Literaturgefluester

2018-01-09

Wieder einmal Schreibgruppe

Filed under: Schreibbericht,Textbeispiel — jancak @ 21:05
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Das neue Jahr ist dann gleich weiter mit einer Schreibgruppe gegangen, die Ruth, die Doris, der Peter Czak und neu als Gast Margit Heumann ist gekommen, der Robert ist auf Kur, Klaus Khittl fehlte auch und als Thema habe ich mir heute irgendwann gedacht, könnte ich  „Kreuzung“ vorschlagen, denn da bin ich ja einmal vor ein paar Wochen oder Monaten gestanden, bei der Pilgramgasse, wo ich wahrscheinlich vom Literaturhaus nach Hause gegangen bin, habe in ein Auto gesehen und mir gedacht, daß ich über die Personen oder  die Phantasien, die man über die Leute, die darin sitzen, meinen nächsten Roman schreiben könnte.

Jetzt bin ich davon ja noch sehr weit entfernt, weil ich derzeit kaum zum Korrigieren der „Unsichtbaren Frau“ komme, aber die Schreibgrupppen dienen für mich ja auch zum Szenensammeln und voila, für die die es interessiert, so könnte mein nächster Roman „Magdalena Kirchberg schreibt einen Roman“ könnte er ja heißen, beginnen:

„An diesem Abend war Magdalena Kirchberg bei einer Veranstaltung im Literaturhaus gewesen. Es war um das Thema „Buchkritik“ gegangen und drei mehr oder weniger bekannte Literaturkritiker hatten ihre diesbezügliche Meinung kundgetan und sich lauthals darüber gestritten, ob gute Literatur verständlich sein müsse oder nicht?

Eine stadtbekannte Buchhändlerin war auch am Podium gesessen und hatte sich darüber beklagt, daß auf den Buchpreislisten lauter unverständliche sprachlich komplizierte Titel stehen würden, die sich in ihrem „Buchkontor“ nicht verkaufen lassen würden, weil die Leute lieber Krimis oder Liebesromane lesen würden und war von der Kritikerrunde ausgelacht und nicht ernstgenommen worden.

„Es stimmt aber doch ein bißchen!“, hatte Magdalena Kirchberg, nachdem sie nach  Veranstaltung noch ein Glas Rotwein getrunken hatte, gedacht und sich dann auf ihren Heimweg gemacht.

Es stimmt aber doch ein bißchen, auch wenn es die Herren von der Kritikerrunde nicht hören wollen und lautstark eine  andere Meinung vertraten.

Meine Nachbarin liest am liebsten Andrea Camillieri und die Kids, denen ich in der Straßenbahn, im Park oder im Schwimmbad begegne, begeistern sich für Harry Potter oder Stephenie Meyer und lassen die Bücher von John Fante oder Thomas Lehr, die die Kritiker so hochgelobt haben, außen liegen.

Es stimmt aber doch ein bißchen dachte Magdalena Kirchberg, zog die Mütze  tiefer in die Stirn hinein, band den Schal ein wenig fester um den Hals und blieb vor der Kreuzung Ecke Hofmühlgasse – Wienzeile stehen.

Die Ampel zeigte auf rot. Sie mußte eine Pause machen, konnte nicht, obwohl sie gut in Schwung gewesen war,  weitergehen, obwohl vor ihr gerade  ein Auo stand. Ein weißer BMW mit, wie sie sehen konnte, drei Insaßen, hatte vor dem Rotlicht abgebremst, denn das Signal stand noch immer auf Rot und sie mußte weiter stehenbleiben, konnte nicht weitergehen, sondern abwarten, bis sich die Ampel wieder auf grün umstellen würde.

„Shit!“, dachte Magdalena Kirchberg und atmete tief durch. Warum war sie nur so ungeduldig? Denn eigentlich hatte sie ja Zeit. Es hetzte sie niemand und keiner, denn es würde sie, wenn sie zehn Minuten später, den Schlüßel in ihre Wohnungstüre steckte, ohnehin nur ein leeres Zimmer, eine leere Küche und ein leerer Abstellraum erwarten, denn Magda war war schon vor fünfzehn Jahre ausgezogen und sie lebte seither allein.

Alleine in einer leeren   Wohnung, die sie nur  für denVortrag kurz verlassen hatte und in zehn Minuten wieder betreten würde, um sich zuerst in Bad zu begeben und sich später in ihr Bett zu legen. Da kam es auf ein zwei Minuten Warten gar nicht an. Hätte man gedacht und war auch  logisch. War es aber nicht für sie. Nicht für Magdalena Kirchberg, die als Kind und Jugendliche auch Magda gerufen wurde. Jetzt aber vor ihrem siebzigsten Geburtstag stand, den Schal fest, um ihren Hals gebunden, die Mütze tief in die Stirn gezogen hatte.

Schäfchen zählen, wenn man einschlafen wollte und die Sekunden, wenn man vor einer Ampel stand und die grüne Farbe erwartete, so hatte sie es vor Jahren enmal in einem Volkshochschulkurs gelernt und das tat sie jetzt auch eifrig.

„Eins, zwei, dre!“ und da fiel ihr Blick, weil das rote Ampellicht noch immer nicht auf die grüne Farbe gewechselt hatte, wieder auf den weißen BMW,  der abwartendvor ihr stand. Drei Personen befanden sich, wie sie sehen konnte darin, zwei Männer und eine Frau. Die Männer spekulierte Magalena Kirchberg, der das Zählen zu viel geworden war und daher über Gedankenspekulationen, wie sie es nennten wollte, dankbar war, waren etwa, um die fünfzig. Zwei elegant gekleidete, schlanke Körper, wie sie sehen konnten. Die Frau, die am Rücksitz saß, war etliche Jahre jünger.

Wer könnten sie sein, spekulierte Magdalena munter weiter und dachte gerade, daß es zwei Ärzte wären, die vom  AKH oder Wilhelminenspital nach Hause fuhren. Ein Psychiater und ein Unfallchirurg vielleicht, die die OP Schwester Hildegard, Claudia oder Svetlana aus Gefälligkeit mitgenommen hatten, als sich  die Ampel auf grün umstellte und Magdalena weitergehen konnte.“

Sehr originell ist das wahrscheinlich nicht und auch noch nicht wirklich ausgereift, eben der allererste Versuch und das mit den drei Insaßen ist auch sehr klischeehaft. Die Magda konnte aber sowohl, die fünfunddreißigjährige Magdalena, als auch deren Tochter sein und der Roman erscheint natürlich auf deren Blog.

Also auch nicht sehr originell und wem es interessiert, den Beginn habe ich von Ruths Vorschlag „Buchkritik“ übernommen, denn da beschäftigt mich ja in den letzten Tagen, die  Buchhändlerkritik, die beim Debutpreis aufgekommen ist,  sehr, daß auf den Buchpreislisten lauter Bücher stehen, die die Leute nicht lesen wollen, weil zu schwer und unverständlich, während Krimis und Chick lits ja nicht auf solche Listen kommen.

Peter Czak hat wieder eine seine Teufelsgeschichten geschrieben, Margit Heumann überraschte mit einem Krawattenknoten der zum Mord an seine Krawattenträger fähig war. Die beiden anderen Texte waren wieder essayhaft und nun bin ich gespannt, wie es mit meinem Work on progress weitergeht, beziehungsweise, wie lange ich zum Korrigieren der „Frau“ noch brauche und ein paar Bücher für meine  Leserunde zu der ich nach wie vor aufrufe, habe ich auch wieder verteilt.

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2017-05-18

Das Geheimnis

„Verdammt,  verdammt!“, murmelte Lily und starrte trübsinnig vor sich hin.

„Was hast du Darling? Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, erkundigte sich Philip, der ihr Lebensabschnittspartner seit genau zweieinhalben Jahren war und schaute sie besorgt an.

„Du schaust so grimmig drein! Gibt es Probleme mit dem Chef und deinem Institut? Aha, ich sehe, du hast einen Brief vor dir liegen! Post aus  Bloody old Europe bekommen? Ist es die Mama, die sich meldet und sich sorgt, ob sich das Töchterlein in dem so gefährlichen Manhatten auch warm genug anzieht, wenn es auf die Straße geht?

„Nein!“, antwortete Lily Schmidt, blickte auf ihre Uhr und stellte erleichtert fest, daß es knapp vor elf war, Zeit für Phil in die Redaktion zu gehen und sie für den Rest des Tages allein zu lassen, was gut war, denn sie wollte, konnte ihm nicht sagen, was in dem Brief stand, den sie von Tante Natalie aus dem schönen Berlin erhalten hatte. Konnte es noch nicht und mußte es vielleicht trotzdem bald tun, denn Phil der, freiberuflicher Reporter bei der New York Times war, hatte einen scharfen Blick und Tante Natalies Absenderstempel schon erkannt.

„Dr. Natalie Lichtenstern-Schmidt, Psychoanalytikerin!“, stand darauf zu lesen und Phil nickte befriedigt vor sich hin.

„Alles klar, der Brief kommt von der Tante! Was will die Gute denn von dir? Laß, wenn ich raten darf, sie nicht zu viel in deiner Seele herumklempern, das tut nie gut!“,wollte er wissen, dann wandte er den Blick von dem Briefkuvert ab und sah sie noch einmal besorgt an.

„Ist alles in Ordnung? Kann ich dich alleine lassen? Du weißt, ich muß in die Redaktion, um elf Uhr dreißig ist Sitzung und wenn ich da nicht pünktlich bin- Aber ich verspreche, ich rufe so bald wie möglich an, um mich zu erkundigen, was das Tantchen von dir wollte und rate dir, wie du ihren Psychoanalytikerkrallen entkommen kannst!“, sagte er in seiner zuversichtlichen Art,  griff dann nach dem Handy, den Kopfhörern und seinen Rucksack und drückte ihr einen leichten Kuß auf die Stirn.

„Klar!“, antwortete Lily und bemühte sich ein zuversichtliches Lächeln auf ihre Lippen zu bringen.

„Klar, kannst du das, keine Sorge, ich muß den Brief erst lesen!“, behauptete sie. Presste diesen fester an sich, dann winkte sie ihm nach und wartete, bis er die Tür zu dem Loft, das sie in einer ehemaligen Fabrik bewohnten, geschlossen hatte.

„Klar kannst du das!“, hatte sie behauptet und damit gelogen. Denn nichts war in Ordnung, ganz und gar nicht. Denn der Brief, den die Tante, die Zwillingsschwester ihrer Mutter ihr aus Berlin gesendet hatte, war das absolut nicht gewesen und hatte sie so durcheinandergebracht, daß ihre Hände zimmterten und sie unwillkürlich zum Küchenkasten ging, um sich ein Glas Whisky einzugießen, denn sie brauchte jetzt etwas Starkes zur Aufmunterung und Beruhigung. Ein Gläschen Whisky on the Rocks, das Phil von einem Arbeitskollegen geschenkt bekommen hatte, wenn schon kein Rotwein im Hause war, den die Mutter, wie sie wußte, so gern am Abend trank, wenn sie sich  in der einsamen Position, in der sie sich befand, abend für abend in die Pizzerie, die es in ihrem Wohnhaus gab, begab, um sich dort von einem jungen Kellner oder auch vom Chef des Hauses ein Glas Chianti servieren zu lassen. Das war eigentlich etwas, was beunruhigen und Anlaß zur Sorge geben könnte. Die Einsamkeit der Mutter, die wie sie fürchtete, in Wien ganz alleine war, weil sich ihre Tochter nach Abschluß ihres Studiums  nach New York geflüchtet hatte und ihre Zwillingsschwester Natalie in Berlin seit Jahren eine psychoanalyltische Praxis führte. Mehr Verwandte gab es nicht, außer Moritz Lichternstern, dem geschiedenen Mannn der Tante, der aber längst aus ihrem Leben verschunden und daher eine Legende war, weil sie selber keinen Vater hatte, beziehungsweise den Namen desselben  nicht kannte, denn der war noch früher, als Moritz Lichtenstern aus der Tante Leben, aus dem der Mutter verschwunden, was heißt, das es ihn schon nicht gegeben hatte, als Lily mit ihrer Mutter in dem alten Zinshaus mit der Pizzeria in Margareten aufgewachsen war.

„Frag mich nicht, Lily!“, hatte sie auf ihre Fragen immer sehr energisch geantwortet.

„Du hast keinen Vater und wir brauchen ihn auch nicht, weil ich versuche, so gut es geht, ihn dir zu ersetzen und du weißt ja, deine Kindergartenfreundinnen haben auch oft keine Väter, weil die ihren Müttern davon gelaufen sind, was ich dir hiermit erspare!“

„Wie der Mann von Tante Natalie!“, hatte die vorwitzige Gymnasiastin einmal gefragt, die diese Nachricht von der Großmutter gehört hatte, aber sofort verstummte, als sie den eisigen Blick der Mutter sah, mit dem die darauf reagierte.

„Genau, Schätzchen und das will ich dir ersparen! Deshalb frage nicht! Woher weißt du das überhaupt von Tante Natalie?“, setzte sie dann hinzu und Lily hatte aufgeseufzt, weil sie schon weise befürchtete, daß die Antwort, ein Besuchsverbot bei der Großmutter einbringen könnte, denn die Mutter, das hatte sie schon als Kind geahnt, verstand sich weder gut mit ihrer Mutter, noch mit ihrer Zwillingsschwster.

Die Großmutter war dann auch gestorben, noch bevor sie ihre Matura abgeschlossen hatte und so hatte sie nie mehr etwas von der Tante in Berlin und dem entlaufenen Onkel gehört, denn die Mutter sprach nicht mehr davon und auch nach ihrem Vater hatte sie nicht mehr gefragt, obwohl sie, das konnte sie nicht leugnen und nicht bestreiten, sehr neugierig auf ihn war und schon daran gedachte hatte, ob sie nicht einen Detetktiv engagieren solle, der ihr dieses Geheimnis lüften sollte.

Und jetzt war das offenbar durch den Brief geschehen, der zwar den Praxisstempel ihrer ihr sehr unbekannten Tante trug, aber ihr eigentlich von einem Notar abgeschickt worden war.

„Sehr geehrte Frau Schmidt! Im Auftrag meiner Mandantin, die letzte Nacht im christlichen Hospitz, am Weissensee, gestorben ist, übersende ich Ihnen diesen Brief!“, hatte er förmlich geschrieben und als sie ihn aufgerissen hatte, lag darin ein Bild eines braunhaarigen lockigen Mannes, der eine Lederjacke und eine Brille trug, der, wie sie von dem Hochzeitsbild der Tante, das ihr die Großmutter einmal gezeigt hatte, erkannte, jener Moritz Lichtenstern war.

„Das ist dein Vater!“, hatte die Tante in ihrer energischen Psychoanalytikerinnenhandschrift darunter geschrieben. „Wenn deine Mutter auch ihr Geheimnis in ihr Grab mitnehmen will, werde ich, die ihr offenbar vorausgehe es lüften und dich informieren. Denn Geheimnisse, liebes Kind, habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, tun nicht gut und machen nur Probleme! Also sollst du es wissen und auch, wenn du dich das fragst, warum deine Mutter ihr  so böse auf mich war und keinen Kontakt  zu mir wollte und auch dich nicht in mein Leben lassen wollte!“

„Aha!“, dachte Liliy und ihre Finger zitterten jetzt so stark, daß der Brief mit dem Bild auf den Boden gefallen war.

„Aha!“ und nocheinmal nach der Whiskyflasche gegriffen, um sich ein zweites Glas einzuschenken. Das brauchte sie jetzt und tat ihr gut und Phil war  auch nicht mehr hier und konnte daher nicht sehen, daß seine große starke Liliane, die er doch so bewunderte, gerade dabei war, sich aus der Welt zu trinken.

Aber vorher bückte sie sich gehorsam, um den Brief und das Bild aufzuheben und da bemerkte sie, daß der vorsorgliche Notar ihr den Patenzettel beigelgt hatte.

„Nach kurzen schweren Leiden und tapferen Kämpfen!“ stand darauf zu lesen und nichts von einer treusorgenden Schwester. auch nichts von der Nichte oder war es jetzt die Tochter Liliane, die diese hinterlassen hatte. Auch der geschiedene Ehemann war nicht darauf vermerkt, dafür aber das Datum, das, wie Lily trotzdem sich ihr Kopf schon etwas benommen anfühlte, klar erkannte, schon übermorgen, am Wiener Zentralfried Hof stattfinden würde, wo sich, wie sie wußte, die Grabstatt ihrer Großeltern befand.

Übermorgen gab es im Kulturinstitut eine größere Veranstaltung, da konnte sie nicht weg und es wäre ihr auch ein wenig unpassend erschienen, zum Begräbnis einer Tante zu fliegen, die sie eigentlich nicht gekannt hatte. Da wäre ein Besuch der Mutter, um ihr dieses Brief zu zeigen, schon passender, aber auch das mußte sie sich abschminken. Sie hatte Dienst im Instutut und bekam so schell  auch keinen passenden Flug.

Aber anrufen konnte sie sie, die, wie ihr jetzt einfiel, sich gerade von einer Lungenentzündung erholte. Ihr von dem Begräbnis erzählen und  ihr den Brief vorlesen und das würde sie auch tun, weil, wie die psychoanlalytische Tante richtig geschrieben hatte, Geheimnisse nichts brachten und nur unnötige Probleme verursachten. So atmete sie durch, nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Whiskyglas. Dann suchte sie nach ihrem Handy und tippte die Nummer ihrer Mutter ein.

„Hallo, Mami!“, sagte sie, nachdem die sich meldete, dann kurz entschloßen mit schriller Stimme und einem hohen pfeifenden Ton.

„Hast du gewußt, daß Tante Natalie gestorben ist und übermorgen, um fünf am Zentralfriedhof begraben wird. Leider haben wir da eine große Veranstaltung, so daß ich nicht hinkommen kann! Ich will aber, daß du das für mich tust! Bitte, Mami, sie ist doch deine einzige Schwester, bitte Mami, tue es für mich!“ wiederholte, sie mit ihrer schrillen alkoholgeschwängerten Stimme und wunderte sich nicht, daß die Mutter aufgelegt hatte und auch nicht darüber, daß sie der Mutter zwar von dem Begräbnis, aber nichts von dem Brief der Tante und dem Bild des ihr unbekannten Ex-Onkels, der eigentlich ihr Vater sein sollte, erzählt hatte, obwohl das der eigentliche Grund ihres Anrufs war.

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