Literaturgefluester

2020-02-08

Heute ist Mittwoch

Jetzt kommt der neue und wie im Klappentext steht, bisher politischste Roman des 1948 im heutigen Kosovo geborenen und in Kanada lebenden oder gelebt habenden David Albahari, den ich einmal bei der „Literatur im Herbst“ kennenlernte und von dem ich „Die Ohrfeige“ und „Mutterland“ in meinen Regalen, aber noch nicht gelesen habe.

Im Klappentext steht weiter etwas von „Schwarzen Humor und erzählerischer Raffinesse mit der vermeintliche Wahrheiten über  Opfer und Täter in Frage gestellt werden“ und es ist wahrhaft ein in sich habender Roman oder Kammerstück, für das man etwas Geduld benötigt um sich in es hineinzulassen und nicht in den vermeintlichten Widersprüchlichkeiten stecken zu bleiben.

„Es ist Mittwoch“, heißt das Buch, steht auch im Klappentext, weil am Mittwoch ein Mann, der namenlos gebliebene Ich-Erzähler, seinen an Parkinson erkrankten Vater in eine Belgrader Klinik zu einem Dr. Stankovic zur Untersuchung bringt und man denkt, aha, das Buch spielt an einem Tag, aber weit gefehlt, denn der Sohn geht auch am Donnerstag mit seinem Vater in die Klinik und sonst an die Donauufer spazieren und versucht da aus ihm seine Täterschaft im kommunistischen Gewaltregime herauszulocken, beziehungsweise erzählt der Vater sie ihm, weil sie laut Klappentext bei ihren Spazierengängen einem Mann begegnen, der ihm an seine Vergangenheit erinnern.

Der Sohn ist Ende fünfzig, seine Schwester drei Jahre älter, geschieden und deren Töchter, die Zwillinge, Mila und Anka, die deshalb und das gehört wohl zu dem beschriebenen Humor, so heißen, weil man leichter zum Abendessen „Mlilanka, essen fertig!“, rufen konnte, so daß diese nur in der Wir-Form redeten, was den Großvater reizte.

Jetzt sind die Zwillinge längst erwachsen, der Sohn ist nach dem Tod, der an Krebs verstorbenen Mutter zum Vater gezogen, um ihm beim Anziehen zu helfen, beziehungsweise zu den besagten Untersuchungen zu bringen und die Mutter hat der Vater, der offenbar, um einiges älter als sie war, obwohl das im Buch, glaube ich, nicht explizit erwähnt wird, kennengelernt, als er ein junger oder älterer Kommandeur war und sie noch Zöpfe hatte, die sie laut ihm abschneiden oder ihre Unterhose ausziehen sollte.

„Die Zöpfe gebe ich nicht her und die Unterhose hängt noch auf der Wäscheleine, weil man sie feucht nicht anhziehen und mit einer schmutzigen auf keine Kommatur gehen soll!“, sagte die Mutter und hat den Vater, der sie später quält, geheiratet.

Diese Stelle wird, was vielleicht ein wenig ungewöhnlich ist, dreimal im Buch wiederholt, später erfahren wir, der Monolog des Buches gibt das Geschehen nicht chronolisch wieder, daß sie den Vater, der nicht nur bei der Enteignung, die Bauern erschoß und folterte, sondern selber in einem Lager, auf der berüchtigten „nackten Insel“ war, an das ihn jener Unbekannte auf der Promenade erinnerte, verraten hat, in dem sie angab, daß er „Stalin in den Arsch kroch oder so“

Jetzt ist aber die Mutter gestorben, der Vater anParinkson erkrankt, die Schwester, deren Gatte ebenfalls ein Ekel war, geschieden und bekocht Vater und Sohn täglich, während sie sich weigert ihn in seiner Wohnung zu besuchen. Auch so ein Widerspruch.

Es geht um die Frage der Schuld und, wie man es aushält, einen solchen Vater zu haben, das wurde schon erwähnt und darum, ob der Parkinson, die Strafe Gottes oder von wem auch immer, für das kommunistische Foltern ist und der schwarze Humor äußert sich auch gleich am Anfang, als der Sohn den Art nach Viagra fragt, weil der Vater dieses nehmen will.

„Warum nicht?“, antwortet dieser.

„Parkonson spricht nicht dagegen, nur der hohe Blutdruck täte dieses!“

So stapfen sie in die Apotheke, die Apothekerin hat nur eine 100 mg Packung. Sie kaufen noch ein paar solche und die Schwester schimpft dann mit dem Sohn, als die Packung in der Manteltasche leer ist, der Sohn geht wieder zu Dr. Stankovic, denn der Vater hat etwas von der Krankenschwester Nadica erzhlt, mit der er gern-

Die lacht dem sohn aus und sagt, sie habe ihn das Wasser für die Tablette gegeben, ihn ins Wartezimmer gesetzt und später laut vor den Patienten gefragt, ob er eine Erektion hätte?, worauf er errötet verschwunden wäre. Das tut der Vater, dement geworden, um vor seiner Vergangenheit zu flüchten, wie der Sohn vermutet oder mit dem Arzt deshalb darüber streitet, später noch einmal. Denn jetzt will der Sohn ihn in ein Heim überstellen, wird aber ein paar Tage später aus der Klinik angerufen, daß der Vater während der Untersuchungen verschwunden ist.

Ein interessantes Buch in dem man viel über die Geschichte Jugolsawien erfahren kann, in einem interessanten Stil geschrieben, den ich sehr empfehlen kann und mir daher wieder vornehme, auch meine anderen Albahari-Bücher, eines habe ich  bei unserer Donauradreise vor ein paar Jahren in Ulm bei dem Thalia-Abverkauf, den es dort gab, um einen Euro gekauft, möglichst bald zu lesen.

2016-11-12

Vom Leben und Sterben des Herrn Vatern, Bauer, Handwerker und Graf

Noch ein Buch aus dem steirischen „Keiper-Verlag“ mit dem ich vor einigen Jahren auf der „Buch-Wien“ über Andrea Stift in Kontakt gekommen bin, ich habe danach einige Bücher daraus gelesen, darunter Andrea Wolfmayrs „Roter Spritzer“ und mit der 1953 in Gleisdorf geborenen Andrea Wolfmayr, Buchhändlerin und ÖVP-Politikerin, habe ich einmal, lang lang ists her gemeinsam in „Mädchen dürfen pfeifen, Buben dürfen weinen“ eine Geschichte gehabt.

Dann habe ich lange nichts mehr von ihr gehört, ihr Buch „Spielräume“ aber einmal im Schrank gefunden und  im Oktober 2013 mit ihr gemeinsam bei den „Textvorstellunge“ gelesen.

Da war „Rot- Weiß-Gin“, das Thema, ich habe aus „Kerstins Achterln“ gelesen, Andrea Wolfmayr aus der „Weißen Mischung“ und bei den „Buch-Wien“ treffe ich sie auch regelmäßig.

Bei der letzten hat sie mir, glaube ich, gesagt, als ich ihr von meinem Gefühl ausgeschrieben zu sein erzählte, daß die Themen bei ihr seit sie in Pension ist, herausrquellen und sie das bearbeitet, was sich  angesammelt hat.

Jetzt liegt wieder ein sehr interessantes Buch vor mir, eines das wahrscheinlich jeden betrifft und jede Frau besonders, weil sich die ja meist auch besonders intensiv mit der Pflege ihrer alten Eltern auseinandersetzen.

In dem Roman, der nehme ich an, sehr viel Autobiographisches enthält, also wieder ein „Memoir“ seindürfte, er ist jedenfalls Andrea Wolfmayrs Vater gewidmet, geht es um Magdalena, die mit ihrem Mann Sepp im Haus ihres Vaters lebt, der an Harnwegsinfektionen leidet, Demenz und Parkinson hat und den sie bis zu seinem Tod begleitet.

In Tagebuchform von 2005 bis 2009 wird das beschrieben. Das Haus befindet sich in Weiherbach, eine Hütte als Zufluchtsort, für die fünfzigjährige Tochter gibt es auch und eine Familie, zwei Schwestern, einen Bruder, einige Tanten und die Putzfrau Eva, die sich, um den alten Mann kümmern.

Aber Ebva und Sepp wohnen im Haus mit ih, und der in den Neunzehnzwanziger Jahren geborene, wird von Magdalena auch als Tyrann beschrieben, der Herr Graf, der anschafft, mit dem Geld herumschmeißt, die Türen offen läßt, Auto fährt, obwohl er es nicht mehr kann, mit der Tochter schimpft und vorallem überall sein Blut und seinen Harn verbreitet, denn er hat eine Ziste an der Niere, will aber keine Medikamente, will nicht zum Arzt gehen, wie das bei alten Leuten oft so ist.

Ein „Feuchtgebiete desAlters“ könnte man das Buch literarisch überhöht, vielleicht nennen und Magdalena ist mitten drin, hat noch ihre Kindheit aufzuarbeiten, hat Schuldgefühle, muß sich um alles kümmern, geht auch zur Therapeutin, die mit ihr bespricht sich abzugrenzen und den Verfall des Vaters nicht als persönliche Kränkung zu erleben.

Andrea Wolfmayer ist auch sehr direkt offen und erstaunlich ehrlich. So wird ihre Wut und ihr Zorn auf den alten Mann, auch sehr direkt beschrieben.

Loslassen und ihn beispielsweise in ein Heim geben, kann und will sie aber ebenfalls nicht. So werden die letzten Jahre sehr anstregend und das Aufschreiben und Berichten darüber, einerseits eine Entlastung für sie, andererseits sicher auch eine Hilfe für andere Töchter, Frauen, Schwestern, die das Gleiche durchmachen.

Das Auto wird verkauft, im ersten Stock eine Tür eingebaut, damit Magdalena und Sepp wenigstens etwas Rückzug haben und der Gestank von Urin und Kot, der Vater hat bald einen Dauerkatheder, dessen Stöpsel sich aber fortwährend löst oder vielleicht aus Widerstand gegen die Hilflosigkeit und Bevormundung herausgerissen wird, haben.

Dann kommt zuerst eine Altenpflegerin, dann die vierundzwanzig Stundenbetreuerinnen aus der Slowakei. Der Vater wird immer hilfloser und schwächer und die Tochter muß um ihre Selbständigkeit ringen, aufpassen, daß sie sich trotz aller Valditation, die ebenfalls betrieben wird, nicht verliert und schließlich doch loslassen.

Trotz aller Drastigkeit oder vielleicht gerade deshalb, ein wirklich eindrucksvolles Buch, das wahrscheinlich allen Töchtern, Müttern, Schwestern und vielleicht auch den Männern und den Söhnen, Brüdern zu empfehlen ist.

Anna Mitgutsch hat in ihrer „Annäherung“ etwas Ähnliches beschrieben und ich habe sowohl, die Pflege meines Vaters, die mich auch oft genug überforderte, sowie, die meines Schwiegervaters, der kurz ebenfalls eine vierundzwanzig Stunden Betreuung hatte, hinter mich gebracht und kann daher das hier Beschriebene auch gut nachvollziehen.

Ob, wie am Buchrücken steht, wirklich „Nie zuvor das Leben mit alterskranken Angehörigen so packend geschildert wurde, bin ich mir gar nicht so sicher, habe ich doch schon einige diesbezügliche Bücher gelesen und auch geschrieben. Ist es ja auch ein Thema das wahrscheinlich jeden betrifft, so daß man sich wahrscheinlich auch damit beschäftigen sollte.

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