Literaturgefluester

2019-05-09

Dacia Maraini in der Gesellschaft für Literatur

Die Grand dame der italienischen Literatur, wie ich sie genannt habe, als ich sie vor zwei Jahren in der Hauptbücherei hörte, die 1936 in Fiesole geborene Dacia Maraini, die unter anderen mit Alberto Moravia befreundet war, hat heute ihr neues, wieder bei „Folio“ erschienenes Buch „Drei Frauen“ in der „Gesellschaft für Literatur“ vorgestellt und der Veranstaltungssaal oder die beiden Säle, es gibt ja auch einen Vorraum, wo bei Bedarf Sessel hingestellt werden und man dann nur wenig sieht, war sehr voll.

War ja nicht nur die „Gesellschaft“ sondern auch das italienische Kulturinstitut und der Verlag die Veranstalter.

Ursula Ebel hat wieder eingeleitet, Andreas Pfeifer mit der Autorin gesprochen und übersetzt und Bettina Rossbacher die deutsche Übersetzung gelesen.

Es waren aber, glaube ich, viele  italienisch Sprechende  im Publikum. Gustav Ernst und seine Frau, die italienisch Übersetzerin Karin Fleischanderl habe ich auch gesehen und in den Buch geht es, wie bei meiner „Absturzgefahr“  und, ich glaube, auch in der „Miranda“,  um eine Mehrfrauen-Generation, die im selben Haushalt leben, bei mir sind es fünf, bei Dacia Maraini nur die Großmutter, die Mutter und die Tochter, sechzig, vierzig und siebzehn Jahre alt und die Großmutter, eine ehemalige Schauspielerin, die jetzt Spritzen gibt, weil das Theater keine Hauptrollen für sie hat, ist moderner, als die Tochter Maria, die Übersetzerin ist, sie übersetzt Madame Bovary, wurde das nicht schon längst ins Italienische übersetzt und schreibt Briefe an ihrem Freund Francois, weil sie das internet haßt, die Großmutter scheint es dagegen geläufig zu benützen und Lori, die siebzehnjährige, liegt mit ihrer Mutter in Clinch. Natürlich sie ist Mitten in der Pubertät und läßt sich einen Drachen auf den Rücken tätowieren, ist für Sex statt Liebe, während die Mutter für Romantik ist.

Diese drei Stellen wurden gelesen und immer wenn Andreas Pfeifer etwas mehr von der Handlung verraten wollte, hat eine Frau im Publikum auf Italienisch geschrieben, daß er das lassen soll.

Obwohl er nur verraten hat, was ohnehin im Programm steht, daß  im Buch dann ein Mann auftaucht, in dem sich alle drei verlieben und dadurch ihr Leben durcheinander kommt.

Das ist dann die Geschichte und der Spannungsaufbau und irgendeine, wahrscheinlich Maria würde ich vermuten, fällt ins Koma und kommt  dadurch wieder zu sich, weil ihr Madame Bovary vorgelesen wird.

Da hat die Stimme wieder geschrieen. Natürlich man soll lieber das Buch kaufen und signieren lassen, was auch sehr viele taten und um das Lesen ist es in dem Gespräch mit der Autorin, die eine sehr freundliche Frau ist, auch gegangen.

Warum man lesen soll? Damit die Verlage verdienen, ist wohl nicht die richtige Antwort und natürlich, wie es mit der italienischen Gesellschaft ausschaut?

Das war die erste Frage an die Autorin und da steht in der Zeitung und habe ich auch im Radio gehört, daß in Turin eine Buchmesse stattfindet und ein faschistischer Verlag daraus ausgeladen wurde.

Das hat mit dem neuen Roman von Dacia Maraini wohl nicht sehr viel zu tun, ist aber wahrscheinlich das, was die Leute interessiert und als ich in der U-Bahnstatin mein Buch aus der Handtasche genommen hatte, ich lese gerade, vielleicht ganz passend oder auch nicht, den Thilo Sarrazin, wurde ich von einer Dame unterbrochen, die mich auf die Lesung angesprochen hat, so daß ich mich eine Station lang mit ihr unterhalten habe.

Sie war sehr begeistert von der Grand dame der italienischen Literatur, der Feministin und Frauenrechtlerin, Alberto Moroavia hat dagegen ja eher traditionell geschrieben und hat nach österreichischen Vergleichsautorinnen gefragt? Da wäre mir nur die Jeannie Ebner eingefallen, weil die österreische Grand dame die Friederike Mayröcker und auch Elfriede Jelinek ganz anders schreiben und da wäre ich wieder bei meiner „Absturzgefahr“ und meinen fünf Frauen gelandet, denn die sind ja der Roman im Roman und werden von einer Schreibtrainerin namens Fritzi Jelinek betreut.

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2017-03-31

Grande dame der italienischen Literatur

Als meine Bücherliste noch nicht so vollgestopft war, daß ich sie noch herunterlesen konnte, habe ich über den Umweg von Alberto Moravia,  die 1936 in Fiesole geborena Dacia Maraini kennengelernt, von der ich „Bagheria“, „Stimmen“ und „Die Kinder der Dunkelheit“ gelesen und noch einige andere Bücher, wie beispielsweise die „Stumme Herzogin“ auf meiner Liste habe, beziehungsweise im letzten Herbst  davon heruntergestrichen habe.

Da trifft es sich sehr gut, daß inzwischen ein neues Buch, der fast achtzigjährigen Dame „Das Mädchen und der Träumer“ erschienen ist, das auch heute in der „Hauptbücherei“ vorgestellt wurde.

„Wui!“, habe ich gedacht und bin natürlich hingegangen und als ich zwanzig Miniten vorher den großen Saal erreichte waren dort die Stühle bis ins Foyer aufgestellt, die sich auch nach und nach, vorwiegend von älteren Damen, die alle offensichtlich auch einen Italienischkurs besuchten oder, wie der Moderator in der Einleitung ankündigte, zu Dacia Moraini Fankreis gehörten, füllten.

So war des Veranstalters Stimme auch ziemlich belegt, als er von der großen Ehre und der großartigen Veranstaltung sprach und Andreas Pfeifer, der bis 2007 Auslandkorrespondent des ORF in Rom war hat gedolmetscht und das Gespräch mit der alten Dame geleitet. Andrea Ecker die deutsche Übersetzung gelesen.

Das Buch, das ich schon beim „Morawa“ gesehen habe, handelt, wie Andreas Pfeifer erwähnte, von den Kindern die Dacia Maraini sehr wichtig sind.

Von den Kindern und den Träumen und den Volksschullehrern, die Dacia Matraini besucht hat, um mit ihnen über die Erziehung zu sprechen und die sie auch sehr lobte, daß sie mit viel Idealismus und viel Ehrenamt viel Heldenhaftes vollbringen.

Dacia Maraini hat sichauch in ihren früheren Büchern, in den „Kindern der Dunkelheit“ zum Beispiel, viel mit Gewalt gegen Kindern, Mißbrauch, Prostitution, etcetera beschäftigt und in diesen Buch scheint sie  in ihre eigene Kindheit zurückgegangen zu sein, da sie als Kind, da sie während des Faschismus zwei Jahre mit ihren Eltern in Japan interniert war, auch viel Gewalt und das Gefühl des Eingesperrtseins, erlebte.

Die Handlung des Buches ist schnell erzählt, obwohl sie sehr vielschichtig zu sein scheint. Die Hauptperson ist ein Volksschulllehrer, der seine Tochter mit acht Jahren verloren hat. Jetzt hat er eines Nachts einen Traum, wo er von einem Mädchen in einem roten Mantel träumt, das auf dem Schulweg verschwunden ist.

Dann wacht er auf und hört im Radio, daß tatsächlich ein Mädchen namens Lucia verschwunden ist. Das läßt ihm keine Ruhe und er beginnt nach ihr zu suchen, obwohl ihm die Schule und die Eltern der Schüler Schwierigkeiten dabei machen.

Die Schüler scheinen ihn aber zu helfen und zu unterstützen und einen Vogel, einen Raben, glaube ich, obwohl das in der Diskussion angezweifelt wurde, gibt es auch, der auf der Schulter des Lehrers sitzt und, wie der griechische Chor seine kritische Stimme ist.

Es wurden drei Stellen zuerst auf Italinisch und dann auf Deutsch gelesen. Dazwischen gab es immer sehr viel Gespräch über Dacia Marainis Kindheit, die politische Situation in Italien etcetera und man konnte ihm Anschluß auch Fragen stellen und sich das Buch kaufen, um nachzulesen, wie das dann mit dem Mädchen Lucia ist und ob es vom Lehrer gefunden wurde.

Dacia Maraini scheint ja gerne eine Art Krimis zu schreiben, die aber sehr hintergründig sind, so diskutiert der Lehrer mit seinen Schülern auch über Sklaverei und Demokratie und es gibt auch eine Stelle über den Wert des Lesens.

Eine lange Schlange von Leuten, die sich das Buch signieren ließen, gab es auch und einen vollen Büchertisch und in dem Buch gibt es eine Stelle, wo Dacia Mairaini sehr kritisch mit den Journalisten ins Zeug geht.

Da mußte der JournalistAndreas Pfeifer natürlich kontern, in dem er einige Stellen aus dem Corriere della sere zitierte und ich habe mir das Buch nicht gekauft, hatte aber ein deja Vue Erlebnis, war ich ja vor ein paar Jahren bei einer Peter Esterhazy Lesung in der Hauptbücherei und jetzt hatte ich auf dem Weg dorthin seine „Verbesserte Ausgabe“, wo es, glaube ich, um die Stasi Einträge seines Vaters geht, gefunden und ein Buch einer jüngeren italienischen Autorin, nämlich von der 1972 in Cabras geborenen Michela  Murgia „Chiru“, das mir „Wagenbach“ vor kurzem schickte, werde ich auch demnächst lesen.

Das Leben ist also vielseitig und die Welt voller Probleme. In der Diskussion wurde noch vor dem Schaden, die die Handies anrichten gewarnt, in dem Buch geht es nämlich um die, die die Schüler in den Taschen haben und der Lehrer sie erst überreden muß, sie während des Unterrichts auszuschalten und ob die Politik nach Berlusconi besser wird?, wurde Dacia Maraini auch gefragt und sie ist  elegant und höflich ausgewichen und natürlich ist es eine Möglichkeit sich in die Welt der Literatur und der Träume zu flüchten. Dacia Maraini ist aber, glaube ich, eine sehr politische Autorin und gilt als Ikone des Feminismus.

Bei „Wikipedia“ habe ich gerade gelesen, daß sie auch eine Anwärterin des Nobelpreises für Literatur ist. Ich drücke ihr also diesbezüglich alle Daumen, denn dann kann ich im Fall der Fälle auf die Lesung und meinen Artikel hinweisen.

2015-05-05

Stimmen

Es ist ein sehr poetischer, leiser, psychologischer Krimi, den die  1936, bei Fiesole geborene Dacia Maraini, die einige Zeitlang, die Gefährtin Alberto Moravias war und von der ich schon „Bagheria“ und „Kinder der Dunkelheit“ gelesen habe, da erzählt.

Eine sehr psychologische Geschichte, die auch Zeit für scheinbar Nebensächliches hat und sehr stimmungsvoll Szenen des römischen Alltagsleben der Neunzehnneunziger Jahre so nebenbei erzählt und außerdem war sie, die Feministin, wie ich „Wikipedia“ entnehme, eine der ersten, die das Thema Gewalt an Frauen, Kindesmißbrauch etc, salonfähig bzw. in die Literatur hinein brachte.

So handeln ja auch die „Kinder der Dunkelheit“ davon und da gibt es auch schon die zahnspangentragende Kommissarin Adele Sofia, halb Südtirolerin mit Tiroler Stube, halb Sizilianerin, die auch noch mit einer Frau zusammenlebt, die taucht in dem, wie am Buchrücken steht, „raffinierten Psychothirller“ wieder auf, die Protagonistin ist aber die Ich-Erzählerin Michela Canova, eine Rundfunkjournalistin, wahrscheinlich Dreißigjährig, die von einem Fortbildungsseminar in Mailand in ihre römische Wohnung zurückkehrt und von der Hausmeisterin Stefana erfährt, daß ihre Nachbarin Angela Bari mit mehreren Messerstichen ermordet wurde.

In siebenundfünfzig Kapitel wird der Fall nun aufgeklärt und „Stimmen“ heißt das Buch, weil die Rundfunkjournalistin, die oft am Mischpult sitzt, die Musik auflegt und sich über den Psychiater Baldi ärgert, der zu Hause, den weiblichen Anruferinnen, die ihm ihre Probleme schildern, oft seltsame Antworten gibt, ein Faible für Stimmen hat.

So läuft sie ständig mit ihrem „Nagra“ herum und nimmt die Stimme von Anglela Baris Verwandten und Bekannten auf, denn ihr Rndfunkdirektor hat ihr auch ein Angebot gemacht eine Serie über ungeklärte Gewalttaten an Frauen zu machen und die will sie an Hand des Falles ihrer Nachbarin aufrollen und die hat offenbar auch auf ihrem Antwortbeantworter angerufen und hat ihr dort ihre Stimme hinterlassen

Es gibt noch eine Reihe anderer seltsamer Begegnungen, so eine Inschrift an der  Hauswand gegenüber, die ständig wechselt, bzw. vom Hausmeister überpiselt wird, „KÜMMERDICH UM DEINEN EIGENEN DRECK!“, beispielsweise ist eine davon. Dann gibt es noch die Beschreibung eines seltsamen Mannes, der im Haus herumschleicht und einmal sogar mit Michela im selben Aufzug fährt.

Von dem hat Angelas Schwester Ludovica, eine chronische Lügnerin und ehemalige Psychiatrieoatientin Michela erzählt und während im Rundfunk Professor Baldi, den Frauen seine Ratschläge gibt, ruft eine Prostiutierte namens Sabrina an und erzählt, Angela hätte auch diese Profession ausgeübt.

Da kommt dann der Zuhälter Nando ins Spiel, er ist der Mann in Aufzug und er dingt auch in Angelas Wohnung ein, um dort eine Kassette zu entwenden und sie Michela zuszspielen und da wären wir wieder bei den Stimmen, denn darauf ist die von Angela, die Märchen erzählt, die alle von Töchtern und ihren gewalttätigen Vätern handelt.

Adele Sofia, die Michela ständig zum Essen einlädt und sehr gute Knödel macht, nimmt das nicht ernst, Nando Pepi wird aber doch verhaftet, als er sich im Gewand eines Scheichs nach Kuweit aus dem Staub machen will.

Seine DNA beweist aber, er war es nicht. Zwar hat sich inzwischen auch die Prostiutierte Sabrina umgebracht, die Spur weist aber weiter, zum Stiefvater Glauco Elia und sogar zu Michelas Freund, Marco, der sich gerade in Angola befindet und dort unerreichbar ist.

Der Stiefvater, der inzwischen von der Mutter Auguster geschieden ist, eine dreißigjährige jüngere Kindfrau geheiratet hat, die gerade in der Nacht des Mordes ein Kind gebiert, so daß der Bildhauer vorrübergehend ein Alibi hat.

Michela macht sich auf den Weg zu seinem verwunschenen Haus, rettet dabei eine verletzte Schildkröte, sie ist, wie die ermordete Angela sehr tierliebend, hat die doch immer ein Kilo Hackfleisch gekauft um die herumstreundenden Katzen damit zu füttern, was heute wohl verboten wäre.

Der Bildhauer schickt Michela aber auch ein Tonband, während er sich an einen sicheren Ort begibt, auf dem er von seinen Kindfrauen, beziehungsweise Beziehungen seinen Stieftöchtern erzählt und richtig Micheala verstorbener Vater taucht in ihren Träumen und Visionen auch immer auf und ich habe 2015, dank der offenen Bücherschränke einen inzwischen wahrscheinlich längst vergriffenen Krimi gelesen, der sehr eindringlich von der Gewalt an den italinischen und wahrscheinlich auch anderen Frauen erzählt und nachweist, daß Thriller auch sehr leise sehr poetisch und manchmal surreal sein können.

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