Literaturgefluester

2016-11-27

Durch die Bloggerdebutpreisshortlist

Filed under: Buchpreisbloggen — jancak @ 00:38
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Da bin ich ja, als ich mich vor ein paar Wochen mit Friederike Gösweiners „Traurige Freiheit für mein höchstpersönliches österreichisches Buchpreislesen, beschäftigt habe, auf den „Debutbuchblog“ und den dort ausgeschrieben „Debutpreis“ gestoßen und habe mir die dort vorgeschlagen fünfzig Bücher angesehen, die auf eine Shortlist geschrumpft von zwanzig Bloggern beurteilt werden sollen.

Da ich mich im letzten Jahr durch die „Kremayr &Scheriau-Debutpreisbücher“ gelesen habe, im Sommer bei den O-Tönen war und ja auch die drei österreichischen Debuts gelesen habe oder lesen wollte, sind mir einige der dort vorgeschlagenen Bücher schon bekannt gewesen, zwei weitere, nämlich Paula Fürstenbergs „Familie der geflügelten Tiger“ und Nelle Pollatscheks „Das Unglück anderer Leute“ hatte ich mir schon bestellt, sowie  Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“ mir zum Geburtstag gewünscht,  von einigen anderen hatte ich schon gehört oder war auf Veranstaltungen, andere waren und sind bis jetzt an mir vorbeigegangen.

Weil ich aber gerne in Jurien bin, obwohl ich ja immer behaupte, daß man Bücher nicht vergleichen kann, habe ich angefragt, ob ich, obwohl schon sehr spät, noch mitmachen kann und mich in den letzten Wochen durch die Shortlist gelesen, die, wie ich schon bei einigen der teilnehmenden Blogger lesen konnte, eine interessante Mischung von bekannten und unbekannten aus kleinen oder größeren Verlagen ist.

Die Selfpublisher waren wieder einmal ausgeschlossen, obwohl es hier, da die Veranstalter ja nicht vom Börseverein oder Hauptverband des Buchhandeln sind, gar nicht nötig wäre, aber wahrscheinlich hatten sie Angst vor der Fülle, die da auf sie zukommen könnte und außerdem gibt es da ja auch noch immer diesbezügliche Vorurteile, obwohl bei den fünf Büchern, auch soetwas, wie ein Krimi war.

Dann war „Blauschmuck“ mir schon von den Blogs,  dem österreichischen Debutpreis, den O-Tönen und dem „Alpha“ bekannt dabei und „Weißblende“ der Debutroman der Grazer Lyrikerin Sonja Harter, der sonst vielleicht an mir vorbei gegangen wäre.

Von Philip Krömers „Ymir oder Aus der Hirnschale der Himmelhatte ich schon bei diversen Blogs etwas gesehen, während mir Uli Wittstocks „Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorfvöllig unbekannt war und dann habe ich gelesen und gelesen.

Nach „Blauschmuck“ das zu meiner Überraschung weder den „Alpha“, noch den Debutpreis bekommen hat, obwohl die sprachliche Qualität wahrscheinlich über der von Friederike Gösweiner und Barbi Markovic liegt, aber für mich etwas Künstliches und Aufgesetztes hatte, so daß ich bei dem Buch hin-und herschwankte und ein gewißes Unbehagen verspürte.

Das ist doch eine Kunstsprache, dürfen wir uns wirklich so literarisch in die arabische Sprachwelt hineinversetzten und ist es die Sprache, die eine Unterschichttürkin wirklich spricht?

Ich glaube es nicht, das Buch hat aber wahrscheinlich gerade deshalb eingeschlagen und wäre, wenn es einfacher und realistischer geschrieben wäre, wahrscheinlich nicht so aufgefallen.

Zweifel über Zweifel, aber Freude, daß es auf die Shortlist kam, auf der mir ganz ehrlich, Isabelle Lehn und  auch Friederike Gösweiner fehlten und andere gelobte Debutromae, wie der der Michelle Steinbeck, des Philiph Winklers oder der Ronja von Rönne wurden gar nicht vorgeschlagen.

Mit Sonja Harters „Weißblende“ aus dem österreichischen „Luftschacht-Verlag“ ging es dann weiter.

Wieder ein sehr poetisches Buch, das von einem sehr aufgeweckten jungen Mädchen und seinen erotischen Gefühlen handelt, ein Lolilta Thema und wieder ein bißchen Abwehr, darf soll man so über dieses Thema schreiben und will ich das lesen, wahrscheinlich nicht so ganz, obwohl ja einige erfrischende Wendungendarinnen sind, wie, die der Lehrerin, die die Peniszeichnung einfach zurückschmeißt.

Dann gings zu Philip Krömer und auch zu der Entdeckung eines Bloggers, daß der Autor auch Lektor und Mitbegründer seines Verlags ist und damit zu der Frage, ist das nun ein Eigenverlag oder nicht?

Wahrscheinlich kein wirklicher, trotzdem weichen die meisten schreibenen Verleger sofern sie es können auf andere Verlage aus, während die noch unbekannteren Autoren wahrscheinlich aus diesem Grund Verlage gründen odereinen Verlagsnamen darauf schreiben, damit sie nicht unter die „bösen“ Selfpublisher fallen und das Buch ist sehr originell, auch ein Crossover, ein bißchen zu männlich, brutal und herb für meinen Geschmack vielleicht und dann ging es Genre übergeifend zu den Krimis, obwohl Ulis Wittstocks „Weißes Rauschen“ kein wirklicher ist, sondern eine Satire auf die Zustände dieser Welt.

Manchmal sehr witzig, mir  manchmal etwas zu langatmig und zu wenig spannend und von den Bloggern kamen Meldungen, daß es sprachlich nicht vollkommen, sondern mit Fehlern behaftet ist.

Ja, auch den Verlagen fehlen schon die Lektoren oder sie sparen diese ein. Ich bin in diesem Punkt ja ein wenig lockerer und interessant ist auch, wenn man auf die Votingliste, des Debutblogs geht.

Es hat die meisten Stimmen, über sechssiebzig Prozent Ja, die Leser wollen Spannung, vielleicht haben Verlag und Autor aber auch ihre Fans ausgeschickt?

„Blauschmuck“ hat, was mir eigentlich unverständlich ist, nur 1,89%, Sonja Harter steht, gefolgt von Shida Bazyar mit über 12% an zweiter Stelle.

Nun weiß ich nicht, wieviele Leser sich an der Umfrage beteiligten und es ist auch interessant, was die Blogger meinen, die den Preis ja entscheiden und ich habe mich sehr neugierig, an das fünfte Buch, an Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Theraran“, das von Tobias Nazemi auf seinen Blog sehr gelobt wurde, gemacht und wurde überrascht oder auch nicht.

Daß es ein sprachlich sehr anspruchsvolles Buch ist, hatte ich mir schon gedacht, hätte aber, da ja auch die Autorin betonte, daß ihr die Sprache, das wichtigste wäre, experimentelle Sprachräusche erwartet und die mag ich ja eigentlich nicht und fand eine sehr poetische Beschreibung einer entwurzelten Familie, wo jedes seiner Mitglieder, in seiner eigenen Weise den Weggang oder auch die Rückkehr von Teheran nach Deutschland erlebt und beschreibt.

Der Vater, der ehemalige kommusitische Revolutionär, noch sehr in der heimischen Tradition verwurzelt. Die Literaturstudentin Nahid und junge Mutter hat zehn Jahre später Schwierigkeiten mit der deutschen Gastfreundlichkeit, die ja ganz anders, als in Persien ist und die Kinder, aufgezogen in deutschen Schulen verbunden mit den Familientraditionen, die sie vielleicht nie wirklich gekannt haben, werden überhaupt hin- und hergebeutetelt. Und meiner Meinung nach ohne jeden übertriebenen Sprachrausch und Künstlichkeit drückt das die 1988 in Deutschland geborene Shida Bazyar sehr dicht und doch sehr einfach aus.

Für mich das beste Buch, dem ich gerne meine Stimme gebe, obwohl man ja, wie ich immer schreibe, Äpfel und Birnen nicht vergleichen und Bücher nicht vermessen kann.

Es ist aber für mich das eindruckvollste Buch, wo ich ohne Widerspruch und Zweifel zurückbleibe, viel über den Iran, seine Geschichte und Gebräuche gelernt habe und auch ein bißchen neugierig auf Teheran bin.

Obwohl ich in kein Land reisen werde, wo ich mir ein Kopftuch aufsetzen muß und fliegen tue ich auch nicht so gern, also hat mir hier die Literatur, die Realität ersetzt, Vorstellungen aufgemacht, meinen Horizont und mein Wissen erweitert und jetzt bin ich neugierig auf die Meinung der anderen Blogger.

Werden sie sich für die Sprache, das Genre, die Spannung oder den Inhalt entscheiden?

Am fünfzehnten Dezember werden wir es wissen und ich lese inzwischen weiter, habe ich ja noch drei Longlistbücher auf meiner heurigen Leseliste, habe ich mir doch auch, Birigit Birnbacher „Wir ohne Wal“ bestellt, weil es der Blogger Marc Richter auf seiner persönlichen Shortlist hatte und ich auch in der „Gesellschaft für Literatur“ davon hörte.

Das Buch der Paula Fürstenberg und das der Nelle Pollatschek werde ich auch noch heuer lesen, während Isabelle Lehn, da  kein Rezensionsexemplar, auf das nächste Jahr warten wird, weil auf der heurigen Leseliste noch einiges andere, wie beispielsweise die Bücher meines Kritikers Uli und Dietmar Füssels historischer Roman aus dem alten Ägypten stehen.

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2016-11-26

Nachts ist es leise in Teheran

Von Buch fünf der „Shortlist des Blogger-Debutpreises“ habe ich schon im oder vor dem Sommer, als ich mich gerade mit der Longlist des dBp beschäftigt und geraten habe, was da wohl darauf stehen wird, gehört, hat doch Tobias Nazemis Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“ sehr gelobt und ihre Sprache mit der von Valerie Fritsch verglichen.

Nun wissen meine Leser höchstwahrscheinlich, daß ich es mit den Sprachräuschen nicht so sehr habe und Valerie Fritschs“Winters Garten“, die ich ja an sich für ein großes Talent halte, ein wenig kitschig fand.

Dann gab es bei Tobias Nazemi, dem Schwärmer, noch ein Interview, das er mit der 1988 in Deutschland geborenen Tochter iranischer Eltern, die in Hildesheim studierte und 2012 im Klagenfurter Literaturkurs war, führte, in dem sie betonte, daß ihr die Sprache, wichtiger, als der Plot wäre und ich dachte höchstwahrscheinlich „Uje schon wieder!“, war aber interessiert und habe das Buch, bei meinen Herbstleseplanartikel auch erwähnt, es ist aber entgegen Tobias Nazemis Vermutung nicht auf die Longlist gekommen und ich war ersteinmal mit anderen beschäftigt, habe ich ja fast die gesamte deutsche LL, die halbe österreichische und dann noch die drei österreichischen Debutanwärter gelesen und da war ich ja voll überzeugt, daß Katharina Winkler den Debutpreis gewinnen wird und daß das Buch, weil „Suhrkamp“, da ein wenig spräöde war, im Rahmen des „Alpha“, den sie natürlich auch gewinnen wird, zu mirkommt.

Sie hat nicht gewonnen und das Buch ist zu mir gekommen,  den öst. Debutpreis hat Friederike Gösweiner bekommen, die ja auch auf der Longlist des „Blogger-Debuts“ gestanden ist, bei der ich ja sehr überraschend und in letzter Minute dazugekommen, auch mitjuriere und so habe ich jetzt nach „Blauschmuck“, „Weißblende“ meine beiden Favoriten, bei denen mir bei beiden etwas fehlte, auch den Roman über eine persische Flüchtlingsfamilie, einer jungen Nachwuschsautorin, die auch im Sozialbereich tätig ist, gelesen.

Ein Thema das ja einigen Bloggern auf der dBp Liste fehlte, eines, das mich während des letzten Jahrens beim eigenen Schreiben stark beschäftigte, da habe ich mich ja in der sogenannten Flüchtlingtrilogie mit der jungen Syrierin Fatma Challaki beschäftigt, die mich ja auch in den „Berührungen“ nicht wirklich losgelassen hat.

Der 1963 geborene Exilungar Akos Doma  hat sich in seinem auf die Longlist gekommenen „Weg der Wünsche“ mit diesem Thema beschäftigt und beschreibt darin, die Flucht nach Deutschland einer ungarischen Familie, die bei den Kritiker nicht so besonders gut weggekommen ist.

Die Sprache sei nicht besonders, hat, glaube ich, Marina Büttner gefunden, hier ist es anders und ich sage es gleich vorweg, es waren keine Sprachräusche, die mich bei diesem Buch erwarteten, sondern eine sehr sehr dichte Schilderung des Leben in Teheran und das der Exil-Irander in Deutschland während der letzten vierzig Jahre und der damit verbundenen politischen Veränderungen.

An Hand einer Familie, Behsad, Nahid, Laleh, Morad, Tara  und in vier Abschnitten, die von 1979 bis 2009 und dann noch, glaube ich, ein bißchen in die Zukunft führen, tut die junge Autorin das und ihr ist dabei das Kunststück gefunden, in jedem Kapitel einen ganz besonderen Ton zu finden, dier die Veränderungen sehr eindeutig beschreiben.

Da geht es zum Beispiel in das Jahr 1979 nach Teheran, der Schah wurde gerade verjagt und der junge Kommunist Behsad, wird von den Frauen der Familie, der Mutter, den Tanten, etcetera aus der Küche geschickt, weil die sich während des Kochens unterhalten wollen und dabei keinen Mann brauchen können.

Er ist in die schöne Literaturstudentin Nahid verliebt, die er bei den revolutionären Versammlungen trifft, er wird mit seinen Freunden zur Revolution aufs Land geschickt, ein Freund wird dabei verhaftet, so begibt er sich später mit seiner Frau und den zwei schon geborenen Kindern ins Exil nach Deutschland und dort triffen wir, zehn Jahre später Nahid wieder, die diesen Teil erzählt.

Die Flüchtlingslager sind überstanden, es gibt die erste kleine, dann die spätere größere Wohnung, die Kinder sprechen schon viel besser Deutsch, wie die Mutter, der von den wohlwollenden Nachbarinnen, ein Studium nahegelegt wird.

Die Nachbarinnen sind freundlich und stricken Pullover für die Kinder und Nahid sitzt da und fühlt sich fremd, versteht vieles nicht, kommt mit den Höflichkeiten nicht zurecht, will keine Almosen und Hilfen, kann sie dennoch nicht ablehnen und die Sorge, um die Familie und die Freunde in Teheran, die jetzt die Ayatollahs über sich ergeben lassen müssen, verhaftet werden und verschwinden, breitet sich auch über all dem aus.

Wieder zehn Jahre später geht es zurück in den Iran, Nahid, die ihr Politikwissenschaftsstudium inzwischen abgeschlossen hat, fliegt mit den beiden Töchter der sechzehnjährigen Laleh und dem Nesthäkchen Tara, schon in Deutschland geboren, auf Verwandtenbesuch, Mo der Bruder hat ein anderes Ferienziel, der Vater darf oder traut sich nicht, weil er verhaftet werden könnte.

Laleh, die sechzehnjährige, die in der Schule bei den Politspielen immer die Rolle des Irans übernehmen muß, erzählt diesen Teil und schildert, wie man für die Fotoaufnahmen für das Visum, ein Kopftuch aufsetzen muß, es verrutscht und alle lachen. Nehads  Manto, der, der die Arme und die Schultern züchtig verdeckt, wahrscheinlich der, mit dem sie damals ausreiste, ist inzwischen altmodisch geworden und die Familie, die Tanten und Cousinen lachen nach der Ankunft darüber. Geschenke werden ausgepackt, die Frauen gehen zum Friseur und zur Kosmetikerin und die hat eine so aufgebauschte Frisur, daß man sich gar nicht vorstellen kann, wie das auf der Straße vorgeschriebene Kopftuch darauf passte.

Das alles sieht und erlebt die Sechzehnjährige, die von Cousins und Freunden der Familie angerufen wird, die sie gar nicht kennt und zur Witwe von Behsad Freund Peyman, der in den Wirren umgekommen ist, auf Besuch gehen muß.

In einer Milchbar unterhalten sich dann die Jugendlichen und wieder zehn Jahre später, wird Laleh schwanger sein, während Morad oder Mo, wie er genannt wird, sich in seiner Sutdenten-WG, in die halb Ägypterin Maryam verliebt von ihr auf eine Demonstration gegen die Studiengebüren geschleppt wird, während sich in Teheran gerade die grüne Revolution mit Demonstrationen und Aufständen nach der Wahl von Ahmadinedschad abspielt, die bekommt er nur über Facebook und You Tube oder aus den Erzählungen seiner Eltern und seiner Schwester Tara mit, denn Mo ist eigentlich unpolitisch und eigentlich an dem Iran seiner Vorfahren nicht besonders interessiert.

Jedes dieser Kapitel ist in einem anderen Ton geschrieben und das ist, glaube ich, die Sprachkunst der Shida Bazyar, die dazu keine Worträusche braucht und Kunstsprache braucht, sondern eigentlich recht einfach und und schlicht daherkommt und meiner Meinung nach geht es in dem Buch vorwiegend, um den Inhalt, obwohl es stimmt, daß es keinen Plot mit Höhepunkten und Spannungsbögen hat, sondern die Gefühle und die Identitätsverwirrungen einer  entwurzelten Familie erzählt, die höchstwahrscheinlich auch sehr viel Autobiografiesches hat, auch wenn es, um eine erfundene Familie geht.

Am Schluß gibt es ein Glossar, in dem auch die Wendungen erklärt werden, die immer wieder vorkommen und die wieder sehr dicht das sprachliche Doppel oder auch Sprachlosigkeit, der in Deutschland lebenden „Ausländer“ zeigen, bei denen die Großmutter exra langsam sprechen muß, damit sie von ihren Enkel verstanden wird.

Ein poetisch dichtes Bild, das in das Leben einer iranisch-deutschen Familie sehr anschaulich hineinführt und die dazu keine Kunstsprache, wie beispielsweise Katharina Winkler für ihre Protagonistin braucht, es reicht, daß jeder in dem Buch, anders denkt und spricht.

Der Vater hat noch die persische Tradition, die Mutter, die Abwehr, von den ach so freundlichen Deutschen, die sie gar nicht so freundlich empfindet, nicht übernommen zu werden, die älteste Tochter ist aufmüpfig und neugierig, der Sohn eher ahnungslos und die jüngste Tochter wird vielleicht noch einmal zehn Jahre später, für eine Woche ihr Internet abschlalten und dann, während sie mit ihrer inzwischen schon erwachsenen Nichte im Auto fährt, vom Sieg der iranischen Revolution überrascht werden, die die die Familie vielleicht wieder zurück in ihre Heimat bringen kann, die, sie, füge ich hinzu, am Ende gar nicht mehr finden wird, denn vierzig Jahre Aufenthalt in Deutschland haben einen wohl geprägt und verändert und ich habe, ähnlich wie in dem Buch von Deva Manickavasagan einen kleinen Einblick in das Leben fremder Kulturen und seiner revolutionären Veränderung bekommen und außerdem meine persönliche Favoritin für den Blogger Debutpreis gefunden, weil für mich neben der Sprache, auch der Inhalt sehr wichtig ist.

2016-11-24

Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf

Bei Buch vier des „Debut-Bloggerpreises“ handelt es sich, wie auch in der Begründung steht,  um eine genreübergreifende Geschichte, die wie ein Krimi mit einem Mord, sehr effektvoll aufgeladen beginnt und sich dann, wie  der Titel sagt, in eine sieben Tage andauernde Beschreibung der Geschehnisse einer Kleinstadt, ihrer Kriminalität, ihrer Musik, Sport und politischen Ereignissen, übergeht, für den heutigen ungeduldigen nicht mehr so konzentrationsbereiten Leser vielleicht ein wenig zu langatmig oder langweilig, so habe ich es jedenfalls empfunden und mich auch ein bißchen gewundert, daß es auf die Shortlist kam.

Gehören Krimis ja nicht so sehr zu den Favoriten von Preislisten, obwohl die Leute sie gerne lesen und ich mir auch vorstellen kann, daß in den geschmähten und vom Bewerb ausgeschlossenen Selfpublishererzeugnissen mitunter spannendere Thriller zu finden sind.

Aber darum geht es dem  1962 in Magdeburggeborenen ARD-Journalisten Uli Wittstock höchstwahrscheinlich gar nicht, vermutlich hat er eine Parodie, eine Satire, auf eine Kleinstadt schreiben wollen und das ist ihm, glaube ich, auch sehr gut gelungen.

Gibt es in den über vierhundert Seiten ja immer wieder treffende Anspielungen und Verarschungen, während die Spannung vielleicht nicht so das Metier von Wittstock ist. Dazu ist der Roman wahrscheinlich auch zu lang und zu umständlich geschrieben.

Jedenfalls habe ich mich mit der Zuordnung des vielfältigen Personals etwas schwer getan und hätte mir  zur Orientierung ein Personenregister gewünscht.

Es beginnt also, um es kurz zu machen an einem Montag in einer Provinzstadt, da wird ein toter Moderator in seinem Sender aufgefunden, kunstvoll mit Tonbändern zu einem unappetitlichen Paket zusammengeschnürrt, vor dem sogar Komissar Schneider graust.

Der wohnt in Bardorf, das ist offenbar der Vorwort von besagter Stadt und versucht mit seinem Team den Fall aufzuklären.

Da geht, wie schon bei ähnlichen Krimis gewohnt, nichts weiter und die Vorgesetzten drängen und drohen den Ermittler den Fall wegzunehmen.

Es gibt in dem Polizeidezernat, aber auch Schulungen und Effizienzberater, da zeigt sich offenbar Uli Wittstocks Talent zur Satire, es wird eine Sitzung einberufen und die Polizisten werden belehrt, daß sie sich nach den drei „K“s benehmen sollen,“klug, kompetent und krisenfest“ und so ermitteln sie, während der Innenminister zu den Windrädern fährt, die es auch in Bardorf gibt, die aber irgendwie nicht so ganz funktionieren, eine AYCB genannte Terrorgruppe, die die Autobahnen sperrt, gibt es auch und eine Milbe, die den Bienenstand bedroht und dem Minister zum Verhängnis wird.

Währenddessen wird in dem Sender, die Führungsriege ausgetauscht und im Keller des Archivs sitzt ein graues Mäuschen und schreibt in  seiner Dienstzeit erotische Geschichten. Es steigt im Laufe des Geschehens in den Sender auf, während Melinda Treu, der Disc Jockey eines Privatinternetsenders aussteigt und einen Rapper, der sich von seinen SpinDoctoren, verkabeln und mit allerhand Drogencoctails vollstopfen läßt, gibt es auch, sowie geschobene Fußballspiele, eine Spielhölle und eine Wäscherrei, die das Schwarzgeld reinwaschen soll, ein getohlenes Klo und und und….

Man sieht das birgt locker Stoff für drei, vier oder noch mehr Romane, die dann vielleicht das Lesen erleichtert hätten, so ist alles Elend dieser Welt, alle Korruption und Unrat in eine Woche und in den Umkreis dieser Kleinstadt zusammenbgeballt und es kommt natürlich zu der Katastrophe.

Ein Terroranschlag ohne Bekennerschreiben legt die Stadt lahm, Polizisten werden entführt und der Minister verwandelt sich auf der Intensivstation zur Biene.

Man sieht der Spätdebutant Ulli Wittstock hat seinen Kafka gelesen und höchstwahrschein auch großes Vergnügen, das Leben in einer Kleinstadtidylle sartisch auszubreiten.

2016-11-18

Ymir

Buch drei  der Shortlist des „Debut-Bloggerpreises“ und wieder ein sehr interessantes Buch, das schon große Diskussionen auslöste und es auch auf die „Liste für die schönsten Bücher“ schaffen könnte, nämlich Ymir“ des 1988 in Amberg geborenen Philip Krömers, der 2015 den „Open Mike“ gewonnen hat und Lektor sowie Verleger des mir bisher unbekannten „Homunkulus-Verlags“, in dem das Buch auch erschienen ist, was noch bevor ich es gelesen habe, bei den zwanzig beurteilenden Bloggern große Diskussionen auslöste, denn Eigenverlag, ist ja bei diesem Preis, wie auch bei vielen anderen von vornherein ausgeschlossen und ist es nun ein Eigenverlag, wenn ich in einem anerkeannten Verlag mitarbeite, den vielleicht auch selbstbegründet habe, um eine Chance für meine Bücher zu haben, weil „Fischer“ , „Hanser“, etcera mich noch nicht nehmen und ist es nur „böse“ und „pfui“, wenn ich meine ChickLits, Fantasy oder Krimis, bei „Amazon“ hochlade?

Die großen Verleger, die ebenfalls schreiben, wie Michael Krüger, Jochen Jung, erscheinen selbstverständlich in anderen größeren Verlagen und keiner regt sich auf und die unbekannteren Autoren, haben oft, wie beispielsweise Ruth Aspöck, einen Verlag gegründet, um erscheinen zu können, der Rudi schreibt inzwischen einen Verlagsnamen auf seine „Willi-Bücher“ oder ist inzwischen überhaupt wieder zu „Resistenz“ zurckgewandert, ich mache meine Bücher selbst, lasse sie fünfzig Mal ohne ISBN Nummer drucken und ärgere mich immer noch ein wenig, wenn ich bei einer Ausschreibung lese, aber bitte kein „Selbstverlag“ oder im Literaturhaus, beziehungsweise der „Gesellschaft für Literatur“ damit nicht lesen darf.

Ja, der Literaturbetrieb ist groß und die Selbstverleger, die ja inzwischen, wie die Schwammerln aus dem Boden sprießen, Marketinkurse besuchen, sich ein Cover kaufen und einen Lektor und dann in Leipzig und in Frankfurt ganze halle füllen, machen es noch ein bißchen schwierigier.

Aber darum geht es hier ja nicht, es geht um einen Klein oder Indieverlag „Schön gestaltete Bücher mit anspruchsvollen Ideen“, steht auf dem begelegten Lesezeichen und auf dem Cover  ist die Abbildung eines menschlichen Körpers mit offener Speiseröhre und einer Art Fell statt eines Kopfes und solche Abbiuldungen gibt es im ganzen Buch, die, wie ich den Anmerkungen entnehme, der „zweibändigen Jubiläumsausgabe von Friedrich Eduard Bilz „Das neue Naturheilverfahren Lehr- iund Nachschlagebuch der naturgemäßen Lebens- und Heilweise sowie neuzeilichen Gesundheitsführung (1938 bei F.E. Bilz Verlag Dresden)“, entstammen und das Buch führt auch in das Jahr 1938, kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges.

Beziehungsweise führt es zuerst in eine Dachstube, mit alten mottenzerfessenen Samtmöbeln, wo der Erzähler seinen Besucher oder Leser höflich auffordert, Platz zunehmen, es sich bequem zu machen, damit er seine Geschichte erzählen kann.

Und dann geht es los in die „Hirnschale“, denn so lautet ja der ganze Titel des Romans „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ und Ymir, das kann ich gleich anmerken ist, wenn ich es recht verstanden habe, ein Riese aus der isländischen Sagenwelt und dorthin, nach Island sollen auch drei Leute, ein Coleurstudent, der Erzähler und offenbar  noch nicht so erfolgreicher Autor, ein SS Mann „Von und Zu“, seiner Adeligen Herkunft wegen genannt und dann noch „Klein-Heinrich“ aufbrechen.

Ausgewählt für eine Expedition, um eine Höhle zu erforschen und ein Erzengel hat den unbekannten Autor sogar höchstselbst auf diese Expedition geschickt.

Man sieht schon, es geht hier sehr ungewöhnlich zu, was eigentlich auch nicht zu verwundern ist, daß ein junger  Autor, die Geschichte wieder aufmal neu und ungewöhnlich frech und rotzig, erzählen will.

Also brechen die drei auf, kommen nach Island, ein Fotoapparat, ein Grammophon und selbstverständlich die Tonaufnahme von „Tristan und Isolde“ sind auch dabei und Adolf Hitlers Rede, die er am 30. Jänner 1939 gehalten hat, werden wir uns mit den rollenden RRRs auch noch anhören müßen.

Die Höhle entpuppt sich, als der Körper des Riesens, die, als eine Art Bunker gefunden werden soll, damit fünfhundert aufrechte Volksgenossen, samt ihrer Dienerschaft und Bewachungspersonals, falls es mit dem tausendjährigen Reich doch nicht so, wie geplant, klappen sollte, Platz finden sollen.

Die drei wackeren Gesellen nehmen also ihre Seile und klettern hinein. Durch, die Speiseröhre, den Magen, vorher haben sie noch ein etwas unapetitliches Menu serviert bekommen, Dünndarm, Blinddarm, immer wieder begleitet mit Abbildungen aus dem Lexikon.

Im Dickdarm kommt es dann zu Komplikationen, KleinHeinrich geht  verloren, bevor die restlichen wackeren Helden wieder hinausgeschissen werden und der Erzähler über bleibt, um seinen Besuchern in den zerschlissenen Samtsesseln, das nächste Mal „die gleiche  oder aber eine ganz andere“ Geschichte zu erzählen.

Irgendwo habe ich gelesen, daß es sich bei „Ymir“, um das originellste Debut der Saison handeln würde, nun denn, auf der Longlist des dBp, was für alle nicht so Informierten, deutscher Buchpreis heißt, wäre es von einigen Bloggern, glaube ich, auch gern gesehen worden.

Dorthin ist es nicht gekommen, ein „Hot-List-Kanditat, 2016“ ist es aber gewesen und nun auf der „Blogger-Debut-Shortlist“.

Mir hat es ein spannendes Leseerlebnis bereitet und wieder mal die Frage aufgeworfen, was nun ein selbstgemachtes Buch ist?

Ob ich es, als für mein „bestes Buch“ vorschlagen werde, bin ich mir noch nicht sicher, dazu hat mich „Blauschmuck“ wahrscheinlich doch zu sehr beeindruckt und „Nachts ist es leise in Teheran“, das gerade zu mir gekommen ist, habe ich, neben dem Roman von Uli Wittstock, auch noch nicht gelesen und das wurde von den Bloggern ja auch sehr gelobt.

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