Literaturgefluester

2017-08-12

Das ist bei uns nicht möglich

Filed under: Bücher — jancak @ 00:29
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In meiner leicht legasthenen Ader hatte ich immer Schwierigkeiten Uptun Sinclair und Sinclair Lewis auseinanderzuhalten.

Der eine amerikanische Schriftsteller stand im roten Wien in den Zwischenkriegsjahren bevor die Austrofaschisten und die Nazis kamen in den Arbeiterbibliotheken und wurde dort an erster Stelle ausgeborgt.

In der Bibliothek meines Vater befanden sich auch einige Bände, die ich immer gerne lesen wollte, aber noch nicht dazugekommen bin und dann gibt es noch Sinclair Lewis auch ein Amerikander, der 1930 den Nobelpreis bekommen hat.

Von ihm habe ich auch einige  ungelesene Bücher in meinen Regalen und sein „Das ist bei uns nicht möglich“, kürzlich wieder aufgelegt, stand lange bei Anna Jeller in der Auslage.

Jetzt hat „Aufbau“ mir das Buch geschickt, das schon im Frühjahr erschienen ist, denn es gibt ja nicht zu übersehende Parallelen zu der gegenwärtigen amerikanischen  Präsidentenschaft, obwohl das Buch 1935 geschrieben und dann in Amsterdam in einem Exilverlag auf Deutsch erschienen ist und Sinclair Lewis, dessen Frau die Journalistin Dorothy Thompson, das Nazi Regime in Deutschland studierte und Hitler interviewte, beziehungsweise ein Buch über ihn geschrieben hat, hat auch wahrscheinlich Deutschland mit seiner Diktatur, die der da beschrieben hat, gemeint.

„It can`t happen here“ oder „Das ist bei uns nicht möglich“, wie es Hans Meissel, 1900- 1991, der Kleist-Preisträger, dann dann im Exil Thomas Manns Sekretärwar, übersetzte und angenehm für alle Sprachüter, „Aufbau“ ließ das Buch nicht neu übersetzen, so daß man den damaligen Sprachgebrauch „Neger“ und manchmal sogar „Nigger“ lesen, wenn gleich der wortgewandte Präsidentschaftskanditat und spätere Präsiident und Diktator Buzz Windrip, der mit dem Versprechen, allen von der Wirtschaftskrise gebeutelten fünftausend Dollar im Jahr zu geben, zu diesen in seinem Wahlprogramm nicht freundlich war.

Denn die sollten, wie die Frauen wieder an den Herd gedräng wurden, von allen Rechten ausgeschlossen, ein Populismus, der schon 1935 zog und so gewann der Gewaltige, die Wahl mit Bravour und verwandelte dann das Land frisch und fröhlich in eine Diktatur.

Das ist sicherlich von Nazideutschland angeschaut und ein bißchen schwer macht es das Lesen, daß da, glaube ich, immer reale Namen mit fiktiven vermischt werden. So kommen Hitler und seine deutsche Diktatur genauso vor, wie Mussolini und auch Upton Sinclair.

Die Hauptfigur ist aber der Zeitungsherausgeber Doremus  Jessup, seine Frau sagt „Dormaus“ zu ihm, der das „Can´t happen here“, wohl früher dachte.

Aber dann wandelte sich alles, nur die fünftausend Dollar wurden nicht eingelöst. Dafür gab es Arbeitslager in die die Arbeitslosen eingeliefert wurden, die sich dann bald Konzentrationslager nannte und eine private M M-Armee, die alles überwacht und bespitzelt, gab es auch.

Vorläufig residiert Doremus aber noch in seiner Villa mit Frau und Kindern. Es gibt eine rebellische Tochter namens Sisi oder Cäcilia und einen Sohn, der später Regimeanwalt wird, mit der Haushälterin namens Missis Candy und einem Hund namens Närrchen, nur der Diener Shad Ledue mit dem Doremus immer unzufrieden war, ihn aber aus humanen Gründen nicht entlasen wollte, hat schon früher das Lager gewechselt und ist nun der örtliche Gestaposchef.

Er ist es dann auch, der Doremus, als der einen rebellischen Artikel selber setzt, weil es seine Angestellten nicht mehr wollen, verhaften läßt, Doremus kommt aber noch nicht ins Konzentrationslager. Er muß noch seinen  Nachfolger einschulen.

Ein Fluchtversuch nach Kanada scheitert. So begibt sich Doremus mit ein paar kommuinstischen Freunden in den Widerstand, fertig mit seiner Frau und seiner Tochter Handzetteln an. Zuerst wird ein anderer statt ihm deshalb verhaftet. Man kommt sehr leicht ins KZ, es genügt schon, wenn ein anderer seine Stelle haben will oder man einen Witz erzäht. Später trift es den ehemaligen Herausgeber aber doch, er wird gefolter, geprügelt und kommt dann schon über sechzig zu siebzehn  Jahren in das Straflager, das einmal eine Mädchenschule war.

Inzwischen lebt der Präsident in Saus und Braus in einer Hotelswuite und läßt nur seine Frau aus der Provinz im weißen Haus residieren, hat aber in seinen Reihen natürlich seine Feinde. Wird gestürzt und der Nachfolger dann auch ein paar Wochen später vom nächsten Feind ermordet, der ein strafferes Regime aufzieht und Krieg mit Mexiko beginnen will. Das gibt dem ehemaligen Präsidentschaftkanditaten und Gegner Windrips, der nach Kanada geflohen ist, Aufwind. Doremus konnte inzwischen auch fliehen und kehrt dann, um den Widerstand zu leiten, nach Amerika zurück. Dort hat er zuerst eine Viso vom freien Leben, bevor er kalt geweckt wird, läßt sich aber  nicht unterkiregen, denn ein „Doremus Jessup,“ wie der letzte Satz des Buches lautet, „der stirbt nie.“

Es gibt ein Nachwort von Jn Brandt, das die damalige Situation erklärt. Das deutsche Buch, wurde 1936 von den Nazis verboten. Es gab dann in den Achtzigerjahren eine, glaube ich, ostdeutsche Wiederauflage und jetzt das Remake.

Donald Trumps Populismus macht es wohl möglich, ein Kultbuch daraus zu machen, mögen sich die Herausgeber gedacht haben und es fängt auch erschrecklicken ähnlich an, obwohl es damals das Radio war und nicht die Twitternews, die die Zuhörer, den verarmten Mittelstand fesselte und von Buzz Windrips Populismus verleiten ließ und so ist es sicher interessant  Siclair  Lewis Nazi-Parodie der Neunzehndreißiger Jahre zu lesen und in den ersten Kapiteln gibt es immer wieder Textauszüge aus „Die Stunde Null“ von Berzelius Windrip, wo er seinen Wahlwolk alles und jedes verspricht und nach der Wahl wurden dann alle „Anti Buzz“ sofort aufs Bitterste verfolgt.

Jetzt muß ich noch die anderen Bücher des amerikanischen Nobelpreisträger, wie der „Gottsucher“ oder „Die Benzinstation“ lesen.

Mal sehen wann ich dazu komme und bis dahin können wir uns an Donald Trumps Hoppalas und seinen Fehlbesetzungen  freuen und darauf vertrauen, daß das in Amerika hoffentlich doch nicht alles möglich ist und passieren kann.

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2017-06-30

Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen

Filed under: Bücher — jancak @ 00:28
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Victor Klemperers Leben in Briefen. Der „Aufbau-Verlag“ hat jetzt auf über sechshundert Seiten mit vielen Bildern, Anhängen und Erläuterungen die Briefe herausgegeben, die der deutsche Romanist und Germanist von 1909 bis 1960, seinem Todesjahr geschrieben hat und darunter ist einer, das ist ganz besonders interessant, den er1910 in einem Hotel am Nordbahnhof logierend, mit „Sehr geehrte gnädige Frau!“ und nicht Frau Gräfin oder Baronin betitelt, an Marie vonEbner- Eschenbach geschrieben hat, die er besuchen wollte, weil er sich für dieösttereischische Literatur interessierte.

Ich kenne Victor Klemperers Tagebücher und sein LTI, habe einiges davon gelesen, ich glaube, die Ute hat mich drauf gebracht und mir eines seiner Bücher gegeben, ich habe aber auch etwas von ihm einmal bei den Büchertürmen bei der „Literatur im März“ gefunden.

Im Centrope Workshop hat Stephan Teichgräber, der ja aus der DDR kommt, auch einmal seinen Namen erwähnt, da habe ich noch auf das Buch gewartet, das glaube ich, im Mai erscheinen sollte und jetzt am vierzehnten Juni herausgekommen ist und das ist, glaube ich, nicht nur für Philologen und Wissenschaftler interessant, sondern auch für die, die wissen wollte, wie es sich im dritten Reich lebte, wenn man durch seine arische Frau gerade gedeckt war, man aber nicht mehr die öffentlichen Bibliotheken besuchen durfte und die Pension zuerst gekürzt und dann wahrscheinlich ganz gestrichen wurde und weil es damals ja  keine Mails und kein Handy gab, hat man sehr viele Briefe geschrieben und darin ist das Alltagsleben, die Ängste, die Verwzweiflung und das Bemühen um Ausreise undÜberleben sehr gut zu ersehen.

Victor Klemperer wurde 1881 in Lemberg an der Warthe geobren, hatte sieben Geschwister und war der Sohn eines Rabiners.

Das Buch ist in verschiedenen Jahresabschnitte gegliedert und immer mit einer treffenden Überschriftt übertitelt, in der  ersten 1090-1910 „Da ich nunals freier Schriftsteller von meiner Feder lebe“, stammt der Brief an Marie von Ebner Eschenbach, er hat 1902 Germanistik und Romanistik strudiert und ist 1903 zumProtestantinsmus übergetreten und 1906 die Pianistin Eva Schlemmer geheiratet, im ersten Weltkrieg hat er sich freiwillig gemeldet und war  ab1920 bis zum Beginn des dritten Reiches  ordentlicher Professor an der technischen Hochschule in Leipzig, in diesem Abschnitt „Endlich will ich als Lehrer mit einem Paukenschlag beginnen- 1920-1933“ gibt es vor allem Briefe an seinen Lehrer Karl Vossler mit dem er seine Sorgen als „idealistischer Philologe bespricht, manche Bedenken bei der Herausgabe seiner Werke hat und auch mit manchen seiner Kollgegen unzufrieden ist.

Dann kommt das dritte Reich und das beginnt mit Briefen seines Verlegers Hans Ehlers, der ihm den Rat gibt, seine Abhandlungen über die französische Literatur des achtzehnten Jahrhunders an der er gerade arbeitet, bei einem ausländischen Verlag weiterzuverlegen, weil in Deutschland der Absatz und das Interesse dafür nicht mehr vorhanden ist.

Später kündigt er ihm den Vertrag, da Verträge mit nicht arischen Personen nicht mehr einklagbar sind. Klemperer verliert seine Stelle, muß sich mit einem Dittel seiner Einnahmen begnügen, seine Familie beginnt langsam zu emigrieren, er zögert aber, kann sich nicht vorstellen im Ausland einen gleichwertigen Posten zu bekommen und beginnt sogar, was ich sehr interessant finde, mit fünfzig das Autofahren zu lernen.

Er schreibt da selbst an seinen Fahrlehrer bei dem er sich für die Geduld bedankt, daß er sich dabei sehr ungeschickt angestellt hat.

Ein gebrauchtes Auto wird gekauft, da hat man in den Dreißigerjahren noch einen Mechaniker dazubekommen, der einem die ersten Wochen einschulte,  mitfuhr und ins Lenkradgriff, wenn man gerade einen Blödsinn machte.

Klemperer lernt langsam das Fahren, das ihm große Freude macht, weil er alleine nicht spazieren gehen will seine Frau, obwohl sie denGarten betreut und auch eine Terrasse und Garage anlegt, offenbar gehbehindert ist und ihn nicht begleiten kann.

Nur leider ist das Auto ständig kaputt und die Mechaniker versprechen zwar es wieder in Schuß zu bringen, das gelingt aber nicht und das Geld wird auch langsam knapp.

Das schreibt Klemperer vor allem seiner Familie, der Bruder Georg ist inzwischen nach Amerika emigriert, mit einer Schwester plant er Ausflüge in die nähere Umgebeung, muß sie aber um die Bezahlung bittet, weil es bei ihm nicht reicht,er bringt ihr dafür auch einen Koffer Bücher mit, über die es auch ein genaues Verzeichnis gibt und interessant, eine Pearl S.Buck ist dabei.

Er darf zuerst nicht mehr die öffentlichen Bibliotheken benützen, später von dort auch keine Bücher mehr ausleihen, was seine Arbeit an dem Band über das „Dixhuitieme“, für die er aber ohnehin keinen Verleger mehr hat, sehr befindert, so bekommt er die Idee seinen Lebenslauf beziehungsweise seine Tagebücher zu schreiben, weil er dafür keine Unterlagen braucht.

Die Eingeengtheit des Lebens, die gänzliche Isolation und die Geldknappheit wird mehrmals beklagt.

So heißt es etwa im Abschnit V „1936-1937-Von Freunden ist nichts mehr zu berichten, denn es sind keine mehr da“ und langsam langsam will Klemperer auch weg, weiß er ja nicht mehr, wie lange er seine“Villa noch bewohnen“ kann und Autofahren darf er auch bald nicht mehr.

Sein Bruder Georg besorgt ihm durch seinen Sohn ein Affidavit, aber da muß man schon Jahre auf die Einreise warten und Englisch spricht der Romanist eigentlich auch nicht. So mietet er sich einen Lehrer um schreibt Brief um Brief, wo er sich als Lehrer oder Verlagsmitarbeiter, egal wo, „denn Lehrer braucht man wohl überall“ anbietet und die gärtnerischen Fähigkeiten seiner Frau, die auch Organistin ist,  anpreist.

Die Klemperers müssen dann in ein Judenhaus, er muß Zwangsarbeit in Fabriken machen und als das Haus 1945 zerbombt wird, können sie fliehen und nach dem Krieg an dem Wiederaufabau arbeiten. Sie kehren in ihr Haus nach Dölzschen zurück, aber die Bibliothek ist weg und die Nazis haben dort einen Gemüsehändler einquartiert.

Klemperer bekommt wieder seine Professur zurück, arbeitet auch an der Volkshochschule und versucht sich politisch zu betärigen, tritt in die KP ein, korrespondiert mit dem „Aufbau-Verlag“, wegen LTI, der „Sprache des dritten Reiches“ und auch seiner anderen Publikationen und muß Briefe an die beantworten, die eine Rehabilitation und eine Bestätigung von ihm wollen, daß sie nie und unter keinen Umständen etwas davon wußten und ohnehin zumindesten im Geheimen immer dagegen waren. Klemperer reagiert hier freundlich aber unerbittlich.

Er bekommt einen Wagen mit Chauffeur, davon ist auch ein Foto abgebildet und rast damit sozusagen von Lehrstuhl zu Lehrstuhl, von Sitzung zu Sitzung: „Noch immer im Amt und mehr denn je“, heißt so auch das Kapitel, das die Jahre von 1948-1951 schildern.

Da kommt aber schon Kritik an seiner LTI auf, ein Kapitel, wo er Hitler mit Herzl vergleicht oder nicht vergleicht wird als antisemitisch betrachtet und muß hinaus, davon gibt es Briefe vom damaligen „Aufbau-Verlag“, beziehungsweise dem Verlagsleiter oder Lektor Erich Wendt, ich habe ja über die frühe „Aufbau-Phase“ auch zwei Bücher gelesen und einen Briefwechsel mit Stefan Hermlin, der seine Literaturgeschichte kritisiert, gibt es auch.

Es sterben dann sein Lehrer Karl Vossler,  der Kollege Otto Lerche, als auch 1951 seine Frau Eva, 1952 heiratet er, was ich ja nie so ganz verstehe, aber vielleicht sind ältere Männer ohne ihre Frauen hilflos, seine viel jüngere Studentin Hadwig Kirchner, was er selbst in einem Brief an die Kollegin Rita Schober ambivalent beschreibt.

Die Reisen und die Lehraufträge gehen weiter, die Krankheiten kommen und auch die Schwierigkeiten mit der Partei und den Verlagen, die seine Artikel kürzen oder nicht drucken wollen oder ihn rügen, weil er an irgendwelchen Sitzungen nicht teilnah.

Er bekommt auch viele Ehrungen, so zum Beispiel den Nationalpreis und dann einen Brief vom „Untersuchungsauschuss Freiheitlich Juristen der Sowjetzone“, die ihn dafür zwar nicht gratulieren, aber Geld für die durch die Sowjetzone ungerecht behandelten wollen, während Freunde ihm aus Israel ond der “ großartigen Weiterentwicklung der Deutschen Deomkratischen Republik“ schreiben. Es gibt auch einen Briefwechsel mit Lion Feuchtwanger, dem er sein LTI schickt.

Im Feburaur 1960 stirbt Victor Klemperer in Dresden, mit seinen Tagenbüchern in denen er,  das Leben im dritten Reich beschreibt, wird er weltberühmt und jetzt sind seine gesammelten Briefe von Walter Nowojski und Nele Holdack unter Mitarbeit von Christian Löser erschienen, die wirklich sehr zu empfehlen sind.

2017-04-30

Realitätsgewitter

Filed under: Bücher — jancak @ 00:48
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Jetzt kommt ein Buch, von dem ich vor ein paar Monaten in „Ex Libris“ gehört habe, das ich ja gar nicht so oft konsumiere.

Das Buch, der mir unbekannten Autorin Julia Zange namens „Realitätsgewitter„, das im vorigen November erschienen ist und von dem der Moderator sagte, die Eltern hätten die Autorin daraufhin geklagt oder eine einstweilige Verfügung verlangt.

Das ist interessant und macht neugierig, also habe ich mir das Buch gestellt, das nur hundertfünfzig Seiten stark ist und am Cover ein sehr eindringliches Bild einer schwarzen Katze mit gelben Augen trägt. Das macht auch neugierig.

Am Buchrücken, hat dann Maxim Biller, der gestrenge Kritiker, der inzwischen aus dem literarischen Quartett ausgestiegen ist um wieder mehr zu schreiben geschrieben: „Das kann nur Julia Zange:Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst!“

Das macht noch mehr neugierig also goolge ich nach und erfahre bei „Wikipedia“, daß die Autorin, eine trotzig dreinschauende blonde junge Frau, entweder 1983 oder 1987 geboren ist, 2006 den renommieren „Open Mike“ gewonnen hat. 2008 den Roman „Die Anstalt der besseren Mädchen“ bei „Suhrkamp“ herausgegeben hat und als Schauspielerin in Berlin lebt.

In der Biografie, die im Buch enthalten ist, steht keine Altersangabe und zusätzlich zu dem schon Erwähnten, steht noch, daß sie  als Redakteurin tätig ist.

Interessant, interessant. Der Klappentext verrät, „daß ‚Marla alles super hingekriegt hätte, die Vorlesewettbewerbe, das Abi und vor allem das richtige Lächeln an den richtigen Stellen. Dann ist sie in die Großstadt gezogen und fühlt sich verloren, bis sie, um ihrer Einsamkeit zu entkommen, sich in ihre Heimat zurück und ans Meer begibt, wo sie sich dann selber findet.“

Das von dem „Erwachsenenwerden und dem sich Selberfinden“, steht auch noch einmal am Buchrücken und irgendwo habe ich noch etwas von sehr vielen Facebookfreunden gelesen.

In den fünfzehn Kapiteln des Buches wird dann gar nicht soviel Vorgeschichte erzäöhlt, sondern man wird gleich hineingeworfen in das Leben, der jungen Frau, die zu Weihnachten allein in ihrer WG ist. Die finnische Mitbewohnerin ist nach Hause gefahren. MarlasEltern sind in Indien,  SMSen, daß es keinen Weihnachtsbaum und keine Weihnachtsgans dort gibt und kündigen ihr später noch den Scheck, weil sie jetzt alt genug ist, für sich selbst zu sorgen.

Sie hat aber ihr Philosophiestudium abgebrochen und kein Geld, aber viele Freunden, einen Ben, einen  Dylan, einen Lorenz, die sie zum Teil schon von ihrer Schulzeit kennt, zum Teil  kennenlernt, während sie durch das Berliner Leben taumelt.

Da sie Geld braucht, sucht sie eine Stellung, so geht sie in ein Geschäft hinein, das eine Aushilfe sucht. Aber dafür ist sie nicht passend genug angezogen und man braucht, als Aushilfe in einer Boutique offenbar auch ein abgeschlossenes Studium und andere Sprachkenntnisse, als Englisch und ein bißchen Französisch. Also wird nichts aus dem Job.

Englisch wird in dem Buch aber ohnehin sehr viel geredet, ist Marla doch total global vernetzt und die Freunde die sie in den Bars und Lokalen trifft, kommen oft auf dem Ausland.

Ein Holger verschafft ihr dann, sie hat inzwischen eine Zara-Klamottentüte zurückgetragen und mit den fünfundzwanzig Euro, die sie dafür bekommen hat, Lebensmittel eingekauft, einen Job als Redakteurin in einem Modemagazin. So reist sie herum und geht zu Pressekonferzenen, interviewt Star und seltsame Typen, die ein „Forever life“ Konzept entwerfen und mißbilligend auf sie schauen, wenn sie sich zwei Stück Zucker in ihren Cappucino kippt und sich ein Tomaten Mozarella Ciabatta bestellt.

Dann wird die Oma neunzig und sie fährt nach Haus. Die Eltern hatten mal eine Fabrik, die der Großvater, der schon vierundneunzig ist, gegründet hat. Jetzt  arbeitet der Vater in einem Center für Medical Research und die Mutter hat in dem Haus, wo sie wohnen eine Praxis als Lebensberaterin.

Als Marla dorthin kommt, empfängt sie nur die ihr unbekannte Haushaltshilfe. Später kommt die Mutter, sagt zuerst „Marla mein Schatz, ich hab dich vermißt. Du siehst gut aus,-viel erwachsener!“

Dann „Ich kann inhaltlich nicht mit dir reden, Marla. Wenn du etwas Tiefergehendes mit mir besprechen möchtest, können wir das gerne mit einem Psychologen oder Mediator machen“

Dann wieder „Natürlich, ich liebe dich mehr als mein Leben, Marla“ und schließlich:

„Ich schlage vor, du übernachtest bei deinen Großeltern oder fährst wieder zurück in dein Drecksloch. Ansonsten werde ich nämlich dieses Haus verlassen!“

Marla geht in ihr ehemaliges Zimmer, die Mutter in ein Hotel, was ihr der Vater, der vor dem Fernseher sitzt, mitteilt, als sie in der Nacht von Schreien, die sie im Garten hört, aufwacht.

Jetzt verläßt sie mit der geklauten Kreditkarte des Vaters das Haus und fährt nach Sylt. Am Bahnhof kauft sie sich noch die ersten Zigaretten ihres Lebens und ein Feuerzeug mit einer Katze. In der Villa der Eltern hing auch ein Katzenbild, das die Kinder einmal den Eltern schenkten, die Mutter aber daran etwas auszusetzen hatte.

In Sylt bekommt sie in einem Hotel, das in einem Hochhaus liegt, ein Zimmer für vier Tage, trifft einen Ole, den sie über eine Kontaktbörse kennenlernte, fährt mit einem Elektrorad den Strand entlang und dann wieder nach Berlin zurück, wo die Mitbewohnerin sie empfängt und sie schließlich zum Essen ruft.

Wie das mit der Selbstfindung und dem Erwachsenwerden ist, habe ich nicht ganz mitbekommen, wie mir überhaupt der Klappentext etwas konstruiert erschien und ich das Buch auch nicht als Roman, sondern, zugegeben als, scharf und pointiert geschriebene Episoden interpretieren würde.

Einen Roman müßte man erst darauf komponieren, würde die Kritikerin in mir sagen und dazu fällt mir auch noch auf, daß das Buch, das zu Weihnachten beginnt und bis zum Sommer 2016 handelt, der Brexit und der Anschlag von Nizza wird erwähnt und immer wieder taucht das Portrait von Andela Merkel auf, wenn es schon im November erschienen ist, sehr schnell geschrieben worden ist.

Der Titel „Realtitätsgewitter“ deutet wohl auf die Überforderung der jungen Frau hin und da habe ich ja schon einige diesbezügliche Romane gelesen, die die Überforderung der jungen Leute von heute zeigen, aber damals vor hundert oder achtzig Jahren, ist es wahrscheinlich auch nicht viel besser gewesen.

Wenn die Eltern von Frau Zange klagten, müßten sie sich wohl betroffen und angesprochen gefühlt haben, in diesem Fall wäre wohl wirklich ein Gespräch mit oder auch ohne Psychologen und Mediator zu empfehlen.

Ansonsten kann ich nur sagen, daß mir die Autorin bisher unbekannt war, daß ich die Episoden scharf und pointiert geschrieben empfunden habe und sie wohl auch sehr viel von der Überfordertheit ausdrücken, denen die jungen Leute heute wohl ausgesetzt sind und was man vielleicht auch lesen will.

Ansonsten ist es dieser Marla, trotz ihrer harten oder neurotischen Eltern, eigentlich nicht so schlecht gegangen. Der Job war ja da und die Freunde, wenn vielleicht auch oberflächlich auch und ob sie sich nach vier Tagen Sylt wohl wirklich gefunden und erwachsen ins Leben zurückgekeht ist, erscheint mir fraglich.

Wär schön wenn das so einfach wäre und wer hat das einmal zu mir gesagt, ein Roman ist etwas ganz anders und braucht wohl auch mehr, als vier Monate, um zu entstehen.Er muß auch berühren und etwas Neues, noch nie dagewesenes beinhalten?

Nun berührt haben mich die pointiert beschriebenen Szenen schon. Neu ist der Inhalt wahrscheinlich nicht und in Berlin, Wien und woanders, werden wahrscheinlich noch viel mehr entwurzelte junge Leute herumlaufen, die per Facebook kommunizieren, moderne Klamotten haben und sich mit ihren Eltern nicht verstehen.

Interessant ist vielleicht auch noch die „Amazon-Bewertung“, die ich ja sehr gerne zu Rate ziehe. Von ein bis fünf Stern ist da alles zu finden und zu den pointierten Bildern, mit denen auch das moderne Szene Berlin beschrieben wird, durch das Marla torkelt, fällt mir noch das „Mimikry-Spiel des Lebens-Buch“ ein, das ja auch bei „Aufbau oder zu der Verlagsgruppe gehörendenen Verlag“ erschienen ist und das in einem Sommer in diversen Künstlerwohnungen entstanden ist, die vielleicht denen gleichen, durch die Marla zieht und literarische Anspielungen kommen in dem Buch auch einige vor, scheint Marla oder ihrer Autorin ja sehr belesen.

2017-02-17

Mein schlimmster schönster Sommer

Im „Aufbau-Verlag“ ist gerade als Spitzentitel ein Roman der 1970 geborenen Unternehmensberaterin Stefanie Gregg erschienen, die jetzt nur noch fürs Schreiben in der Nähe von Münschen lebt und die Inhaltsangabe war eine, die mich sofort faszinierte.

Geht es da ja auch um eine Unternehmensberaterin namens Isabell, die vom Krankenhaus mit einer Krebsdiagnose, eine Männerfaust im Bauch, kommt, sich einen gelben Campingbus kauft und damit für vierzehn Tage  in die Provence fahren wird.

Das erscheint mir doch bekannt, habe ich doch in „Und Trotzdem“ etwas ähnliches mit dem Rad ans schwarze Meer beschrieben und in „Im Namen des Vaters“ geht es um die Behandlungsverweigerin und Campingbusse mit denen pensionierte oder auch betrogene Frauen um die Welt oder nach Kroatien fahren, gibt es bei mir auch.

Meine Romane interessieren aber niemanden, sind angeblich schlecht geschrieben, also der Meisterin mit der Startauflage von zwanzigtausend Exemplaren über die Schulter gucken und das Themas ist ja auch sehr interessant, werden Krebsdiagnosen ja täglich gestellt und was macht man dann, Chemo, Strahlentherapie, Operationen oder fährt man ihm davon und verschwindet der dann auch wirklich, wenn man das tut?

Das Buch ist rassant und flott geschrieben, verblüfft aber immer wieder durch Zickzackwendungen, die vielleicht auch die Ratlosigkeit in einer solchen Extremsituation ausdrücken.

Zuerst spielt Isabell, die jetzt vierzehn Tage Urlaub hat, wie ihr der freundliche Arzt emfiehlt, bevor es unter das Messer geht, mit  der Kirsche, dem Tennisball, dem Taubenei in ihrem Körper, dann fährt sie im Taxi davon und sieht auf einmal einen gelben Campingbus auf der Straße stehen, zu verkaufen steht darauf, sie steigt aus, ruft an, ein Typ mit Rasterlocken meldet sich und will 2800 Euro haben, sie gibt ihm zweitausend für vierzehn Tage und will gleich einsteigen.

Er muß aber zuerst nach Freilassing, die Urne seiner Mutter abholen, also fährt er bis dahin mit. Isaell hinterläßt ihrem Freund Georg ebenfalls ein Unternehmenberater, das sind die die Leute entlassen und dabei viel Geld verdienen, so daß sie immer in schwarzen Kostümen oder Hosenanzügen herumlaufen, eine Nachricht auf dem Handy und dieses auf den Tisch und sie fahren los.

Daß sie in die Provence will, weil sie dort einmal eine Seiltänzerin gesehen hat, fällt ihr noch ein und daß „Der Himmel über Berlin“ ihr Lieblingsfilm ist, also das was man vielleicht klischeehaft nach einer solchen Diagnose macht.

Es kommt aber anders, denn Rasso, das ist der Rastertyp will zuerst die zweitausend Mark bei einer Bank einlegen, richtig einen Hund namens Streuner haben sie inzwischen auch gefunden und aus der Bank kommt plötzlich ein Bankräuber gesprungen und flieht über die Dächer davon.

Die pflichtbewußte Isabell will eine Zeugenaussage machen, aber Rasso, der verhinderte Musiker, hat zufällig fünf Kilo Haschisch im Auto liegen und rast damit und mit ihr davon.

Sie besteht darauf das Zeug im Wald zu verbrennen und als sie danach zum Auto zurückkommen, liegt plötzlich die Tasche mit den erbeuteten Geldscheinen darin und ein seltsamer Guru taucht auch noch auf und nimmt im Bus Platz, weil er die beiden für seine Götter hält.

In diesem Moment habe ich gewußt, was in dem Buch anders, als bei meinen depressiven Frauen, wo angeblich nichts passiert, ist und, daß Stefanie Gregg ihr spannendes Handwerk erlernte oder kann, war einen Moment versucht es wegzulegen oder habe jedenfalls „Uje!“, gedacht.

Es geht aber rassant und genauso unlogisch weiter und das kann ich gleich verraten, in die Provence zu den Lavendelfeldern kommt Isabell nie und es kommen auch immer wieder Zwischenkapitel vor, die von dem eigentlich sympathischen Georg, den Isabell sofort vergessen hat, erzählen, wie er dasteht mit dem Handy und der Angst, daß er nichts von seiner Freundin weiß, denn es ruft noch der diensttuende Arzt an und erzählt und das ist vielleicht die Wendung und das Unerwartete daran, denn meine Helga Schwarz wird ja vielleicht am schwarzen Meer gesund, die Veronika stirbt und Isabell hat nicht nur eine Männerfaust im Bauch sondern auch einen Tumor im Kopf und sollte sofort operiert werden.

Und während Isabell ihren schlimmsten schönsten Sommer erlebt, sich dabei in ihren Traummann verliebt, es ist nicht Rasso, der Hippie, plagen sie immer wieder Schmerzen und die Polizei ist ihnen, beziehungsweise dem verschwundenen Geld, auch auf der Spur.

Im Epilog ist es dann noch einmal unlogisch, denn jetzt ist es ein Jahr später und Rasso, der inzwischen zu seiner Caro zurückgefunden hat und im Begriff ist, als Musier Karriere zu machen, wird zu einem Notar nach München bestellt, um dort noch einmal sehr viel Geld zu bekommen.

Wie die Geschichte mit dem Bankraub ausgegangen ist und woher Isabell auf einmal soviel Geld zum Vererben hatte und was sie nach ihrer Verhaftung machte, erfährt man aber nicht.

Trotzdem spannend und rasant zu lesen, obwohl ich anmerken möchte, daß wenn man seinem Krebs davonfährt mit Sicherheit nicht soviel auf einmal passiert und, daß die Taschen mit den Millionen auch nicht so herumfliegen und sich der Bankräuber in echt wahrscheinlich auch, um sein Geld gekümmert und die beiden verfolgt hätte, aber der kommt ja dann nie wieder vor.

Interessant vielleicht auch zu überlegen, wie das Buch auf Menschen, die wirklich von dieserDiagnose betroffen sind und es zwischen ihrer Chemotherapie, Operationen und Strahlenbehandlungen lesen, wirkt.

Vielleicht kann da die Absurdität und die rasante Handlung helfen mit dem eigenen  Alltag und dessen Schwierigkeiten besser fertig zu werden und ich nehme mir für mein Schreiben mit, zwar bei der Realistik zu bleiben, aber meine Szenen vielleicht auch etwas bunter auszuarbeiten, zuviel Slapstick wird es bei höchstwahrscheinlich aber trotzdem nicht geben.

Und zwei Hinweise auf andere Bücher mit Krebsgeschichten gibt es hier.

2017-01-23

In meinem fremden Land

Filed under: Bücher — jancak @ 14:56
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Nach den Impressionen aus einem idyllischen Ex-DDR-Dörfchen geht es weiter mit Hans Fallada, nämlich mit der Neuauflage seines Gefängnistagebuch von 1944 und das ist wahrhaft ein „wahnsinniges“ Stück Zeitgeschichte.

Im besten Sinn des Wortes, denn da schießt einer im August 1944 im Alkoholdelirium auf seine Frau und wird eines übergenauen Richters wegen, in ein Gefängnis für geisteskranke Kriminelle eingewiesen und dort schreibt er für oder gegen sein Leben.

So genau läßt sich wohl nicht definieren, denn was macht der einseits angepasste Schriftsteller und Gutsherr Rudolf Dietzen, der andererseits ein für die Nazi unerwünschter Schriftsteller geworden ist, der aber wahrscheinlich doch sehr gut an den Unterhaltungsromanen, die er in dieser Zeit geschrieben hat, verdiente.

Hier sind vielleicht auch Vergleiche mit Rudolf Brunngraber angebracht, von dem man auch nicht so go genau weiß, ob er jetzt ein Nazi war oder nicht.

Fallada schreibt zwar fast unleserlich und auf den Kopf gestellt, so daß, die ständig hereinkommenden Wächter, es nicht gleich erkennen und an Geschichten für Kinder, glauben, seine Erinnerungen und Erlebnisse an diese grauenhafte Diktatur.

Dazwischen gibt es immer eingeschoben Berichte von Leuten, die von den Nazis hingerichtet wurden, weil sie beispielsweise einen Koffer oder eine Druckereipresse versteckten und ein Fall für die Euthanasieprogramme wäre der Alkoholiker, Nervenkranke und Morphinist höchstwahrscheinlich auch gewesen.

Sei es wie es sei, Hans Fallada hatte ein sehr ungewöhnliches Leben und war wahrscheinlich auch ein sehr widersprüchlicher Charakter. Das kann man schon an seinen Pubertätskrisen sehen und ist sowohl bei „Wikipedia“, als auch in der vor kurzem erschienenen Biographie von Peter Walther nachzulesen.

Im Netz findet man auch, daß es bei dem bei der bei „Aufbau“ am 19. Jänner erschienenen Auflage, schon eine Ausgabe von 2009 gibt, eigentlich findet man im Netz derzeit fast nur Informationen über sie und in dem von Jenny Williams und Sabine Lange herausgegebenen Buch, steht auf Seite 287: „Hans Falladas bisher unveröffentlichtes Gefängnistagebuch aus dem Herbst 1944 wird als Teil des „Trinkermanuskripts“ in der Akademie der Künste, Berlin, aufbewahrt.“

Das stimmt, würde ich sagen, insofern nicht, daß die 2009 Ausgabe ein ganz anderes Cover hat, also wäre ein größerer Hinweis, als der im Impressum, daß die Erstausbage 2009 bei Aufbau erschien, wenigstens für mich sehr hilfreich gewesen.

Ansonsten finde ich das Buch vor allem als Psychologin sehr interessant.

Denn das, was da von der Entstehungsgeschichte berichtet wird, klingt so unglaublich, daß man es auf den ersten Blick für erfunden halten könnte und in dem sehr ausführlichenNachbemerkungen, ist auch mehrmals zu lesen, daß Fallada, seine Tagebuchnotizen  sehr romanhaft mit Schilderungen, Bildern und Szenen angelegt hat.

Er hat sie auch sehr schnell geschrieben, im wesentlichen im September 1944, denn im Dezember wurde er wieder entlassen. Und dazwischen gibt es auch, die Kindergeschichten und das Buch „Der Trinker“ und an seinem nichantisemitischen antisemitischen Roman hat er auch gearbeitet.

Sehr viel Zeit zu überarbeiten hatte er im Gefängnis wohl nicht, später, vor der Herausgabe hat er das dann  getan und einiges verändert und in den Anmerkungen kann man auch sehr genau nachlesen, wo Fallada sich irrte und, wo etwas nicht stimmt.

Einiges war mir schon aus der Biographie von Peter Walther bekannt und es beginnt, wie man auch in den Anmerkungen sehr plastisch nachlesen kann, im Jänner 1933 in der Weinstube Schlichter in Berlin. Da saß Fallada mit Ernst Rowohlt,  seiner Suse und dessen Frau und Ernst Rowohlt, der berühmte Verleger pflegte sein Publikum auch zu unterhalten, in dem er sich ein Sektglas servieren ließ und dieses dann zum Erstaunen der Zuschauer genüßlich zerbiß. Jetzt wird er aber durch den Kellner unterbrochen, der den Gästen aufgeregt verkündet „Der Reichstag brennt!

So hat das tausendjährige Reich in Deutschland  angefangen, in Österreich passierte das erst fünf Jahre später und Fallada plaudert weiter, daß Ernst Rowohlts dritte Gattin, sein drittes Reich, steht irgendwo später, dem kleinen Töchterlein immer schön, das „Heil Hitler-Grüßen“ beibrachte, was derVerleger, der Fallada immer Väterchen nannte, insofern sabotierte, in dem er der Kleinen „Rotfront- Ein Arschist blond!“, zu skandieren beibrachte,  was höchstwahrscheinlich auch nicht so ungefährlich war.

Dann geht es weiter mit dem Bericht von dem Häuschen in dem Fallada mit Frau und dem ältesten Sohn, die Zwillinge wurden gerade erwartet, wohnte, das einem ehemaligen Fabrikanten gehörte und sehr verschuldet war. Fallada wollte es ihm abkaufen, der wandte sich aber an die Nazis, die Fallada in Schutzhaft nehmen ließen, ihn, wie er meinte, gerne auf der Flucht erschoßen hätten, dann hätte der Vermieter aber auch nichts davon gehabt, der ihn, als er von Fallada gekündigt wurde, mit der SA erpresste, sodaß er ihm weiterhin die Miete zahlen mußte und auch seine Möbel einbehalten wurden.

Gerettet aus dieser Misere hat Fallada Peter Suhrkamp, der in den Kriegswirren, die Furcht von Bertram Fischer ausnützte und dessen Verlag übernahm.

Ja, die Verlage haben gewechselt, Ernst Rowohlt mußte emigrieren. Der Verlag gehörte plötzlich jemanden anderen und Fallada zog sich mit seiner Familie nach Carwitz, das in dem Buch Mahlendorf genannt wurde, zurück.

Ganz so schlecht ist es ihm dort aber nicht gegangen oder doch, wollte er doch ein Drehbuch seines „Eisernen Gustavs“, er hat ja im Krieg Unterhaltunsromane geschrieben, für Emil Jannings schreiben, hat das auch getan, Goeblels oder auch Minister Rosenberg haben das aber verhindert und so wurde Fallada zum unerwünschten Schriftsteller und mit den Bürgermeistern und Lehrern, die es in dem Dörfchen Carwitz gab, gab es auch Probleme, denn die waren bald aufrechte und aktive Nazis, die die Dorfbewohner und natürlich auch Fallada erbärmlich schikanierten.

Es kamen, je länger de Krieg wehrte, auch immer wieder Einberufungen, Fallada mußte zu den Musterungen und dort sagte man ihm, wie einmal dem braven Soldaten Schwejk, daß eine Schizophrenie, Epilespisie, wie überhaupt jedes Nervenleiden egal sein, man darf in diesem Fall zwar keine Kinder kriegen, fürs Vaterland sterben aber schon.

Ein ehemaliger Hausarzt rettet ihn und schreibt ihn endgültig kriegsuntauglich und am Schluß, dazwischen gibt es immer wieder Einschübe und Rechtfertigungen, wieso Fallada nicht emigrierte und, daß das, was er da mache eigentlich wahnwitzig und gefährlich sei, eine Vision, daß er sich mit seiner Familie im Keller seines Hauses gemütlich macht, während oben zuerst die Ratten herumlaufen und der Krieg dann irgenwann einmal doch beendet ist.

In Wahrheit bekam Fallada im Oktober oder so Ausgang, so schmuggelte er das Manuskript hinaus, schrieb dann offenbar bis zu seiner Entlassung an dem Antisemitischen Roman weiter, der nie erschienen ist und ich kann die Aufzeichnungen jeden, der über diese Zeit des Zwanzigstenjahrhunderts etwas erfahren will, sehr empfehlen und die Biographie natürlich auch.

Es ist auch ein kleiner Folder beiglegt, der auf die Biographie hinweist, ein paar Fotos zeigt, die dort enthalten sind, außerdem sind da auch die aktuellen Romanausgaben, die „Aufbau“ ja nach und nach unzensuriert wieder neuauflegt, enthalten.

„Jeder stirbt für sich allein“ habe ich schon gelesen, den „Blechnapf“ und den „Kleinen Mann“, in älteren Ausgaben, „Wolf unter Wölfen“ wartet in meinen Regalen, „Ein Mann will nach oben, Der Trinker“ und „Der Alpdruck“ müssen noch zu mir kommen.

2016-10-30

Zurück in Berlin

Filed under: Bücher — jancak @ 00:11
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Zwischen den österreichischen Neuerscheinungen, Debuts- und Buchpreisbüchern kommt jetzt etwas „amerikanisches“ aus dem „Aufbau-Verlag“, nämlich  Verna B. Carletons Neu- oder Wiederentdeckung eines Romanes, den sie in den Fünfzigerjahren geschrieben hat, als sie mit ihrer Freundin Giselle Freund nach Berlin fuhr, um sich das Nachkriegsdeutschland anzusehen.

Verna B. Carleton wurde 1914 in den USA geboren, verheirate sich in Mexiko, Frieda Kahlo und Diego Rivero waren ihre Treuzeugen,  verkehrte im zweiten Weltkrieg mit deutschen Emigraten, wie Anna Seghers und Egon Erwin Kisch, sie war Journalistin und starb 1967 in New York.

Der Roman ist in den Fünfzigerjahren, sowohl in Deutschland als auch in den USA erschienen, jetzt wurde er neuübersetzt und von Ulrike Draesner herausgegeben, die auch das Nachwort schrieb.

Verna B. Carleton ist mit ihrer Freundin  Gisele Freund, einer deutsch französischen Fotografin, die 1933 von Berlin nach Paris emigrierte, 1957 nach Berlin gereist und schildert in ihrem ersten Roman, die Schiffsreise einer namenlosen Erzählerin, die wahrscheinlich Journalistin ist, nach Europa.

Das Schiff ist schlecht, der Komfort miserabel und die jamaikanischen Gastarbeiter, die nach Europa gebracht werden, haben in ihren „dritte Klasse Löchern“ noch miserablere Bedingungen.

Da lernt sie die Devons kennen, ein britisches Ehepaar, die ihr von ihrem Wunsch, sich auch Deutschland anzusehen, energisch abraten.

Vor allem der Mann namens Erik tut das vehement. In Kuba kommt noch Herr Ermil Grubach aus Köln an Bord und nervt alle mit seinem Wiederaufbaustolz und dem Leugnen der Schuld, an dem, was da in Europa geschehen ist.

Es kommt zum Streit zwischen ihm und Erik, der ihm plötzlich auf Deutsch entgegenschreit „Wir deutschen Juden werden niemals vergessen!“

Dann kommt es zum Zusammenbruch von Erik Devon, der einmal Erich Dalburg hieß und von seiner Mutter „britisch erzogen“, schon 1933 nach London emigrierte, seine Mutter ist mitgekommen, sein Vater ist in einem Nazigefängnis gestorben, es gab sowohl nationalsozialistische, als auch jüdische Verwandte und keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, besipielsweise zu seiner Cousine Käthe, die ihm nach dem Tod des Vaters schrieb, sie würde sich in Frankreich verheiraten.

So hat er den englischen Namen angenommen und seine deutsche Identität verdrängt jetzt bricht das Deutsche wieder aus ihm heraus und das Ehepaar entschließt sich mit der Erzählerin nach Berlin zu reisen.

Dort trifft er seine Familie wieder, Tante Rosie, die mit einem vormals nationalsozialistischen Banker verheiratet war, dann aber versuchte zu retten, was zu retten war. Cousine Käthe ist verwitwet, hat Mann und Kind verloren und führt jetzt einen Buchladen in Berlin, es gibt eine alte Haushälterin namens Elese und den Cousin Albrecht, der nichts gelernt hat und jetzt wieder, die besten Geschäfte mit den Kohlebaronen machen will.

Sie treffen auch Herrn Grubach und seinen Sohn wieder, so daß Erik in Panik nach England flieht.

Sie bleiben aber in Briefkontakt mit der Erzählerin, Käthe und Tante Rosie, die als sie ein Jahr später wieder nach Berlin kommen, an einem Herzinfarkt verstorben ist.

Sie kommen zum Begräbnis zu spät, treffen nur mehr den Cousin Albrecht bei Käthe in der Villa an, die Eriks Vater in der NS-Zeit Rosies Mann überschrieben hat, die ihm aber jetzt wieder gehört, es kommt auch hier zum Disput und Erik beschließt zu Verwunderung aller, in Berlin zu bleiben und auch seine schriftstellerische Karriere, die er damals begonnen hat, er hat einen satirischen Roman über die Nazizeit geschrieben, wieder aufzunehmen.

Ein sehr interessanter Roman, weil er das Nachkriegsberlin sehr unmittelbar schildert und auch zeigt, daß es keinen Sinn macht, wie es Erich tat, zu „jammern“ und sich zu verstecken, weil die Sachen, die damals passierten, wahrscheinlich weder ganz schwarz oder ganz weiß zu interpretieren waren und die Differenzierungen werden  auch ganz genau, an den verschiedenen Schicksalen und Lebensläufen geschildert.

So fahren sie bei ihrem zweiten Besuch auch nach Bergen-Belsen, wo ja Anne Frank gestorben ist und deren Tagebuch wurde damals gerade in einer Theaterfassung aufgeführt und der deutschen Nachkriegsjugend gezeigt.

Sie fahren Transit durch Ostdeutschland nach Berlin und sehen auch diese Seite und ich würde einwerfen, daß Verna B. Carleton vielleicht ein wenig, das Verständnis für die Traumatisierungen und die seelischen Wunden fehlte, die die damals Lebenden, egal ob Mitläufer oder Juden, haben mußten.

Aber das ist wahrscheinlich klar, daß man das heute, sechzig Jahre später mit unserer Erfahrung ganz anders, als 1958 sah, weshalb ich das Buch für besonders interessant und lesenswert halte und, um wieder auf die öst. Liste zurückzukommen, hier wieder Peter Henischs Buch empfehlen kann, der ja in „Suchbild mit Katze“ auch ein Nachkriegswien und eine Kindheitserinnerung mit „vermischter Verwandtschaft“ an die Fünfzigerjahre beschreibt.

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