Literaturgefluester

2020-09-20

Mission Pflaumenbaum

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:20
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In Buch neun der deutschen Longlist, das in einem kleinen Salzburger Verlag erschienen ist, geht es nach Dresden, beziehungsweise in ein ostdeutsches Dorf, denn der mir bisher völlig unbekannte 1960 geborene Jens Wonneberger lebt in Dresen, hat bei „müry salzmann aber schon einge Bücher herausgebracht und in seinem „Buchpreis-Portrait“ erzählt er, daß ihm die Idee zu seinem Buch gekommen ist, als er einen alten Mann in einem Dorf auf einer Bank sitzen sah und daraus hat sich dann die Geschichte, des schon im vorigen Herbst erschienen Romans entwickelt.

Jens Wonneberger dürfte sein Buch da auch in der Hauptbücherei vorgestellt haben, was mir ebenfalls entgangen ist, auf der Verlagsseite kann man aber die Veranstaltung nachhören.

Bei „Wikepdia“ gibt es einige Rezensionen, die von dem Buch gar nicht so begeistert waren und meinten, Wonneberger würde immer dasselbe schreiben.

Das kann ich nun nicht beurteilen, dazu müßte ich erst seine vorigen Bücher lesen, mir hat der kleine feine stille Text, den ich ähnlich oder natürlich anders, als bei Seethaler auch als Kammerstück bezeichnen würde, gut gefallen.

Da ist Kramer ein Bibliothekar um die oder wahrscheinlich eher Mitte fünfzig, da er schon eine zweiunddreißigjährige Tochter hat und die besucht er nun an einem Wochenende mit seinen Rucksack in dem Dorf in das sie mit ihren Mann hingezogen ist.

Seine Ehe wurde schon lang geschieden, die Tochter ist bei der Mutter aufgewahsen, so daß es keine oder nur eine ambivalente Beziehung zwischen beiden gibt und ein Teil des Buches beschreibt auch, wie Tochter und Vater zueinander finden.

Der andere ist dem Zerfall der DDR gewidmet. Denn als Kramer aus dem Bus ausgestiegen ist, trifft er den schon erwähnten alten Mann. Rottmann oder den Webervogel, wie er genannt wird und der erzählt ihm gleich, daß einmal an dieser Stelle eine Gurtenweberei gestanden hat.

Die wurde nach dem Zerfall der DDR natürlich geschlossen und noch ein bißchen früher, nämlich 1945, als der Krieg zu Ende war, hat sich der Fabriksbesitzer Freudenberg mit seiner Frau und seinen sechs Kindern aus Angst vor den Russen in der Fabrik oder in seiner Villa erhängt.

Eigentlich ist er ganz einfach der Plot aus der Jens Wonneberger sein Buch zusammenfügt.

Der Vater kommt der Tochter näher und den alten Rottmann trifft er in den zwei tagen in denen er sich in dem Dorf aufhält auch immer wieder. Er führt ihn herum zur Kirche, wo er ein altes Buch findet in dem auch ein Bild der Tochter ist. Denn Kramer und seine Frau Gabriele waren vor dreißig Jahren politisch sehr aktiv und in Kramers Arbeitszimmer hängt auch ein Bild von einem Kirschenbaum, den die tochter einmal malte.

Der Pflaumenbaum steht im Garten des Hauses, das sich die Tochter Justine, Jussi oder Tine zusammen mit ihren Hans-Günther kaufte. Der ist abgestorben und die Mission Pflaumenbaum besteht daran, daß der Vater einmal wiederkommen wird, um mit seiner Tochter den abgestorbenen Baum umzusägen.

Sehr still und ruhig plätschert das Buch dahin, die Pegida und das Flüchtlingsheim, das im Nachbardorf angezündet wurde, taucht nur am Rande auf.

Der ehemalige Fabriksbesitzer und seine Villa aus der die Möbel mehrmals enteignet werden, kommt öfter vor und ich habe ein interessantes Buch gelesen und einen interessanen Autor kennengelernt und finde es auch sehr interessant, daß seine Bücher in einen eher unbekannten österreichischen Verlag erschienen sind, von dem ich einige Bücher habe und jetzt verlasse ich ein bißchen das Buchpreislesen, gehe aber nach Dressden und lese da das Buch eines Stadtschreibers weiter und das ist sicher auch sehr interessant.

2020-09-15

Die deutsche Shortlist und die der Schweiz

Filed under: Buchpreisbloggen — jancak @ 11:06
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Hurrah, hurrah sie wurden ausgewählt, die sechs Bücher von denen eines in einem Monat, diesmal nur im Livestream, findet die Frankfurter Buchmesse, so weit ich gehört habe, auch hauptsächlich im digitalen Raum statt, den deutschen Buchpreis bekommen wird und sie ist wieder, wie ich schon fast befürchtet hatte, eine große Überraschung, obwohl ich ja eigentlich nicht sehr viel dazu sagen kann, habe ich von den zwanzig Büchern ja gerade nur acht gelesen, bin jetzt beim neunten, den Jens Wonneberger, hatte aber durchaus eine Vorsellung was ich auf diese Liste stelle würde und hätte da für

1. Helena Adler „Die Infantin trägt den Scheitel links“

2.Robert Seethaler „Der letzte Satz“

3. Stephan Roiss „Triceratops“

4.Charles Lewinsky „Der Halbbart“

5. noch nicht gelesen aber gehört Valerie Fritsch „Herzklappen von Johnson & Johnson“ und

6.geschätzt dem Namen nach, Thomas Hettche „Herzfaden“, getippt.

Malte Bremer vom Literaturcafe, der ja auch immer eine Schätzung gibt, hatte da an

1. Birigit Birnbacher „Ich an meiner Seite“, das mir nicht so gefallen hat, was ebenfalls

2 .Bov Bergs „Serpentinien“ betrifft

3.Arno Camenisch „Goldene Jahre“

4.Deniz Ohde „Streulicht“

5.Olivia Wenzel „Tausend Serpentinen Angst“

6.Iris Wolff „Die Unschärfe der Welt“, alles von mir noch nicht gelesen, gedacht.

Und nun zur hehren Juryauswahl, die mir auf den ersten Blick nicht so viel sagt, denn auch da habe ich vier Bücher noch nicht gelesen und eines auch noch nicht bekommen.

1.Bov Bergs „Serpentinen“

2.Dorothee Elmiger „Aus der Zuckerfabrik“ ein Roman, der keiner ist, das steht sogar in dem Buch, aber sprachlich sehr schön und daher nicht so leicht zu lesen.

3.Tomas Hettche „Herzfaden“, ein möglicher Gewinner und ein Buch auf das ich sehr gespannt bin.

4.Deniz Ohde „Streulicht“ wird überall sehr gelobt

5.Anne Weber „Anette ein Heldinnenepos“, das Buch müßte ich mir erst bei Netgalley hochladen, angefragt ist es und

6.Christine Wunnicke „Die Dame mit der bemalten Hand“, auf das Buch bin ich, da Wunnike ja schon auf zwei vorigen Longlists stand, sehr gespannt.

Wenn ich die restlichen vier Bücher gelesen habe, kann ich mehr dazu sagen. Auf Thomas Hettche würde ich, wie bereits erwähnt, schon jetzt als möglichen Sieger tippen und nun lesen lesen, sowohl die deutschen, als auch die österreichischen Bücher und das zwischendrin.

Die Schweizer Shortlist, die ich mich jetzt doch zu lesen entschlossen habe, wurde heute auch noch bekanntgegeben:

1. Dorothee Elmiger „Aus der Zuckerfabrik“

2. Tom Kummer „Von schlechten Eltern“

3. Charles Lewinsky „Der Halbbart“

4. Karl Rühmann „Der Held“

5. Anna Stern „das alles hier, jetzt“

2020-09-09

Aus der Zuckerfabrik

Jetzt kommt schon oder erst Buch fünf der heurigen deutschen Buchpreisliste, Dorothee Elmigers Recherchetagebuch „Aus der Zuckerfabrik“ und ich kenne die 1985 Schweizer Schriftsttellerin, die am Schweizer Literaturinstitut studierte, seit 2010, weil sie mit einem Auszug aus den „Waghalsigen“ in Klagenfurt gelesen hat.

Sie hat das Buch, das ich gelesen habe, in der Hauptbücherei präsentiert, hat den „Fried-Preis“ bekommen und nun ein sehr poetisches Buch geschrieben, das schön zu lesen, aber schwer zu verstehen ist und man dazu, glaube ich, eine große Portion Konzentration benötigt, um mitzukommen.

Worum geht es?

Am Buchrücken, wo es leider keine Biografie zu lesen gibt, steht „Dorothee Elmiger folgt den Spuren des Geldes und des Verlangens durch die Jahrhunderte und die Weltgegenden. Sie entwirft Biografien von Mstikerierinnen, unersättlichen Spielern, Orgiastinnen und Kolonialisten, protokolliert Träume und Fälle von Ekstase und Wahnsinn. „Aus der Zuckerfabrik“ ist die Geschichte einer Recherche, ein Journal voller, Beobachtungen, Befragungen und Ermittlungen.“

Das ist schon einiges, für eine Realistin, die sich gerne am Handlungsfaden fortbewegt, aber sehr wenig. Es gibt Abschnitte oder Kapitel, die schöne Namen , wie beispielsweise „Plaisier“ tragen und dann springt die Ich-Erzählerin, die Schriftstellerin ist, es ist ja ein Tagebuch, lustig hin und her und erinnert in ihrer Schreibweise an die große Friederike Mairöcker, heißt es da doch öfter „Sagte ich zu A“, etcetera.

Daß es um die Geschichte des ersten Schweizer Lottomillionärs geht, beschreibt Dorothee Elmiger in einem Filmchen, das der „Buchpreis“ über sie drehte, es geht aber auch um, die Eßstörung einer Ellen West die vom Schweizer psichiater Binswanger in einem Buch beschrieben wurde.

Es geht überhaupt viel um Literatur, Marie Luise kaschnitz wird erwähnt, der „Radetzkmarsch“, aber auch, daß die Autorin sich während ihrer Recherche in Leipzig und Berlin aufhielt, aber auch die Werke eines E. G. Wakefields, der in einem Buch beschreibt, wie Kinder im neunzehnten Jahrhundert kriminell gemacht wurden.

Um Zucker geht es natürlich auch, um das Zucker essen, Zuckerrohr und Zuckerplantagen, wobei wir wieder bei der Sklaverei wären. Dorothee Elmiger war in Amerika, aber auch im Max Frisch-Archiv, denen „Montauk“ spielt eine Rolle und dann geht es um die Frage, ob man einfach so Erzählen oder Erfinden, füge ich hinzu, kann, wenn einem das Alltagleben, das man ja draußen haben will, denn der Text hat ja, wie ich immer höre, ganz selbstverständlich nichts mit dem Autor zu tun, auch wenn ich den dann eins zu eins in der Biografie wiederfinde, dann liegt es an mir, wenn ich das glaube und es taucht auch ein Lektor auf, der sagt, wenn die Recherchen erst einmal veröffentlicht sind, müssen wir „Roman“ darauf schreiben.

Da bin ich nicht ganz sicher, ob das nicht vielleicht doch ironisch gemeint ist, es steht auch nicht darauf, aber der „Deutsche Buchpreis“ ist einer, der den Roman des Jahres sucht, also dürfte Dorothee Elminger poetisches Herumschwadronieren, wie auch einige andere Bücher, nicht darauf stehen, tut es aber.

Es folgen Textstellen über dieses Lottomillionär W. Bruni, der sein Glück Ende der Neunzehnhundersiebzigerjahre machte, sich dann laut „Spiegel“ einen Lamborghini kaufte, damit einige Urlaubsreisen machte und schließlich in die Karibik fuhr. In den Achtzigerjahen ging er dann in konkurs, sein Besitz wurde versteigert und Dorothee Elmiger fragt sich immer wieder, wie weit die Sprache die Wirklichkeit erfassen kann und ob die Erinnerung nicht trügt?

Man kann sich auch fragen wohin das Recherchetagebuch führt und wozu es angelegt wurde? Um einen Roman über den Lottokönnig zu schreiben?, wie es die realistischen Autoren wahrscheinlich machen. Dazu funken wahrscheinlich zuviele Assoziationen hinein und am Ende bleibt ein sowohl sprachlich schöner, als auch verwirrender und viel Konzentration erfordender Text, die man in Zeiten, wie diesen vielleicht gar nicht hat, zurück.

Es gibt am Schluß die Belege für die Zitate und das von Elmiger verwendete Textmaterial und ich würde mir die Frage nach dem Titel, damit beantwortet, daß das die Werkstatt für Elmigers Elmigers Textassoziationen ist, die zeigen, was im Kopf eines Schriftstellers vorgeht und, wie man zu dem Resultat seiner Recherchen kommen kann.

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