessierte Leserin bestens geeignet.

2016-12-16

Hool

Weiter gehts mit dem „Aufbau-Verlag“ und dem Buchpreisbloggen, ja richtig gehört, Buch neunzehn der LL des dBp 2016 und das sechste Shortlistbuch ist doch noch zu mir gekommen und der Debutroman des 1986 geborenen Philipp Winkler, der in Hildesheim studierte und in Leipzig studierte, in der Nähe von Hannover, um das es in dem Buch geht, ist er aufgewachsen und für Auszüge aus „Hool“ hat er 2015 den „Retzhof-Preis für junge Literatur“ des Literaturhauses Graz bekommen  und ein Jahr später auch noch den „Aspekte-Preis“.

So prominent besprochen und hochgelobt wurde es wohl wegen des Thema, das ja für die hehre E-Literatur ein wenig abseitig ist.

Es geht, um die Hooligans und um die Loser dieser Gesellschaft, die jungen Männer, die höchst wahrscheinlich keine Literaturpreise gewinnen, weil sie die Schule abgebrochen haben, in ihrem Elternhaus Gewalt und Mißbrauch erlebten, dann mit Drogen und Alkohol in Kontakt kamen und nun den Sinn des Lebens darin sehen, die gegenseitigen Fußballfans zusammenzuschlagen.

Heiko Kolbe ist ein solcher mit einer sehr deftigen Sprache, manchmal abgehackt, manchmal mit Dialekt versehen „Nich so nah, Joko. Du hast`nen Kafeemüffel. Ach fick dich doch.“,wird rasant nach vorne und nach hinten in der Ich-Perspektive erzählt, was das Lesen und das Verstehen, manchmal etwas schwierig macht.

Die Mutter hat die Familie jedenfalls verlassen, der Vater sich eine neue Frau aus Thailand geholt, die Schwester Manuela hat studiert und versucht jetzt tapfer mit ihrer „Lehrerinnenart“ Bürgerlichkeit zu leben und die Normalität aufrechtzuerhalten. Das heißt sie bringt den Vater Hans in die Reha Klinik, um gegen sein Trinken was zu machen, Heiko soll sich inzwischen um die Tauben kümmern, was schwierig ist, weil es böse Assoziationen in ihm hochruft, hat er bei den Tauben doch einmal den Großvater gefunden.

Er wohnt jetzt bei einen Kleinkriminellen umsonst und muß sich dafür, um seine Hunde kümmern, den Geier namens Siegfried füttern und weil Arnim auf einen Tiger steht, muß er für den auch den Zwinger ausheben und ihn in der Nacht von der polnischen Grenze abholen.

Ansonsten arbeitet er im Fitneßstudio seinen Onkel Axel, das „Wotan Gym“ heißt, nicht umsonst wird der Onkel, der auch für die Hooligansangriffe zuständig ist, von den Rechten oder „Natzen“ besucht und so ist es verständlich, daß Heikos Familie, seie Freunde Kai, Ulf und Joho sind.

Mit denen fährt er zu den Matches der Hannoveraner, schlägt die Braunschweiger zusammen und dann wir Kay zusammengeschlagen, bekommt einen Nezthautriß, kann nichts mehr sehen und will aussteigen, nach London gehen und fertigstudieren und auch die anderen haben keine Lust mehr mitzumachen.

Nur Heiko schwärmt von der Revanche, muß seinen Vater aber im Krankenhaus besuchen, weil der gestürzt ist, legt seiner ehemaligen Freudnin Yvonne, eine Krankschwester, die inzwischen süchtig ist, den Schlüßel hin und als Armin überfallen wird, bleibt ihm nichts anderes über, als dem Tiger den Gnadenschuß zu geben, sich von Siegfried, der nicht in die Freiheit fliegen will, zu verabschieden und mit einem der Kampfhunde an der Seite in die ungewiße Zukunft zu fahren.

Nach vorne oder zurück? Der junge Shortlistennominierte, läßt das offen, macht bei Interview einen sehr sympathischen Eindruck und dort wird auch betont, daß er kein Holligan ist, aber durchaus Freunde in der Szene hat und am Buchrücken steht, wieder etwas, wie „Einen so knallharten, tieftraurigen und todkomischen Debutroman hat es seit Clemens Meyers „Als wir träumten“ in Deutschland nicht mehr gegeben.“

Thomas Klupp, ebenfalls ein Schreibschulenabsolvent und Literaturpreisträger hat das geschrieben, wie das bei den hochgelobten Romanen, die auf Buchpreislisten stehehen wohl auchsein muß, um die Kritiker zu begeistern und vielleicht auch den berühmten Schiwegermüttern für den Weihnachtstisch schmackhaft zu machen.

Ansonsten ist der deutsche Buchpreis schon einige Monate vorbei und das Leben und das Lesen ist weitergegangen. Wir wühlen jetzt wahrscheinlich schon in den „Frühjahrsvorschauen“ und bestellen die Bücher, die dann 2017 vielleicht auf der dBp stehen werden und lang wird es vielleicht nicht mehr dauern bis man „Hool“, das übrigens nicht auf die Longlist des „Bloggerdebutpreises„, der heute vergeben wird und den,  wie es aussieht wahrscheinlich Shida Bazyar gefolgt von Philip Krömer, gewinnt, gekommen ist, in den Abverkaufskisten oder bei den Bucherflohmärkten finden wird.

Mich hat das Buch nicht so sehr vom Sessel gerissen, obwohl es gut geschrieben ist, keine Sprachräusche sondern harte und wahrscheinlich gut recherchierte Realität aufzuweisen und auch keine so plotmäßige Spannunghandlung hat, was mir ja eigentlich gefallen müßte.

Ich habe es aber, wie schon erwähnt, ein wenig schwierig zu lesen gefunden und mußte mich sehr konzentrieren, um mit der Handlung einigermaßen mitzukommen.

Trotzdem ein interessantes Buch, eine interessante Neuentdeckung eines gerade Dreißigjährigen und jetzt habe ich bis auf „München“ alle der diesjährigen deutschen Buchpreisbücher gelesen.

2015 waren es alle, aber da habe ich ja nachgeholfen und bin auch zum Lesen in Buchhandlungen gegangen. Jetzt warte ich ab, ob ich das Buch vielleicht doch noch finde oder lasse die Lücke  so stehen, warten ja noch andere Bücher von längst vergangenen Buchpreislisten auf mich.

2016-12-15

Mirror

Jetzt kommen ein paar Nachträge aus dem „Aufbau-Verlag“ und um die Spannung zu erhöhen, beginnt es mit einem Thriller. Mit Karl Olsbergs „Mirror“.

Das ist die Fortsetzung oder zeitangepasste Neuschreibung des „Systems“, das ich mir einmal aus einer „Thalia-Abverkaufskiste“ zog und den 1960 in Bielefeld geborenen  Freiherr von Wendt, habe ich vor einigen Jahren auf dem „Literaturcafe“ kennengelernt. Er hat über künstliche Intelligenz promoviert und schreibt daher bevorzugt solche Romane.

„Schwarzer Regen“ habe ich einmal in einem der Schränke gefunden, hatte es, glaube ich, auch heuer oder im Vorjahr auf meiner Leseliste, dann ist aber „Mirror“, die „Aufbau-Neuscheinung“ dieses Herbstes dazugekommen und Karl Olsberg erklärt in seinem Nachwort auch genau, warum es ein neues Buch geworden ist.

Denn seit 2005 hat sich in Bezug der Technik ja soviel geändert, es gibt Smartphones, Twitter, Instagramm, etcetera und so etwas wie ein „Mirror“, wäre schon technisch möglich, man sollte aber vorsichtig bei der Anwendung sein, selber denken und nicht zu viel persönliche Daten preisgeben….

Da habe ich ja erst kürzlich einen andern Herbstschlager gelesen und Dave Eggers „Circle“ gibt es natürlich auch, Georges Orwells „1984“, Huxleys „Schöne neue Welt“ und und und….

In Amerika gibt es Carl Poulsen, der hat in seinen Studententagen mit seinem Freund Eric, das „Mirror-System“ entwickelt, das ist ein Computer oder Smartphone, der sich auf Knopfdruck als persönlicher Freund und  bester Ratgeber erweist, erfunden.

Im Prolog befindet sich das System in der Testphase und rettet auch Carls Vater das Leben. Dann verkauft er die Firma an die Geldgeber und sitzt nur mehr pro Forma im Vorstand und es werden vier Nützer des „Mirrors“ vorgestellt, die neben Carl Poulsen auch die Handlungsträger sind.

Da ist einmal der Asperger Autist Andy, gab es im System nicht auch einen Autisten, aber das sind ja, höre ich, die besten Programmentwickluler.

Andy bekommt zum einundzwanzigsten Geburtstag von seiner Mutter einen „Mirror“ geschenkt und der hilft ihm auch vorerst vortrefflich, die Gefühle anderer Menschen zu erkennen und die Mutter staunt, lernt Andy durch den „Mirror“, der bisher nur über Computerspiele saß, ein Mädchen kennen und will dieses, weil ja gefühlsunerfahren gleich heiraten.

Dann gibt es Freya, das ist eine in London lebende Journalistin und die recherchiert in Tschernobyl dreißig Jahre nach dem Unfall und macht da bezüglich ihres „Mirrors“, der ihr ja eigentlich dabei helfen soll, eine unangnehme Erfahrung, findet sie doch heraus, das Gerät fürchtet sich vor Spinnen und greift ihren Freund Terry mit einer Drohne an.

Dann gibt es zwei Kleinkriminelle bzw. einen solchen und einen geistig minderbemittelten Hartz vier Empfänger. Olsberg habe ich in kritischen „Amazon-Kommentaren“ gelesen macht bevorzugt, die Schwachen der Gesellschaft zu den „Mirror-Jüngern“, weil die glauben ja jeden Blödsinn oder können vielleicht nicht anders, als hineinzufallen.

Nun da ist jedenfalls Lukas, der bekommt vom Freund der Mutter einen „Mirror“ geschenkt und der Kleinkrimellle Jack bekommt einen solchen durch einen Raubüberfall und wird dann vom freundlichen „Mirror“ in eine Nobelvilla, die der „Mirror-Gesellschaft“ gehört geleitet und soll ihr dafür hilfreiche Dienste tun.

Denn zuerst passiert etwas in Hamburg. Viktoria, der es auf die Nerven ging, daß Andy alle gut gemeinten Liebessätze des „Mirrors“ nachplappert und ihn bittet, diesen bei ihr auszuschalten, macht sich zum Feind des  „Mirror-Nets“ und Andy bekommt fortan nur mehr Botschaften von seinem „Mirror,“ daß sie ihn nicht mehr sehen will.

Mit Hilfe eines freundlichen Schriftstellers, der Liebeschnulzen schreibt, wird das Miüßverständnis aufgeklärt, der schreibt einen „Mirror“ kritischen Blogartikel und bekommt daraufhin ein paar tausend Trollmeldungen und Haßpostings, obwohl seine Leserinnen ja meistens alte Damen sind, die noch gar nicht wissen, was das Internet oder ein „Mirror“ ist.

Freya, die inzwischen auch vor dem „Mirror“ wahrnt, wird auf diesen Artiel aufmerksam, während Lukas und seine neue Freundin inzwischen zum „Mirror Fan-Club“ zählen und Punkte sammeln, in dem sie solche Postings schreiben.

Sehr bald explodiert das System und die Geschichte.

In Amerika wächst sie Carl einmal über den Kopf und, als Freya nach London zurückfliegen will, bekommt ihr Flugzeug auch den Angriff einer Drohne, trotzdem mobilisiert sie alles, was sie kann, dreht, was ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich für sehr gefährlich fand, Andy und Viktoria.  Die Videos erscheinen in allen Netzen, werden gesperrt, und Freya wird in Paris auch verhaftet und für eine Terroristin gehalten, beziehungsweise bekommt Jack den Auftrag Carl zu töten.

Nun wird es rassant, die Ereignisse überschlagen sich, bevor die Regierung, die Gefahr erkennt und der Konzern gezwungen wird, die „Mirrors“ abzuschalten.

Das führt zwar auch zu einigen Demonstrationen, denn die User wollen sich nicht so einfach von ihrem Gerät trennen. Carl wird seine dadurch verdienten Millionen wahrscheinlich durch die folgenden Klagsdrohungen und Prozesse verlieren und Scherz am Rande, ein Buch über den „Mirror“ schreiben.

Nicht umsonst hat er ja einen ähnlichen Namen, wie sein Autor und im Epilog verhandelt das amerikanische Militär über die Erprobung eines „Smart Solders System“ und der General, der dagegen ist, wird niedergestimmt und höchstwahrscheinlich in Pension geschickt, denn das Leben geht weiter mit der friedlichen und unfriedlichen Nutzung der hochtechnisierten künstlichen Intelligenhzsysteme.

In diesem Sinne ist es spannend, was Karl Olsberg wohl im Jahr 2026 oder 27 darüber schreiben wird, wie ich auch bei „Amazon“ gefunden habe und denke, daß Maschinen, die den Autisten sagen, wie sie Gefühle deuten sollen, höchstwahrscheinlich sehr nützlich sind, es sie, glaube ich, schon gibt und wenn ich mich nicht sehr irre, die Aktion „Licht ins Dunkel“ in den letzten Jahren auchdafür geworben hat.

Und natürlich mu man mit den künstlichen und auch anderen Inteliigenzen sehr vorsichtig sein, verhindern werden wir sie, wie auch der Epilog beschreibt, höchstwahrscheinlich nicht können, denn wie heißt es da so schön: „Unterschätz die Duznmmheit der Menschen nicht. Sie vergessen schnell“ und Karl Olsberg schreibt ja selbst in einem Nachwort „Wenn eines Tages jemand ein Gerät wie den „Mirror“ erfindet, werde ich einer der ersten sein, die es kaufen.“

Bei „Amazon“ gibt es sowohl viele drei als auch fünf Stern Rezensionnen und ich habe das Buch auch sehr spannend gefunden und es sogar, in die „Gesundheitskonferenz ins Rathaus“ mitgenommen, wo auch mehr Transparenz und Wissen gefordert wurde, um der Gesundheit dienen zu können, dann aber auch einige kritische Punkte gefunden.

So denke ich, daß die Tasache, daß sich die Geräte vor Spnnen fürchten, ja eigentlich etwas Liebenswertes ist. Aber natüürlich, künstliche Intelligenz entgleitet der Herrschaft der Menschheit und dann haben wir den Salat bzw. die Katastrophe und dann denke ich auch, daß einige der Charaktere sehr oberflächlich und klischeehaft gezeichnet sind. Zum Beispiel, die Personen der beiden Unterschichtler,  vor allem, der dumme sexbesessene Lukas, während mir einige Beschreibungen sehr packend und spannend erschienen sind.

Wie Andy dank seines „Mirrors“ in das Leben hineingeht, erschien mir sehr spannend und gut geschildert, ebenso Freyas Filmaufnahmen in Tschernobyl.

Daß sich Viktoria wirklich vor einem Zug stürzen will, weil der „Mirror“ sie vor Andy warte und meinte, daß sie bestraft werden wird, erscheint mir dageben zu platt und dann zuerst erscheint alles aussichtslos und auf einmal kommt die große Wende?

Nun ja es ist ein Triller, ein wenig klischeehaft oder auch sehr spannend geschrieben, vielleicht, aber allemal etwas zum Nachdenken und selber denken ist höchstwahrscheinlich immer noch das beste.

Aber dazu braucht man gute Schulen und Lesen und Schreiben sollte man da vielleicht noch lernen und nicht alles den Computern beziehungsweise, den künstlichen Intelligenzn überlassen, weil diese ja, wie nicht erst Karl Olsberg schreibt, sehr leicht zu mißbrauchen sind.

2016-09-27

Die Vegetarierin

Jetzt kommt noch einmal eine Pause vom doppelten LLlesen und ein Ausflug in die Welt der internationalen Literatur, „Die Vegetarierin“, neben „The Girls“ und „Meine geniale Freundin“ das Kultbuch der heurigen Herbstsaison, der Koreanerin Han Kang, die damit auch den „Internationalen Man Booker Prize“ gewonnen hat.

Ich habe es mir bestellt, weil ich die Besprechungen interessant gefunden habe, als wir vom Berg zurückgekommen sind, habe ich auch eine in „Ex Libris“ gehört und jetzt, glaube ich, ein anderes Buch gelesen, zumindestens habe ich es anders aufgefaßt, denn die Realistin in mir, die vor kurzem auch „Die Welt im Rücken“ gelesen hat, sieht von Kafka keine Spur, aber vielleicht habe ich den nur noch nicht genügend gelesen und kann sich das alles ganz real und gesellschaftlich bedingt deuten.

Die klare schöne Sprache und das „fremdländische Flair“ besticht, zumal in der Übersetzung auch einige Worte zu finden sind, die für unseren Sprachgebrauch fremd und ungewöhnlich klingen.

Übersetzt hat das Buch, die in München lebende Ki-Hyang Lee, um das auch einmal anzugeben, obwohl das für mich meistens nicht sehr wichtig ist und das Buch ist in drei Teilen gegliedert und wird von drei Protagonisten in jeweils einem Jahresabstand erzählt.

Der erste ist Yong-Hyes Ehemann, ein ziemlicher Unsympathler setzte ich gleich hinzu, aber die Männer kommen in dem Buch überhaupt nicht sehr gut weg, der sich über die Veränderung seiner Frau wundert, denn die, die bisher eher durchschnittlich und unaufällig bisher, das einzig Auffällige war, daß sie keine BHs trug, fängt plötzlich an kein Fleisch zu essen, weil sie böse Träume hat.

In der veganen Welt, in der wir seit einigen Jahren leben, nichts Ungewöhnliches könnte man denken. In Korea gibt es auch genügend Vegetarier, wie in dem Buch steht, trotzdem flippt Yong-Hyes Familie aus, sie magert allerdings auch sehr ab und beginnt sich immer öfters nackt zu zeigen.

So verständigt  der Mann, die Familie, die trifft sich in der Wohnung von Yong-Hyes Schwester und der autoritäre Vater gibt der Tochter eine Ohrfeige und versucht ihr mit Hilfe des Bruders, ein Stück Fleisch in den Mund zu zwingen. Die spukt es aus und greift zum Messer, um sich umzubringen,  der Schwager trägt sie auf seinen Armen in die Klinik.

Teil zwei „Der Mongolenfleck“ wird von diesem erzählt. Der ist ein, glaube ich, nicht so besonders erfolgreicher Video-Künstler, lebt vom Kosmetikgeschäft seiner Frau und ist von Yong-Hyes Mongolenfleck, den sie am Gesäß hat, fasziniert.

So kommt er zu ihr mit dem Begehr auf ihren nackten Körper Blumen aufzumalen und läßt sie dann mit einem ebenfalls bemalten Künstler Sex haben, der rennt aber davon, so läßt er sich selbst bemalen und hat den Sex mit ihr, die sich nicht wehrt, denn seit sie die Bemalung hat, fühlt sie sich besser und die Träume, die sie quälten sind auch weg.

Pech ist nur, daß die besorgte Schwester des Morgens schon früh aufsteht, um Yong-Hye Essen zu bringen und die beiden findet. Sie schaut sich auch das Video an und holt die Rettung, denn die beiden müssen, wenn sie sowas machen, ja krank sein.

Teil drei spielt wieder ein Jahr später und die Schwester fährt in die Klinik um Yong-Hye zu besuchen. Die ist dort vor einiger Zeit ausgerissen und hat sich im Regen in den Wald gestellt, um ein Baum zu werden und sich mit der Natur zu verschmelzen. Seither ißt sie auch nicht mehr und wird in der Klinik natürlich fixiert und zwangsernährt, denn man hat ja nicht das „Recht zu sterben“, wie sie sich einmal  bei ihrer Schwester beklagt.

Offenbar nur das zu funktionieren und das hat In Hye, Yong-Hyes Schwester bisher auch getan, sich um den Sohn gekümmert, den ungetreuen Ehemann verlassen, die Klink für die Schwester bezahlt und sie ärgert sich auch über deren Ehemann, der sich gleich nach der Veränderung von der Schwester scheiden ließ.

Die Ärzte haben alles versucht, Yong-Hye weigert sich weiter zu essen und driftet in ihre eigene Welt ab. So wird sie im Krankenwagen in eine andere Klink gebracht, die Schwester begleitet sie, reflektiert ihr Leben, den gewalttätigen Vater, der sich hauptsächlich an Yong-Hye vergriff, ihr eigenes Funktionieren und am Ende könnte es sein, daß auch bei ihr die Rebellion beginnt und sie sich vielleicht, wie ein Vogel aus dieser Welt davonzumachen versucht.

Ein sehr beeindruckendes Buch, das ich, wie schon geschrieben hauptsächlich aus der realistischen Sicht las und mich frage, warum man unbedingt essen muß , sich nicht umbringen darf und wenn man es trotzdem versucht, gewaltsam daran gehindert wird und, daß In Hyes Ehemann, zuerst in die Klinik mitgenommen wurde, dann nur mehr wegen Ehebruch verhaftet wurde und sich schließlich aus dem Staub machte, finde ich auch sehr seltsam.

Vielleicht ist das in Korea, wo vielleicht alles noch ein bißchen konventioneller ist noch so. Die Psychiatrie, die hier beschrieben wird, erinnert mich an die Fünfziger bis Siebzigerjahre, wo ich Anfang der letzteren ja zu studieren und dort Vorlesungen zu besuchen begann.

Inzwischen hätte ich gedacht, ist es ist etwas besser geworden. Das Buch kann aber trotzdem aufrütteln und nachdenklich werden lassen, die schöne Sprache, die auch mit Haraki Murakami verglichen wird, ist auch zu erwähnen und stehen bleiben wird der Satz, den Yong-Hye ihre Schwester fragte: „Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?“

Freiwillig offenbar ja, obwohl wir es ja alle irgendwann werden und müssen.

2016-07-24

Habseligkeiten

Filed under: Bücher — jancak @ 01:29
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Jetzt kommt wieder ein Buch, das vor zwei oder drei Jahren nach dem klinischen Mittag in der kleinen schäbigen Buchhandlung in der Lerchenfelderstraße aus einer der Abverkaufskisten zog.

Richard Wagners „Habseligkeiten“2004 bei „Aufbau“ erschienen und von dem 1952 im Banat geborenen, der dort als Deutschlehrer und Journalist tätig war und 1987 nach Berlin übersiedelte, habe ich, glaube ich, schon „Ausreiseantrag“ gelesen.

Er hätte auch 2009 bei der „Literatur im Herbst“ lesen sollen, ist aber nicht gekommen und das Buch schildert etwas höchstwahrscheinlich Autobiografisches, obwohl der Ich-erzähler laut Klappentext Werner Zillich heißt.

Der ist nach dem Tod seines Vaters auf Besuch bei der Mutter im Dorf. Die trägt ihm die guten heimischen Tomaten auf, Kaffee und Tee und fragt ihn alle paar Minuten, ob er nicht noch bleiben will?

Denn lebend wird sie den inzwischen in Deutschland lebenden Sohn wohl nicht mehr sehen. Der muß aber zurück, mit dem Auto über Ungarn und Budapest und überdenkt auf der langen Fahrt, die Geschichte seiner Familie.

Die Großeltern Johann und Katharina sind zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert. Die Tochter Theresia haben sie dabei bei den Großeltern zurückgelassen. Weil John, wie er inzwischen heißt, angeblich einen Mann aus dem Fenster schmiß, kommen sie neun Jahre später wieder zurück und der erste Weltkrieg kommt auch.

Theresia redet nichts mehr mit der Mutter, verheiratet sich mit einem Bastian, bekommt drei Kinder, Lizzy, die Mutter des Erzählers, Paul und Franz, die im nächsten Krieg nach Deutschland gehen und mit Totenköpfen an der Uniform auf Heimaturaub kommen, beziehungsweise ihr weiteres Leben nach dem Krieg in Brasilien verbringen.

Im zweiten Kapitel macht der Erzähler dann in Budapest in einem Hotel Station, nimmt sich zwei Mädchen mit aufs Zimmer, betrinkt sich mit ihren und soll dann eine mit dem Auto nach Wien fahren, wo die Mutter während der Kriegszeit lebte, während er in Budapest einen Onkel hatte, einen Großvater in Wien und  die Mutter ist nach dem Krieg wieder zurück in den Banat gekommen.

Mit  Clara, fährt er nach Wien und steigt dort in einem Hotel in der Nähe des Westbahnhofs an, während sie sich  in einem „Table-Dance-Loka“ verdingt, liegt er im Bett und denkt über seinen Vater Karl nach. Der war Müller, wurde von den Kommunisten enteignet,  vorher war er im Krieg bei der rumänischen Volksarmee und wurde dann fünf Jahre von den Russen zur Zwangsarbeit deponiert, was sehr lang und genau beschrieben wird.

Dann kehrte er zurück und Werner wurde in den Fünfzigerjahren, als schon die Kommunisten herrschten geboren, die Mutter gab, weil ja alles verstaatlicht wurde, ihre Schneiderei auf und arbeitete fortan schwarz, hinter versclossenen Türen für die Frauen im Dorf gegen Liebesromane, die sie gerne las.

Werner Zillich ging als einziger aufs Gymnasium, wurde Bauingenieur in Temeswar und heiratete wegen der „Zuteilung“, das heißt verheiratete Studenten bekamen eine Stelle in der Nähe, während die anderen übers Land verschickt wurden, Monika, eine Germnistikstudentin, die er schon von der Schule kannte.

Ihre Eltern hatten schon einen Ausreiseantrag erstellt, so hat er diesen gleich „miterheiratete“ und wanderte dann mit ihr und der Tochter Melanie in den Achtzigerjahren nach Deutschland aus. Die Ehe scheiterte, wegen eines Seitensprungs, es kam zu einem Rosenkrieg und vielen Psychologen, die die Tochter untersuchten und dem Vater ein Besuchsverbot erteilten. Die Tochter verweigerte lang den Kontakt, jetzt ist sie aber schon erwachsen und studiert in Ulm, wofür der Vater bezahlen mu0ß.

So traut er sich einen Anruf und fährt von Wien über Ulm zurück, wo er die Tochter in einem Lokal trifft und es zu einer Aussprache zwischen den beiden kommt.

Im vierten Teil geht es dann nach Sandhofen anf die Baustelle, wo er Bauleiter ist und es Probleme gibt. Es ist nicht alles so in Ordnung und läuft ein bißchen korrupt. Dennoch muß er unterschreiben und den Architekten, seinen rivalen, den jetzigen Mann seiner Geliebten, mit der er Monika betrogen hat und die in der Firma Sekretärin ist, schmeißt er fast aus dem Fenster. Die Ungarn, die er in Budapest kennenlerne und die Clara zu ihm bringen, retten ihn, sie steigen auch in die Firma ein, machen ihm zum Aufseher. Er heiratet Clara, besucht mit ihr und Melanie die Mutter und am Schluß machen sie Urlaub auf den Seychellen und er liest ihnen einen Brief von seinem Vater, den in der Süterlinhandschrift vor.

Ein märchenhafter Schluß, habe ich irgendwo gelesen. Am Buchrücken steht „Dieser Roman steht in der Erzähltradition, die Christa Wolf, Johannes Bobrowski und Uwe Johnsen begründet haben.“

Richard Wagner, der inzwischen an Parkinson erkrankt ist, hat 20115 das Buch „Herr Parkinson“ herausgegeben, das wahrscheinlich von einer anderen Realität und Wirklichkeit des Autors handeln wird.

2016-06-28

Jeder stirbt für sich allein

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Von Rudolf Ditzen, respektive Hans Fallada, 1893-1947, habe ich schon einiges gelesen, beziehungsweise in den Schränken gefunden.

Das erste war „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“, das habe ich wie „Bauern, Bonzen und Bomben“ eher langatmig und schwer zu verstehen, gefunden.

Von „Kleiner Mann, was nun?“, das jetzt von „Aufbau“ wieder aufgelegt wurde, habe ich sogar die „Rororo-TB-Ausgabe Nr 1, von 1950 und dann habe ich Anfang des Jahres noch eine Liebesgeschichte von ihm gelesen, die habe ich nicht gefunden, sondern in einer der nicht mehr bestehenden Buchhandlungen auf der Wiederner Hauptstraße, um zwei oder drei Euro gekauft.

„Jeder stirbt für sich allein“, kurz nach dem Krieg geschrieben und vom späteren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher in Auftrag gegeben, wurde vor kurzem, zum ersten Mal vollständig von „Aufbau“ wieder aufgelegt und ein großer Erfolg geworden.

Jetzt ist es zu mir gekommen und ich kann nur bestätigen, es ist der beste Fallada, den ich gelesen habe.

Lang ist es auch, siebenhundert Seiten, einige davon sind aber Anhang, aber flotter und packender geschrieben, als das, was ich bisher von ihm gelesen habe und es geht um ein brisantes Thema.

Johannes R. Becher soll ihm die Unterlagen eines wahren Falles gebracht und den Widerstandsroman in Auftrag gegeben haben, wogegen sich Fallada erst einmal wehrte.

Ein Ehepaar  Hampel, beide um die fünfzig, eine Berliner Arbeiterfamilie, die Postkarten gegen Hitler schrieben, in Häuser legten und dafür hingerichtet wurden, hat es gegeben. Fallada machte einen spannenden Roman daraus, in dem es auch noch einige Seitenstränge gibt, die eigene Geschichten sind.

Ob sich das Ganze wirklich so zugetragen hat, weiß ich nicht. Fallada schreibt im Vorwort, daß er sich gar nicht sosehr mit den realen Fakten, um besser erfinden zu können, beschäftigt hat und er hat erfunden, beziehungsweise geschrieben und es wirkt auch so, als hätte es ihm Spaß gemacht.

Da trägt die Briefträgerin, Eva Kluge, 1940, als Frankreich gerade kapitulierte, Post in das Haus Jabloskistraße 55, in dem oben am Dach eine alte Jüdin, dann ein frühpensionierter Gerichtsrat, eine Nazifamilie und das Ehepaar Quangel wohnt, beide Arbeiter, er bei der Arbeitsfront, sie bei der NS-Frauenschaft, der einzige Sohn im Feld und auch das nicht mehr, denn Eva Kluge bringt die Todesnachricht.

Ein Schlag für die Mutter, der darauf ein zorniges „Du mit deinen Führer!“, zu Otto Quangel, einem Möbeltischler, entfährt.

Das ist die Wende beziehungsweise der Auftakt, denn Otto Quangel fängt zuerst zu denken und dann zu schreiben an.

Die Frau, des wortkargen Mannes unterstützt ihn dabei und bevor sie das tun, entledigen sich beide ihrer NS-Positionen.

Eva Kluge tut das auch, tritt aus der Partei aus und flüchtet aufs Land, denn sie hat einen widerlichen Ehemann, den Enno Kluge und einen Sohn, der ihr bei der SS Schande machte und das ist schon die Nebengeschichte.

Denn da geht es auch, um zwei kleine Gauner, den Spitzel Backhausen und den arbeitsscheuen Enno, der aber ein Pechvogel ist, denn er ist ausgerechnet beim Arzt, um sich wieder einmal krank schreiben zu lassen, als dort eine dieser Karten „Mutter, Hitler hat dir deinen Sohn ermordet!“, eingeworfen wird und die Sprechstundenhilfe ist ohnehin spitz auf ihn, holt die Polizei und verdächtigt ihn.

Kommissar Escherich, ein alter Hase, erkennt zwar sofort den Irrtum, ist aber selber in Bedrängnis, denn sein Gestapo-Vorgesetzter macht großen Druck und will sich nicht seiner Polizeiarbeit, mit Fähnchen, die Standorte, wo die Karte gefunden werden, denn das Berlin zwischen 1940und 1942 ist so verängstigt und jeder etwas zu verbergen, daß fast alle Karten sofort abgeliefert werden,  zu markieren und so den Täter einzukreisen.

Er braucht einen schnellen Erfolg, so zwingt er den feigen Enno zu einer Unterschrift und treibt ihn schließlich in den Selbstmord. Diese Stelle gefällt mir weniger, aber sonst glaube ich, daß Fallada ein ausgezeichnetes Bild über das Leben der kleinen Leute in den Berlin, wo alle „Heil, Hitler!“, sagen mußten und es keinen Widerstand gegeben durfte, gelungen ist.

Es gibt den Widerstand doch, er ist aber leise und leider unwirksam und die Gestapo ist roh und verkommen, die Söhne bringen ihre Väter in die Psychiatrie und lassen sie niederspritzen und jeder beraubt und bespitzelt jeden.

Die Quangels haben aber zwei Jahre Glück und können ihre Karten ziemlich unbemerkt niederlegen, bis ihnen Fehler passieren und der Kommissar dank seiner Fähnchen entdeckt, daß der Täter in der Jablonskistraße wohnen muß.

So werden Otto und Anna verhaftet, Trudel Herweg, die frühere Braut des gefallenen Ottos, eine aufrechte Arbeiterin wird auch noch in den Fall verwickelt, sie erwischt den Fastschwiegervater beim Karten auslegen und ihr nunmehriger Ehemann wird auch noch mit einem Koffer eines ehemaligen Widerstandkämpfers entdeckt.

Lange wird dann noch die Zeit im Gefängnis, die Verhöre, bis zum Urteil, beschrieben.

Fallada ist wahrscheinlich ein eher umständlicher Schreiber, hat aber selber angemerkt, daß ihm damit sein bestes oder wieder ein gutes Buch gelungen ist, das ich zum Lesen sehr empfehlen kann, denn man bekommt ein ausgezeichnet Bild darüber, wie es damals gewesen war, so daß man besser versteht, warum das alles geschehen konnte und sich keiner wehrte.

2016-03-17

Wir kommen

„Marja ist nicht tot. Wenn Marja gestorben wäre, hätte sie mir doch davor Bescheid gesagt. Solche Dinge haben wir immer abgesprochen.“

So beginnt der Debutroman einer Vierundzwanzigjährigen, von der Joachim Lottmann am Buchrücken schreibt „Endlich eine neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“.

„Amazon“ sieht das vielleicht ein bißchen anders,  denn da gibts sowohl fünf, als auch ein Stern-Rezensionen, die mit den fünf sind zwar in der Mehrzahl, aber „Heiliger Moses, wie  belanglos ist dieser Text!“ oder „wie öde und schlecht Trash Literatur sein kann, beweist Ronja von Rönne mit diesen Buch unerbittlich“, schreiben die Ein Stern Befürworter und ich habe mich, ich gestehe es, auf dieses Buch sehr gefreut, denn ich habe ja etwas über für Debutromane von sehr jungen Frauen, die bald schon meine Enkeltöchter sein könnten und verfolge, den Werdegang, der jungen Berlinerin, seit sie im vorigen Jahr für das Bachmannlesen eingeladen wurde.

Da habe ich dann auf ihren Blog zuerst etwas, wie man am Schnellsten sein Haustier umbringt, gelesen und dann, daß sie den Feminismus hasse und er sie anekeln würde.

Das Erstere hat außer mir, glaube ich, niemanden aufgeregt, das Zweitere hat  einen Shitstorm angeregt und beim Bachmannlesen ist sie nicht gut weggekommen. Popliteratur wurde er genannt und das man, was da so  von der jungen Frau mit dem braven blauen Kleid mit weißen Kragen vor sich hingeschnoddrert wurde, längst schon gehört hat.

Mir hat der Text aber gefallen und nachdem ich dann noch irgenwie in die „Aufbau-Bloggerkartei“ geraten bin, habe ich das Buch, jetzt lesen können, auf das sich Tobias Nazemi glaube ich auch schon sehr freute, hat er doch zwei Monate vor Erscheinen auf ihren Blogtext, „So ist Schreiben“ hingewiesen und ihr auch den dritten seiner „Leserbriefe“ gewidmet.

Jetzt bin ich gespannt, wie es ihm, ich glaube, einem Fünzigjährigen, der sich in dem Brief  als „Altherren-Groupie“ bezeichnete, gefallen hat und ich bin, glaube ich, zweigeteilt. Das heißt, auf der ersten Hälfte sehr begeistert, später ist dann das Streichholz, das auf dem gelb blauen Cover zu sehen ist, irgendwie erloschen und irgendwo bei den Rezensionen habe ich auch gelesen, daß die Geschichte keinen Plot hat.

Da war ich noch auf der ersten Hälfte und hätte dem nicht zugestimmt, obwohl ich mir auch da, ähnlich wie Tobias Nazemi, bei Valerie Fritsch, schon sehr viele, wenn auch nicht unbedingt schöne, aber doch in ihrer lapidaren Grausamkeit und Härte höchst beeindruckende Sätze angestrichen habe.

Der oben zitierte Buchanfang gehört dazu und dann hat die Verhaltenstherapeutin, die sich wahrscheinlich schon seit Ronja von Rönne auf der Welt ist mit Panikatacken beschäftigt, kurz geglaubt, die jetzt wirklich begriffen zu haben. „Und plötzlich wurde ich nachts von einer Panik geweckt, die nichts mit der Anbgst zu tun hat, die man von Klausuren kennt, einer Panik, die mir jedesmal das Gefühl gibt, gleich zu ersticken, nur dass das Ersticken nie eintritt, die Angst davor aber stundenlang anhält, bis man schließlich mit einer Plastiktüte nachhelfen will.“

Das ist es, was mich wahrscheinlich auch begeistert, dieser, wie Lottmann es nennt „schnoddriger Ton“, wo ich mir aber nur nicht sicher war, ob der jetzt authentisch mit der Autorin ist, denn das würde ich ihr nicht wünschen, das sie das Leben so erlebt, wie sie es beschreibt. Wenn er aber, was ihr zu wünschen wäre,  erfunden wäre, wären die Leser verarscht worden und das ist es wahrscheinlich auch, was gegen sie polemisiert und die junge Frau kämpft trotzig schnoddrig gegen die Geister an, die sie selbst herbeigerufen hat, damit sie mit dreiundzwanzig in Klagenfurt lesen kann und mit vierundzwanzig bei „Aufbau“ erscheint…

Aber das muß man auch erst können und Ronja von Rönne kann es so zu schreiben, daß einem die Luft wegbleibt, ob der Grausamkeit dieses Lebens, auch wenn ich sie bei einigen Plattheiten erwischte, die ihr bestimmt nicht selber eingefallen sind, wie das  Kind, das nie redet und dann plötzlich fragt, wieso kein Zucker im Kakao wäre und der erstaunten Menge, wieso es das jetzt plötzlich täte, antwortet, das der bisher immer vorhanden war!

Das ist ein Witz, den ich in der Stottererberatung manchmal erzähle. Ronja von Rönne legt ihn in anderen Worten der kleinen Emma-Lou in den Mund, aber schön der Reihe nach, um auch hier zu spoilern.

Da ist Nora, vielleicht so alt, wie die Autorin, ich würde sie mir älter vorstellen, sie ist Regisseurin in irgendeiner Fersehedokushow, wo sie mit dicken Frauen oder so, einkaufen gehen soll, aber jetzt sucht sie Maja, ihre Freundin aus den Kindertagen, an deren Tod sie nicht glauben kann. Vielleicht bekommt sie deshalb, die Panikattacken und geht aus diesen Grund zum Therapeuten. Der fährt aber bald auf Urlaub und drückt ihr daher ein blau gelbes Heft mit einem brennenden Streichholz, genau wie das Cover des Buches, auf diese Idee muß man erst kommen, in die Hand und sagt, sie soll alles aufschreiben (damit er sich die weitere Therapie erspart).

Sie tut das auch und so können wir jetzt „Wir kommen“ lesen und uns darüber streiten, ob es  einen oder fünf Sterne verdient, beziehungsweise vielleicht gar mittelmäßig ist?

Nora lebt jedenfalls in einer Vierergemeinschaft oder sie hat mit Karl gelebt, dann ist aber Leonie mit ihrer schweigsamen Tochter Emma-Lou dahergekommen,  Karl ist mir ihr im Schlafzimmer verschwunden und hat Nora vielleicht vorher noch zugerufen, daß sie das locker sehen soll. Auch da habe ich wahrscheinlich einen bedeutungsschweren Satz notiert und an den Partnertausch der wilden Siebzigerjahre, als Ronja von Rönne noch nicht auf der Welt war und an die Mühl-Kommune gedacht.

Es taucht aber auch ein Jonas auf und mit dem freundet Nora sich dann an, obwohl der gar nicht so viel von ihr zu halten scheint und sich seltsamerweise mehr, um die schweigsame Fünfjährige kümmert.

Leonie ist Ernährungsberaterin, die ihren Kopf schon mal an Wände schlägt, Jonas Graphiker, Karl Sachbuchautor, der eine Sekte gründen will. Er hat aber auch ein Haus am Meer und dorthin fahren nun die vier. Karl schlägt vor, daß alle ihre Handys und Laptops in eine Mülltüte schmeißen sollen, behält aber den seinen, Jonas dreht deshalb durch und verläßt  mit Enmma-Lou die Villa und Nora tut das auch mit Karls Auto und fährt in das Dorf, in dem sie mit Maja aufgewachsen ist und erinnert sich an ihre Kindertage, wo sich die beiden Mädchen vor Kaufhhofparkplätzen herumtrieben, beziehungsweise auf den Autodächern der einkaufenden Frauen herumsprangen und wenn die sich beschwerten und die Polizei holten, fing Maja zu kreischen an und wimmerte „Die Frau da, die Frau da, hat uns bedroht, wir haben uns nicht hinuntergetraut. Sie hat gesagt, sie will uns streicheln, und wir sollen mit ihr mitfahren und ob wir  Kaubonbons wollen!“

Maja, die Tochter einer Alkoholikerin, während Nora eher aus einer „stinknormalen“ Familie zu stammen scheint, tut das auch bei Männern so, wenn, die sich weigern, ihr das was sie begehrt, zu kaufen und Ronja von Rönne hat uns wieder einmal  demonstriert, wie mächtig Kinder sind und wie sehr die kleinen Lolitas, die Erwachsenen quälen können, die aber natürlich höchstwahrscheinlich auch überfordert sind.

Es gibt auch eine Schildkröte, um die sich Nora kümmern soll und sie mit in das Strandhaus schleppt und tagelang nicht bemerkt, daß sie schon gestorben ist. Erst Jonas, der sich mit der kleinen Emma-Lou, die, wir wir allmählich begreifen, nicht von ihm mißbraucht wird, sondern seine Tochter ist, die falsche Idylle verlassen will, macht sie darauf aufmerksam und so fährt Nora noch einmal mit Karls Auto weg und setzt sich  mit einem Becher Kafee in eine Autobahngaststädte, um zu schreiben und zu schreiben und vielleicht doch zu kapieren, daß Maja sich nicht mehr melden wird und ihre Kindheit vorüber ist…

Richtig, Plot, das habe ich im zweiten Teil begriffen, gibt es wahrscheinlich keinen und auch nichts, was wir von der Jeunesse dore, des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht schon gehört hätten, aber Ronja von Rönne, das hat sich bestätigt, kann schreiben.

Sie kann sich wahrscheinlich auch sehr inszenieren. Es bleibt nur zu hoffen, daß sie nicht wirklich, ein Streichholz ist, das an zwei Enden brennt und ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das eine Metapher aus ihrem Buch oder aus dem von Emily Waltons über Scott Fitzgeralds Sommer 1926 an der Cote d` Azur ist, wo auch wilde Strandparties gefeiert wurden und die Überforderung, wenn auch anders, genauso stark war.

Zu hoffen, bleibt auch, daß die junge Frau damit im Herbst auf die LL kommt, denn dann hätte ich ein Buch weniger zu lesen…

2016-03-03

Y

Filed under: Bücher — jancak @ 00:02
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Jetzt kommt eine Frühjahrsneuerscheinung aus dem „Aufbau-Verlag“, nämlich Jan Böttchers Y, eine Geschichte, die von Entwurzelung,  dem Aufwachsen zwischen den verschiedensten Kulturen Europas und dem eines Kindes, für das seine Eltern, egal, ob im Krisengebiet des Kosovo oder dem computerverseuchten Berlin, keine Zeit haben, erzählt.

„Die Geschichte beginnt!“, schreibt der Erzähler, ein Schriftsteller, der mit seiner Frau und seinem vierzehnjährigen Sohn in Berlin lebt, als der, Benji, eines Abends einen schweigsamen Freund nach Hause bringt und ihn bei sich übernachten läßt.

Der Vater stellt den Sohn zur Rede und der Leka genannte Junge verschwindet dann auch wieder. Nicht nur aus der Wohnung des Schriftstellers, sondern überhaupt aus Berlin und als Benji seinen Vater vorwurfsvoll anblickt, beginnt der nach ihm zu suchen und trifft Jakob Schütte, einen Nerd, Workoholic und Computerspielerfinder und der beginnt ihm seine Geschichte zu erzählen.

Er ist mit Arjeta, einem Flüchtlingsmädchen aus dem Kosovo zur Schule gegangen, hat sie Jahre später, in den Neunzigern wieder getroffen, eine Beziehung begonnen, sie  auch bei ihren Eltern und ihren Brüder besucht. Die Beziehung klappte irgendwie nicht, haben Moslems doch andere Moralvorstellungen, außerdem hatte im Kosovo, der Krieg schon begonnen, so daß zuerst die Söhne zum Kämpfen zurückgingen, später die ganze Familie mit Arjeta, die dem Erzähler  ihre Sicht der Dinge erzählt.

Jakob Schütte folgte der Familie in den Kosovo, wo Arjeta, die in Deutschland studierte, Deutsch und Englisch Unterricht gibt und mit Leuten, die im Rundfunk einen neuen Kosovo aufbauen wollen, in Kontakt kommt. Sie wurde dann auch von Jakob schwanger. Heiratete aber nicht ihm, sondern einen Mann namens Bedri, denn der Deutsche, der sich schon mit Computerspielen zu beschäftigen beginnt, war ihr viel zu verrückt.

Jakob kümmert sich eine Weile noch um den kleinen Leka, eine Abkürzung von Alexander, dann geht er nach London. Kommt aber wieder, als Leka sechs Jahre alt ist und kauft ihm einen Computer. Als er in einer Bibliothek Bücher mitgehen läßt, um sie zu kopieren, wird er von der Securty zusammengeschlagen, sein Schlüßelbein wird gebrochen, er fliegt verletzt nach Berlin und kommt  nie mehr in den Kosovo.

Sein Sohn ist dann vierzehnjährig nach Berlin gekommen, ob er sich, von der Mutter allein gelassen, die sich inzwischen einem Künstler angeschlossen hat und mit ihm Videos dreht, selber auf die Suche nach seinen Vater macht oder von ihm entführt wird, bleibt unklar.

Leka ist auch nicht lange in Berlin geblieben, sondern hat sich selber der Poloizei gestellt und zurückbringen lassen.

Der Erzähler und sein Sohn werden ihm, es sind noch Ferien, in den Kosovo folgen. Dort wird er sich mit Arjeta und ihrem neuen Freund ihre Kunstprojekte ansehen.

Da stoßen wir auch auf den Namen des Buchs, das Geheimnisvolle „Y“, ein Symbol für das aufstrebende Kosova vielleicht. Wir begegnen aber auch dem Computerspiel, mit dem Jakob Karriere machte und vom Krieg im Kosovo profitierte und der Erzähler beginnt, als er mit seinem Sohn wieder in Berlin ist und die Fahnen für den Roman, den er darüber geschrieben hat, über sein eigenes Leben,  seine Beziehung zu seinen Eltern, im Nachkriegsdeutschland und in den Zeiten, als die DDR zusammenbrach, zu reflektieren.

„Jan Böttcher hat einen großartigen europäischen Roman geschrieben. Einen Roman, der einige der drängensten Fragen unserer Zeit neu stellt: Wie frei können wir sein, ohne die eigene Herkunft zu verleugnen? Wieviel Verantwortung übernehmen wir im Leben füreinander, für unsere Kinder, für die Gesellschaft? Und was macht uns eigentlich zu guten Eltern?“, steht so auch im Klappentext.

Jan Böttcher von dem ich vor kurzem seinen ersten Roman Lina oder: das kalte Moor“ im Schrank gefunden habe, wurde 1973 in Lüneburg geboren und hat 2007 beim „Bachmannpreis“ gewonnen.

 

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