Literaturgefluester

2015-11-13

Die Erfindung der roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenanger im Sommer 1969

So alle LL-Bücher ausgelesen und bin damit, soweit ich weiß, ziemlich einzigartig unterwegs, „Zeilensprünge“ haben es noch getan und der Otto hat sich alle gekauft um mir zwei davon zum Lesen überlassen, so daß er zumindest den Vladimir Vertlib noch nicht gelesen hat, denn den hat er mir in der Plastikhülle verpackt übergeben.

Was habe ich davon habe, werden meine Leser vielleicht fragen? Viel ist die Antwort, obwohl mein Bemühen in Bloggerkreisen ziemlich unbemerkt geblieben ist und sogar zur Löschung meiner Verlinkungen geführt hat.

Aber ich habe jetzt einen einmaligen Einblick welche Bücher da für den deutschen Buchpreis und damit, wie ich behaupte, auch für den Weihnachtstisch ausgesucht wurden und weil ich bei den früheren dBps ja immer nur „theoretisch“ mitgemischt habe, kann ich auch nicht sagen, ob die heurige Auswahl normal oder etwas Besonderes war?

Es waren aber einige sehr dicke Bücher und ein sehr schwer zu Lesendes dabei und, wie es der Zufall wollte, ist das Buchpreisbuch erst ganz zum Schluß, als ich schon meine Shortlist und meinen Sieger hatte zu mir gekommen und kann nur sagen, es ist ebenfalls ein „irres“ Buch.

Da ich mich da für die deutsche Geschichte, das dritte Reich, die DDR, die RAF, die Studentenbewegung, etc, sehr interessierte, hat mich das Buch schon im August bei der Longlistbekanntgabe sehr interessiert.

„Matthes und Seitz“ haben es mir nicht geschickt, in den St. Pöltner Buchhandlungen war es, als ich mit dem Alfred zweimal dorthin kaufen ging, nicht zu bekommen. Der Otto hat es gerade gelesen, als er mir den Vertlib und den Peltzer brachte, aber da habe ich es mir von meiner lieben Schulfreundin Trude, die mir zum Geburtstagsfest immer ein Buch bringt und zweimal eines erwischte, daß ich schon vom Alfred hatte, gewünscht, nun also ganz zum Schluß das irre Buch, das der Preisträger bei der Preisverleihung, glaube ich, selbst als solches bezeichnet hat und sich wunderte, daß er auf die Shortlist kam.

Eine Menge Verlage haben es, glaube ich, auch vorher abgelehnt, zwölf Jahre dürfte er daran geschrieben haben, Ingo Schulze und und Thomas Meinecke haben den1955 in Wiesbaden geborenen Schriftsteller, Zeichner und Musiker, von dem ich vorher noch nie etwas hörte, unterstützt und ich würde es neben das Richter-Buch, das lange nicht so surreal ist und vielleicht deshalb im Lesereigen der dicken Bücher etwas untergegangen ist, einreihen.

Die sogenannten offiziellen Bücherblogger, die ja gar nicht soviel gelesen haben, sondern oft nach dem Anlesen  weggeschmissen oder abgebrochen, haben es, glaube ich, auch eher vermieden.

Der Kaffeehaussitzer und Jochen Kienbaum haben es aber gelesen und für den war es auch der Favoriti und mich würde jetzt interessieren, was Tobias Nazemi, der ja den Peltzer abbrach und sich beim Setz darüber beschwerte, daß er so lang sei und ihm am Lesen seiner anderen Bücher hinderte, dazu sagen würde und wann und, ob er das Buch abbrechen würde?

Auf den „Amazon-Seiten“ gibt es die übliche Diskussion, die es schon beim Setz gab, die einen vergleichen es mit Musil, die anderen sagen „Unbrauchbar, so eine Zumutung, welch ein Quatsch, wer wird das lesen?“

Das ist auch eine Frage, die mich beschäftigt und ich bin ja wahrscheinlich eine Überdurchschnittsleserin, eine, die eine knappe Woche dazu brauchte, die nicht abgebrochen hat, obwohl ich manches nicht verstanden und daher überlesen habe.

Der Stil ist aber flüßiger, als beim Peltzer und mein Favorit beezüglich des surrealen-Verrückten, bleibt, glaube ich, der Setz, da ist mir als Psychologin und Psychotherapeutin wohl der Inhalt näher.

Borderlinepersönlichkeiten und Behindertenbetreuer interessiern mich eben, obwohl es in dem Buch  auch darum geht und der Teenager, wie ja schon der Titel sagt, psychisch auffällig ist.

Also durch die achtunhundert Seiten, die kein Chronologie haben, so daß ich jetzt eigentlich noch nicht sagen kann, was da  der Anfang ist und warum es geht?

Um die Weltgeschichte, um das Aufwachsen im katholischen Nachkriegsdeutschland, der fünfziger und sechziger Jahre, um Borderline und Bipolitarität umd Schuld und Sühne oder vielleicht, um etwas ganz anders?

Richtig um die Musik der Beatles und Co, wo ich mich nicht so auskenne und nicht so interessiere, geht es auch und wenn ich es mir interpretieren sollte, würde ich sagen, es geht um die Vergangenheitsbewältigung eines später Geborenen, wieder auf eine ungewöhnliche Art, wie es auch Peter Richter mit seinem Jugendlichen in der DDR zwischen 1989 und 1990 versucht hat.

Der Jugendliche, um den es geht, ist 1969 dreizehn oder dreizehneinhalb und heißt entweder Timo vom Heiligen Timotheus, dem Schutzpatron für das Bauchweh oder Frank Witzel selbst und der wurde  auch 1955 in Wiesbaden geboren, das, wenn ich es richtig verstanden habe, in der Nähe von Bibrich ist, wo der Jugendliche, Sohn eines Fabrikanten, lebt.

Die Mutter hatte einen Schlaganfall oder eine ähnliche Krankheit, wird aber später wieder gesund, deshalb ist eine Frau von der „Caritas“ im Haus und daran entknüpfen sich die Fantasien des Heranwachsenenden, der sich mit seinem Freund Bernd und seiner Freundin Claudia ganz am Anfang  eine Verfolgungsjagd mit der Polizei bietet.

Aus Wasserpistolen wird geschoßen, Spielzeuge werden im Auto vergessen, im Fernsehen berichten sie dann von Terrorüberfällen in denen die Jugendlichen verwickelt sein sollen. Die Frau von der „Caritas“ schöpft Verdacht, wird dafür in der Phantasie oder in der Wirklichkeit vom Erzähler in der DDR geschickt, wo es ganz furchtbar ist und man statt Schokolade, nur hartes Brot mit Kakakopulver hat.

Die Frau von der „Caritas“ taucht dann als DDR- Funktionärin in Uniform wieder auf und die Jugendlichen, die inzwischen auch eine Bank überfallen haben und einen Obdachlosen mit einer Flasche Whisky vergifteten, werden dorthin gebracht, erfahren es gibt Salami, die besser als die Westdeutsche schmeckt und werden von der „Caritas-Frau“ in Unform wieder zurück ins Heimatstädtchen gebracht.

Dazwischen, davor oder danach, das habe ich nicht ganz herausgekriegt, gibt es einen Sanatoriumsaufenthalt des Jugendlichen, der sehr schlecht in der Schule ist, er kommt auch vorher oder nachher in ein Konvikt und soll Priester werden und wie das offenbar im Mief der Sechzigerjahre so war, streiten sich dann der Psychiater oder Psychologe, dem Dr. Märklin werden beide Berufe zugeordnet, obwohl doch der Psychiater Medizin und der Psychologie Psychologie studierte, mit dem Pfarrer über Gut und Böse beziehunsweise über den kleinen Patienten.

Es kommen auch immer wieder Kapitel vor, die sich mit der „Erfindung der Freundlichkeit“ etc beschäftigen und  am Schluß gibt es ein Register, wo Begriffe, wie Paul, Robinien, etc den Seiten, wo sie vorkommen, zugeordnet werden. Was soll das?, man könnte man fragen, als aber irgendwo auf den siebenhunderter Seiten, der Jugendliche erklärt, daß der das mit der RAF nur erfunden hat, weil er verschleiern wollte, was er im Sommer 1969 wirklich tat, nämlich nach London fuhr und dort offenbar einen Sänger in einem Schwimminbpool ertränkte, habe ich nachgeschaut wo „Gibber Kerb“, ein Begriff, der mir nichts sagte, vorkommt, um besser zu verstehen.

Der erwachsenen gewordene Teenanger taucht auch immer wieder auf, will in die Klinik für Boderlinestörung in Hamburg Eppendorf, ist mit einer Frau namens Gernika zusammen, hält einen Vortrag an dieser Klinik und Theaterspiele für die Patienten, wo der Nationalsozialismus oder die Weltgeschichte erklärt werden, kommen auch  vor, wie vieles andere, was ich jetzt auslasse, um nicht so fürchterlich zu spoilern und das Lesevergnügen zu zerstören.

Wobei sich  natürlich schon die Frage stellt, wer tut sich in Zeiten, der Ungeduld, der Überforderung, des zwanzig Prozent Analphabetismus auf unseren Schulen, diese achthundert Seiten, das zwölfjährige Werk des Frank Witzels, wirklich an?

„Matthes und Seitz“ ist das Wagnis eingegangen,  hat das Buch gedruckt und für die LL eingereicht. Dann ist der Verleger aber, glaube ich, ohne eine neue Auflage zur Preisverleihung gefahren, so daß das Buch  einige Zeit vergriffen war und erst wieder vierzigtausendmal aufgelegt wurde.

Jetzt sieht man es auch in den Buchhandlungen und ich frage mich schon, was die berühmten Schwiegermütter dazu sagen werden, wenn sie es am Weihnachtstisch unter den Gaben finden und die Überlegungen der Buchpreisjury ist auch interessant, beziehungsweise kann man herrlich spekulieren, nach welchen Prinzip sie jetzt das eine Buch auswählen?

Herausbekommen wird man das wahrscheinlich nie, weil die Jury ja jährlich wechselt, aber ich habe mir gedacht, der Peltzer wird es nicht, weil zu kompliziert. Ein sogenanntes anspruchsvolles Buch wird es aber schon sein, der Setz ist vielleicht zu jung und sein „Wahnsinn“ zu speziell auf die Generation Dreißig abgeschnitten und dann verliert man die lesenden Schwiegermütter.

DDR, Holocaust und dessen Bewältigung durch die Studentenbewegung und die roten Armeefraktion ist aber sicher interessant, was man auch an den vorigen Buchpreisbüchern sehen kann.

So ist es also Frank Witzel und seine „Erfindung“ geworden.I ch gratuliere sehr, hätte selber den Rolf Lappert den Preis gegeben und Zaimoglu, Erpenbeck, Setz, Weyandt, Monique Schwitters, die den deutschen Buchpreis für „Eins im Anderen“ bekommen hat, noch auf auf Shortlist gesetzt.

Bei Frank Witzel weiß es ich nicht und muß das auch nicht tun. So schließe ich also das heurige Buchpreisbloggen ab. Sybille Lewitscharoff, die  2011 mit „Blumenberg“ auf die Shortlist gekommen ist, steht noch auf meiner heurigen Leseliste, werde mich jetzt auf die Buch-Wien und den Ö1-Quiz stürzen und kann das Buchpreisbloggen und das Longlistenlesen, jeden nur empfehlen, obwohl man da natürlich die hundert, tausend, oder wieviel auch immer schönen Bücher versäumt, die in diesem Jahr erschienen sind und die man auch lesen sollte.

Ein Buchpaket mit zehn bzw. neun schönen Bücher, wo einige andere Neuerscheinungen darauf sind, habe ich ja bei Buzzaldrin gewonnen, sechs davon stehen noch auf meiner heurigen Leseliste.

Mal sehen, ob ich alles schaffe und eine Kritik kann man bei dem Buchpreisbuch noch anmerken, zumindestens die Buchqualität ist sehr schlecht, nämlich nach einmal Badewannelesen schon aufgelöst und an den Rändern kaputt.

2015-10-31

Eigentlich müßten wir tanzen

Jetzt kommt buch neunzehn meines heurigen Buchpreisbloggens, nämlich Heinz Helles „Eigentlich müßten wir tanzen“, das dritte oder vierte Buch mit Endzeitstimmung von der Liste und wahrscheinlich, das brutalste, männlichste.

Valerie Fritsch war ja sehr poetisch, Ulrich Peltzers Globalisierungsroman, den man vielleicht auch diesbezüglich einordnen könnte, mir zu kompliziert geschrieben und Ulrich Lapperts „Über den Winter“, der wahrscheinlich, neben dem Setz, mein bisheriger Favorit wäre, ein Buch über die Midlifekrise, die dann ein wahrscheinlich positiveres Ende findet, aber das Leben ist endlich und irgendwann sterben wir alle und wenn wir das auch nicht in realen verlassenen Welten tun, kann man das im Gitterbett mit Alzheimer in einer überforderten Pflegestation oder wenn man zu Hause verhungert, vielleicht ähnlich empfinden…

Interessant ist sicher, daß soviel Winter beiden heurigen LL-Büchern vorkommt, soviel Endzeitstimmung, Jenny Erpenbeck zeigt vielleicht auch Ähnliches und die Flüchtlingswelle überrollt uns gerade, obwohl wir  noch oder auch wahrscheinlich weiterhin gut leben….

Der 1978 in München geborene und in Zürich lebende Heinz Helle, der das Schweizer Literaturinstiut absolvierte und 2013 beim Bachmannpreis mit „Wir sind schön“ gelesen und den „Ernst Willner Preis“ gewonnen hat, hat eine schöne, klar präzise Sprache, nicht so kitschig blumig, wie Valerie Fritsch, sondern hart, brutal, männlich, wie es bei einem Weltuntergang vielleicht sein muß, schildert er die Apokalypse und hat mir vielleicht gerade deshalb nicht so gefallen, denn ich bin ja nicht für das Brutale Aggressive und Marlen Haushofers „Wand“ ähnlich aussichtslos, ist vielleicht weiblicher geschildert.

Da sind fünf junge Männer für ein paar Tage auf eine Berghütte gezogen, um sich dort anzusaufen, sie machen das schon seit Jahren und als sie am letzten Tag mit ihren Kaffeebechern vor die Hütte treten, sehen sie hinab in ein brennendes Dorf und der Untergang hat begonnen.

Auf hunderteinundsiebzig Seiten,  in neunundsechzig sehr kurzen Kapiteln wird das nicht sehr chronologisch und auch nicht zusammenhängend geschildert, von der Stimmung her muß das wohl auch sein und ich würde es als einen sehr kalten,  harten Roman ohne viel Gefühle bezeichnen.

Es ist ja auch Winter oder auch nicht, denn irgenwann wird der April und das knospende grün der Bäume geschildert und einige der jungen Männer haben das Ganze auch ein paar Wochen überlebt, bevor sie  aufgeben uns sich mit einem Messer die Schlagadern aufschneiden.

Vorher passiert noch sehr viel und es sind wirklich schöne Bilder in denen das Brutale geschildert wird und natürlich ist das Ganze auch ein bißchen unlogisch, wahrscheinlich weil sich niemand ein Weltuntergangsszenario wirklich vorstellen kann. Die Häuser brennen, gut, aber wo sind die Menschen? Ein paar Leichen liegen herum ja, aber die Lebensmittel müßten überbleiben, gut sie sind verkohlt, aber schön der Reihe nach, obwohl es die ja nicht wirklich gibt, denn Heinz Helle springt gleich hinein und erzählt erst später nach und nach, wie das alles gekommen ist.

So beginnt es gleichmit einer Vergewaltigung, irgendwo liegt eine Frau und die Fünf,  darunter ein Molekularbilologe, ein Architekt, ein Pilot, ein Versicherungsmakler, einer der ein Exportgeschäft überwacht, stürzen sich auf sie und lassen sie dann zurück, ein Kind mit toten Eltern taucht auf  und Container mit Kühlschränken, verlassene Diskotheken und Supermärkte, in die man hineinkriechen kann, die fünf bewegen sich aber auch viel im Wald. Einer bricht sich bald das Bein und wird zurückgelassen.

Nach und nach wird es dann konkreter, man erfährt, von dem brennenden Dorf, das die Fünf von oben sahen, sie gehen hinunter, sehen eine Autoschlange, die sich im Kreisverkehr verknotete, die Menschen alle weg, auch die aus einem Bus, den sie später finden. Sie kommen zu einer Talstation und einem verlassenen Haus, finden dort noch Bier, alte Sandwiches, Gurken und Betten ohne Matrazzen. Dort tanzen sie die Nacht durch, später irren sie durch die Wälder, essen Tiere, machen Feuer, blenden in ihr früheres Leben zurück, stellen sich vor, was sie nachher machen werden, ein Pissoir für Frauen erfinden oder eine Fernsehshow, wo Häuser in Straßen mit furchtbaren Namen zu gewinnen sind.

Beim Aufstemmen des Containers mit den Kühlschränken kommt noch einer um, dann kehren sie zu der Hütte zurück, finden dort einen Mann im Bett, da stirbt der Dritte, die zwei andere schlagen den Schädel des Angreifers ein, vergraben ihn und verlassen dann nach Tagen halb verhungert die Welt, nicht ohne in die Vison von einem schönen Leben zurückzukehren: „Wenn eines Tages doch noch einmal ein ganzu normaler Montag kommen sollte, von mir aus auch im November, werde ich beim Signal des Weckers um sechs Uhr dreißig aus meinem Bett springen wie das Sankt Petersburger Ballet…“

Die Bücherblogger haben das Buch auf ihre Shortlist gesetzt, zwei von ihnen haben es auch gelesen und ich werde mein dBp-Bloggen jetzt vorläufig beenden, beziehungsweise auf mein Geburtstagstagsfest und darauf warten, ob mir die Trude den Frank Witzel bringt.

Dann gibt es noch ein Resumee, ansonsten kann ich auf meine bisherigen Artikel verweisen 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12  und schreiben, das Buchpreisbloggen war sehr schön, interessant, informativ und ich habe viel dabei gelernt, aber natürlich nur neunzehn Bücher aus einer Flut von Neuerscheinungen gelesen.

2015-10-30

Über den Winter

Der Endspurt naht, Rolf Lapperts „Über den Winter“ ist das achtzehnte Longlist- sowie, das fünfte auf der Shortlist das ich lese, eines das die Bücherblogger, nicht auf ihtre Shortlist setzten und dann, als sie es gelesen hatten, vermehrt den Preis zusprachen und ich schließe mich ihnen, glaube ich, an, obwohl ich Frank Witzel noch nicht gelesen habe und meine persönliche Shortlist eigentlich schon sechs Titel hat.

Jetzt könnte ich die Alina Bronky als zu flapsig, zu sehr Allgemeingeschmack, wieder hinunterstreichen. Ich könnte sie aber darauf lassen, denn wer sagt, daß eine Shortlist nur sechs Bücher hat und meine Meinung ist auch ohnehin trivial und scheint niemanden zu interessieren.

Einer der Bücherblogger hat es, glaube ich, als ein tieftrauriges Buch bezeichnet oder das trauigste, das er je gelesen hat, ein anderer, daß das nur ein Buch für Fünfzigjährige sei und hätte er es mit zwanzig gelesen, hätte er es weggeschmissen.

Ein Satz der mich, der ich es ja nicht so mit den Bücherwegschmeißen habe, bedenklich macht, aber ich habe auch etwas länger gebraucht, mich in das Buch hineinzufinden.

Zuerst hätte ich es, wie das von Ralph Dutli ein wenig aufgesetzt gefunden, dann aber gedacht, daß es das hat, was ich gerne könnte, die Realität nämlich so abgehoben, daß es als literisch gilt und was mir beim Kay Weyandt ein wenig fehlte, zu schildern.

Also da ist Lennard Salm, an die Fünfzig, ein Konzeptkünstler, offenbar erfolgreich, obwohl das nirgend so genau steht, in New York lebend. Zu Beginn des Buches, ist er aber an irgendeinem Stand, wahrscheinlich in Italien, wo das Schwemmgut der Bootsflüchtlinge herangetrieben wird und er ist da, um das zu fotografieren und ein Kunstprojekt daraus zu machen.

Deshalb wohnt er in der seltsam heruntergekommenen Feriensiedlung seines Mäzens Wieland und diese Siedlung ist wirklich irgendwie seltsam. Zwar gehört sie Millionären, aber es ist alles verlassen, kaum jemand da, außer ein paar der Besitzer, mit denen Salm pokert und schon seine Uhr, sein Handy, seine Kamera, etcetea an sie verloren hat.

In der Nacht kommen auch Jugendliche, um Steine auf die Siedlung zu werfen, und die Polizei scheint sich um all das nicht zu kümmern. Ein sehr verlorenes Endzeitbild, wie die LL ja einige zu bieten hat.

Salm geht, als er seine Kamera wieder hat, an den Strand um zu fotografieren und findet dort ein toten Baby, das einfach begraben wird, weil die Polizei für tote Kinder offenbar nicht mehr zuständig ist.

Dann bekommt er einen Anruf seines Mäzens, seine Schwester ist gestorben und er muß nach Hamburg, von wo er herstammt, zum Begräbnis.

Auch da geht es bizarr weiter. Der Mäzen schenkt ihm am Flugplatz ein Handy und einen Mantel, denn in Hamburg ist es Winter und sehr kalt, quartiert ihn in einem guten Hotel ein. Er geht aber in eines namens „Babylon“, kauft sich bei einem türkischen Tandler einen schwarzen Anzug und fährt auf den Friedhof, wo er seine Familie wiedertrifft. Die Schwester Bille, auch eine verkappte Künstlerin, Regieassistentin, die im Laufe des Buches ihren Job verliert, den Vater Albert, der im heruntergekommenen Stadtteil Wilhelmsburg mit seiner polnischen Pflegerin Bascha lebt und damit er sie sich leisten kann, hat er die meisten Mäöbeln verkauft. Die Mutter eine Norwegerin, zu der Salm wegen ihrer Strenge ein sehr schwieriges Verhältnis hat, ist aus Amerika, wo sie jetzt lebt, gekommen und dann gibt es noch den jüngerne Bruder Paul, der aber nicht das Kind von Albert ist.

Bille will, daß Salm bei ihr wohnt, der Vater will das ebenfalls, so kommt er in das herabgekommene Viertel, wo es nur mehr einen alten Friseur, ein leeres Reisebüro und eine imbßbude gibt und als er das Haus betreten will, wird er von einem Jugendlichen mit einem Revolver bedroht. Ja so ist das offenbar in den heruntergekommenen Vierteln in unseren Krisenzeiten.

Der Junge heißt Lorenz und lebt mit seiner Mutter in der Wohnung der Großmutter, die liegt im Bett und hört den ganzen Tag klassische Musik, dann gibt es noch eine andere alte Frau in dem Haus, die im Verlauf des Buches stirbt und die in ihrer Wohnung alte Zeitungen angesammelt hat, um sich von der Kälte zu schützen und den Hausherrn und dessen Sohn Armin mit der Hasenscharte, den der Vater, weil man das, was Gott gibt, nicht wegmachen soll, nie oiperieren ließ und der deshalb zum Gespött der anderen wurde. Armin versogt den alten Mann, der im Bett liegt und dreht ihm zur Strafe auf sieben Fernsehern, die Musik auf, die er die er als Jugendlicher nicht hören durfte.

Man sieht schon, die ganze Bandbreite des Schnitzerlischen „Weiten Landes“ kommt hier zum Tragen und einen Koffer, der beim Flug nach Hamburg verloren gegangen ist, gibt es auch. Den schickt die „Alitalia“ durch die ganze Welt und sendet Salm immer wieder Mails mit der Nachricht wo er sich gerade befindet. Am Schluß bekommt er ihn zurück, aber da hat sich schon einiges verändert.

Der Junge hat ein Pferd gefunden, das er und Salm aufpäppeln und im Hof verstecken. Er  beginnt auch eine flüchtige Beziehung zu seiner Mutter, aber beide verlassen das Haus, denn die Großmutter ist schon längst gestorben und Nadja hat nur, um den Hausherrn zu täuschen, die Musik laufen lassen.

Jetzt geht sie zu ihrem Mann nach Kiel zurück, der Junge will nicht mit, hat aber keine Wahl und Salm will sich mit seiner Mutter eigentlich nicht versöhnen, obwohl die einen Rückzieher macht und ihren Kindern jetzt das „mit fünfzig all das schnekt, was sie mit fünf nicht haben durften.“

Und Salm will eigentlich als Hausmeister in dem Haus bleiben, das Pferd pflegen, Geld ausgeben, das er nicht hat und nicht mehr Künstler sein. Sich nicht mehr mit dem Irrsinn der Welt beschäftigen, in dem er tote Kinder und das Strandgut von Flüchtlingen in Galerien ausstellt, das dann von der Haut Voile mit Sekt beklatscht wird.

Aber wie soll das gehen, da Armin nur mehr auf den Tot des Vaters wartet, um das Haus zu verkaufen und sein Vater mit Bascha nach Polen zieht, wo es wärmer, schöner, größer ist, um seinen Lebensabend zu verbringen oder ein neues zu beginnen?

Man weiß es nicht, aber ich denke, daß hier das „Bessere Leben“ wahrscheinlich verständlicher geschildert wurde. Besser wahrscheinlich nicht, denn in einer Welt wie dieser, ist das wahrscheinlich gar nicht möglich.

Der 1958 in Zürich geborene Rolf Lappert, der schon einmal auf der Shortlist stand und von dem ich schon die „Gesänge der Verlierer“ gelesen habe, ist das, ich will nicht sagen meisterhaft, weil mir das zu kitschig klingt und ich auch nicht die Phrase „überzeugt“ mag, aber doch sehr eindringlich gelungen.

Also ein neuer Favorit in meinem Buchpreisranking und jetzt wartet  noch ein Buch eines in der Schweiz Lebenden mit Weltuntergangsstimmung auf mich.

2015-10-26

Das bessere Leben

Wieder mal ein Buch, das mich etwas ratlos macht, das ich wahrscheinlich nochmals lesen müßte, um es  zu verstehen.

Aber eigentlich steht alles schon im Klappentext, dazu kann man dann „No na!“, sagen und wozu braucht man dann die vierhundertvierundvierzig Seiten, mit den roten Fäden die nirgenwohin führen?

Die Fallstricke durch die Geschichte, in der nicht nur ein Herr Becher und ein Herr Kurella in Moskau bei einer Schriftstellertagung auftauchen, von beiden habe ich Bücher gelesen oder in den Regalen, der eine ist in Stalins Zeiten durch Moskau gefahren, hat es sehr globt und Bücher darüber geschrieben, die in der DDR erschienen sind, der andere war DDR Kulturminister und ein in der DDR berühmter Nationaldichter.

Aber das ist nur ein Nebenstrang, einer von vielen, den ich besser verstanden habe, als das andere, über das ich nur drüber gelesen habe und blöderweise, habe ich mir Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“, ein Buch das nicht nur auf der Longlist, sondern auch auf der Shortlist des dBP 2015 stand, vom lieben Otto ausgeborgt, also konnte ich nicht, wie sonst, mir alles anstreichen und da ich es in der Badewanne gelesen habe und das Buch nicht naß machen wollte, sind auch die Notizen weggefallen.

Aber, die braucht man offensichtlich für das Buch, das in der schönen neuen Globalisierungswelt, in Amsterdam, Moskau, Wien, San Paolo, Turin und, wo noch immer spielt und das auch noch durch ein ganzes Jahrhundert lang tut.

Ich bin ja eine geduldige Leserin, die alles verstehen will und selten oder eigentlich nie, Bücher abbricht.

Tobias Nazemi, einer der Bücherblogger, hat das nach sechzig Seiten getan, weil er sich als Leser verarscht fühlte und sich vom Autor nicht länger hinhalten wollte.

Andere, wie Birgit Böllinger bringen Vergleiche mit dem „Faust“ und sprechen vom besten Shortlistbuch.

Das ist für mich nach wie vor Clemens J. Setz, der es gar nicht darauf schaffte und das ist ja auch ein sperriges Buch mit einem grandiosen Inhalt.

In diesem geht es, wie im Klappentext steht, um die enttäuschten  Ideale, der Leute, die in den Siebzigerjahren studierten, Ulrich Peltzer ist Jahrgang 1956, die Welt besser machen wollten und jetzt Anfang des neuen Jahrtausends durch die Welt jetten, jede Nacht in einem anderen Hotel schlafen, Versicherungen oder Maschinen verkaufen, überall ihre Freundinnen haben, Geld verschieben, ihre Hoffnungen verloren haben und sich dabei noch manchmal fragen, was das bessere Leben ist?

So weit verständlich und dazu brauche ich gar nicht die vierhundertvierundvierzig Seiten, auf denen viel oder auch  nichts erklärt wird.

In den „Amazon-Rezensionen“ steht, daß jüngere Personen, ohne „Wikipedia“, das Buch nicht lesen können, in den Blogs, sind auch die Abbrecher zu finden, die sich ihre Lesezeit nicht stehlen lassen wollen.

Bei „Amazon“ steht auch etwas von der schönen Sprache und dem stimme ich zu, ein intellektuelles Buch, gekonnt geschrieben, aber was passiert da eigentlich?

Wieder viel und nichts.

Eine der drei Hauptpersonen, es gibt noch andere, zum Beispiel zwei Nebenfiguren in Wien, heißt Jochen Brockmann, ist um die fünzig und hastet sich durch seine Midlifekrise.

Er verkauft für eine Turiner Firma Maschinen nach Asien, legt in Zürich für seine Tochter ein Gelddepot an, hat eine geschiedene Frau, eine Schwester, Eltern, eine Freundin, ein kaputtes Knie, weil früher zuviel Sport gemacht und Pech im Geschäft, denn er bekommt keinen Kredit mehr, wird von der Firma hinausgelehnt und am Ende gekündigt und am Schluß bekommt er ein unmoralisches Angebot von einem Teufel, wie der Klappentext andeutet.

Birgit Böllinger zitiert Mephisto und ich muß gestehen, ich habe die Machenschaften von Sylvester Lee Fleming, der sich schlaflos in einem Hotelzimmer in San Paolo wältzt, nicht verstanden.

Allerdings auch nicht das Teuflische an ihm, er handelte aber in seiner Jugend offenbar mit Drogen.

Es gibt auch Anspielungen von Polizeiüberfällen und einen Angel. Einen Dr. Engel gibt es auch ( wie war das mit den sprechenden Namen, die man nicht verwenden soll?) und schließlich trifft Sylvester Lee Fleming Joachim Brockmann in San Paolo, lädt ihm ein, drückt ihm ein Kuvert in die Hand, das er nach Wien zu den zwei schon erwähnten Typen schicken soll und überweist ihn dafür achttausend Euro, die er nicht zurückschicken kann.

Brockmann hat sich inzwischen in die Reederin Angelika Volkhart, aus der DDR, die früher Russischlehrerin war, aber das kann man in globalen Zeiten nicht mehr brauchen, verliebt und bricht mit ihr in neue Gefilde auf.

Offen bleibt, habe ich in den Blogs gelesen, ob Brockmann das Angebot annimmt und sich für das bessere Leben, was das wohl ist, kann man wiederum diskutieren, entscheiden wird?

„Die letzten Sätze lauten jedenfalls „Darf ich mich Ihnen vorstellen?“, sagt plötzlich der Mann auf dem Nebensitz.

„Warum nicht“

Daß man dem Teufel wiederstehen muß, lernt man, glaube ich schon im Kindergarten, dafür braucht es keine vierhundert Seiten und ein raffiniertes Spiel des Autors, der übrigens studierter Psychologe ist, mit seinen Lesern, die, weil inzwischen soviele Analphabeten, vielleicht das Lesen nicht mehr richtig können und auch nicht die Geduld haben, mehr als sechzig Seiten von Dingen zu lesen, die sie nicht verstehen.

Und, daß sehr viele Studenten, die 1968 für das Gute kämpften, ihre Ilussionen verloren haben,  korrupte Politiker, Salesmanager, Banker und was auch immer wurden, habe ich auch vorher gewußt.

Ich muß gestehen, daß ich die Fallen, denen die drei erlegen sind, nicht so ganz verstanden ist und was das bessere Leben ist, erscheint mir auch klar.

Ganz naiv „Edel hilfreich und gut“ und sich nicht in unseriöse Geschäfte verwickeln lassen, von denen wir in globalisierten Zeiten, nicht nur seit 1989, dem Fall der Mauer umgeben sind, auch vorher war es schon korrupt genug, haben die Nazis und Stilin geherrscht und den Vietnamkrieg kann man wahrscheinlich auch nicht edel nennen.

Davon sind die vorher so aufrechten Idealisten traumatisiert worden und nun kommt Ulrich Peltzer daher und erzählt auf vierhundervierzig sehr komplizierten Seiten eine Geschichte, die der Klappentext auf ein paar Zeilen erklärt.

Ich habe das Buch nicht abgebrochen, hätte es wahrscheinlich weder auf die Long- und die Shortlist gesetzt und habe von Ulrich Peltzer, von dem ich mich, wenn ich mich nicht irre, erinnern kann, Sigrid Löffler einmal sehr enttäuscht war, daß er mit einem anderen Buch nicht auf die LL kam, noch zwei andere Bücher auf meiner Leseliste.

Jetzt bin ich gespannt, wie ich mit ihnen zurecht komme und denke, daß ein Autor natürlich kompliziert schreiben  und ein Leser, das Buch natürlich abbrechen kann, wenn er es nicht mehr versteht.

Aber dann kommen, die zwei nicht zusammen und die Kommunikation stimmt nicht. Interessieren würde mich auch, wieviele  Leute dieses wahrscheinlich doch hochgelobte „Germanistenbuch“ wirklich lesen?

Ich bin weder enttäuscht, noch verärgert, fange nur nicht sehr viel damit an, weil ich vieles überlesen habe und mir angesichts meiner überlangen Leseliste, nicht mehr Zeit nehmen will, gebe also Tobias Nazemi vielleicht ein bißchen recht.

Bei Arno Schmidt habe ich auch einmal etwas Ähnliches geschrieben und empfunden.

Richard Obermayr dann doch mehr verstanden und schwieriger zu lesen war wahrscheinlich der Zaimoglu, dann hat  es mir gefallen, hier bin ich nicht ganz sicher, ob der Autor nicht vielleicht doch etwas sehr Einfaches, bewußt kompliziert erzählt, weil es die Germanisten, die Verleger, er selber, etcetera, so haben wollen?

Dem Otto scheint das Buch gefallen zu haben.

2015-10-17

Lucia Binar und die russische Seele

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:48
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Jetzt geht es weiter mit dem Longlistlesen und mit den sechzehnten Buch das ich gelesen habe, nämlich Vladimir Vertlibs „Lucia Binar und die russische Seele“, eines der zwei Bücher das mir der liebe Otto, noch originalverpackt, borgte und das auf den Blogs ein wenig untergegangen ist.

„Zeilensprünge“ haben es schon recht früh besprochen, den offiziellen Bloggern war es wohl zu unbekannt österreichisch, aber mir ist der 1966 in Leningrad geborene und 1981 nach Österreich übersiedelte Vladimir Vertlib schon lang bekannt.

„Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur“, wo eine alte Dame gemeinsam mit Stalin schläft, habe ich gelesen, 2000, als in Österreich schwarz-blau herrschte, hat er einen Preis bekommen und gleichzeitig mit der Donnerstag-Demo im Rebulikanischen Club“ gelesen, ich bin glaube ich, zu beiden gegangen, er lehrt inzwischen, glaube ich, auch am Institut für Sprachkunst und als er einmal seinen Text für das Projekt „Die Welt in der ich schreibe“ in der „Alten Schmiede“ vorgestellt hat, habe ich ihn gegen Benedikt Lebedur verteidigt, der behauptete, daß man so nicht schreiben könne.

Stimmt, Vladimir Vertlib schreibt realistisch, im vorliegenden Roman mit einem Stück Surrealismus und das ist mir sehr sympathisch und das Buch, das schon im Frühling erschienen ist, ist ein bißchen an mir vorbeigegangen.

Ich war bei keiner Lesung, habe aber Ottwald John einmal wo getroffen, der mir erzählte, daß er zu einer gehen würde, „Denn das ist ein ganz besonderer Roman!“

Stimmt, einer, der es auf die Longlist schaffte und von einer alten Dame, einer Baba Lucia, handelt, die in Wien, im zweiten Hieb, in der großen Mohrengasse wohnt, für alle Nichtwiener, das kann man dem Buch vielleicht ein wenig anlasten, daß das zu wenig erklärt wird und die Namen Maria Vassilakou und H. C. Strache, beispielsweise einfach hingeworfen werden, das ist der zweite Bezirk, wo in Zeiten des Holocausts, die meisten Juden wohnten, bzw. von dort deportiert wurden.

Jetzt wohnen wieder solche dort, wahrscheinlich viele, die aus der ehemaligen UDSSR emigrierten und wieder schwarze Mäntel und Schäfenlocken tragen.

Lucia Binar, über achtzig, lebt schon lange dort und hat das alles miterlebt, war Lehrerin und eines Tages läutet es an der Tür und ein junger Mann oder ist es ein junges Mädchen, will von ihr eine Unterschrift, daß die Große Mohrengasse, in der sie lebt, politisch korrekt in „Große Möhrengasse“ umbenannt werden soll.

„Was ist denn das für ein Unsinn?“, ärgert sich die alte Dame und dann noch einmal darüber, daß an diesem Tag ihr „Essen auf Rädern“ nicht zugestellt wird.

Sie ruft bei einer Hotline an und eine unfreundliche Elisabeth rät ihr, doch statt zu jammern, Knäggebrot und Manner-Schnitten zu essen.

Sie geht dann bald auf Kur, denn sie hatte einen Unfall und als sie zurückkommt, lagern Obdachlose und Drogensüchtige in ihrem Haus und scheißen alles voll, denn der Hausherr, ein Willi Neff, den Lucia Binar, schon als Kind kannte, will die alten Mieter loswerden, um zu spekulieren.

Es gibt dann noch einen Russen namens Alexander, der eigentlich Moslem ist und der lernt in einem Lift, bei einem eher skurillen Unfall, die bewußte Elisabeth kennen und verdingt sich bei einem Maistro namens Viktor Viktorowitsch, mit ihr als Assistent.

Lucia Binar hat sich inzwsichen mit dem Studenten, der nicht mehr die Gasse umbenennen, sondern gegen den Hausherr kämpfen will, befreundet und besucht mit ihm die große Schow, in der sehr viel abenteuerliches passiert.

Der sehr aggressive Branko einer der Obdachlosen, der ständig stchimpft und Frauen vergewaltigt, wird in eine solche verwandelt, ein Bezirksrat nach Ulan Bator geschickt und die russische Seele wird auch geweckt, das heißt jeder der Zuschauer, der dreiundzwanzig Euro für den Eintritt zahlte, darf sich etwas wünschen und alles alles geht gut aus.

Lucia Binder darf wahrscheinlich in ihrem Haus in der Großen Mohrengasse sterben und die jüdischen Vorbesitzer bekommen es wahrscheinlich auch zurück.

Ein schönes Buch, auf dessen Lesen, ich mich schon sehr freute und wieder eines, wo ich mir nach dem Lesen dachte, „Das kann ich, wenn ich vielleicht ein Lektorat habe, daß mir ein paar surreale Elemente setzt und die Rechtschreibfehler verbessert, auch und ein paar komplizierte Redewendungen, die die wirkliche Luciar Binar, die ständig Gedichte, beispielsweise, die von Wislawa Szymborska, zitiert, wahrscheinlich doch nicht gebrauchen würde, gibt es, so daß es gar nicht so leicht zu lesen ist.

2015-10-12

Deutsche Buchpreisvergabe zum Messeauftakt

Um sechs wurde in Frankfurt der diesjährige dBp feierlich bekanntgegeben, eine Veranstaltung, die man per Livestream mitverfolgen kann, was ich noch nie, beziehungsweise nie zu Gänze getan habe, weil ich am Abend meistens auf einer Veranstaltung bin und mir nur nachher das Kurzvideo mit der Siegerrede, die es dann noch zu sehen gibt, anschaute.

Aber heuer ist ja alles anders, heuer habe ich ja „Buchpreisgebloggt“, beziehungsweise mich durch die Longlist gelesen. Und wenn ich mit dem Clemens J. Setz, auch erst bei Buch fünfzehn bin, habe ich mir doch überlegt, wie ich das dann mit den Veranstaltungen und dem Bloggen mache.

Denn zum Glück gibt es in Wien ja immer eine große Auswahl und in der „Alten Schmiede“ wieder eine „Stunde der  literarischen Erleuchtung“, die auch um sechs begann, da wäre dann alles verplant gewesen.

Im Vorjahr war ich, glaube ich, beim „DichtFest“ in der „AS“ und habe dort die Leute munkeln gehört, daß der Lutz Sailer gewinnt und vor zwei Jahren, habe ich halb in die Veranstaltung hineingehört und bin dann in den „Republikanischen Club“ und zu Judith Gruber Rizy gegangen.

Im Literaturhaus fand ich  heraus, präsentierte Andrea Grill, um sieben ihren neuen Roman und die „Wilden Worte“ beginnen um acht, ist  mir eingefallen, da könnte sich die Übertragung ausgehen, aber da war Marlen Schachinger mit Daniel Zipfel und die beiden habe ich ja schon gehört.

Aber um acht in der „Alten Schmiede“, wie mir der Lehrer aus Retz, glaube ich, bei der Setz Lesung sagte, der Jan Koneffke mit seinem neuen Roman, der zwar nicht auf der LL steht, aber durchaus mal ein Buchpreisträger werden könnte und wenn ich beides verbinde, habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Nur kurz zur Wiederholung, ich habe mich ja heuer das erste Mal entschloßen die LL zu lesen, was mir bis jetzt zwar noch nicht gelungen ist, aber ich liege mit meinen fünzehn Büchern bei den Bloggern an der Spitze, die sogenannten offiziellen, haben ja eher angelesen und die „Zeilensprünge“ sind mit dem Setz, glaube ich, beim neunzehnten, sind aber,  wie ich ebenfalls glaube, zu zweit und ansonsten ist der Versuch, die Bücher alle zu bekommen, ein Erfolg geworden.

Aufmerksamkeit habe ich in der Bloggerszene zwar nicht viel erregt, eher im Gegenteil, aber elf oder zwölf Bücher sind von den Verlagen zu mir gekommen, eines hatte ich schon, vier habe ich mir vom Alfred schenken lassen, den „Fuchs und Dr. Schimamura“ in zwei Stunden beim „Kuppitsch“ gelesen und zwei Bücher hat mir der liebe Otto geborgt, der sich zwar alle Bücher besorgt und auch schon einiges gelesen hat, mir aber heuer leider nicht kommentierte, so daß mein Bloggen eher unkommentiert geblieben ist, das habe ich aber sehr intensiv gemacht und so  war es auch sicher gut, um sechs zu Hause zu sein, mir ein Glas Wein zu richten und den Livestream anzuklicken.

Das war gar nicht so einfach, weil er immer hängen blieb,  es kamen aber die Eröffnungsreden, die von der großen Aufmerksamkeit berichteten, die dieser Preis hat.

Zwei Monate reden, schreiben und bloggen alle darüber, ich habe es getan und gelesen und gelesen, wenn da zwar auch manches andere ungelesen dabei bleibt, aber zwei Buchdebuts habe ich dazwischen geschoben, eine Neuerscheinung eines türkischen Autors und den „Susan Effekt“, den ich bei „Hanser“ gewonnen habe.

Dann wurde die Jury vorgestellt, die ja zu manch Großkritiker Bedauern diesmal aus Markus Hinterhäuser, einigen Buchhändlern und zwei Literaturwissenschaftlern bestand und dann ging es schon an die Shortlist, ich habe ja inzwischen eine eigene, die aus den gelesenen fünfzehn Büchern besteht und sich nicht mit der wirklichen deckt, da ich da ja drei Bücher noch nicht gelesen habe.

Da gibt es aber schon seit einigen Tagen, je ein Portrait der sechs Finalisten, auf der dBp Seite, jetzt kam eine Schauspielerin, las je eine oder zwei Seiten, ein Stückchen des Films oder war es der ganze, wurde gezeigt und je ein Juror sagte dazu ein paar Sätze.

Dazwischen konnte man immer wieder ins Publikum sehen, wo sich unter anderen auch Alice Schwarzer befand und dann kam wieder der Präsident oder Vorstand des Börsevereins und verkündete den Sieger, nämlich Frank Witzel mit „Die Erfindung der roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“, ein Buch, das mich von Anfang an interessierte, ich aber leider nicht zugeschickt bekam, so daß ich, als mich die Trude vorige Woche fragte, welches Buch, sie mir zum Geburtstag mitbringen soll, darauf tippte, weil auch sehr dick und für das Buchhandlungslesen vielleicht nicht so geeignet. So wird es spannend bleiben, weil ich das Buch, wenn überhaupt, erst im November tippen kann.

Alfred hat mir übrigens gesagt, daß Clemens J. Setz, der ja leider nicht auf der Shortlist stand, es, als seinen Tip für den dBp bekanntgegeben hat und auch bei den Bücherbloggern, die mit ihrer Shortlist ja keinen Treffer landeten, ist einer dabei, der sich von Anfang an, dafür aussprach, während die meisten anderen auf den Rolf Lappert tippten, der zusammen mit dem Ulrich Peltzer ja in meinem Badezimmer liegt.

Ich bin ja immer eher schlecht mit den Prognosen, ganz am Anfang, als ich die Schwitters und die Erpenbeck schon gelesen hatte, habe ich auf Erpenbeck oder Witzel getippt. Der Otto tippte auf Peltzer oder Witzel. Die Blogger ließen sich vom Peltzer ja eher abschrecken und ich wurde auf den Rolf Lappert aufmerksam gemacht, so daß ich am Ende eine eher lange Favoritenliste hatte.

Aber so soll es ja auch sein, denke ich, denn es gibt  nicht das eine gute Buch, sondern lauter solche und ich habe ja jetzt noch einiges zu lesen, bevor es an meine „reguläre Leseliste“, beziehungsweise ab Mittwoch zum Frankfurt-Surfen geht, wo dann ja die Bücherberge liegen, die neunzig oder so tausend, die jedes Jahr erscheinen, da sind dann auch die Krimis, die Chicklits, die Sachbücher und die Phantasies dabei und die Bücher, die die Promis, die Politiker, etcetera schreiben und ehe ich es vergesse, von meiner ganz persönlichen Schreibefront gibt es auch etwas zu vermelden.

„Im Namen des Vaters“ ist an die Druckerei gegangen, das Dummie durchgesehen und der Druckauftrag erteilt, wer bei meinem Gewinnspiel also noch mitmachen will, muß sich beeilen und die „Prekären Sommererlebnisse“ sind vorläufig korrigiert und sind jetzt beim Alfred, der das PDF setzen wird.

2015-10-10

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

„Es beginnt mit einer Verfolgungsjagd eines Heißluftballons!“, hat Angelika Reitzer vorige Woche bei der Präsentation von Clemens J. Setz tausendseitigen, leider nur Longlist-Buchs gesagt und das ist nicht ganz richtig, denn der Taxifahrer, von dem Natalie will, daß er  das tun soll, weigert sich, diesen unmöglichen Auftrag anzunehmen.

„Ich bringe Sie gerne an das Ende der Stadt oder wohin Sie wollen, aber das kann ich nicht!“

Das ist wahrscheinlich auch eine Charakterisierung des tausend Seiten Wälzers, in der sehr wohl Unmögliches und noch viel mehr geschieht und wenn ich mich nicht irre, habe ich auch irgendwo gelesen, daß das einer der beeindruckensten Buchanfänge ist.

„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“

Egal, Natalie Reinegger ist jedenfalls einundzwanzig, ehemalige Epileptikerin, die immer noch die „aurigen Gefühle“ verfolgt, die einen Grand Mal ankündigen. Sie lebt in Graz, der Heimatstadt des 1982 geborenen  Shootingstars und literarischen Wunderkinds Setz und sie hat ihre einjährige Ausbildung zur Behindertenbetreuerin erfolgreich abgeschloßen.

Deshalb gibt „Red Bull“ oder sonst wer eine Heißluftballonparty für die Absolventen. Natalie hat blöderweise in der Nacht davor zuviel Beruhigungspillen genommen und verschlafen, so versäumt sie diesen Beginn.

Sie hat aber schon eine Stelle in einem privaten betreuten Wohnheim, dort hat sie eine zweiwöchige Probezeit absolviert, ja wir leben in Zeiten, wo wir sparen und alles schnell gehen muß und so teilt sie sich alsbald mit drei Betreuerinnen zwei Stellen.

Sie bekommt auch zwei Bezugsklienten, einer heißt Mike und  hat ein Schädelhirntrauma, seither ist er von seiner Frau getrennt und malt schreckliche Sachen in sein Zimmer, die die Betreuer dann wegwischen müßen.

Der zweite heißt Alexander Dorm und sitzt im Rollstuhl, warum habe ich nicht herausgekommen. Es scheint aber auch nicht wichtig zu sein. Er ist jedenfalls homosexuell, haßt die Frauen und ist ein Stalker und hat die Frau seines Opfers Dr. Hollberg in den Selbstmord getrieben.

So weit realistisch und gut nachzuvollziehen. Dorm wird aber jede Woche von Hollberg besucht und Natalie, die Bezugsklientin oder Bezugerin, wie sie Dorm beschimpft, der mit ihrer knabenhaften Figur nicht viel anfangen kann, muß mitgehen und seine sadomasochistischen Versuche Dorm aus seiner Hand tote Mäuse fressen zu lassen, mitverfolgen.

Es passiert noch viel viel mehr Surrealistisches und Reales, denn Hollberg tritt ihr mit Billigung oder auch ausdrücklicher Duldung der Heimleitung, bezahlt vielleicht er den Betreuungsplatz, zu nahe, zeigt ihr Fotos, steht in ihrem Garten, verlangt von ihr Gespräche etcetera, die bei Natalie zu Haßgefühlen, Panikattacken und auch dazu führen, daß sie selber ihn verfolgt und man weiß nicht recht, wird sie jetzt wahnsinnig oder ist man in einem trivialen Krimi, beziehungsweise Science Fiction Roman, denn, das habe ich jetzt, wie noch tausend anderes vergessen, Natalie ist ein Stephen King Fan.

Sie folgt ihm jedenfalls auf den Friedhof, Hollberg geht nach jedem seiner Besuche dorthin und heuert auch einen seltsamen Obdachlosen, den sie im „Openspace“, einem Lokal, in dem sie ihre Freizeit verbringt, an, ihn zu verfolgen.

Bis zur Lesung vor einer Woche, war ich bei Seite hundert. Bis dahin habe ich das Buch total realistisch gelesen, denn ich bin ja Psychologin und Psychotherapeutin vom Brotberuf und habe mich auch schon literarisch öfter mit überforderten Jugendlichen, Borderliners, etcetera, beschäftigt und Natalie ist eine Borderlinerin, na klar, obwohl nicht sie sich schneidet, sondern die andere Betreuerin B.

Ich bin auch sicher, daß man viele solcher Betreuerinnen in betreuten Wohnheimen finden kann und  bin auch die Mutter einer Behindertenbetreuerin, die mir wahrscheinlich bis zu achtzig Prozent ähnliche Geschichten erzählen könnte, die Sci Fi Bezüge ausgenommen natürlich, wie ich hoffen würde.

Dann gibt es aber auch die Vergleiche zu James Joyce und seinem „Ullysses“ und die Tatsache, das Natalie auch Synäthesistin ist, sie sieht Farben zu den Worten, das ist Clemens J. Setz, wie ich hörte und las, auch und beide sind wahrscheinlich hochintelligent.

Natalie wird das von den Kritikern bescheinigt und Clemens J. Setz wurde in einem Interview gefragt, ob er ein Außenseiter ist, was er erfolgreich abwehrte.

„Wie kommen Sie darauf, nur weil ich mit mir selber spreche, das tun doch viele!“

Ja, die zweite Ebene sind die übersprudelnden Phanatasien von denen Clemens J. Setz bei der Lesung einige Beispiel gab.

Da setzt Nataie zum Beispiel Phantasiemäuse auf ihre Schultern, um sich dadurch zu entspannen. Setz tut das auch, ich würde meinen, daß ich mich mehr anspanne, wenn ich  den ganzen Tag aufpassen muß, daß die Maus nicht herunterfällt.

Sie führt mit ihrem Ex-Freund Markus auch „Non sequitur“ Gespräche und ihr Bruder Karl der in Dänemark lebt, führte gerne „karleske Redewendungen“ mit denen macht Natalie dann in der Freizeit, in denen sie „streunen“ geht, die Männer fertig von denen sie sich vorher oral befriedigen läß.

Es gibt auch endlos absurd scheinende Einfälle in dem Buch, manche sind ziemlich beklemmend, zum Beispiel, wenn sie sich vorstellt, was mit Mikes Hirnmasse geschah, die bei seinem Unfall austrat oder auch die, wo sie ein Spielzeugauto, das Hollberg Dorm zum Geburtstag schenkte, klaut, mit nach Hause nimmt und in der Wohnung einen Stock unter ihr, wo Kinder wohnen, aussetzt. Die Fernbedienung nimmt sie mit und macht sie an. Das Auto rast dann in der Wohnung unten herum und in einer anderen Nachbarwohnung läutet öfter ein altes Telefon und irgendwann spaziert dann der Nachbar mit dem Telefon die Stufen herunter.

Wir leben ja auch in einer hochexplosiven Zeit, so muß in Natalies Wonung immer der Fernseher laufen und sie stellt sich vor, wie das ist, wenn alle Radios auf einmal an sind?

Schöne neue überforderte Welt, in der wir und wahrscheinlich noch mehr Leute, die dreißig Jahre jünger sind als ich, schon drin sind. Natalie macht ständig Aufnahmen mit ihrem Handy, nimmt Gespräche, aber auch ihre Schmatzgeräusche auf und stellt sie wahrschein ins Internet, etc.

Im Epilog sind wir überhaupt schon in der Zukunft, wo man von seinen Peers ständig überwacht wird und es kein Echtgeld mehr gibt und das Buch endet, um nicht zuviel zu verraten, es ist ja ein Rezensionsexemplar, wofür ich „Suhrkamp“ herzlich danke mir mein LL-Lesen zu ermöglichen, irgendwie so ähnlich, wie John Katzenbach „Der Professor“.

Natalie ist jedenfalls nicht mehr im Wohnheim, sondern studiert Medizin und nein, sie bringt niemanden um, weder aus Mitleid noch sonstwie.

Sechs bis acht Wochen hat mir der „Suhrkamp-Verlag“ Lesezeit gegeben. Ich habe es in einer konzentrierten Woche, immer hundert Seiten in der Badewanne geschafft und es war lange nicht so schwer zu lesen, wie der Zaimoglu und ich bin auch eine geübte Leserin.

Wenn man aber auf die „Amazon-Seite“ geht, kann man merken, daß sich die Leser schwer tun mit dem Monsterwerk, von dem sie beispielsweise behaupten, daß man es nicht nacherzählen könne und, daß es keine Handlung hat.

Es ist Setz linearstes Buch, habe ich dagegen irgendwoanders gelesen.

Die „Amazon Leser“ waren aber meistens bei Seite hundert, dreihundert etc und mit den tausend Seiten wahrscheinlich überfordert, allerdings gab es bei den Kommentaren immer einen, der das dann rügte und wenn man zu den Experten des Schweizer Literaturclubs geht, merkt man, daß die in den Klischees steckenbleiben.

„Wir sind in der Klapsmühle, Natalie ist die irrste Protagonistin, der ich je begegnet bin, das Buch setzt uns den Spiegel vor und man fragt sich wer sind die Verrückten?“

Nicht wir, sondern die Gesellschaft, würde ich hier antworten und Richard Kämmerling hat, als der Roman nicht auf die Shortlist kam, zu einem Jurorenrundumschlag ausgeholt.

Die soll zurücktreten, hat er gefordert, wenn sie nicht die Qualität des Buchs begreift und nach mehr Kritikern statt Buchhändlern und Musikern verlangt.

Dem würde ich ich mich nicht anschließen, obwohl das Buch auch auf meine Shortlist kommt und ich die Anna fragen werde, ob sie es zu Weihnachten haben will? Weil ja interessant ist, wie das  eine dreißigjährige Behindertenbetreuerin, die sicher auch öfter von ihrem Beruf überfordert ist, empfindet.

Daß es nicht auf die Shortlist und daher auch nicht zum dBp kommt, würde ich mir durch die oben beschriebene Überforderung der Leserschaft oder der Angst davor erklären.

Denn wer liest in Zeiten wie diesen, wo das Lesen ja schon bald zu einem Luxusgut wird, wirklich noch tausend Seiten, obwohl es, wie ich wiederholen möchte, leicht und auch spannend zu lesen ist.

Einiges davon ist wahrscheinlich wirklich so Einzigartig und Ungewöhnlich, wie es „Ullysses“ zu seinen Entstehunszeiten war, für die Leute wahrscheinlich, für die eine Psychiatrie oder ein betreutes Wohnheim noch immer eine „Klapsmühle“ ist und eine F60 Person, wie die Natalie, die ärgste Irre aller Zeiten.

Es gibt auch zur Unterstützung und als Lesehilfe das „Betreute Lesen“, wenn das wahrscheinlich auch mehr als ein Projekt des Social Readings oder des E-Books Lesen zu verstehen ist.

Ich hab da schon mehrmals kommentiert und auch Antworten bekommen.

2015-10-05

Longlistentagebuch, Wochenbericht und weitere Planung

In der vorigen Woche habe ich, obwohl am Montag der Setz gekommen ist, mit dem Longlistenlesen vorübergehend aufgehört und die beiden Buchdebuts von „Kremayr und Scheriau“ gelesen, außerdem scheine ich in meiner Longlistenleseeuphorie, die ja immer noch habe, ein bißchen zu viel zu kommentieren oder zu verlinken, was zu nerven oder zu ermüden scheint und mit dem Lesen bin ich, seit ich mit dem Setz, meinem fünfnzehnten Longlistenbuch, auch ein bißchen im Rückstand, denn das hat ja über tausend Seiten und wenn ich da auch jeden Tag mindestens hundert Seiten lese, brauche ich wahrscheinlich bis am Freitag, bis ich fertig bin und dann warten zwar der Lappert und der Helle auf mich, aber möglicherweise habe ich dazwischen wieder ein bis zwei Rezensionsexemplare einzuschieben, das Nein sagen, fällt mir da ja bekanntlich eher schwer und nächsten Montag, am zwölften wird ja schon der dBp vergeben, so daß ich dann die beiden Long-bzw. Shortlist oder vielleicht das Siegerbuch, während meines Frankfurt-Surfings lesen werde, ich fahre ja nicht auf die Messe und dann kann ich mich auf die Jagd nach dem Witzel, dem Vertlib und den angeblich so unlesbaren Peltzer machen.

Da habe ich aber schon ein wenig vorgeplant, denn am neunten November habe ich ja Geburtstag und da gibt es am Freitag davor, das literarische Geburtstagsfest und da habe ich jetzt die Einladungen ausgeschickt, also dem Otto avisiert, was ich von ihm brauche und mir nächste oder übernächste Woche gerne holen will und die liebe Trude, meine Schulkollegin von der Straßergasse, die ganz in meiner Nähe wohnt, bringt mir immer Bücher mit und hat schon zweimal eines erwischt, das ich mir schon vom Alfred habe schenken lassen.

Jetzt hat sie vorher angefragt, was ich haben will und ich habe „Die Erfindung der roten Armee Fraktion durch einen mansich-depressiven Teenager im Sommer 1969“, geantwortet, weil ich „Lucia Binar und die russische Seele“ notfalls auch in einer Buchhandlung lesen kann, wenn es mit einem schnellen Treffen mit dem Otto vielleicht nichts wird, aber dann kann ich damit erst im November zu lesen anfangen und was lese ich dazwischen? Meine Leselistenbücher  selbstverständlich und  den Ulrich Peltzer, für den ich wahrscheinlich auch länger brauche.

Luxussorgen oder die Erkenntnis, daß sich die zwanzig Longlistbücher wahrscheinlich in einem oder zwei Monaten lesen lassen, lese ich ja etwa zwölf bis vierzehn Bücher im Monat, aber das muß man wahrscheinlich planen, daß man die Bücher rechtzeitig zur Verfügung hat und da gab es bei meinem Erstversuch einige Anlaufschwierigkeiten und es sind bei den zwanzig auch einige sehr dicke  dabei.

Nun gut bis zur Buchpreisverleihung, die ich mir, wenn man das wieder kann, heuer auch per Livestream ansehen und erst in die zwanzig Uhr Veranstaltung in die „Alte Schmiede“ gehen und die „Stunde der literarischen Erleuchtung“ auslassen werde, wird sich der Setz noch ausgehen und für das andere habe ich dann den Rest des Oktobers oder im November Zeit

So gesehen, war die vergangene Woche auch recht intensiv, neben meiner Praxis habe ich mein Geburtstagsfest organisiert, was auch nicht so einfach war, weil ich nicht alle Lesende erreichen konnte, es gab auch einige Veranstaltungen, eine Verlagsparty und am Donnerstag bin ich wieder zum Longlistenlesen zurückgegekommen, habe nicht nur die ersten hundert Seiten „Der Stunde zwischen Frau und Gitarre“, was ein wirklich „irres Buch“ zu sein scheint, das ich wahrscheinlich auf meine persönliche Shortliste, die inzwischen aus den Büchern der Monique Schwitters, dem Feridun Zaimoglu, der Jenny Erpenbeck,  dem Kay Weyand und der Alina Bronsky besteht, setzten werde, sondern bin auch zu der Lesung von Clemens J. Setz in die „Alte Schmiede“ gegangen.

Am Freitag war dann wieder Schreibgruppe und am Samstag gab es am Heldenplatz das Konzert „Voices for Refugees“ mit vielen Bands, wie die „Toten Hosen“, „Conchita Wurst“, etcetera,  einigen Darstellungen der praktischen Flüchtlingsarbeit und hundert- oder hundertzwanzigtausend Zuschauer, die gekommen sind und mich vom Setz-Lesen ein wenig abgtehalten haben, aber das Flüchtlingsthema ist eines das bewegt und uns derzeit wahrscheinlich ein wenig durcheinanderbringt und außerem gibt es in Wien ja nächste Woche eine Wahl, wo vielleicht auch einiges passiert.

Ansonsten ist der Oktober  ein intensives Monat, wo es außer der Buchpreisvergabe und der Frankfurter Buchmesse, am Donnerstag wahrscheinlich auch die Nobelpreisverkündung gibt und da gibt es im Cafe Industrie in Margareten auch eine Lesung aus Ernst Hinterbers „Kleine Leute“, wo ich auch ein Stück lesen werde und am 28. Oktober wird dann im 7* die neue „Volksstimme-Anthologie“ mit meinem Text „Die gesprengten Gräber kehren zurück“ zurück, wo ich auch lesen werde.

Es werden auch noch ein paar  andere Preise vergeben, der „Veza-Caneti Preis“ an Sabine Gruber, der „Priessnitz-Preis“ an Anna-Elisabeth Mayer beispielsweise und bezüglich des „Ohrensschmauses – dem Literaturpreis für Menschen für und mit Lernschwierigkeiten“ gibt es am 29. Oktober die Jurysitzung.

Da sind die Texte schon im September gekommen, über hundert Stück,  ich habe sie  auch schon durchgesehen und mir  meine Vorschläge überlegt.

Ansonsten korrigiere ich immer noch an den „Ereignisreichen Sommererlebnissen“ und hoffe noch im Oktober damit fertig zu werden, denn im November will ich ja wieder beim „Nanowrimo“ mitmachen und die „Nika-Weihnachtsfrau“, beziehungsweise, eine Adventgeschichte schreiben und dafür wären ein paar Recheretage auf der Mariahilferstraße beispielsweise, wo die Nika ja ihre Zuckerln verteilen wird, ganz gut.

Dafür habe ich im auch schon für eine Lesung im „Read!!!ingroom“ für den 17. Dezember angemeldet und da wird es dann, wenn alles gut geht, schon mein letzten „Nanowrimo-Buch“ geben, wo wir schon das Dummie bestellt haben.

2015-10-01

Von der Longlistenlesung zur Release Party

Der „Börseverein des deutschen Buchhandels“ verstaltet immer sogenannte „Blindlesungen“, wo in einer meist deutschen Buchhandlung ein Longlistkanditat liest, man zahlt ich Deutschland, glaube ich, auch Eintritt dafür und erfährt erst vor Ort, wer und was gelesen wird.

In Österreich hat hingegen vorige Woche in der „Alten Schmiede“ Ilija Trojanow seinen  von der Zeit der bulgarischen Dikatur handelnden Roman „Macht und Widerstand“ vorgestellt, da bin ich nicht hingegangen, sondern stattdessen ins Literaturhaus zu Isabella Feimer, weil ich nicht gern zu Veranstaltungen gehe, wo ich die Bücher schon gelesen habe.

Aus Zeitgründen, nicht aus Sorge, daß ich nichts mehr Neues erfahren könnte und heute stellte Clemens J. Setz sein Opus Magnus „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“, moderiert von Angelika Reitzer vor und da machte ich eine Ausnahme, beziehungsweise habe ich heute in der Badewanne erst die ersten hundert Seiten gelesen und angefangen, auf dem „Betreuten Lesen-Blog“ meine ersten Kommentare abzugeben.

Am Montag habe ich Angelika Reitzer gefragt, ob sie glauben würde, daß viele Leute zu der Lesung kommen?

Ich glaubte, daß eigentlich schon, denn die Blogs haben ja alle sehr bedauert, daß das Buch nicht auf der Shortlist stand und war schon kurz nach halb sieben da, wo aber außer dem Lehrer aus Retz, der noch früher gekommen ist, nicht viele Leute anwesend waren.

Dann kamen aber nach und nach ein paar junge Leute, es kam auch Markus Köhle und Angelika Reitzer leitete die Veranstaltung damit ein, daß Clemens Setz bei der Buchpräsentation ihres Romanes „unter uns“ im Phil, Clemens Setz sie eingeleitet hat.

So ändern sich die Zeiten, damals war Clemens J. Setz wahrscheinlich noch bei „Residenz“, ist da ja der Erstling „Söhne und Planeten“ erschienen, den ich gelesen habe, als er mit den „Frequenzen“ schon mal auf der „Longlist“ und auch auf der „Shortlist“ stand. Dann wechselte er, wie das so üblich zu „Suhrkamp“, für den Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“, das ich im Bücherschrank fand, hat er den „Preis der Leipziger Buchmesse erhalten“, dann erschien „Indigo“, das, glaube ich 2012 auf der Shortlist stand, ein Gedichtband und noch Nacherzählungen.

Der 1982 geborene Grazer der Mathematik studierte, scheint also ein Vielschreiber zu sein, ein  begnadetes Literaturtalent oder Wunderkind und „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ hat über tausend Seiten.

Zu der Frage, wie lange er zu diesem Monsterwerk gebraucht hat, bin ich nicht gekommen, auch zu der nicht, wieso der Stalker eigentlich im Rollstuhl sitzt?

Angelika Reitzer leitete aber ein und erzählte, daß das ein vielstimmiges Werk ist, das in vielen Geschichten,  Lügen und die Wahrheit erzählt.

Da habe ich die ersten hundert Seiten heute morgen in der Badewanne viel realistischer gelesen, die Geschichte von der einundzwanzigjährigen Behindertenbetreuerin Natalie, die einen Stalker und dessen Opfer in der WG in der sie arbeitet betreuen soll.

Sehr realistisch, denn ich würde in der prekär beschäftigten Natalie, drei Betreuer teilen sich zwei Arbeitsplätze, eine Borderlinerin sehen, sie ist auch noch Epileptikerin.

Angelika Reitzer sprach aber von den Wortschöpfungen, die Natalie den verschiedenen Farben zuordnet und Clemens J. Setz gab dann auch noch Einblicke in sein Autorenschaffen.

Gelesen hat er zwei Stellen, die schon auf den von mir gelesenen hundert Seiten zu finden waren und noch eine andere und erzählte viel von seinen Ideen und davon, wie er zu den sprudelnden Einfällen gekommen ist.

Denn die Natalie ist ja keine gewöhnliche Behindertenbetreuerin, sondern spielt mit ihren Freund, die verschiedensten Spielchen, merkt sich die Anzeigen der entlaufenden Tiere, die auf der Straße hängen und denkt sich Mäuse auf ihren Schultern aus, damit sie diese entlastet.

Das sei sagte Clemens J. Setz autobiografisch, wie er in seine Protagonistin wahrscheinlich viel von seiner Person hineingelegt hat, denn er sprühte von Ideen und Einfällen, erzählte Geschichen und Geschichtern und ich dachte es wäre ein realistischer Roman?

Weit gefehlt, die Neurosen der Natalie und der anderen Protagonisten, die ich wahrscheinlich noch gar nicht alle kenne, sind auch darunter und Angelika Reitzer fragte , ob Clemens J. Setz in dem Buch, dem Leser alle Gehiemnisse lüfte und fragte auch nach seinen Anteilen, denn er hat sich in dem Buch in einem kleinen sanftmütigen Hasen ein Denkmal gesetzt und würde er beim Schreiben schon alles wissen, dann wäre es nicht so spannend.

Das sollen sich einmal die, die streng nach der Schneeflockenmethode schreiben, hinter die Ohren schreiben und ich habe vielleicht ein paar Geheimnisse des tausend Seiten Buches gelüftet bekommen und kann mich in der nächsten Woche durch die weiteren neunhundert lesen und dann ging es vom Buchpreisbloggen wieder zu der jungen österreichischen Literatur, nämlich zu „Kremayr und Scheriau“ und seiner literarischen Schiene, die heute noch einmal beim „Thalia“  und dann im „7*“ mit einer Verlagsprogrammeröffnungsparty vorgestellt wurde.

Mit Sekt, Buffet, Musik und feierlichen Eröffnungsreden vom Verleger Martin Scheriau, der Eingangs sein Erfolgskonzept erwähnte und der Leiterin der Literaturschiene, Tanja Raich, die demnächst in der „Alten Schmiede“ eigene Texte lesen wird und dann gab es sehr viel Smalltalk.

De Autorinnen Marianne Jungmeier, Irmgard Fuchs und Lanina Illcheva, sowie der Autor Daniel Zipfel stellten sich vor. Gustav Ernst war anwesend und trug mir auf zu schreiben, daß es sich einen österreichischen Buchpreis geben soll, der auf der Buch Wien vorgestellt werden soll.

Natürlich, selbstverständlich, da bin ich gleich dabei, dem Hauptverband wird es aber, glaube ich, zu teuer sein und er wird auf den „Alpha“ verweisen, auf dessen Shortlist heuer ja auch Karin Peschka mit ihrem „Watschenmann“ steht und die war anwesend, wie auch Petra Piuk, deren Roman, glaube ich, im nächsten Jahr bei der neuen Literaturschiene erscheint und  ich habe heute damit begonnen, meine Geburtstagsleseparty vorzubereiten, beziehungsweise die Lesenden einzuladen.

Im Kulturcafe 7* werde ich übrigens demnächst auch zweimal lesen.

2015-09-27

Wie ihr wollt

Nun kommt das vierzehnte LL-Buch und das dritte das es auf die Shortlist geschafft hat, nämlich Inger-Maria Mahlkes historische Annäherung „Was ihr wollt“ aus dem Leben, der Mary Grey, eine Cousine von Elisabeth der I, die von ihr, wegen unerlaubter Heirat und vielleicht auch anderer Aufmüpfigkeit in Hausarrest gehalten wurde, bis sie dreiunddreißigjährig, 1578 an der Pest starb.

Nun mag ich eigentlich keine historischen Romane, zumindest keine, die vor dem ersten Weltkrieg spielen, bis dahin interessiert es mich sehr, die Gawalttaten der Tudors, Stuarts, etc,  aber nicht und ich hätte solche Romane, Julia Kröhn schreibt regelmäßig welche, eigentlich auch nicht für besonders literarisch gehalten, bei der 1977 in Hamburg geborenen Juristin, Inger Maria Mahlke, die in Berlin lebt, ist das aber anders, denn die, habe ich, 2012, glaube ich, in Zuge des Bachmannpreislesens kennengelernt und da hat sie einen Text gelesen, der mich sehr interessierte, handelte er doch von einer Hartz IV Empfängerin und der  2014 erschienene Roman „Rechnung offen“, am Cover ist eine Gegensprechanlage zu sehen, hätte mich auch sehr interessiert.

So war ich eigentlich sehr zufrieden, als ich den Namen Inger-Maria Mahlke auf der Longlist sah, das Buch wurde mir dann auch, als ich von meiner Sommerfrische wieder nach Wien zurückgekommen bin, auch angeboten, es war dann ein bißchen schwierig, es zu bekommen, so habe ich vorher noch, den mir später avisierten Zaimoglu geslesen, aber da wußte ich schon, daß ist ein Roman, der in Shakespeares Zeiten spielt, der Titel scheint auch darauf anzuspielen und diese Mary Grey ist auch noch eine kleinwüchsige Frau, böse Zungen würden Zwergin schreiben und mit einem solchen Buch, ist glaube ich im Vorjahr Thomas Hettche auf die Shortlist gekommen.

Nun habe ich das Buch gelesen und es war, wie auch Jochen Kienbaum von „LustaufLesen“ einer der Bücherblogger schreibt, ein angenehmes Lesen, eine schöne Sprache und Inger-Maria Mahlke, die gründlich recherchiert hat und am Schluß des Buches einen genauen Anhang gibt, schreibt auch „Lieber Leser, ich bin keine Historikerin und dies ist auch kein historischer Roman, sondern eine literarische Aneignung eines historisches Stoffes“

Nun denn, die prekären Verhältnisse von Berlin oder sonstwo wären mir zwar lieber. Aber prekär genug geht es in dem leisen stillen Buch eigentlich ohnehin zu, werden doch da in moderner Sprache, die Kämpfe einer Frau gegen Gewalt und Unterdrückung und ihr Auflehnen dagegen geschildert und ich bin sicher, die wahre Mary Grey, es gibt im Anhang auch ein Portrait von ihr, 1571 gemalt, hat wahrscheinlich anders gesprochen und gedacht und sie ist mit ihrer Magd, Kammerzofe, Dienerin, etcetera, Ellen, wahrscheinlich auch anders umgegangen.

Aber diese Ellen, schreibt Inger-Maria Mahlke im Anhang weiter, hat es nie gegeben. Se ist eine Erfindung und so wird die kleinwüchsige Mary Grey, die von ihrer berühmten Cousine gegangengehalten wird, von ihr auch bespitzelt und tyranisiert. Manchmal sperrt sie sie auch ein und manchmal muß Mary den Schlüßel für die Kassette in der sie ihre Schriften aufbewahrt, sie schreibt nämlich alles auf, vor ihr im Mund verstecken.

Mary Grey wohnt mit ihrer Dinerin im ersten Stock des Hauses eines Lord Gresham und da sie rangmäßig über ihn steht, müßener und seine Frau sich auch erheben, wenn sie hinunter zum Diner geht, deshalb will er sie auch gerne loswerden, was ihm,  wie Inger-Maria Mahle weiter im Anhang erklärt, 1572 auch gelingt, da wird sie aus dem Hausarrest entlassen und wird, bis sie in jungen Jahren stirbt, sogar Ehrenmädchen, ich nehme an, eine Hofdame ist damit gemeint, bei der Queen Elisabeth.

Bis dahin wehrt sie sich, in dem sie ihre Geschichte, die Verehlichung ihrer Schwester Janet, dann gab es noch eine Katharina, so intensiv aufschreibt, daß sie offensichtlich eine Sehnenscheidenentzündung davon bekommt und Ellen muß ihr die Arme einreiben und bandagieren, sie verläßt auch heimlich das Haus und schreibt Briefe an einen Robert.

Der Roman ist in zwei Stränge gegliedert, in dem einem streitet sich Mary mit Ellen herum, könnte man salopp formulieren, im anderen wird sehr kunstvoll, das was bisher geschah, die Gewalttaten, die Familiengeschichte, die Glaubenskriege, die ganze Historie, die mich nicht so interessiert, beschrieben.

Die Kritik ist, glaube ich, begeistert, der Verlag hat mir auch ein Mail geschrieben, als das Buch auf die Shortlist kam und ich könte mir auch vorstellen, daß es gute Chancen hat, denn eine literarische Aufarbeitung eines historischen Stoffes einer Bachmannpreisträgerin, werden die Schwiegermütter und Gattinnen gerne zu Weihnachten lesen, so wünsche ich dem „Berlin Verlag“ und Inger-Maria Mahlke für das Finale alles Gute und mir für das nächste Buch ein zeitgemäßeres Thema, der Holocaust, die Achtziger und Neunzigerjahre, die prekären Verhältnisse der Jahrtausendwende, aber auch das Leben in Berlin, Graz, Baden bei Wien mit seinen überforderten Hausfrauen, Stalkern, Borderlinen, Drogensüchtigen, Abhängigen, etcetera, wäre sicher interessant, aber wenn mich nicht alles täuscht, kommt das ohnehin  demnächst auf mich zu.

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