Literaturgefluester

2015-12-23

36,9

„Und es ist wahr, daß man bestimmte Bosheiten dem antut, den man liebt!“, hat der italienische Kommunist Antonio Gramsci an seine Frau Julia Schucht geschrieben und die 1982 in Bremen geborene Nora Bossong, seit diesem Sommer bekannt als Titelfigur in Nora Gomringers Bachmann-Siegertext hat über ihn einen Roman geschrieben und weil man im „Deutschen Literaturinstitut in Leipzig“ wahrscheinlich lernt, daß man heutzutage nicht mehr linear und eins zu eins schreiben darf, heißt er auch nicht „Der Revolutionär“ oder „Gramscis letztes Heft“, sondern 36,9 Grad, denn das ist seine oder offenbar, die Körpertemperatur bevor sie ins Fieber kippt.

Denn der 1891 in Sardinien geborene und 1937 in Rom gestorbene Gramsci war immer ein kränklicher Typ.

Kleingewachsen und mit einem Buckel, weil ein Dienstmädchen ihn als Kind  fallen ließ, so lernte er die Schucht-Schwestern und seine spätere Frau Julia auch in einem Sanatorium kennen und als er 1937 aus dem Gefängnis entlassen werden soll, erwischt ihn bald die Tuberkolose, so bleibt der dritten Schucht-Schwester Tanja nichts anderseres übrig, als die berühmten Gefängnishefte, die er während seiner Haft geschrieben hat, hinaus und nach Russland zu schmuggeln. Denn Gramsci war Kommunist, Herausgeber einer solchen Zeitschrift und Abgeordneter, als solcher kämpfte er gegen Mussolini, der ihn  verhaften ließ und die Schucht-Schwestern hat er in Moskau kennengelernt, die ältere Eugenia, war eine Vertraute Lenis und die Revolution in Moskau spielte in seinem Leben auch eine große Rolle, beziehungsweise Stalins Aufstieg, der dann  auch einiges säubern ließ.

So weit so gut, historisch verbürgt und spannend in einer Biografie oder Sachbuch darüber zu lesen, wenn aber eine deutsche Nachwuchsschriftstellerin darüber schreibt, werden die Fakten mit der Fiktion vermischt.

In diesem Fall kommt auch etwas sehr Poetisches heraus, denn Nora Bossong hat eine  schöne Sprache mit vielenNeuschöpfungen und weil man ja nicht so linear und ein zu eins schreiben darf, mischt sie  eine zweite Erzählebene hinein und da wird es, wie die einen sagen satirisch, peinlich könnte man es vielleicht auch ein bißchen nennen oder besser „lächerlich“, wie  ja ein großer Dichter das Leben nannte und sein Vorbild ist in der Figur des Antons Stövers zu spüren, der eine durch und durch negative Figur ist. Dem ganzen einen komischen Anstrich gibt, was ich ein bißchen schade finde, denn der Widerstand gegen das faschistische Italien und die hinausgeschmuggelten Briefe sind ja eine ernste Angelegenheit und Antonio Gramscis Leben, der seinen zweiten Sohn zum Beispiel nie gesehen hat, weil er im Gefängnis war und Julia mit ihren Kindern in Moskau lebte, war das sicher auch.

Dieser Anton Stöver ist aberm was Antonio Gramsci sicherlich nicht war, ein Looser durch und durch und dazu noch ein Zyniker, der sich sein Scheitern nicht eingestehen will,  von den Frauen oder von seiner Vorstellung bei ihnen zu landen besessen und so stolpert er durch Rom und das Leben und tritt in ein Fettnäpfchen nach dem anderen .

Er ist der Sohn einer politisch aktiven Achtundsechzigerin, selber eine Gramsci Forscherin, die ihren Sohn nicht mochte, dann zug er von Bremen nach Göttingen, um sich dort der Universitätslaufbahn hinzugeben, wurde aber nicht Professor, so schreibt er alles in einer Zeitung, um sich damit einen großbürgerlichen Lebensstil  zu leisten. Die Mami muß dem Söhnchen unter die Arme greifen, seine Ehe mit Hedda geht schief, er betrügt sie auch mit allen Frauen und ist sehr gemein zu ihr, trotzdem wird er von einem alten Professor nach Rom gerufen, denn er soll dort nach dem letzten verschwundnen Gefängnisheft fahnden.

Die Zeit drängt meint der Professor, der nach Alter richt und eine seltsame Haushälterin in seiner mit Bücher überfüllten Wohnung hat, trotzdem läßt sich Stöver Zeit und tut eigentlich nichts anderes, als einer Frau nachzulaufen, der er ständig überall begegnet, im Gramsci Institut, in der russischen Botschaft, etcetera und die er Tatjana nennt, andere Erscheinungen hat er auch, bis ihm Hedda nach Hause ruft.

Söhnchen ist krank, er steigt aber aus dem Taxi aus, folgt Tatjana in ihre Wohnung, beziehungswweise wird er von einer Frau angesprochen und in ein Zimmer geführt und dort sitzt er dann mit seinem Koffer und nimmt das verschollene Heft heraus.

In abwechselnden Kapiteln werden diese zwei Ebenen erzählt und in dem Stöver Teil geht es noch in seine Vergangenheit in Göttingen, wo er seine Frau betrügt und dann zu seinen Visonen, die er in Rom erlebt und es ist ein sehr poetischer Roman entstanden, der zwar auch nicht auf der Longlist stand, man hat aber ein  schönes Stück Gegenwartsliteratur von einer neuen frischen Stimme gelesen, ob es einen Gramsci Forscher weiterbringt, weiß ich nicht und auch nicht, ob sich die Erfreuer einer poetischen Sprache  unbedingt für einen Kommunisten und seine Beziehung zu den drei Schucht Schwestern interessieren.

Für mich war mein Gewinn bei Mara Gieses „Herbstgeraschel-Gewinnspiel“ aber sehr interessant, denn so habe ich die Gelegenheit mich auch jenseits der LL in die 2015 Neuerscheinungen ein bißchen einzulesen und habe Nora Bossong, ich gebe es zu, durch Nora Gomringers Text kennengelernt und da könnte man auch ein kleines Namesspiel daraus machen, denn es gibt noch ein eher experimentelles Buch von dem Autorenteam David Ender und Jack Hauser namens  „Hembert Nora“ „entdeckt, belichtet, entwickelt, fixiert und montiert zwischen Juni 1991 und Juli 1996“ und in der „Edtion Selene“ erschienen, das ich einmal beim Flohmarkt der „Gesellschaft für Literatur“ fand und das ich dann eine Zeitlang mit Nora Gomringer verwechselte, wie mir das mit meiner leicht legasthenen Art, wie ich immer sage, manchesmal passiert.

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2015-10-15

Bücherlisten-Scheitern

Wenn man auf meine Bücherliste schaut, merkt man, daß ich da heuer nicht mehr zurande kommen werde.

Denn für 2015 stehen jetzt an die zweihundertzwanzig Titel darauf und sechzig oder siebzig, werde ich wahrscheinlich nicht lesen können und dabei war ich doch sehr stolz darauf mit meinen Listen eine Übersicht zu bekommen und alles Ungelesene zu lesen.

Es gibt eben zu viele und es werden, wenn man sich dafür interessiert auch immer mehr und mehr, neunzig- oder siebzigtausend kann man angeblich jetzt davon in Frankfurt finden und ich war schon immer eine Sammlerin.

Habe mir als Studentin viele Bücher gekauft, von den Lesetürmen der „Literatur im März“ Bücher mitgenommen und gehe, seit es die offenen Bücherschränke gibt, regelmäßig dort hin. So kam ich auch zu meiner Bücherliste. Aus hundert Büchern, die ich im Jahr lesen wollte, das war 2011 und 2013 habe ich das erste Mal über das Beschränken nachgedacht und  erstmal alles aufgeschrieben.

Vor den Bücherschränken habe ich etwa fünfzig Bücher im Jahr gelesen, wenn man meine Listen ansieht, merkt man daß es dann auf hundertfünfzig bis hundertsiebzig angewachsen ist.

Mehr ist nicht zu schaffen, so habe ich mir die Listen mit hundertfünfzig Stück angefüllt.

2013 das Soll dann auch gerade noch geschafft und im Vorjahr schon im Dezember zwanzig oder dreißig Stück aufs nächste Jahr verschoben und heuer habe ich dann tapfer angefangen, die alten angesammelten Krimis aufzulesen, die Bücher von Karin Struck und mich auf die Flohmarktkäufe von 2012 gefreut, im Sommer habe ich die dann gelesen.

Da kam  schon die Idee mit dem Buchpreisbloggen, bisher hatte ich mir das ja immer mit Verweise auf meine Leseliste verkniffen, mich aber heuer irgendwann entschloßen, die Verlage anzufragen und zu lesen.

Da war schon klar, ich schaffe die Liste nicht und suche mir nach dem LL nur noch die Gustostückerln heraus oder das, was ich unbedingt lesen will, das Buch der Nadine Kegele, voriges Jahr auf der „Buch Wien“ gewonnen beispielsweise, den „Circle“, ein Geburtstagsgeschenk vom letzten Jahr oder  auch das der Karin Ivanscisc, der Andrea Stift, der Doris Nußbaumer, die sie mir gegeben waren, aber keine Rezensionsexemplare waren.

Es gibt auch andere die ich gerne lesen wollte, den Haruki Murakami oder Evelyn Waugh zum Beispiel und wahrscheinlich nicht schaffe und jetzt habe ich von einem Gewinnspiel von Mara Giese auch noch zehn beziehungsweise neun Herbsterscheinungen, weil ich die „Baba Dunja“  schon habe, gewonnen, die ich auch nicht erst in zehn Jahre lesen wollte.

Also habe ich „Wenn schon denn schon!“, gedacht und mir sechs davon noch für heuer vorgenommen, wenn ich es schaffen sollte.

Lauter tolle Bücher, von denen ich auf den Blogs immer gelesen habe, Matthias Nawrat „Die vielen Tode unseres Opa Jureks“, das neue Buch von Harper Lee, das da plötzlich entdeckt wurde und von denen dann alle sprachen, Nora  Bossongs „36,9 Grad“, Meg Wollitzer „Stellung, Katharina Hartwells „Der Dieb in der Nacht“, Ruth Cerhas „Boa“ und und und…

Ich bin ja in der deutschen Gegenwartsliteratur ohnehin nicht so bewandert, weil ich bisher eher wenig deutsche Verlage angefragt habe und mir keine Neuerscheinungen kaufe, also kann ich da ein bißchen aufholen und dann schauen, wie es mit meiner 2016 Leseliste halte.

Da würde ich gerne ein wenig konsequenter sein und nicht zuviel daraufpacken und es gibt auch einen Vicki Baum Schwerpunkt, den ich da  vorhabe.

An sich ist es ja egal, ob ich etwas Altes oder etwas Neues lese. Allerdings will ich gerne meine angeseammelten Bücher auflesen, wenn ich das aber konsequent betreibe, kann ich nicht viel Neues lesen, was auch ein wenig schade wäre.

Mal sehen, wie es gelingt. Der Vorsatz ist da und tolle Bücher in den Schränken stehenlassen, bringe ich wahrscheinlich nicht zusammen und ich bin auch eine, die keine Bücher wegwirft.

Da gab es gestern eine Radiosendung, wo auch einer der Bücherblogger war, wo es um das Bücherwegwerfen ging.

Es gibt ja Leute die das machen, die  ich dann in den Bücherschränken finde und das ist  auch das Tolle daran und da habe ich vor kurzem auch Bücher einer ganz alten Serie gefunden, einen alten Adalbert Muhr, eine alte Alma Johanna König beispielsweise.

Rare Gustostückerl, aber wenn ich zuviel Altes sammle und zuviel Neues anfrage, komme ich  auch nicht klar.

Mal sehen wie es geht. Heuer sehr viel überlassen und im nächsten Jahr ein bißchen selektierter lesen, so daß  nicht so viel überbleibt.

Buchpreisbloggen will ich allerdings wieder, vielleicht ein bißchen weniger verkrampft, also das Buchhandlungslesen und das Ausborgen wegglassen, aber die Verlage anschreiben.

Da habe ich dann wahrscheinlich wieder die Hälfte und die Gustostückerln, die dann überbleiben, kann ich mir zum Geburtstag schenken lassen, das hat dann den Vorteil, daß ich die Bücher, wenn ich sie in den Schränken finde, liegen lassen kann und man lernt auch viel dabei, wenn man seine Leselücken füllt.

Ich lese  jetzt auch ein wenig selektiver, nehme nicht mehr jeden Krimi und jedes ChickLit, aber, daß ich über den Tellerrand schaue und offen für vieles bin, ist   etwas, was mir gefällt.

Also sehen, wie die geplanten Kompromisse gelingen und ein bißchen durchmischen zwischen dem Neuen und dem Alten kann nicht schaden.

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