Literaturgefluester

2018-11-11

Königin der Berge

Nun kommt das wahrscheinlich letzte öst. Buchpreis Buch, Daniel Wissers „Königin der Berge“, der für mich und wahrscheinlich auch für andere überraschend den dritten österreichischen Buchpreis gewonnen hat und ich muß sagen, es ist ein wirklich gutes Buch mit einem wichtigen, mich sehr interessierenden Thema, das uns alle betreffen kann. Wie gehe ich um, wenn ich unheilbar krank bin, wie mache ich es da mit dem Sterben und beende wie mein Leben?

Ein Thema das uns alle betrifft und das wir vielleicht deshalb oft verdrängen und das wäre vielleicht eine kleine Kritik, die bei „Amazon“ von einem Leser auch nur eine „Ein Stern Rezension“ bekommen hat.

„Leider sind im E Book, immer wieder Seiten bei denen viele Buchstaben durch scharze Balken/Flächen ersetzt werden.

Bei einigen Seiten sind auch die Absätze komplett verschoben. Um das Buch zu lesen, muß man auch immer wieder zurückblättern, es ist wirklich verwirrend……

Schade, es war sehr teuer…“

Und das, der experimentelle Stil in dem Daniel Wisser seinen Roman verpackt, ist wahrscheinlich nicht nur dem Inhalt und der Distanz die man braucht, um das Lesen zu verkraften, geschuldet, denn Daniel Wisser ist ein experimenteller Autor, zumindest wird der 1971 geborene, dieser Szene zugerechnet und da habe ich auch ein Bonmot zu erzählen, habe ich ihn doch 2003, glaube ich, im Amerlinghaus, ich glaube weiter, im Rahmen des „Fröhlichen Wohnzimmers“ kennengelernt, als er aus seinem „Ritter-Buch“ „Dopplergasse 8“ gelesen hat und da war ich über den realistischen Stil sehr erstaunt und habe gedacht, wenn das bei „Ritter“ erscheint, dann kann ich das auch.

Ich konnte, wie bekannt nicht und habe auch noch kein anderes Buch von Daniel Wisser gelesen, ihn nur bei verschiedenen Lesungen beispielsweise im Musa, bei den O Tönen, etcetera, gehört.

Er macht auch literarische Performances, ist Musiker und ist und das ist erfreulich nach und nach aufgestiegen, hat beim „Bachmannpreis“ gelesen, bei „Klever“ und jetzt bei „Jung und Jung“ verlegt und als ich „Königin der Berge gelesen habe, war ich wieder etwas erstaunt, daß das ein so realistischer mit einem so wichtigen Thema ist. Nur der experimentelle Touch der für mich eigentlich nicht wirklich experimentell ist, störte mich etwas. Wirkte er doch für mich ein wenig aufgesetzt und hat vielleicht auch mich wie den „Amazon-Leser“ vom Lesen  abgelenkt.

Es wird in dem Buch nämlich immer wieder etwas durchgestrichen. Es gibt sehr viele Dialoge und an manchen Seiten gibt es immer gleich zwei Reden. das was man sagt und das was man denkt und Daniel Wisser lenkt von der Brisanz des Themas auch immer wieder durch theoretische Diskurse ab. Geht in die Vergangenheit zurück, erzählt von Bankräubern, amerikanischen Präsidenten, läßt seinen Helden mit einer toten Katze kommunzieren, etcetera, obwohl das, daß man mit einer nicht real existierenden Person spricht, vielleicht gar nicht so experimentell ist.

Nun zu dem, um das es in dem Buch geht. Es geht, wie in einer anderen „Amazon Rezension“ steht um einen gar nicht so sympathischen Helden, um einen politisch unkorrekten Ungustl und Frauenheld, den Mittevierzigjährigen Robert Turin, einstmal ein erfolgreicher EDVler, der mit einem Freund eine eigene Firma mit vielen Angestellten hatte. Dann bekam er MS und sitzt jetzt mit Mitte vierzig in einem Pflegeheim, muß von den Schwestern dort angezogen, gewaschen und in den Rollstuhl gehievt werden, schaut ihnen dabei immer wieder auf den Busen, irritiert sie auch, in dem er von sich in der direkten Rede spricht, wenn sie seinen Namen falsch aussprechen „Nein, Herr Turin will nicht in den Garten, Herr Turin haßt die Natur, weil sie grausam ist“

Er hat eine Frau namens Irene, die ihn am Wochenende besucht, ansonsten verbringt er anfangs seine Tage in der Cafeteria und läpt sich von den Zivildienern grünen Veltliner servieren und nervt alle mit der Frage, ob sie ihn in die Schweiz fahren?

Er fragt das anfangs auch seine Lieblingsschwesgter Aliki, die Namen der Schwestern übt er in einen sogenannten „Schwesternalphabet“, die antwortet, was wohl alle Schwestern in einem katholischen Pflegeheim antworten müssen oder sie gibt keine Antwort und Daniel Wisser führt uns trotz seiner experimentellen Spielchen sehr realistisch in die Welt der Pflegeheime und Hospize ein, denn er war, hat er bei den „O Tönen“ erzählt, einmal Zivildiener in einem solchen und hat dort eine Cafeteria betrieben und wahrscheinlich auch einen ähnlichen Patienten gekannt.

Es gibt in dem Heim auch eine etwas aufmüpfige Psychologin namens Katharina, die Herrn Turin zu einer Gesprächstherapie veranlassen will, die er auch nicht braucht und während seine Frau Irene zu Weihnachten Karriere in Japan macht, wird er von ihrer Schwester, einer Anästhesisitin besucht, der er auch diese Frage stellt.

Dazwischen bekommen wir die Realität der Pflegeheime mit, die Schwestern kommen alle aus dem Ausland und haben Heimweh oder ihre Berufe gewechselt, anstatt Deutschunterrichten müssen sie jetzt Harnbeutel wechseln, die Cafeteria wird ausgelagert, der Putzdienst ist es schon, einer der Patienten bekommt einen Schlaganfall und muß von Herrn Turin auf der Pflegestation besucht werden, der sagt  zu allem nur noch „ja, ja, ja“ und eine andere Patientin und das finde ich, ist ein gelungenes Beispiel, sitzt ständig vor dem Fernseher und schreit laut „Trump“, denn es ist Wahlkampfzeit und sie ist begeistert vom amerikanischen Präsidenten.

Herr Turin ist das weniger, findet aber zwei Komplizinnen, die Schwägerin und die Psychologin. Es kommt aber trotzdem zu einem Selbstmordversuch und er wird dann vom Heim erpresst zu sagen, daß es ein Unfall war, damit er in keine Psychiatrie kommt, was er nicht brauchen kann, denn um dem Verein für Sterbehilfe beizutreten, muß er bei geistigen Kräften sein. Er muß dafür auch verschiedene Formulare ausfüllen was er nicht kann. So muß er den Zivildiener und die Schwestern dazu bitten. Seine Frau ist dagegen, die Anästhesistin hilft ihm und verschafft ihm die richtigen Tabletten, die er aber auswärts nehmen muß, so daß er  in ein Einkaufszentrum fährt und sich dort einsperren lassen will. Der Zivildiener vereitelt das. Es kommt zu weiteren Schwierigkeiten. Herr Turin muß  nun eine Therapie machen und Psychopharmaka nehmen.

Schließlich gelingt es ihm doch und die Psychologin fährt ihn in die Schweiz und wir haben ein sehr sehr gutes Buch mit einem sehr brisanten Thema gelesen über das man diskutieren kann und sollte und, wie geschrieben, wenn ich Daniel Wisser einen Rat geben könnte, den er wahrscheinlich nicht annehmen wird, würde ich ihm empfehlen, den „experimentellen Schnickschnack“ wegzulassen, weil das Buch meiner Meinung nach dadurch besser werden würde.

Es ist aber wahrscheinlich auch so gut genug, hat es ja den dritten österreichischen Buchpreis gewonnen. Ich gratuliere sehr!

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