Literaturgefluester

2020-03-07

Feenstaub

Als ich das erste Mal von Cornelia Travniceks neuen Roman „Feenstaub“ gehört habe, dachte ich, die 1987 in St. Pölten geborene und in Traismauer aufgewachsene von der ich das erste Mal etwas bei den „Exil-Preisen“ gehört habe, hätte ein Fantasy geschrieben.

Im Trailer in dem sie geheimnivoll an einem See spazierengeht, erklärt sie etwas von einem modernen Märchen das dem Peter Pan-Mythos nachempfunden sein könnte.

Peter Pan, da muß ich passen, denn das habe ich, glaube ich, nicht oder nur ungenau gelesen, weiß jedenfalls etwas von einem Jungen mit einem grünen Gewand, der nicht erwachsen werden will, einem Kapitän mit nur einer Hand wenn ich mich nicht irre, einem Papagei und einer Wendy oder Gwendolyn.

Ungenau, ich weiß, denn ich bin ja längst erwachsen und gebe das wieder was bei mir hängen geblieben ist und Disney ist da wahrscheinlich an mir vorbeigegangen.

Dann lese ich das Buch, das im März erscheint, aber schon etwa ein Monat in meinem Badezimmer liegt, lese es zwischen „Middlemarch“ immer dann wenn ich im Bus oder bei einer Literaturveranstaltung sitze, denn ich habe meine PDFs ja im Laptop und den habe ich dann nicht mit und staune, daß der Roman aus sehr kurzen Sequenzen, die manchmal aus nicht mehr, als einen einzigen Satz bestehen und die sehr poetisch sind.

Ich habe von Cornelia Travnicek  sehr viel, ja fast alles gelesen, von „Die Asche meiner Schwester“ über „Fütter mich“ angefangen, „Chucks“ natürlich und „Junge Hunde“ von denen sie in Klagenfurt einen Ausschnitt präsentierte, ihren Gedichtband und sicher noch einiges anderes und bin erstaunt, denn für so politisch aktuell hätte ich die junge Niederösterreicherin, die PEN-Mitglied ist, eigentlich nicht gehalten und denke, daß es ihr  hervorragend gelungen ist, die aktuelle Situation, das was man in den Videos der Patrioten und der FPÖ täglich hören und sehen kann, auf so poetische Art zu verpacken.

Denn man kann das, was Cornelia Travnicek  in ihrem Trailer erzählt, auch ganz anders lesen.

Da sind drei Jungen, Petru, Magare, Cheta, die eigentlich ganz anders heißen oder anders genannt werden, die auf einer Insel leben und zum Taschendiebstahl in die Stadt ausgeschickt werden.

Das mit dem Nichterwachsenenwerden kann man sich so interpretieren, daß Taschendiebe ja klein und geschickt sein müßen und deshalb nicht erwachsen werden dürfen und damit sie ihr Leben aushalten, nehmen sie Feenstaub und glauben, daß sie damit fliegen können.

Man könnte Drogen auch ganz anders nennen und sie haben wahrscheinlich auch andere Namen.

Die Kinder oder sind es schon junge Männer, können zum Teil nicht lesen und sind von ihren Familien verkauft worden, damit sie, wie beispielsweise Petru, der Ich-Erzähler, Geld nach Hause für die Medikamente der erkrankten Großmutter, die natürlich schon längst gestorben ist, schicken können.

Das alles kennt man oder hat es in den Zeitungen gelesen oder im Fernsehen gesehen, daß es so passiert oder passieren kann und dann stiehlt Petru einmal ein Etui eines Mädchens, namens Marja, in das er sich verliebt. Sie hat eine Mutter namens Gewendolyn, das ist, glaube ich, die Fee in „Peter Pan“ und einen Vater namens Georg.

Und der Krakadzil, ist der, dem die jungen Burschen ihre Beute ausliefern müßen und einen anderen Jungen namens Luc oder Luca soll Petru in das Gewerbe einschulen.

Der will aber zu seinem Bruder, so gibt Petru ihm das Geld und ein anderer Junge hat sich längst eine Pistole verschafft, um dem Ganzen zu entkommen.

Es kommt, wie es kommen muß oder nicht.

„Wo wir sind ist das Niemandsland.

Hier vergeht die Zeit langsamer, oder überall schneller, je nachdem wie man es sieht.

Es heißt alle Kinder verlassen eines Tages das Niemandsland. Ich habe nur nicht gewußt, dass sie das in Handschellen tun.“, schreibt Cornelia Travnicek lapidarisch.

Das heißt nach der Notwehr kommt die Polizei und der Anwalt. Es kommen auch Marja und Gwendolyn, die sich dafür entschuldigt, daß sie den Jungen leider leider nicht bei sich behalten kann.

Das heißt, er wird abgeschoben, kann aber dort, wo er hinkommt, eine Schule besuchen und einen Beruf lernen. Eine Telefonnummer von Marja hat sie ihm auch noch schnell zugesteckt, bevor er zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug besteigt und nun wirklich zu fliegen beginnt.

Ich würde sagen das beste und eindrucksvollste Buch von Cornelia Travnicek, das ich bis jetzt gelesen habe, das demnächst erscheint oder schon erschienen ist.

Cornelia Travnicek hätte auch auf der Leipziger-Buchmesse mehrmals lesen sollen und steht im März mit ihrem Buch auf Platz zehn der Ö1-Bestenliste.

2017-06-09

Chucks

Heuer ist, könnte man so sagen, ein Cornelia Travnicek-Lesejahr, habe ich doch von der 1987, ich glaube, im Krankenhaus St. Pölten geborenen und in Traismauer aufgewachsenen, schon sehr viel gelesen.

„Junge Hunde“ ihren zweiten bei DVA erschienen Roman, das Weihnachtsbuch von 2015, dann den kürzlich erschienenen Gedichtband „Parablüh“, eine Hommage auf Sylvia Plath und jetzt „Chucks“, das, glaube ich, 2011 erschienen ist.

Mein Buch, es ist die dritte Auflage, stammt aus 2013 und ich habe es, als ich mich auf einen Recherchetag befand, bei „Thalia“ auf der Mariahilferstraße, ich glaube, um einen Euro neunundneunzig, gefunden.

Es wird irgendwie als Jugendbuch gehandelt, hat doch Cornelia Travnicek, die inzwischen auch schon dreißig ist, ein Jugendstipendium dafür erhalten und mit einem Kapitel daraus, einen der der „Fm4-Preise“.

Beim Lesen bleibt wahrscheinlich immer der letzte Eindruck hängen. So würde ich fast sagen, es ist die beste Travnicek, die ich gelesen habe und ich habe mit dem Otto auch öfter darüber diskutiert, welche literarische Bedeutung sie hat.

Was auffällt sind die genauen Beschreibungen und immer wieder sehr schöne ungewöhnlich klingende Sätze.

Da bleibt ja schon das Anfangszitat „Ich unterdrücke ein Gähnen, weil sich das nicht gehört, dass man gähnt, wenn jemand stirbt.“, haften.

Ich habe mir aber eine Menge solcher schöner Sätze angestrichen und für mich sehr angenehm, daß das was da erzählt wird, erstaunlich realistisch ist, wenn auch nicht linear beschrieben wird.

Da hüpft Cornelia Travnicek sogar auffällig anstrengend herum, so daß das Lesen und Mitkommen und das Beantworten der Frage „Wann war das jetzt?“, gar nicht so einfach ist.

Und die junge Mae, sie ist, glaube ich, Mitte zwanzig, wie ihre Autorin beim Zeitpunkt des Schreibens, hat, wie das heute leider auch nicht mehrso ungewöhnlich ist, sehr viel erlebt.

Sehr viele Traumatisierungen kommen da zusammen. Auch wenn Cornelia Travnicek da dick aufträgt. Wahrscheinlich auftragen muß, weil das die Lektoren und die Leser so wollen, daß alles übertrieben ist und nur das Schlimmste, was man erlebt hat,uählt und wer hat davon mehr aufzuweisen?

Mae verliert also ihren Bruder an Krebs, als sie acht ist und er zwölf oder sie zwölf und er vierzehn und sie stellt sich die Krankheit Krebs, wie das ihre Eltern ihr erklärten, auch so vor, daß ein kleiner Krebs im Inneren des Körpers sitzt und frißt und frißt.

Er hinterläßt ein paar nagelneue teure Chucks, die sie fortan trägt und die Mutter entdeckt ein fremdes Unterhöschen im Koffer des ständig abwesenden Vaters und schmeißt ihn hinaus.

Mae bekommt dann Mitten in der Pubertät Probleme mit  der Mutter, will nicht mehr in die Schule gehen und schließt sich der Punkerin Tamara an.

Mit ihr zieht sie eine Zeitlang durch die Straßen, kommt aber davon los und zieht zu einem Jakob, einen als sehr fad und gewissenhaft beschriebenen Architekten. Trotzdem hat sie noch eine Jugendstrafe anzuarbeiten und tut das im Aidshilfe-Haus.

Dort lernt sie Paul kennen, verläßt Jakob, zieht zu ihm, schaut ihm dann irgendwann einmal zu, wie er stirbt und verkneift sich dabvei das Gähnen.

Vorher versöhnt sie sich noch mit ihrer Mutter und sammelt, was man ein wenig zu dick  aufgetragen und kitschig empfinden könnte, Pauls Sperma, seine Haare,  seine Atemluft und seine Zehennägel in Tupperdöschen, um die Erinnerung an ihn zu bewahren.

Trotzdem oder vielleicht deshalb zieht sie wieder zu dem ruhigen Jakob zurück und das Leben geht weiter.

Wär schön, wenn das immer so einfach wäre. Aber trotz der linearen Sprünge ist das Buch angenehm zu lesen oder natürlich nicht. Denn einmal, als es an das Sterben ging, hat es mich erwischt und die Augen wurden feucht, was mir nicht so oft passiert.

Trotzdem würde ich wieder sagen. Es ist sehr schön konstruiert und vielleicht deshalb nicht so ganz glaubhaft, aber was weiß man schon so genau?

Das hat einmal, Cornelia Travnicek zu mir gesagt, als ich sie zu der Besprechung zu den „Mittleren IV“, wo sie ja gelesen hat, einlud und sie nicht wußte, ob sie kommen könne.

Jetzt muß ich nur noch „spannung, spiel und schokolade“ lesen, was sie mir einmal zu meinem Geburtstagsfest mitbrachte und ich hätte die Travnicek durch.

Das heißt, stimmt gar nicht, das erste Buch, das jetzt vergriffen ist, habe ich nicht gelesen und auch nicht den in der „Edition Berger“ erschienenen Gedichtband.

Und verfilmt ist „Cucks“ übrigens inzwischen auch schon geworden.

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