Literaturgefluester

2018-05-19

Und Marx stand still in Darwins Garten

Filed under: Bücher — jancak @ 00:07
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Nun kommt, etwas verspätet zum zweihundertsten Geburtstag, ein Buch über Marx oder eigentlich ist es doch eher eines über den berühmten Naturforscher Charles Darwin, denn die am Bodensee aufgewachsene Germanistin und Journalistin Ilona Jerger entdeckte, daß beide Herren nicht nur ungefähr zur selben <Zeit gestorben sind, sondern sie haben auch in unmittelbarer Nähe gelebt.

Marx in seinem Exil in London mit seiner Haushälterin Lenchen, die ein Kind von ihm hatte, seine Frau Jenny ist kurz vor ihm gestorben,  Charles Darwin mit seiner gottesfürchtigen Emma und dem Pudel Polly in der Nähe Londons und obwohl der Buchtitel es vermuten ließe, sind die beiden sich nie begegnet, wie Ilona Jerger in ihrem Nachwort schreibt, in dem sie auch sehr schön erläutert, wie das Schreiben von biografischen Romanen, das mich ja sehr interessiert, vor sich geht.

Einige in dem Buch vorkommenden Personen, wie Marx und Engels, Darwin und sein Vetter Francis Galton sind rela existiert habende Personen und dann gibt es wieder die erfundnen, wie den freidenkenden Arzt Dr. Becket, der das Verbindungsglied zwischen Marx und Darwin stellt.

Denn das Buch spielt 1881, Darwin in den Siebzigern, erforscht gerade das Leben der Regenwürmer, seine fromme Frau leidet unter seiner Gottlosigkeit und überlegt, daß sie ihn dann ja nach seinen und ihren Tod nie wieder sehen wird können, denn ein Ungläubiger kommt ja nicht in den Himme und da er sehr leidend ist, wird er von Dr. Becket betreut, der ihm erzählt, daß er jetzt auch einen anderen berühmten Patienten hat, nämlich den sechzigjährigen Marx, den sein letzter Hausarzt wegen  seiner Zahlungsunfähigkeit verlassen hat, denn Marx  lebt in seinem Exil unter ziemlich prekären Verhältnissen, das Silber wird ins Pfandhaus getragen, obwohl Friedrich Engels seinen „Mohr“ wie Marx genannt wird, sehr unterstützt und auch bereit ist Dr. Beckets Rechungen zu bezahlen.

Der Arzt erzählt beiden Patienten vom jeweiligen anderen und schummelt dabei auch ein wenig. Denn Marx hat dem berühmten Naturforscher zwar einmal sein „Kapital“ mit Widmung geschickt und der hat sich auch brav dafür bedankt. Hat es aber nicht gelesen, denn der Naturforscher ist ja, obwohl von Gott abgewandt, eigentlich sehr büerglich und hält so nicht besonders viel vom Kommunismus.

Dr. Becket eher schon und so ist er auch erfreut, daß Marx einmal bei einem Abendessen bei den Darwis war. Da war nicht nur Emmas Hausgeistlicher, sondern auch drei Herren, die von einem Kongreß aus London kamen und mit Darwin diskutieren wollten, eingeladen. Einer davon war Marx Schwiegersohn und der hat ihn gleich mitgebracht, was zu peinlichen Szenen während des Mahles führte, denn die fromme Emma hält nicht viel von Kommunisten und Gottesleugnern, obwohl sie dem Heiseren bereitwillig durch den ebenfalls fiktiven Diener Joseph Hustensaft offerieren läßt.

Der Priester fällt infolge des Disputes vom Sessel, was zu einem dramatischen Höhepunkt der Szene führt, Marx geht mit Darwin indessen in den Garten und der steht dort still herum, erstens weil ihm die Ärzte das Schweigen emphlen haben, zweitens weil er vielleicht nicht soviel mit Darwin diskutieren will und in den folgenden Kapiteln kommt es zu zwei weiteren Todesfällen.

Zuerst stirbt der Ältere, Marx kommt zum Begräbnis und vorher ließ Emma auch den Priester holen, zündete die Kerzen an und bittet ihn um die heiligen Sakramente, die Darwin aber verweigert.

Marx ist etwas später, nämlich 1883 gestorben und wird auf dem Highwigate Cemetery, in dem Grab beerdigt, in dem schon seine Frau Jenny liegt, die 1881 an Krebs verstorben ist.

Darwin hatte, obwohl von der Kirche ausgestoßen ein, wahrscheinlich gegen seinen Willen, kirchliches Bebgräbnis und Detail am Rande wie Ilona Jerger schreibt, der Hund <polly ist nur einen Tag später als Darwin gestorben.

Ein interessantes Buch, das sicher einen kleinen Einblick in das Werk der beiden großen Köpfe geben kann. Wer also nicht gleich das „Kapital“ oder das „Kommunistische Manisfest“, das ich ja in den berühmten DDR-Ausgaben irgendwo in meinen Regalen stehen habe, beziehungsweise „Über die Entstehung der Arten“ oder das „Buch über die Regenwürmer“ lesen will, kann hier ein bißchen in das Leben und Wirken der Beiden eintauchen.

Darwin ist in dem Buch ein größerer Platz eingeräumt. Hier begleiten wir ihn durch mehrere seiner Träume, die ein bißchen sein Leben und sein Werk erklären. Marx kommt ein bißchen weniger vor.

Trotzdem hat man nach der Lektüre, glaube ich, ein gutes Zeitbild bekommen und, daß Marx und Darwin gleichzeitig gelebt haben ist sicher eine Erkenntnis, die vielleicht nicht so präsent ist. Zumindest schreibt auch Ilona Jerger in ihrem Nachwort, daß ihr das gar nicht so bewußt gewesen ist.

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