Literaturgefluester

2018-05-01

Alles muß man selber machen

Filed under: Bücher — jancak @ 00:49
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Nun kommt meine „Befindlichkeitsbesprechung“ über Daniela Strigls bei „Droschl“ erschienen „Biographie- Kritik- Essayband“, der, glaube ich, aus Vorlesungen die sie in Graz zur „Praxis des Schreibens“ gehalten hat, hervorgegangen ist und der meine, weil ich ja sehr an der Literatur und dem Literaturbetrieb interessiert bin, Aufmerksamkeit geweckt hat, so daß ich Henirike Blum in Leipzig darauf angesprochen habe und auch bei der Buchpräsentation in der „Gesellschaft für Literatur“ war.

Ich kenne, kann ich gleich vielleicht auch biographisch hinzufügen, die 1964 in Wien geborenene Literaturwissenschaftlerin und Literaturkritikerin schon sehr lange. Ich glaube, ich habe sie in den Neunzigerjahren, als sie die damals noch existierende „Literatur im März“ kuratierte, kennengelernt. Dann 2000 wahrscheinlich bei einem „Paul Celan-Symposium“ im Radio Kulturhaus gesehen und mich nicht getraut sie anzusprechen, obwohl ich das gerne getan hätte.

Dann ist sie, glaube ich, schlagartig im Literaturbetrieb aufgestiegen, war beim „Bachmmann-Preis“ Jurorin, bis sie von dort wieder ausgestiegen ist, weil man ihr den versprochenen Vorsitz nach Burkhard Spinnen, dann doch nicht geben wollte, war in der Jury des „Deutschen Buchpreises“ und auch bei dem in Leipzig, war im Radio bei „Ex Libris“ tätig und kuratiert bei den „O-Tönen“, die Debutschiene und hat verschiedene Preise bekommen.

2001, den „Staatspreis für Literaturkritik“, da war ich, glaube ich, auch bei der Verleihung, hat zwei Biografien über Marlen Haushofer und über Marie von Ebner  Eschenbach geschrieben. Über Morgenstern, glaube ich, ihre Diolomarbeit über Kramer ihre Dissertation und sie ist was ich auch sehr interessant finde bei vielen Veranstaltungen zu finden, so daß man wenn man in Wien lebt und sich wenigstens ein bißchen für Literatur interessiert, nicht um sie herumkommt und ich sehr viele Anekdötchen über sie erzählen könnte.

Die Haushofer-Biografie wurde 2000 wahrscheinlich im „Radio-Kulturcafe“ bei einer literarischen Soiree vorgestellt. Da war ich mit dem Alfred. Es gab einen Quiz. Das heißt, einen Fragebogen den man ausfüllen konnte, wenn man das Buch gewinnen wollte. Ich habe vorher die „Ex-libris-Sendung“ darüber gehört und dachte, das weiß ich alles. Bin aber leider offenbar doch sehr schlampert, wie sich dann bei der Beantwortung herausstellen sollte. Ich habe mich auch mit dem neben mir sitzenden Herrn abgesprochen. Hatte dann gleich viel Punkte wie er. Die richtige Antworten auf die Stichfragen aber auch nicht gewußt .Er war aber so charmant mir das Buch zu überlassen. Nochmals vielen Dank dafür.

Die Ebner-Eschenbach-Biografie habe ich nicht, weil „Residenz“ ja irgendwann aufhörte, mir seine Vorschauen zu schicken, war aber beim Symposium und bei der Präsentation der Werkausgebe in der „Wien Bibliothek“ und ich habe auch, Detail am Rande die Junge Literatur aus Österreich-Bände gesammelt, die es in den Achtzigerjahren gegeben hat und wo einige heute bekannte Persönlichkeiten ihre Jugendwerke, darunter auch Daniela Strigl, ein paar ihrer Gedichte eingereicht haben.

Sie mischt sich, glaube ich, auch in die Tagespolitik immer wieder ein und hat sowohl mündlich als auch schniftlich eine sehr schlagfertige Art, was das Lesen ihrer Bücher und wahrscheinlich auch das Hören ihrer Vorträge sehr angenehm macht.

Das gar nicht so dicke Bändchen, ich habe wieder mal das PDF gelesen, gliedert sich in drei Teile „Biographie – Kritik – Essay“ umd im ersten Teil, der der Biographie gewdmet ist, werden natürlich die beiden schon erwähnten Biografien genannt und besprochen und die verschiedensten Fragen aufgeworfen, die es um das Biografieschreiben gibt.

Da ist, glaube ich, wahrscheinlich zwischen dem biografischen Roman und der wissenschaftlichen Biografie zu unterscheiden, der erster ist ja jetzt sehr modern und ich habe in letzter Zeit mehrere davon gelesen. Daniela Strigl hält sich natürlich an die Wissenschaft. Schreibt aber, wie erwähnt sehr witzig und scharfzüngig, was sehr angenehm beim Lesen ist und so wird im ersten Teil des Buches in einigen Punkten sehr viel über die beiden Biografien, bei meiner Haushofer Ausgabe, gibt es noch keinen Titel, die die späteren Ausgaben glaube ich, haben und über „Berühmt sein ist nichts“ über Marie von Ebner Eschenbach viele informationen und es werden sehr interessante Fragen gestellt. Nämlich, wie das mit den Geheimnissen so ist, die die betroffenen Personen vielleicht nicht gelüftet haben wollen.

Daniela Strigl hat bei ihren Recherchen in Tagebücher und Briefen da einiges ins Licht gebracht, was den Haushofer- Verwandten unangenehm war. Marie von Ebner Eschenbach hat ihre Tagebücher verbrannt und die Briefe nach dem Tod ihrer Freundinnen zurückverlangt. Bei denen an Josephine von Knorr ging das nicht. So hat Daniela Strigl manches aufgedeckt, wo ich mich die die Autheniztät aber auch die Selbstverantwortlichkeit wichtig ist, frage, ob das richtig ist, wenn ich in einer Biografie beispielsweise eine Homosexualität oder sexuelle Verklemmtheit aufdecke, die ich nur vermute  oder sich der Autor aber nicht outen  wollte?

Ene interessante Frage, auch die daß Biografien in der Literaturwissenschaft, als nicht seriös gelten. Die Leser aber gerne  Gschichterln über die berühmten Personen lesen und natürlich ist es, denke ich, wahrscheinlich besser das Original zu lesen.

Also Haushofers „Wand“ oder die Biografie statt den Essay darüber. Aber wir alle leiden ja am Zeitmangel. Haben zu wenig davon und so ist es sicher amusant und spannend sich in die Vorlesung einzuhören und in den Biografieband einzulesen. Die Wand habe ichtrotzdem gelesen und den Haushofer-Band wenigstens durchblättert.

Der zweite Tel ist der „Kritik“ gewidmet und das ist ein sehr interessantes Thema, obwohl mir beim Lesen wieder einmal die Frage aufgestoßen ist, warum das „Kritik“ heißen muß und warum muß der Kritiker kritisieren oder verreißen und warum darf es nicht genügen, bloß den Inhalt und seine Meinung, wie ich das ja beispielsweise ganz bewußt tue, wiederzugeben?

„Das ist keine Kritik!“, sagen die Fachleute und zitieren Beuispiele und Belege, was der Sinn einer Kritik zu sein und welche Teile sie zu enthalten hat. Daniela Strigl tut das auch, macht sich nur ganz leicht und nur ein bißchen über die sogenannten Laienkritiker im Netz lustig, die das Buch auf den Strand mitnehmen und dann schreiben: „Das hat mich nicht berührt oder das ist super supitoll!“

So darf Kritik nicht sein, denn sie muß sich ja mit dem Inhalt auseinandersetzen, den Hintergrund aufdecken, vielleicht auch neu zusammensetzen und noch vieles mehr und von da stammt auch offensichtlich das Titelszitiat, daß der Kritiker nicht oder schon alles selber machen muß oder soll.

Den besseren Roman schreiben beispielsweise und auf jedenf Fall alles besser wissen! Das ist aber etwas, was mich ärgert und deshalb lese ich auch selten Literaturkritiken. Ich lese eher die Bücher und schreibe dann meine Meinung darüber und verreiße nicht, weil ich das nicht notwendig habe.

Aber ich bin auch keine Rezensentin sondern bespreche eher als Erinnerungsstütze und für mein persönliches Archiv. Wenn, das dann noch jemanden weiterhilft und vielleicht zum Lesen anregt, um so besser und das unterscheiden meine Befindlichkeits- oder nicht-besprechungen, sicherlich von Daniela Strigl Rezensionen, die zuerst ein paar Zitate von Theodor Fontane bis Klaus Nüchern über den Niedergang der Literaturkritik bringt.

Dann zittiert sie ein paar Kritikertypen und resumiert darüber, ob die nun Platzanweiser, Raumpfleger, Polizisten, etcetera sind? Sie will das, glaube ich, nicht sein und Klaus Nüchtern versteht es offenbar durchaus als seine Aufgabe, die Leser davon abzuhalten, ihre Zeit mit einem schlechten Buch zu verplempern?

Aber bitte, was ist ein schlechtes Buch. Da scheiden sich die Geister, denn es gibt über ein und dasselbe Werk, in den literarischen Soireen und Quartetten ja die verschiedensten Meinungen und da will ich es lieber für mich selber herausfinden und deshalb lese ich wahrscheinlich auch selten Literaturkritiken und schüttele den Kopf, wenn die Kritiker abwehrend den Finger heben und laut „So nicht!“, schreien.

Daniela Strigl tut das, glaube ich nicht, bringt aber ein paar Beispiele ihrer Kritiken. So hat sie beispielsweise Andre Hellers „Buch des Südens“ verrissen und der hat mich ja einmal sehr zur Verweiflung gebracht, als ich ihn in einer „Ex Libris-Sendung“ sagen hörte, daß der Laie, fühge ich jetzt selbst hinzu, ja nicht zu schreiben anfangen soll, weil er damit den großen Goethe beleidigen würde.

„So ein Blödsinn!“, habe ich damals gedacht und mich sehr geärgert. Das „Buch des Südens“ aber nicht gelesen, so daß ich hier keine Gegenmeinung anbringen könnte und dann gibt es noch ein Beispiel, von etablierten Literaturkritikerm, die allen Ernstes behauptet haben, „daß schon solche Idioten, wie Günter Grass, Elfriede Jelinek und jetzt schon Bob Dylan den <nobelpreis bekommen hätten“.

„Ein noch größerer Blödsinn!“, denke ich und eigentlich der Abgesang der Literarurkritik. Dabiela Strigl führt aber noch weiter aus, warum sie dennoch Rezensionen schreibt und, wie man mit den Kritisierten umgehen soll, wenn man sie am  Abend bei einer Veranstaltung sieht und sie bedauert es dann auch, wenn die ihr Urteil persönlich nehmen und beleidigt sind.

Dann kommt auch sie auf ihre schon oben erwähnten Gedichte zu sprechen und zitiert einen Roman, den der große Wendelin Schmidt Dengler geschrieben, dann für schlecht empfunden und, wie sie anmerkt wahrscheinlich vernichtet hat.

Ich habe, kann ich anmerken, einmal in einem der Schränke ein Jugendwerkt des berühmten Hubert Winkels gefunden, der jetzt in Klagenfurt den Juryvorsitz hat und Wolfgang Herles und Helmuth Karasek haben ja auch Romane geschrieben und wurden von ihren Kritikerkollegen entsprechend verrissen.

Dabniela Strigl schreibt, glaube ich, keine Romane, aber Essays und die prägen den dritten Teil des Buches, wobei sie den Begriff als „Gattung der Freiheit“ definiert, in dem Portraits, Abhandlungen zu ästhetischen und gesellschaftlichen Fragen, Zeitkritik, Aphorismen, also das gesamte weite Feld der Literatur, das nicht in Lyrik, roman oder Erzählung einzuteilen ist, enthalten sind.

Nachdem dieser Begriff in vier Kategorien erläutert  Definitionen von Lichtenberg, Wolfgang Müller-Funk, der ja auch dichtet, etcetera anführt, kommt sie zu den Beispielen ihrer Feder und da hat sie sich neben literarischen Portraits über Ebner-Eschenbach, Gerstl, Buchebner, Kräftner, etcetera auch sehr persönlich geäußert und sich in Zeitungen wie „Falter“ oder „Standard“ über den „Niedergang der Lippizaner, der Kaisersemmerln, denn sie ist Bäckerenkeltochter, sowie über die Baustellen auf der Uni  geäußert. Daraufhin wurde sie zum Vizerektor zitiert, an der Direktion der Hofreitschule wurde nichts geändert, nur die Wiener Llinien, die vorher „Zug fährt ab“ und dann „zurückblieben bitte“ ausufen ließen, worüber Strgl sich mokierte, haben, wie sie befriedigt anmerkte ihr Tonband auf nicht mehr „Einsteigen“ bitte geändert.

Man sieht, daß dasLeben einer Germanistin sehr interessant sein kann und lobend ist wahrscheinlich das literarische Geschick, sowie ihr Witz und Ironie  zu erwähnen, in dem es ihr gelingt, die trockene Literaturkritik in etwas sehr Spannendes zu verwandeln.

Deshalb ist das Lesen des Bandes sehr zu empfehlen und vielleicht sollte ich doch mehr Strigl-Kritiken lesen, obwohl ich,  wie schon erwähnt, eher eine Direktleserin bin, die dann ihren eigenen Senf auf ihre eigene bewußt subjektive Art dazu gibt, was wenigstens ich, für sehr erfrischend halte und ehrlich ist es auch.

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2017-06-17

Kontinent Doderer

Jetzt kommt, könnte man respektlos schreiben, der dritte Bobo aus der „Falter-Redaktion“nämlich der ehemalige „Bachmann-Juror“ und „Staatspreisträger für Literaturkritik“ Klaus Nüchtern, der zum fünfzigsten Todestag von Heimito von Doderer eine Biografie über ihn schreiben sollte.

Der wollte oder konnte das nicht, so ist ein“Kontinent Doderer“ daraus geworden oder, wie Nüchtern ganz am Anfang schreibt, ein essayistischer Gang durch Leben und Werk des großen oder kleinen, vergessenen oder bekannten österreichischen Dichters.

Mir ist er bekannt, befand ich mich doch nach meiner Knödl-Matura stark in der philosophischen Krise und bin mit dem nicht so kleinen literarischen Wissen, vermittelt durch die Frau Prof Friedl, im Sommer 1973 und noch später, die Buchhandlungen Wiens abgeklappert und habe mich eingekauft und eingelesen.

Ja, damals hat die sparsame Studentin noch zum Normalpreis gekauft und sich nicht vorstellen können, daß die Bücher vierzig Jahre später einfach so auf der Straße herumliegen oder, daß man sie von den Verlagen problemlos zugeschickt bekommt und gelesen hat sie viel, wenn auch wahrscheinlich noch nicht sehr viel verstanden.

1974 im Sommer im Häuschen am Almweg „Den Mann ohne Eigenschaften“ und drei Jahre später glaube ich, frisch verliebt in den Willi und sehr gehemmt, vorwiegend im Stadtpark „Die Dämonen“, was für mich ein prägendes Buch werden sollte und ich jetzt endlich nach der Nüchtern-Lektüre weiß, was ich antworten soll, wenn mich jemand fragt, welche Bücher mich geprägt hätten?

Also unter anderen „Die Dämonen“, vorher schon „Onkel Toms Hütte“, auf der Operbühne hat es der „Don Carlos“ geschafft, Unbehangen hat der „Zerbrochene Krug“ in mir ausgelöst“ weil ich mich mit dem armen Adam identifizierte.

Man sieht, ich hatte schon damals keinen Humor, über die „Alten Meister“ habe ich aber einmal in der Station Hütteldorf, als ich auf den Zug nach st. Pölten wartete, sehr gelacht, mich inzwischen aber trotzdem vom Meister entfertn, während ich zu Meister Doderer wieder zurückgekommen zu sein scheine und das ist ja insofern interessant, da Meister I angeblich nach dem Tod von Meister II im Dezember 1966 aufgejauchzt haben und gesagt haben soll „Jetzt ist der Weg für mich frei!“

In meinen Studentenjahren war ich, glaube ich, von Doder sehr beeinflußt und habe mir sowohl die „Merowinger“, als auch die „Wasserfälle“ in der Taschenbuchausgabe gekauft und erst oder wiedergelesen, als ich im vorigen Jahr nicht so recht wußte, worüber ich schreiben soll und dann die Anne Frank zu Stefan Zweig und Heimito von Dodererim Himmel zusammen frühstücken ließ.

Damals hatte, es war im Frühling, ich den Eindruck Doderer sei inzwischen völlig unbekannt und habe im Netzt nur ein paar alte Interviews von ihm gefunden. Das sollte sich im Herbst, als das Jubliäum nahte, ändern und als die Trude K. die mich ja jetzt immer fragt, von mir wissen wollte, welches Buch ich zum Geburtstag haben will, habe ich dieses genannt und es ist auch das letzte der Geburtstagsbücher, das ich jetzt lese.

Dazwischen hat es in der „Gesellschaft“ ein „Doderer-Symposium“ gegeben und Klaus Nüchtern wurde zu seiner Biografie befragt, er hat sie auch auf der „Buch-Wien“ vorgestellt und er greift in seiner „Durchquerung“ im Kapitel „Eine Gebrauchsanweisung“ auch gleich die Frage auf, wie bekannt oder unbekannt Doderer inzwischen ist und ob man ihn, beziehungsweise, die Fußnoten im Buch lesen soll?

Die Antwort ist natürlich, man muß nicht, könnte dann aber etwas versäumen und natürlich zählt Doderer zum Minderheitenprogramm, aber das tun die anderen D Dante, Dickens, Dostojewsky höchstwahrscheinlich auch.

Bei Dickens wäre ich mir da nicht so sicher, füge aber hinzu, daß ich ihn kaum gelesen habe und wenn ich mir so anhöre, was die Literaturwissenschaftler am heutigen Deutschunterricht beklagen, kommen wahrscheinlich die meisten Maturanten durch diese ohne den Namen Doderer je gehört zu haben und ich muß ehrlicherweise anmerken, daß ihn auch, die Frau Profossor Friedl wahrscheinlich nicht sehr erwähnte, weil die ja ein Faust-Fan war und uns wirklich und wahrhaftig ein ganzes Jahr lang damit beschäftigte, was mir noch heute unvorstellbar vorkommt.

Doderer war also ein alter Nazi, ist er doch, kein Witz, am 1. 4. 1933 in die NSDAP eingetreten, was ihm später höchstwahrscheinlich den Nobelpreis kostete. Das deutet Nüchtern nur diskret an, beschäftigt sich in seinem zweiten Essay aber sehr wohl mit den vier S, der Schuld und Sühne, Schicksal und Sibirien“, denn Doderer hat ja in derKriegsgefangenschaft in Russland im World war I zu schreiben angefangen und in seinem ersten Roman, den er später nie mehr auflegen ließ, darüber eschrieben und auch im letzten, den „Grenzwald“, den ich erst lesen muß.

Bekanntgeworden ist er in den Fünfzigerjahren schlagartig durch die „Strudhofstiege“, die ich auch erst finden muß und hat es dadurch, ich glaube, nach der Bachmann auf das Cover des „Spiegels“ gebracht und da Klaus Nüchtern, glaube ich, ein Filmfan oder Kenner ist, vergleicht er im nächsten Kapitel auch gleich Doderer mit Hitschcock und da muß ich passen, denn ich habe die berühmten Filme kaum gesehen, bin ich ja eine passionierte Nichtferseherin und war das schon immer.

Aber es gibt da einen mir gleichfalls unbekannten Roman, wo zwei Herren mit dem Feldstecher, die Damen des gegenüberliegenden Hauses beim Ausziehen ihrer Unterwäsche beobachten und ihre Freunde daran hatte, was waren das für Zeiten in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts?

„Den Mord den jeder begeht“, habe ich auch nicht gelesen. Vielleicht finde ich ihn noch, da fahren jedenfalls ein paar Studenten mit dem Zug und stecken zu ihrem Gaudium einen Totenkopf aus dem Fenster, um das Mädchen im vorigen Coupe zu erschrecken. Die fällt dann aus dem Fenster und stirbt und um die „Suspense“ hat sich Nüchtern auch bemüht und weist nach, wie das mit dieser im Bezug auf Mary Ks. ersten Straßenbahnunfall der Literaturgeschichte ist, der sie um ihre schöne Beinen brachte. Das wird in der „Strudlhofstiege“ am Anfang angedeutet und erst achthundert Seiten später wirklich ausgeführt. Respektdem Meister Nummer II oder natürlich I.

Es gibt ein Kapitel über Doderers Wien. Das wird zum Beispiel  dieStrudlhofstiege genau beschrieben und eines das erläutert wie Doderers literarischer Aufstieg in den fünziger Jahren möglich war. Er war ja, meint Nüchtern, ein Spätzünder, hatte bis zur „Strudlhofstiege“ nicht so viel veröffentlicht oder war nicht so bekannt.

Ein anonymer Brief hat seinen „Nobelpreis“ verhindert. Hilde Spiel hat sich aber sehr für ihn eingesetzt und Nüchtern meint auch im nächsten Kapitel, wo es hauptsächlich um die „Dämonen“ geht, dazwischen kommt ein eher kleiner Bildteil, daß sich Doderer mit diesem Buch, wo er ja den Justizpalastbrandt, ie Ereignisse von Schattendorf und den Aufstieg eines Arbeiters zum Bibliothekar, in dem er sich selbst Latein beigebracht hat, beschrieben hat, sich damitentnazifizieren wollte und ich war ja in den Siebzigerahren, obwohl ich von den gschichtlichen Ereignissen  nicht viel verstanden habe, von Leonard Kakabsas sozialen Aufstieg sehr begeistert.

Der war und ist meine Lieblingsfigur und deshalb ist es wahrscheinlich, wie schon beschrieben, eines mich prägenden Bücher.

Ich habe aber es im Vorjahr wegen seiner Dicke nicht mehr nochmals gelesen und von den anderen Personen, es ja ein Monsterbuch, eines zu dem Doderer wahrscheinlich auch seine preußisch-zwanghaften Pläne zeichnete, ging es ja in einem der vorigen Kapitel, auch um die Frage, wie Österreichisch das penibel Plänezeichen des Heimito von Doderers ist, nicht mehr viel außer der Stelle, wo es, um Quapps, glaube ich, vergebliches Bemühen um die Kunst ging, was mich natürlich sehr beeindruckt hat, in Erinnerung.

Dazu haben mir beim Lesen, was ich ja sehr blauäugig angegangen bin, wahrschlich auch die Vorkenntnisse aus der „Strudlhofstiege“ gefehlt.

Der nächste Essay ist den „Metowingern“, über die ich im Vorjahr auch einen Film gesehen habe, in dem Wiens literarische Avantgarde der Sechzigerjahre mitspielte oder der „Grossen Wut des Doctor D.“ gewidmet und der Docotor Döblinger, der ja in mehreren Werken Doderers eine Rolle spielt, wird als das Alter Ego des Dichters gehandelt.

In den „Posaunen von Jericho“, die in dem „Doderer-Buch“, das ich mir einmal von meinen Eltern schenken ließ enthalten ist, kommen ähnliche Motive und Personen, wie bei den „Merowingern“ vor, zumindestes der Psychiater mit seiner Antiaggressionstheorie und Nüchtern analysiert hier sehr genau, was es mit der Wut, der Aggression und dem Witz, also der Tendenz zu lachen, wenn jemanden Böses passiert und damit seine Triebe zu bewältigen, womit ich ja bekannterweise große Schwierigkeiten habe, auf sich hat.

Eine Stelle, die sich, glaube ich, auf Wendelin Schmidt Dengler bezieht, der ja auch sehr viel über Doderer geforscht hat, finde ich sehr interessant, nämlich die „Wer seine Ästhetik aus der Mappe der Menschlichkeit bezieht, für den muß dieser Roman ein unsympathisches Buch bleiben, keine Ästhetik der Welt kann über dieses Unbehagen hinweghelfen“.

Dem stimme ich ein bißchen zu, weil ich ja, wie oft beschrieben, nicht ganz verstehe, warum geschmipft, beleidigt, geschlagen, gemordet werden muß und, daß dann bei einer Veranstaltung die Leute noch darüber lachen.

Doderer hat aber seine „Merowinger“ selber als sein Ausnahmewerk und als eine große Blödelei verstanden.

Daß er damit auch das dritte Reich aufarbeiten wollte glaube ich auch und so habe ich gar nicht so viele Schwierikeiten mit dem Buch, obwohl man natürlich über manches den Kopf schütteln kann.

Es beweist aber auch Doderers große geschichtliche Kenntnisse, der ja auch als „Spätzünder“ Geschichte studiert hat.

Dann gibts ein bißchen was zu den „Wasserfällen“. Wir erfahren, daß Doderer am  zwölften April 1957 sich mit Theodor Adorno im Hotel Sacher zu einem Mittagessen traf und ihm dort gerne an „die Glatze klatschen“, wollte, um zu erfahren, ob von dort „ein Wölkchen Staub  auspuffen“ würde.

Doderer hat sich in seinen Werken viel mit den Hausmeistern beschäftigte und diese, weil sie wohl an die Blockwarte erinnern gehaßt. Wir erfahren in seinen Büchern viel, wie seine Protagonisten wohnen und das letzte Kapitel, was ich ganz besonders interessant finde, ist dem Namen-Glossar gewidmet.

Haben mich doch, wie ich im letzten Jahr feststellen mußte, seine Namen sehr beeinflußt, so gibt es auch bei mir Figuren mit dem Namen Wewerka und bei Doderer gibt es einen Branntweiner mit dem Namen Freud, was mich an meinen sprechenden Namendisput mit meiner ersten Kritikerin erinnerte und Nüchtern betont, daß der große Meister von der Berggasse dadurch wahrscheinlich nicht beleidigt wurde, hatte es doch damal mindestens drei Branntweiner mit diesem Namen gegeben.

Und so haben wir den Kontinent Doderer durchquert und sind an sein Ende angelangt.

Nüchtern schreibt dazu: „Der  Kontinent Doderer ist nicht nur ein weites Land, er ist auch dicht besiedelt. Wer ihn kennenlernen will, muss nicht nur ganz Sibirien durqueren, sondern auch viele Treppen steigen und zwar nicht nur über die noble Strudlhofstiege, sondern auch in schlecht ausgeleuchteten Stiegenhäusern und Hausfluren, in denen es nicht immer sehr gut riecht.“

Und ich füge hinzu, daß man sich danach wahrscheinlich auch durch das Ouvre lesen sollte, wer das nicht will oder nicht kann, weil er nicht so viel Zeit hat, dem würde ich zu Beginn das „Doderer-Buch“ empfehlen.

Nüchterns Essays sind natürlich auch sehr interessant, aber dafür wäre vielleicht ein wenig Doderer Vorwissen auch nicht schlecht.

2016-05-19

Fouche

Jetzt kommt eine andere literarische Seite Stefan Zweigs, neben seinen leidenschaftlichen Novellen, mit denen er berühmt wurde, der „Welt von Gestern“ und seinem Roman „Die Ungeduld des Herzens“, hat er auch viele Biografien geschrieben.

Die von „Marie Antoinette -Bildnis eines mittelmäßigen Charakters“, eine Büchergilde Gutenbergausgabe, aus dem Bücherkasten meiner Eltern, habe ich, glaube ich, noch als Hauptschülerin gelesen, wo ich mich sehr für Geschichte interessierte und Napoleon sehr verehrte, dann gibt es die von „Maria Stuart“ „Balzac“, „Magellan“ etcetera und dann die von Joseph Fouche, dem französischen Polizeiminister unter Napoleon „Der Mann, der Napoelon Furcht einjagte“, steht auf meiner Fischer TB-Ausgabe, aus dem Jahr 1964, ein Fund aus dem Bücherschrank, 1929 geschrieben, die ich nach dem Roman, der Autobiografie und den Novellen, jetzt gelesen habe, ein ganz anderer Stil des Vielschreibers, der auch noch sehr viel auf Reisen war, wie er das wohl alles machte, seine Manuskripte wird wahrscheinlich seine Sekretärin getippt haben und um an das Material heranzukommen, Google hat es damals noch nicht gegeben, dürfte er diverse Memoiren, zumindest erwähnt er das in dem Buch, benützt zu haben.

Interessant, interessant, obwohl ich mich für die Geschichte nicht mehr so interessiere und die französische Revolution für eine sehr blutige halte, so daß ich eigentlich gar nicht verstehen kann, daß sie heute noch am vierzehnten Juli gefeiert wird, habe ich auch schon einiges gelesen, am Pfingstmontag vor ein paar Jahren  Victor Hugos „1793 Frankreichs Schreckensjahr“ beispielsweise, das ich während des Lesemarathon, den ich damals machte, im Schrank gefunden habe und Joseph Fouche und Marie Antoinette passen zeitlich auch  zusammen, hat er ja das Todesurteil des französischen Königs unterzeichnet oder ausgerufen, der 1759 geborene, wie Zweig betont, häßliche Mann, der die unteren kirchlichen Weihen erhielt, eine zeitlang Mathematik in Priesterseminaren unterrichtete, bevor er sich der Revolution anschloß, zum Schlachter von Lyon wurde, Kirchen plünderte und dann zuerst Polizeiminister der Revolution wurde, Robespearre hat er auch zum Sturz gebracht. Dann war er zweimal ein solcher unter Napoleon, wurde von dem aber versetzt, als er  selbständig Friedensverhandlungen begann, ein gigantisches Spitzelwesen, wo er alle überwachte, hat er vorher auch noch eingeführt. Er der zuerst ein kommunistisches Manifest schrieb, die allgemeine Armut verordnete, wurde dann zum Millionär und zum Herzog, stürzte danach auch Napoleon, führte die Bourbonen wieder ein, die ihm aber den Königsmord nicht verziehen, so wurde er nach Linz versetzt, wo er sich mit seinen Verteidigungsschriften beschäftigte, beziehungsweise seine Memoiren schrieb.

Wenn man kurz vorher Stefans Zweig leidenschaftliche Novellen und seine sehr ehrliche Biografie gelesen hat, wird man den Stil vielleicht ein wenig trocken finden, die „Amazon Rezensenten“ schreiben allerdings etwas „von spannend von der erste Seite an“, wahrscheinlich liegt es auch am Gegenstand, der Darstellung des „Bildnis eines politischen Menschens“, wie der Untertitel heißt.

Interessant ist natürlich all das Faktenwissen. Zweig zieht auch Schlüße und macht Feststellungen. Der Aufstieg und der Fall eines französischen Polizeiministers zur Zeit der französischen Revolution interessiert mich aber heute nicht mehr sehr, spannender vielleicht die Verbindungen zum ersten Weltkrieg, die Zweig an ein paar Stellen zieht und spannend auch die Vielseitigkeit Zweigs, des überzeugten Europäers und spannend mich durch sein Werk zu lesen, das ich höchstwahrscheinlich demnächst mit dem 1941 geschriebenen „Brasilien-ein Land der Zukunft“, das vermutlich wieder eine andere Facette seines literarischen Schaffens zeigt, beschließen werde.

2016-05-06

Die Welt von Gestern

Filed under: Bücher — jancak @ 00:32
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Jetzt kommt etwas, was ich eigentlich ganz selten mache, nämlich ein Buch zum zweiten Mal lesen. Stefan Zweigs „Die Welt von gestern,“ im Exil geschrieben, 1942 nach seinem Tod erschienen und eine „Büchergilde Gutenberg Ausgabe“ aus dem Bücherschrank meiner Eltern aus dem Jahr 1952, habe ich schon nach meiner Matura gelesen und es hat mich, kann ich mich erinnern, sehr beeindruckt.

In Ö1 wurde es auch ein paar Mal gesendet, so daß es mir eigentlich gut präsent geblieben ist und ansonsten habe ich in den letzten Jahre  eigentlich öfter gehört, daß der1881 geborene Stefan Zweig nicht so ein guter Schriftsteller ist, so daß ich wahrscheinlich, was mir jetzt leid tut, einige sehr Ausgaben in den Bücherschränken liegen gelassen habe.

Die „Schachnovelle“ habe ich aber schon vor Jahren gefunden und gelesen, Volker Weidermann hat vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Namen „Ostende“ über das Exil einiger Schriftsteller, wie Joseph Roth, Stefan Zweig, Irmgard Keun, Hermann Kesten, 1936 in dieser Küstenstadt geschrieben und bei „Arte“ gab es vor einige Monaten eine Dokumentation, die ich gesehen habe.

Als ich dann nach „Paul und Paula“ etwas Neues schreiben wollte, ist mir  die Idee gekommen, ein paar Schriftsteller oder Romanfiguren wiederauferstehen zu lassen. Kafka steht da irgendwo in meinem Notizbuch, aber auch Heimitio von Doderer, den ich als Studentin viel gelesen habe und Stefan Zweig und dann war ich erst einmal eine Weile entmutigt, denn man kann ja eigentlich keinen Roman über Sachen oder Leute schreiben, über die man nicht viel weiß oder nicht viel versteht.

Zu Ostern bin ich dann in demn Harlander Bücherregal fast zufällig auf die „Welt von Gestern“ gestoßen, habe mir auch noch das „Doder-Buch“ herausgesucht und Anne Franks „Tagebuch“, das ich vor zwei Jahren gelesen habe und habe das nach Wien mitgenommen.

Mir noch einmal die „Arte-Dokumentation“ angeschaut und mir dann von Zweig herausgesucht, was ich in den Regalen hatte, zwei Novellenbänden, die Biografie „Fouque“ und als ich vor zwei Wochen wieder in Harland war, habe ich noch den Roman „Die Ungeduld des Herzens“ mitgenommen und gelesen.

Dann bin ich darüber informiert worden, daß im Juni ein Film „Vor der Morgenröte“ über Stefans Zweigs Jahre in Amerika und Brasilien, wo er sich ja umgebracht hat mit Josef Hader in der Titelrolle erscheinen wird.

Den könnte ich mir in Hamburg, München, Leipzig oder Berlin etcetera in einer Presseaufführung ansehen,  man kann aber auch Zweigs späte, im Exil geschriebene Bücher, wie die „Schachnovelle“, die „Welt von Gestern“ oder „Brasilien“ anfordern, letzteres habe ich getan und obwohl ich jetzt, ich weiß nicht genau warum, schneckenlangsam lese, habe ich  mit dem „Wiederlesen“ des wirklich sehr beeidruckenden Buches begonnen und beeindruckend ist für mich vor allem, das 1941 oder 1942 im Exil, Zweig schreibt von Hotelzimmers, ohne seine Bibliothek und seine Autographen nur aus dem Gedächtnis geschrieben wurde und aus der Erschütterung heraus, die „Welt von Gestern“ gibt es nicht mehr, in Europa herrscht Krieg und wohin der führt und wie lange er dauert, hatte der über Sechzigjährige keine Ahnung und weil er sich mit seiner zweiten Frau Lotte im Februar 1942 in dem Haus, in Petropolis, das jetzt ein Museum ist, umbrachte, sollte er die auch nie bekommen.

So geht er zurück in sein Leben, in die verlorene Zeit, in das Wien, wo er als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Fabrikantenfamilie, die Mutter war Italienerin, 1881 geboren wurde und beschreibt diese Zeit, als eine der Sicherheit und der Solidität, wo nur das Alte Wert hatte. Die Männer Bärte trugen die Frauen Korsette und da kam er ins Gymnasium, wie alle Söhne gutbürgerlichr Familien und wurde von alten Herren über Sachen unterrichtet, die ihn nicht interessierten, denn ihn und seine Klassenkameraden interessierte die Kunst.

Hoffmannsthal war damals sechzehn undgalt als Wunderkind und war das Idol der dichtenden Gymnasiasten, die seine und Rilkes Bücher unter dem Schulpult lasen.

Alle haben gedichtet oder wollten Schauspieler werden, zu Ruhm hat es in der Klasse nur Stefan Zweig gebracht und nach der Matura erwartete die Familie von ihm, daß er studierte.

Der ältere Bruder hat die Firma übernommen. Er wählte die Philosophie, weil es das leichteste Fach war und kümmerte sich drei Jahre lang nicht um sein Studium, sondern gab den ersten Gedichtband heraus, lernte in der  „Neuen freien Presse“, der bedeutensten Zeitung Theodor Herzl kennen, reiste nach Berlin, um auch dort die jungen Dichter kennenzulernen, begann Verlaine und andere Dichter zu übersetzen.

Dann schrieb er eine Dissertation, wurde Her Doktor und reiste nach Paris, die Stadt der ewigen Jugend, wie er schreibt und die es 1942 so nicht mehr gab und nach London.

Dazwischen gibt es  ein Kapitel, wo die Sexualität der damaligen Zeit und  der bürgerlichen Stände beschrieben wurde. Die Mädchen wußten von nichts, wurden mit Klavierspielen, etcerta, abgelenkt, dann verheiratet und da konnte es dann passieren, daß sie in der Hochzeitsnacht verstört zu Hause wieder auftauchten und „Er hat versucht mich auszukleiden!“, kreischten.

Die Burschen hatten es nur scheinbar besser, denen wurde das Ausleben der Triebe zwar zugestanden. Die besseren Kreise hielten für die Söhne ein hübsches Dienstmädchen, die anderen luden die armen Ladenmädel in die Separees ein oder gingen in die Bordelle und mußten aufpassen, daß sie sich nicht die Syphilis holten, sie keine Alimente zahlen mußten, etcetera.

Danach gab es, wie Zweig schreibt, einen Sprung, denn 1942 hatte sich das geändert. Die Frauen hatten sich die Zöpfe abgeschnitten und die Korsette abgelegt. Sie durften dann ja auch schon studieren. Das war also besser, während sonst ja die Barbarei herrschte, die Zweig, die Autographen und die Heimat stahl.

Aber vorläufig ist er als junger Mann herumgereist und hat Gedichte und Novellen, noch nicht Romane geschrieben, aber dramatische Werke und da gibt es ein Kapitel, wo die größten Schauspieler der damligen Zeit Joseph Kainz und Alexander Moissi, beispielsweise, ihn um Stücke baten, aber dann vor der Aufführung alle gestorben sind, was ihn abergläubisch machte.

Es kommen Reise nach Indien und Amerika und dann beginnt der erste Weltkrieg.

Zweig schildert die Affaire Redl und schreibt von einer Begegnung mit Berta von Suttner, der Friedensmahnerin, die keiner ernst nimmt und vergleicht die Euphorie der Massen, die damals herrschte mit der gedämpften Erwartung des Kriegsausbruchs von 1939.

Der Juli 1914 war ein sehr schöner mit dem besten Wein, der, wie ein alter Weinbauer nichtsahnend erklärte, in Erinnerung bleiben wird.

Zweig hat ihn in Baden verbracht und in „Die Ungeduld des Herzens“ dann noch einmal beschrieben.

Er war kriegsuntauglich, aber irgendwie ambivalent, so meldete er sich für das Kriegsarchiv, vermittelte dorthin auch Rilke, der aber wegen seiner Sensibilität und Feinfühlickeit bald entlassen wurde.

Mit Romain Rolland wird er zum Kriegsgegner, schreibt ein Theaterstück dagegen „Jeremias“, das 1917 in Buchform erscheint und dann im kriegsfreien Zürich aufgeführt wird.

Nach dem Krieg kommt er in das arme Österreich, nach Salzburg, wo er sich ein Haus gekauft hat, das wir bei unserem letzten Salzburg-Aufenthalt gesehen habe und beschreibt in einem fast ironischen Ton, die Veränderungen die der erste Weltkrieg gegenüber der Zeit in der er aufgewachsen ist, brachte. Die Zöpfe wurden abgeschnitten, nur die Jugend regiert. „Homoseuxalität wird Mode. Die Musik suchte starrsinnig eine neue  Tonalität und spaltete die Takte, im Tanz verscxhwand der Walzer  vor cubanischen und negroiden Figuren, im Theater spielte man Hamlet im Frack und versuchte explosive Dramatik.“

Dazu kam noch die Inflation, die das Land in Aufruhr brachte.

Zweig, der einige Jahre mit dem Schreiben seiner Novellen „Amok“ und „Brief einer Unbekannten“, beispielsweise in Salzburg verbrachte, fuhr nach 1921 wieder ins Ausland und wurde berühmt. Seine Bücher wurden in großen Auflagen gedruckt und übersetzt. Ein Erfolg, der ihm Hitler dann genommen hat, der ihn ja bei Bücherverbrennung auch auf seine Liste setzte.

1928 war er auf Einladung eines Schriftstellerkongreßes in der SU und wurde bei seiner Rückkehr gerügt, daß er nicht Partei ergriffen hat, Lion Feuchwanger hat in einem Buch die SU glaube ich, sehr gelobt, Zweig schreibt von all den freundlichen begeisterten Menschen, die ihm, obwohl sie kaum lesen konnten, die Bücher von Marx und Hegel hinhielten, von den vielen Studenten von denen er umringt war und einen Brief, den er dann in seiner Tasche fand, „Lassen Sie sich nicht täuschen und verbrennen Sie ihn, denn wenn Sie ihn nur zerreißen, wird er widerzusammengesetzt!“

Dann kommt Hitler in Deutschland an die Macht und Zweig kann das in Salzburg, wo es inzwischen auch die Festspiele gibt, hautnah miterleben.

1934 war er in Wien und hat den Bürgerkrieg miterlebt oder, wie er schreibt auch nicht, denn persönlich hat er nicht viel davon gesehen.

Ein paar Tage später wurde sein Haus in Salzburg durchsucht, was er zum Anlaß nahm nach London zu emigrieren und dann nach Brasilien, wo der das Buch, das mit dem Beginn des zweiten Weltkries endet, glaube ich, fertig schrieb.

Ein sehr beeindruckendes Buch, wie ich nur wiederholen kann und so frisch geschrieben, daß man gar nicht glauben kann, daß es vor fünfundsiebzig Jahren geschrieben wurde.

Erstaunlich offen auf der einen Seite, Zweig schreibt sogar von der Art seine Sachen zu überarbeiten, so als hätte man damals schon Schreibratgeber gekannt, anderes, wie zum Beispiel seine zwei Frauen, Friederike, die in Salzburg geblieben ist und Lotte, die mit ihm in den Tod gegangen ist, werden dagegen wieder fast ausgespart.

Ein sehr beeindruckendes Buch also, das ich nur empfehlen kann und die Frage, ob Zweig jetzt ein großér Schriftsteller oder nicht ist, noch weniger verstehe, denn eine so offene Analyse eines unpolitischen Menschen, der wie er schrieb, schon Jahre nicht zur Wahl gegangen ist, habe ich schon lange nicht gelesen.

Er war natürlich auch sehr priveligiert, so daß man neidisch werden könnte, er ist aber auch sehr tief gefallen, wurde entwurzelt, seiner Autographensammlung und seines literarischen Rums beraubt und hat sich, glaube ich, wegen Depressionen umgebracht.

2016-03-11

Ebner-Eschenbach-Symposium

Nicht nur Henry James Todestag jährte sich heuer zum hundertsten Mal, auch auch österreichische Autorin Marie von Ebner-Eschenbach ist am zwölften März 1916 gestorben und sie wurde aus diesem Anlaß schon seit ein paar Jahren von Evelyne Polt-Heinzl, Daniela Strigl und Ulrike Tanzer entstaubt, sprich der „Residenz-Verlag“ hat eine vierbändige Werkausgabe und eine entsprechende Biografie herausgebracht.

Den zweiten Band mit den Werken „Unsöhnbar und Lotti, die Uhrmacherin“ habe ich gelesen, jetzt sind auch die letzten beiden herausgekommen und wurden am Mittwoch in der „Wien-Bibliothek“ vorgestellt, da war ich, obwohl es mich interessiert hätte, nicht dabei, hat doch der Karli in den „Römischen Markthallen“ zum Essen eingeladen und Daniela Strigls Biografie „Berühmt sein ist nichts“ wurde am Dienstag in der Buchhandlung Leporello präsentiert.

Da hätte ich zwar kommen, aber acht Euro zahlen müssen und das tue ich ja nicht so gern, so habe ich die „Lyrik im März“ vorgezogen und nach den Buchpräsentationen ist es sowieso gleich weiter mit einem internationalen Symposium in der Bartensteingasse „Schriftstellerin zwischen den Welten“ gegangen und da habe ich zu meiner Überraschung meinen Psychologiekollegen Wolfram Huber getroffen, vielleicht war es auch keine, interessiert er sich doch seit seiner Pensionierung für Bertha von Suttner und die war mit der Gräfin sicherlich bekannt und hatte vor zwei Jahren ihren hundertsten Geburtstag und zwischen Bertha von Suttner und Marie Ebner von Eschenbach gibt es noch einige andere Übereinstimmung, so war der  Friedensnobelpreisträgerin vor zwei Jahren die Stadt Wien-Veranstaltung „Autorinnen feiern Autorinnen“ gewidmet, heuer wird Ruth Klüger den Festvortrag für Marie von Ebner-Eschenbach halten, im Vorjahr hielt ihn Marlen Schachinger für Betty Paoly und die tarockierte ja mit der Baronin und mit Ida Fleischl und mit der hat sich Marie Ebner von Eschenbach literarisch ausgetauscht.

Also sicher interessant eineinhalb Tage der großen Sozialrealistin zu widmen, entstaubt oder nicht, denn ich denke, daß es da ja wichtig ist, nicht die Sicht des einundzwanzigsten Jahrhundert auf die 1830 geborenen Adelige zu stülpen, sie aber bekannter zu machen und nur von der Schulbuchlektüre wegzubringen, ist bestimmt sehr wichtig.

Wir haben ja in der Strassergasse, glaube ich, den „Muff“ gelesen, die Geschichte, wo eine mitleidige Adelige einer armen Bettlerin einen Muff schenkt und die wird dann des Diebstahls verdächtigt und das ist sicher eine Stärke der adeligen Dame, die sich, wie Daniela Strigl mit feiner Ironie beklagte, später zur Matrone und gütigen Mutter stilisierte, daß sie die Wunden der Zeit erkannte und ihren Finger darauf legte.

So begann das internationale Symposium  mit einem Referat von Peter C. Pfeiffer von der Georgetown University in Wahshinton und der beschäftigte sich mit den Anfangen und den Enden ihrer Werke und merkte an, daß sie es nicht immer so genau mit den Gattungsbezeichnungen nahm, also Erzählung zu einem kurzen Roman, etcetera sagte, ich denke, dieses Problem haben wir noch immer, daß alles Roman genannt ist, obwohl es keiner ist und Marie von Ebner Eschenbach war, als Frau wahrscheinlich bescheiden und hatte es auch sehr schwer gegenüber ihrer adeligen Familie ihr Schreiben durchzusetzen.

Sie hat als junge Frau mit der Briefnovelle „Aus Franzensbad“, unter einem Pseudonym herausgegeben, sich über die adelige Gesellschaft  lustig gemacht, später hat sie ihre Enden oft umgeschrieben und die Geschichten verkitscht und harmonischer enden lassen, weil vielleicht Druck von den Kritikern oder der Familie kam.

Die Anfänge sind aber stark und klar meine Peter C. Pfeiffer und bezog sich auf „Undsühnbar“ und auch „Lotti, die Uhrmacherin“.

Dann kam Daniela Strigl und erzählte aus Marie Ebner-Eschenbachs Biografie, daß sie eine leidenschaftliche Reiterin gewesen sei, die immer im Damensattel Erholung und Freude fand „Ich bin so eine Reitnärrin, daß ich vor dem Aufsteigen am ganzen Leibe zittere“ und manchmal darüber auch das Schreiben vernachläßigte, obwohl ihr dieses sehr wichtig gewesen ist.

Es gab zwei Referate über die „Kinderfiguren“ in ihren Werken und ihren politischen Realismus, die Referentin nannte sie dabei eine Sozialarbeiterin, aber das war sie nicht, sie hatte offenbar nur einen sehr sozialen Blick, mit ihren Erzählungen „Er läßt die Hand küssen“, „Das Gemeidekind“ entcetera und sie hat auch und das habe ich jetzt fast vergessen, in allen Gattungen geschrieben und wollte sogar der oder die „Shakespearrin ihres Jahrhunderts“ werden. Das ist ihr nicht so ganz gelungen, Gedichte gibt es aber  und viele Briefe, vor allem mit ihrer Freundin Josephine von Knorr mit der sie sich auch literarisch austauschte und von diesen Briefwechsel, von dem ich das erste Mal bei dem „Archivierungssymposium im Literaturhaus“ hörte, gab es gleich zwei Referate von jungen Frauen aus dem „Salzburger Literaturarchiv“, das ich ja vor kurzem besucht habe und am Schluß gab es noch eines, das scheinbar so gar nicht dazu passte, nämlich über die frühen Fotografien, wo sich alle in ihren schönsten Kleider aufstellten und in  immer gleichen Posen abgelichtet wurde, weil es ja noch kein Smartphone gab und über den Zeitgenossen Ferdinand von Saar mit dem die Ebner von Eschenbach, glaube ich, auch befreundet war.

Am Freitag ist es dann weiter mit den Zeitgenossen gegangen, da hat nämlich Walter Hettche von der Universität München unter dem Titel „Der Tiger und die alte Tante“, Marie Ebner von Eschenbachs Beziehung zu Paul Heyse, den Nobelpreisträger von 1910 glaube ich, der mir höchstens dem Namen nach ein Begriff war, vorgestellt. Sie hat ihn sehr gelobt, sie haben sich auch gegenseitig Novellen gewidmet und in seiner geht um Kindesmißbrauch und da schreibt die alte Dame, etwas in ihr Tagebuch, daß die Männer Tiger seien und behandelt das Thema Vergewaltigung in ihrer Novelle dan ganz anders.

Evelyne Polt-Heinzl, eine der Herausgeberin stellte den Bezug zum „Jung Wien“ Schnitzler, Salten etcetera vor, dann ging es um den Nachlaß den die Wien-Bibliothek 1930 um neun tausend Schilling vom Erben einem Neffen aufkaufte, ein anderer Teil ist in Mähren verstreut und um die Marie von Ebner Eschenbach Forschung ging es auch.

Dann hätte eine Schlußdiskussion folgen sollen, es kam aber eine Dame von der Kunstuniversität und hielt ein Zusatzreferat über die Büsten und Denkmäler, die es von der Dichterin gibt und wieder interessant sie ist die erste Ehrerndoktorin der Univ Wien zu einer Zeit geworden, als es noch kaum Studentinnen dort gab.

Danach gabs eine Mittagspause und am Nachmittag die Möglichkeit eine Führung im Uhrenmuseum zu machen, wo ein Teil der Eschenbachen Uhrensammlung, sie war ja eine Uhrensammlerin und hat auch eine Uhrmacherlehre gemacht, zu machen, da hatte ich aber eine andere Fortbildung und bin stattdessen auf den Wienerberg zur Gebietskrankenkassa gefahren.

 

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