Literaturgefluester

2018-03-22

Unter der Haut

Jetzt kommt, wenn man so will, das dritte Highlight von 2018 und es ist vielleicht eine Antwort auf die Blogbusterdiskussion, daß man da nur Bücher vorschlagen kann, die wirklich das ganz besondere sind, denn ein solches ist offenbar im Vorjahr auf die Longlist gekommen und hat dann, wie ich vor kurzem hörte, schon im März, also noch vor der Entscheidung, einen Verlag gefunden.

Was ich nicht wußte, so daß ich bisher dachte, daß es vielleicht Tobias Nazemi und Dennis Scheck nicht so ganz berühren konnte, es aber trotzdem beim „Piper-Berlin Verlag“ erschienen ist und mich hat es, schreibe ich gleich, berührt und denke einen so frischen und ungewöhnlichen Ton habe ich schon lange nicht gelesen, denn der 1976 in Köln geborene Gunnar Kaiser, der auch Blogger ist und den ich schon von seinem „Kaiser-TV“ kenne, versteht es, glaube ich vorzüglich auszusparen, durch Widersprüche hinwegzugleiten und immer wieder ein Stück voraus zu sein.

So ist das fünfhundert Seiten Ouvre ein sehr vielschichtiges Buch, das und das ist sehr interessant, in Amerika spielt und für mich ganz besonders wichtig, es geht um Bücher.

Um das Sammeln, um die Besessenheit und die Bibliophilie. Es geht um das Nazideutschland und die Frage, ob ein Jude morden kann?

So ganz habe ich das auch nicht mitgekommen, denn Gunnar Kaiser baut ja in sein Ouvre viele Schlefen ein und es ist auch ein Krimi.

Vielleicht hätte es deshalb den Blogbuster nicht gewonnen. Denn dort sind ja die Genres ausgeschlossen. Allerdings ein sehr literarischer. Eine Parodie auf die große amerikanische Literatur, die ich ja nicht so mag, ist es vielleicht auch und natürlich und da können die politisch korrekten Bloggerinnen vielleicht aufschreien, eine über den Sex oder die Jagd der jungen Männer nach den Mädchen mit den kurzen oder längeren Röcken.

Ein vielschichtiges Buch in verschiedenen Zeitebenen und verschiedenen Teilen geschrieben und, was mich etwas verwirrte war, daß der erste Teil nach dem zweiten folgte. Aber halt, es dann der zweite Teil davon und der Roman ist aus zwei Perspektiven geschrieben.

Da gibt es einmal in New York des Jahres 1969, den erfolglosen jüdischen Literaturstudenten Jonathan Rosen, der jagt natürlich, wie kann es anders sein, den Röcken nach und trifft dabei einen bibliophilen Sammler, der gerne klassische Musik hört, namens Josef Eisenstein.

Mit dem begibt er sich, sowohl auf die Frauen- als auch auf die Bücherjagd und schläft, glaube ich, auch mit ihm einmal in einem Keller eines Antiquariats auf Büchern und dann, da ist man in das Buch vielleicht noch nicht so hineingekommen, geht es in einen anderen Kontinent und bis in das Jahr 1918 zurück und in das „Leben eines Verbrechers“, denn da wurde Josef Eisenstein beborren. Der Vater hieß Samuel und war ein bedeutender Literaturwissenschaftler. Die Mutter Fanny  Schauspielerin und die spanische Grippe hat den kleinen Josef sehr geprägt, denn um ihn herum sterben seine Ammen und auch andere Frauen und es geht schon das Gerücht herum, der kleine Josef könnte vom Teufel besessen sein.

Der kommt aber vielleicht in anderer Form in den Dreißigerjahren nach Berlin und da die Mutter nach Wien ins Theater in die Josefstadt geht, kommt Josef zu einer Halbtante nach Berlin, nennt sich fortan Josef Schwarzkopf und entdeckt in dem Gymnasium, das er besucht, die Bibliothek und dort im Hinterkammerl, die Bücher jüdischer Autoren und auch das seines Vaters, die er zu retten beginnt.

Das heißt, er fängt an Bücher zu stehlen, geht da in Antiquariate und berühmte Bibliotheken und fängt später an, das Buchdruckhandwerk zu erlernen.

Mit dem Sterben geht es weiter. Zuerst ist das vielleicht nur ein Zufall, daß ein Mädchen mit einem wertvollen Buch ins Wasser fällt. Dann macht es Josef systematischer und geht „unter die Haut“, denn die kunstvollsten Bücher sind vielleicht mit Frauenhaut gebunden und da Gunnar Kaisers nicht an den skurillen Details spart, übt sich der Meister erstmals an Hitlers „Mein Kampf“ und da könnte man sich natürlich fragen, wieso dieses Buch in den Neunzehnhundertdreißigerjahren schon restauriert werden mußte?

In New York in das wir wieder zurückgehen, werden nun auch Frauenleichen ohne Haut gefunden und dann geht es wieder ein paar Jahrzehnte weiter und zwar nach Israel, wo Jonathan Rosen, der inzwischen  literarische Texte geschrieben hat und wahrscheinlich auch erfolglos versuchte, den großen amerikanischen Roman zu schreiben, in einen Kibbuz lebt und da bekommt er 1990 Besuch von einer schönen Frau. Einer ehemaligen Polizistin, die Josef Eisenstein auf der Spur ist und in Jonathan Rosen einen Zeugen, nämlich, den einzigen, der ihn erkennen kann, vermutet und überredet ihn mit ihr nach Argitienen zu fliegen, wo sie  in einem überschwemmten Hotel einer ehemaligen deutschen Kolonie Eisensteins Leiche finden und ein Buch, daß Rosen mit sich nimmt.

„Ich ziehe das Buch aus meiner Tasche, lege es auf mein Knie und auf ihres. Der Einband schimmert tiefrot im Schein der nacht. Ich befühle es lange, schteichle die weißen Buchstaben. Dann öffne ich die erste Seite.“

So endet Gunnar Kaisers Debutroman, den ich auch schon für den entsprechenden Preis vorgeschlagen habe und das mich einmal wirklich berührte. Mal sehen ob es auf die Shortlist oder die Longlist des dBps kommt?

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2015-11-08

Ex Libris

Filed under: Bücher — jancak @ 00:34
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Während ich am Feiertag meine ungelesen bleibenden 2015 Leselistenstöße in die Regale zurückräumte, die 2016 Bücher heraussuchte und Schwierigkeiten beim Finden hatte, habe ich wieder begonnen meine inzwischen aktualisierte Bücherliste weiterhinunterzulesen, bin ich mit dem Buchpreislesen bis auf das Buchpreisbuch jetzt ja fertig und ich sollte Karin Ivancsics „Aufzeichnungen einer Blumendiebin“ lesen, aber da war ja noch Anne Fadimanns „Ex Libris“ und Bücher über Bücher sind ja interessant und faszinieren mich, obwohl ich das bei „Buzaldrin“ gewonnene „Buchhandlungsbuch“ auf meinen Schlafzimmerbücherstapel bei der Wand geräumt habe.

Eigentlich sollte ich das Buch auch wegräumen, wenn ich noch den „Circle“, die Ruth Cerha, die Eva Menasse und die neuen Bücher lesen will, aber dann habe ich es doch genommen und bin damit in die Badewanne gegangen, denn die „Bekenntnisse einer Bibliomanin“ sind ja interessant, bin ich ja höchstwahrscheinlich auch eine solche und schreibe auch gerne über das Bücherlesen.

Anne Fadiman war mir kein Begriff, leider gab es im „Diogenes-TB“, ein Fund vom offenen Bücherschrank, die ich jetzt ja länger vernachläßigt habe, keine Biografie.

„Wikipedia“ belehrte mich, daß das eine 1953 in New York geborene Essayistin und Reporterin ist, die offenbar auch aus einer bibliphien Familie stammt.

Das Büchlein über Bücher ist in siebzehn Kapitel gegliedert und manche waren für mich ein wenig irritierend, manche vertraut und das von den beiden Bibliotheken, die ihre und die ihres Mannes, die sich dann irgendwann einmal vereinen, fand ich originell. Da war dann auch die Frage, nach welchen Gesichtspunkten man Bücher ordnen soll, nach dem Alphabet, nach der Farbe, nach der Größe, etcetera?

Ich würde sagen, das ist eine Platzfrage und ich habe inzwischen soviele Bücher und so wenig Platz, daß sich diese Frage bei mir erübrigt. Duplikate gebe ich  weg. Interessant ist  die Frage, wie das dann ist, wenn man den doppelten „Mobby Dick“ entsorgt hat und die Ehe bricht entzwei?

„Wortungeheuer und Bandwurmwörter“ war für mich ein überraschendes Kapitel, da ist es um sehr unbekannte Worte gegangen, die in meinem Bibliophilenleben keine Rolle spielen,  auch das vom „Kuriositätenkapinett“, wo Anne Fadmann aus  einem Buch über Scotts Polarexpedition zitierte.

Dann gibt es noch ein Kapitel, wo sie ein Buch ihrer Urgroßmutter, das diese für ihre hervorragenden schulischen Leistungen „Eines über die wahren Bestimmungen der Frau“, erwähnt, das von einem Geistlichen geschrieben wurde, der die Mädchen belehrte gute Hausfrauen und Mütter zu werden. Sie liest es während sie ihre Tochter stillt und wird es ihr dann vermachen, wenn sie auch Mutter ist.

Ein mehr oder weniger wertvolles Antiquitätenstück  und ich habe auch das berühmt berüchtige „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ einer Frau Dr. Johanna Haarer in meiner Sammlung, wo drin steht, daß man die Kinder schreien lassen soll, um sie nicht zu verwöhnen.

Vertrauter oder was ich erwartet hatte, ist das Kapitel mit der Frage, wie man mit seinen Büchern umgehen soll? Anne Fadiman erwähnt hier eine Europareise mit ihren Eltern und ihrem Bruder, der ein Buch offen im Hotelzimmer liegen ließ, das Zimmermädchen steckte ein Lesezeichen hinein und schrieb dazu „Tun Sie das Ihrem Buch nicht an!“

Da scheiden sich wohl die Geister. Darf man Eselsohren machen und was hineinschreiben? Ich gehöre zu der Fraktion, die sagt man darf, Lesezeichen ist mein Bleistift, ich streiche alles an, um mich wie ich mir einbilde, später für das Bloggen zu erinnern, ich betrachte Bücher sozusagen als meine Gebrauchsgegenstände, deshalb stelle ich sie nach dem Lesen auch nicht in den offenen Bücherschrank.

Das nächste Kapitel ist den Autogrammen und den Widmungen gewidmet. Ich bin keine Autogrammsammlerin, hole mir nur höchst selten solche und mag  auch keine Widmungen, weil ich finde, daß sie die Bücher verschandeln, habe aber natürlich welche, weil ich viele Bücher aus den Schränken hole und die sind dann ganz interessant.

Anne Fadimann zitiert ein Beispiel,  daß Shaw einmal ein Buch mit seiner Widmung in einem Aniquariat gefunden hat, er hats gekauft, es noch einmal gewidmet und an den Adressat zurückgeschickt.

Ich habe einmal eines der Ruth mit Widmung im Schrank gefunden und sie gefragt, ob sie es haben will und es ihr  zurückgebracht.

Weiter geht es mit Anne Fadiman bibliophiler Familie, die Mutter war im Krieg Berichterstatterin und sehr empört, als ihr ihr Redakteur die Artikel klaute und ungenannt veröffentlicht, es gibt also ein Kapitel über Plagiate. Da habe ich ja auch schon einige miterlebt und die Familie hat die Eigenschaft des unerschöpflichen Korregierens. Sie können es im Restaurant nicht lassen die Rechtschreibfehler anzuprangern und die Mutter hat ein dickes Kuvert mit all den Fehlern ihrer Zeitschrift, die sie ihrer Redaktion mal schicken will.

Das ist wohl Erbsache, Anne Fadiman spricht von Familiengen oder würde ich vermuten ein Schichtproblem, denn die sozialistische Unterschichttochter war in der Straßergasse eigentlich sehr stolz auf ihre Rechtschreibfehler, verteidigt sie noch immer mehr oder weniger und kann eigentlich nicht wirklich verstehen, warum man, daß nicht mehr mit scharfen „ß“ schreiben darf, wo ich es doch in der Schule so lernte.

Ein wichtiges Kapitel ist aber auch das Lesen lernen und Anne Fadiman wiederholt die wichtige Beobachtung, daß Kinder das von ihren Eltern lernen, nur aus den vorgelesen Bekommenen werden Leser, die schönsten Kinderbücher im Kinderzimmer nützen nicht, wenn die Regalbretter im Wohnzimmer leer sind und da kommen wir schon zu den Antiquariaten.

Anne Fadismanns Mann führte sie einmal zum Geburtstag zu einem solchen, zurück kam sie mit acht Kilo Büchern. Ich habe ehrlich keine Ahniung, wieviel Bücher das sind, würde aber schätzen, daß das gar nicht so viel sind und für die braucht man dann Platz, so hat Anne Fadimann auch einmal in einem Antiquariat ein teures dünnes Büchlein von einem englischen Premierminister gefunden, das „Über Bücher und ihre Unterbringung“ hieß, der war ein Büchernarr und hat genau aufgeschrieben, wie man am besten die meisten unterbringen kann.

Anne Fadiann studiert aber auch Versandkataloge, solche die Pfannen und keine Bücher verkaufen und hat ein Kapitel ihrer ersten Schreibfeder gewidmet.

Da gibt es auch einen Absatz, wo jemand einen Vogel tötete, weil er unbedingt eine Feder brauchte, um was aufzuschreiben, ein sehr männliches Verhalten von Sir Walter Scott, das mich eher abstößt. Einer hat auch einmal seine Farbänder ausgetauscht und reinigen lassen und jetzt schreibt man sowieso am Computer und es gibt keine Originilae mehr.

Anne Fadimans Buch ist in den Neunzigerjahren erschienen, wo ihre Kinder noch klein waren und wird wahrscheinlich heute, als schon zweiundsechzigjährige auch anders lesen und schreiben.

Sie berichtet auch, daß man an die Orte gehen soll, wo die Bücher geschrieben wurden.  So hat Thomas Babington Macaulay Titus Livius am Trasimener See gelesen, wo die punischen Kriege statt fanden und in drei Stunden fünfzehntausend Römer starben, etwas was ich eigentlich auch nicht im Original lesen will, während sie mit ihrem Mann George am Grand Canyon über  „Die Erforschung des Colorado River und seiner Canyons“ las.

Es gibt ein Kapitel über Bücher über Bücher, die meisten sind auf Englisch angegeben und unterscheiden sich wahrscheinlich von meiner Sammlung, aber mir ist noch eingenfallen, daß ich da auch etwas von Nick Hornby gelesen habe.

Es gibt eine lange Danksagung und ich kann noch erwähnen, daß es in Ö1 schon lang am Sonntag eine Sendung namens „Ex Libris“ gibt, die ich mehr oder weniger regelmäßig höre.

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