Literaturgefluester

2018-01-13

Olga

Der 1944 bei Bielefeld geborene Bernhard Schlink, von dem ich als ich 1996 nach Klagenfurt gefahren bin, mir „Selbs Betrug“ gekauft oder gelesen habe, der dann mit dem „Vorleser“ berühmt wurde, den ich im Zug las als wir von unserer Donauradfahrt von ulm nach Regenburg nach Wien zurückgefahren sind, hat ein neues Buch geschrieben, das ich jetzt sozusagen auch „vorab“ gelesen habe.

Am Cover ist eine eine Frauengesttalt auf einer Kippe am Meer zu sehen und am Buchrücken steht etwas vom späten neunzehnten Jahrhundert und Deutschland und Afrika beziehungsweise den Irrwegen die diese Geschichte aufzeigt, was mich, da ich schon die erste Seite gelesen habe, wo ein kleines Mädchen zu ihrer Nachbarin geht, anfangs verwirrte.

Dann dachte ich lange,ich hätte ein sehr altmodisches Buch gelesen und wieder etwas, was nicht wirklich neu, sondern ohnehin schon huntermal geschrieben wurde, geht es doch in dem ersten Teil des dreihundert Seiten Buches, um eine Liebesgeschichte zwischen , einem armen Mädchen das Lehrerin wurde und einem Gutbesitzersohn, aber nein, es geht und das steht auch Buchrücken, wenn ich den nur ordentlich gelesen hätte, um eine willensstarke Frau, die sich durch die Wirren des Lebens kämpft, nicht aufgibt, aber eigentlich von Anfang an schon verloren hat.

Diese Frau isrt Olga, beziehungsweise das kleine Mädchen, das am Anfang des buches bei der Tür der Nachbarin steht, die sich mit ihr anfreundet und sich um sich kümmert. Das passiert in einer kleinen polnischen Stadt und Olgas Eltern kommen bald ums Leben, so daß sie von der Großmutter, die in Ostpreußen lebt und mit der Heirat ihres Sohnes mit einem polnischen Fräulein nicht einverstanden war, zurückholt. Die will ihr nun auch einen deutschen Namen geben, will sie Helga nennen, aber da wehrt Olga sich und setzt sich durch. Das Verhältnis zur Großmutter ist nicht sehr gut, sie freundet sich mit den Gutskindern Herbert und Viktoria an und setzt es, die ihr die höhere Mädchenschule verwehrt wurde, unter Mühen und Selbststudium durch, daß sie auf das staaliche Lehrerinnenseminar nach Posen gehen kann.

Herbert ist ein, wie Schlick ihn beschreibt ein „Läufer“ oder „Renner“ und die „Weite des Horizonts“, eine sehr poetisch beschriebe Methapher spielt in dem Buch auch eine Rolle und natürlich auch die Grenzen, die das Leben vor allem den Frauen setzt.

Der Läufer mit dem Olga bald ein außereheliches Verhältnis hat, sie ist ja nicht standesgemäß, flieht vor der elterlichen Strenge nach Afrika, wird dort Soldat in den Kolonien und in einen Krieg verwickelt und als er zürckkommt, in den  Neunzehundertzehnerjahren träumt er von einer Expedition in die Antarktis und will dort offenbar eine neue Kolonie errichten.

Olga besteht indessen ihr Lehrerinnenexamen und geht in ein kleines Dörfchen unterrichten. Wohnt in einem kleinen Haus, wird dort von Herbert besucht, der in Tilsit, offenbar der nächsten Stadt, einen Vortrag über seine  geplante Expedition hält, sieht ihr beim Marmeladekochen oder Schulheftverbessern zu und bricht dann, so um 1913 auf, verspricht ihr vorm Winter zurückzusein und kommt doch nicht.

„Mein Lieber, letztes Jahr wolltest du vor Weihnachten zurück sein, dieses Jahr wollten es die Soldaten. Auf  euch Männer ist kein Verlaß“, wird ihm Olga postlagernd in eine norwegische Stadt schreiben.

Aber das erst später  oder doch, sie schreibt ihm Briefe, unterrichtet weiter, spielt Orgel in der Kirche, versucht manche begabte Kinder auf die höhere Schule zu schicken und scheitert an den Eltern, die dafür kein Verständnis haben und besucht eine Familie mit einem kleinen Kind namens Eik, mit denen sie sich angefreundet hat.

Der erste Weltkrieg kommt und die Soldaten sterben, die jahre ziehen ins Land und Herbert kommt immer noch nicht zurück, dann naht bald schon der zweite und Eik, der Ziehsohn mit dem sie sich angfreundet hat, gesteht ihr, daß er zur SS will, was sie erbost und mit ihm bricht. In den Dreißigerjahren ertaubt sie, wäre dann aber bald auch, weil ja keine Nationalsozialistin ohnehin aus dem Schuldienst entlassen worden, besucht eine Gehörlosenschule, um das Lippenablesen zu lernen, muß nach ende des Krieges flüchten, kommt in eine kleine deutsche Stadt und bringt sich als Näherin durch das leben, bis sie eine kleine Pension bekommt.

„Dann nähte sie nur noch in unserer Familie, in der sie sich besonders willkommen fühlte, was sie hier verdiente, reichte ihr als Zubrot“, lautet der letzte Satz des ersten Teils und dann im zweiten, wechselt der Erzählstil.

Es kommt zu einem Ich-Erzähler, namens Ferdinand, den man leicht für autobiographisch halten könnte, ein Junge aus einem Pfaffershaushalt mit etlichen Kindern und offenbar wenig Geld. Die Mutter, die den Vater unterstützen und den Haushalt führen muß, hat wenig Zeit für den Jüngsten, der auch noch kränklich ist. Da springt Olga ein, setzt sich an sein Bett, zieht in auf, fördert ihn, ist mit vielem auch nicht einverstanden, wird immer älter und, als er schon an der Universität ist und Philosophie studiert, wird er eines Tages von der Mutter angerufen. Oga wurde bei einem Anschlag auf das Bismark-Denkmal schwer verletzt und liegt im Spital. Er reist zu ihr, hält ihr ihre Hand, die kalt ist, als er eingeschlafen, wieder aufwacht.

Beim Begräbnis erscheint noch ein Kriminalinspektor, der wissen will, was die Neunzigjährige nachts beim Bismarck-Denkmal zu suchen hatte? Er weiß es auch nicht, studiert fertig, erbt von ihr ein Sparbuch, heiratet, geht als Beamter ins Unterrichtsministeriumn, dann ins Pension, wird verwitwet und fängt dann an, öfter an Olga zu denken. Schließlich erfährt er von Briefen, die es in einer norwegischen Stadt bei einem Antiquitätenhändler zu kaufen gibt. Er bekommt auch eine Nachricht von Eiks Tochter, die ihm von ihrem Vater, einem Kriminalbeamten, der auch schon gestorben ist, erzähl. Kauft von Olgas Sparbuch, die Briefe, die sehr teuer sind, denn Olgas postlagernd geschriebene Briefe an Herbert, die von 1913 bis 1972, ihrem Todesjahr gehen, sind ja nie angekommen, weil er  offenbar verschollen, erfroren, etcetera und nie gefunden wurde.

Im dritten Teil gibt es nun die Briefe zu lesen und man erfährt darin einiges, was vorher unklar war. So, daß Eik ihr Kind von Herbert war, von dem sie ihm erst in den Briefen etwas sagte. Man erfährt auch von ihrer Aufmüpfigkeit und ihren Widerstand. Sie beklagt, daß eine Lehrerin, wenn sie heiraten will, den schuldienst verlassen muß. Daß die Lehrerinnen immer viel weniger, als die Lehrer verdienen, nicht aufsteigen dürfen, etcetera. Man erfährt von ihren Bruch mit Eik, als er zu den Natinalsozialisten ging und sie schreibt ihm immer Briefe, obwohl sie 1915 damit aufhören will  und ihn für sich für tot erklärt. Mal ist sie ihm böse, mal verständnisvoll. In den Dreißigerjahren nimmt sie den Briefwechsel wieder auf. Schreibt ihm von ihrer Ertaubung, ihrer Flucht und dem kleinen etwas langweiligen Ferdinand, um den sie sich nun angenommen hat und 1972 schreibt sie ihm  den letzten Brief. Schreibt, daß sie, als der Wassertum, der ihrem Haus gegenüberstand, gesprengt werden sollte, sich von den Sprengmeistern alles erklären ließ, dann ein paar Stangen Dynamit gestohlen hat, mit dem sie als Akt ihres Widerstand gegen die Mmacht der Obrigkeit, das Bismarck-Denkmal in die Luft sprengen will.

„Ich weiß noch nicht, wann ich es tun werde. Aber  seit ich weiß, daß ich es tun werde, geht es mir gut. Und ich bin Dir nahe. Deine Olga“, so endet der letzte Brief.

Daß sie es getan hat, dabei ums Leben kam, während das Denkmal standgehalten und höchsten einene kleine Delle abgekommen hat, wie der langweilige oder kritische Ferdinand noch bemerkte, wissen wir auch und wir haben das Werk eines bald vierundsiebzigjährigen Autors gelesen, in dem wohl alle Lebensweisheit und die Aufarbeitung des vorigen Jahrhunderts liegt.

Nichts wirklich Neues und die drei Teile sind wohl auch eine Wiederholung, beziehungsweise haben wir das, was in den Briefen steht, schon zum größten Teil im ersten Teil erfahren. Trotzdem ist der Stilwechsel überraschend. Das Buch vielleicht gerade in seiner „altmodischen Langsamkeit“ interessant und einiges Neues und das, was man vielleicht für sich überdenken kann, gibt es darin sicher auch.

Advertisements

2017-08-31

Lichter als der Tag

Buch sechs der Longlist  ist ein typisches „Schwiergermutterbuch“, also eines, das man von der Longlist kaufen und der Schwiegermutter, Frau oder Mutter auf den Gabentisch legen kann, ein Shortlistbuch wohl auch, zumindestens ist der 1965 am Tegernsee geborene Mirco Bonne 2013, glaube ich, schon mit „Nie mehr Nacht“ auf der Shortlist gestanden. Ich habe das Buch, glaube ich, einmal im Schrank gefunden, aber genauso noch nicht gelesen  wie der „Eiskalte Himmel“, das eine bibiliophile Wu-Kollegin dem Alfred einmal, glaube ich, um zwei Euro verkaufte.

Gesehen und gehört habe ich den Autor einmal in der „Gesellschaft für Literatur“, nun das PDF des neuen Longlistenbuchs gelesen und was soll ich dazu sagen?

Es ist ein Buich für die Schwiegermutter, eines, was vielleicht auf die Shortlist kommt, aber eigentlich nichts Neues und ob die hunderttausendste Midlifekrise Geschichte des Mannes um fünfzig wirklich berühren kann, ist die Frage?

Es ist aber sicher das, was sich der Buchmarkt und die Lektoren wünschen, wahrscheinlich auch das, was die Buchhändler empfehlen.

Eine sehr schöne Sprache, immer wieder Wortneuschöpfungen und interessante Satzwendungen, es geht, wie schon der Titel sagt um das Licht und um Wespen und Hummeln, ist RaimundMärz der Held ja ein Insektenspezialist, obwohl er sein Biologiestudium nie abgeschlossen hat.

Er ist fünfzig, also aus der Midlifekrise eigentlich schon heraus, aber heute lebt man ja länger und das Buch ist in drei Teile gegliedert, in denen das Lcht, die Kunst, Gemälde, die Wespen und noch vieles andere. eine große Rolle spielen.

Es geht um eine Kinderfreundschaft, als Kinder haben sie sich kennengelernt und sind in einem wahrscheinlich lichtumflutenden Dorf und einen wilden Garten zusammen aufgewachsen.

Raimund, Moritz, Floriane und später ist noch die Dänin Inger dazugekommen, die nach dem Tod ihrer Eltern in das Dorf zu ihrer Tante zog.

Sie haben ihre Jugend mitsammenverbracht, Paare gebildet, ausgewechselt, sich getrennt sind vom Dorf nach Berlin gezogen. Raimund ist mit Flori dann nach England gegangen, wo sie Zahnmedizin und er Bilologie studierte oder nicht und im ersten Teil sind sie nach Hamburg zurückgekommen, leben dort schon einige Jahre, Flori, als Kieferchrurgin, März als Redaktuer beim „Tag“

Sie haben zwei Töchter Priska und Linda und am Beginn des Buches bringt Raimund Linda auf den Bahnhof, weil sie dort mit ihrer Klasse in ein Landfschulheim fährt.

Linda wird auch das „Elsternkind“ genannt, weil sie kleptomanische Adern hat und als Raimund zurückgehen will, sieht er plötzlich Inger wieder, beziehungsweise einen Flashmob, den die Klasse ihrer Tochter Pippa auf dem Bahnhof aufführt.

Das löst eine Katastrophe aus, denn Inger, die jetzt mit Moritz verheiratet ist, war Raimunds große Liebe. Pippa, werden wir später erfahren, ist auch von ihm und als Raimund in seine Redaktion zurückkommt, begrüßt ihn sein Freund Bruno mit den Worten, das er wie ein Gesprenst aussehen würde.

Ganz ehrlich, das ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, daß einer, der nach sechzehn Jahren oder so seine Jugendliebe wiedersieht, so ausflippt.

Raimund, der Insektenspezialist tut es aber, läßt sich von der Redaktion beurlauben und fährt zu Pippas Schule und ihr dann nach in das Reihenhäuschen nach, wo sie mit ihrer Mutter lebt.

Wo ist Moritz? Ist er verschwunden oder vielleicht sogar tot?

Raimund fährt nach Hause und hat Alpträume so, daß er nachts aufschreit und laut „Ohlsdorf!“, ruft.

Das bringt Floriane auf den Plan, die ihm einen Brief Ingers überbringt, schon von Monaten geschrieben, wo sie ihm von einer Krankheit Moritz schreibt und ihn bittet, alles aufzuklären.

Floriane hat einen bösen Brief zurückgeschrieben und verschwindet in das Wochenende. Raimund bleibt zurück, säuft und säuft und fährt am Montag mit Bruno nach Stuttgart.

So endet der erste Teil. Der Zweite, der für mich unnötig wäre, weil ohnehin  schon alles gesagt, führt zwanzig Jahre zurück, wo sich die Paare bildeten und wieder trennten. Floriane war beispielsweise mit Moritz zusammen und im dritten Teil fährt Raimund mit Bruno, dem Frauenhelden, der überall seine Freuninnen hat, nach Stuttagart, zu einem Fußballspiel oder in in eine Kunstgalerie.

Das ist nicht ganz klar, aber dort kommt Raimund auf ein Bild eines Camille Carrots, eines Frühimpressionisten „Weizenfeld in Marvan“, wo das mit dem Licht passt oder besonders ist. So hebt Raimund von seinem Konto und dem von Flori, der erfolgreichen Zahnärztin, fünfzigtausend Euro ab und fährt in das Landschulheim Lindys, wo er seine eigene Tochter entführt und mit ihr nach Lyon entweicht. Dort das Bild, das sich im dortigen Museum befindet, entwendet und dann dank Brunos Hilfe wieder in sein altes Leben zurückkehrt,  das Leben geht weiter,  begnnt nicht noch einmal von vorne und endet auch nicht in der Katastrophe, wie man vielleicht, als von Rasierklingen die Rede war, erwartet hätte.

Ein tolles Buch, perfekt konstruiert und keine Katstrophe ausgelassen und dann noch in einer wunderschöne n Sprache, könnte man so sagen oder aber auch, das ist ja unrealistisch, Mittelschicht, das was in meinem Leben nie passiert und viel zu abgehoben.

Bin gespannt, was die Kritiker sagen werden und, ob es auf die Shortlist kommt oder vielleicht den Preis gewinnt, für den ich mir ja den Zaimoglu wünsche, aber Franzobel, höre ich bei den Blogs, hat auch ganz gute Chancen, aber das Buch müßte  erst zu mir kommen, weil ich das bei „Netgalley“ angeforderte, ja nicht öffnen kann.

2017-04-06

Walter Nowak bleibt liegen

Julia Wolfs zweiter Roman, aus dem sie letztes Jahr ein Stückchen beim „Bachmannpreis“ vorgelesen hat, habe ich mir neben Feridun Zaimoglus „Evangelo“ mit als „deutsche Lektüre“ nach Leipzig mitgenommen.

Zum Lesen bin ich dann nicht gekommen, obwohl es gepasst hätte, lebt doch die1980 geborene in Leipzig und in Berlin und es ist auch eigentlich mein Thema, über das die junge Frau da in einem klaren und doch nicht einfach zu verstehenden Stil geschrieben hat.

Denn Walter Nowak, achtundsechzig und ein „Alphatier“ wie es in den Beschreibungen so heißt und ich das gar nicht so empfunden habe, redet oder denkt sich um sein Leben.

Walter Nowak, achtundsechzig, ein Ex Geschäftsmann, Nachkriegs- und Besatzungskind, dreht, vielleicht seit er sich in Pension befindet, jeden Morgen seine Runde im Schwimmbad, das ist gesund und soll man auch so tun und so beginnt das Buch auch damit.

Seine zweite Frau Yvonne ist auf einer Tagung, er sieht im Bad eine junge Frau in rosa Bikini mit einem Kind und dann passierts, er stößt sich den Kopf an, fährt mit der Badekappe und den Ohrstöpsel nach Hause, liegt dann am Boden, eine Beule, überall Blut oder ist es vielleicht doch nur Saft und einmal liegt Walter Nowak im Bett, einmal geht er in den Keller, um ein Wildschwein aus der Tiefkühltruhe zu holen, fährt mit dem Auto zu seiner ehemaligen Firma, ruft seine erste Frau an, um sich nach einem Wildschweinrezept zu erkundigen, sperrt eine Fledermaus ins Bad oder sind das alles doch nur Phantasien eines Sterbenden, eines Mannes nach einem Schlaganfall vielleicht?

Eine Diagnose von einer afrikanischen Ärztin gibt es auch und Yvonne hat ihm, bevor sie zu ihrer Tagung entschwand, auch einen sehr diätischen Speiseplan gemacht, Graupensüppchen und Brei, vielleicht deshalb die Sehnsucht nach dem Wildschweinbraten.

Wenn man so am Boden liegt und sich nicht rühren kann und sich das Blut überall in der Wohnung verteilt, gehen einem die Gedanken über sein bisheriges Leben durch den Kopf und da hat man mit achtundsechzig höchstwahrscheinlich auch schon viel erlebt.

Walter Nowak, der Sohn eines Besatzungssoldaten, selber Vater, der Sohn Felix ist von seiner Frau Gisela, die er wegen der hübschen Yvonne mit dem Pferdeschwanz verlassen hat. Der Sohn ist, als er sich in der Pubertät befindet auf Ahnenforschung und sucht im Stammbaum nach seinem Großvater.

Der hat ein Grab in Nebraska, so will er dort unbedingt hin. Walter Nowak weigert sich zuerst, fährt dann mit Sohn und Yvonne, er er hat in den USA auch etwas zu finden, gibt es doch eine Elvis Verehrung und in dem Örtchen, wo er lebt, einen nach dem berühmten Sänger benannten Platz, der dann aber so nicht mehr heißen soll.

Die Freunde tauchen auf, sogar die russische Putzfrau und schließlich erscheint, während Walter Nowak liegen bleibt oder muß, auch noch der Sohn und soll die Fledermaus aus dem Badezimmer holen.

Rasant, rasant diese Reise durch ein Leben und sehr eindrucksvoll von der siebenunddreißigjährigen Frau erzählt.

Das zweite Buch das ich vom letzten Bachmannpreis in meinen Besitz haben, das erste ist Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“, ein Geburtstagsgeschenk, das ich noch nicht gelesen habe, aber die Autorin in Leipzig daraus vortragen hörte.

Eine interessante Ausbeute des vorigen Bachmannwettbewerbs und, wie schon geschrieben, ein Thema das mir sehr gefällt, der Monolog des alten Mannes und der Gang durch ein Männerleben, das ich gar nicht so machohaft, eher ganz normal und alltäglich empfunden habe und denke, daß ich die Machophatasien eher in der vorigen Novelle vorgefunden habe.

Hier denkt die Psychologin in mir, die ja auch viel in Pflegeheimen unterrichtet hat, daß so das Leben zu Ende geht, da kommt alles hoch und daß das Ganze wird wahrscheinlich auch sehr ungeordnet, durcheinander,  in Puzzlestücken, die man sich erst zusammenlegen muß, wie Marina Büttner, die das Buch schon gelesen hat, in ihrer Rezension beschreibt, erzählt.

2016-12-04

Das Unglück anderer Leute

Weiter gehts mit dem „Debutpreis-Longlistenlesen“ oder den ausgewählten Büchern, die ich diesbezüglich auf meiner Leseliste habe und da ist mir in wenigen Tagen, die zweite 1988 geborene, also unter Dreißigjährige begegnet, Nele Pollatschek in Ost-Berlin geboren, die in Heidelberg, Cambridge und Oxford studierte und gerade über „Das Böse in der Literatur promoviert“, wie am Klappentext des „Unglücks anderer Leute“ steht, das eigentlich und genaugenommen auch ein sehr böses Buch ist, das mich ein wenig ratlos macht, denn ich habe es ja nicht so sehr mit dem Humor im allgemeinen und daher mit dem „schwarzen“ ganz besonders nicht.

Es ist aber, das muß ich schreiben, ein sehr beeindruckendes Debut einer Achtundzwanzigjährigen, eines mit dem ich mehr anfangen kann, als mit Birigt Birnbachers, Jahrgang 1985, hochpoetischen zum Roman zusammengstoppelten Erzählungen, obwohl ich bei der  dritten Toten ausgestiegen bin und gedacht habe, das kann es doch nicht sein oder was soll denn das?

Aber wieder schön der Reihe nach, wie meine Leser es wahrscheinlich wollen, weil sie mich sonst unverständlich finden.

Auf Nele Pollatschek und ihr Debut, bin ich, glaube ich, während meines heurigen Frankfurtssurfings aufmerksam geworden und habe mir das Buch, glaube ich, schon bestellt, noch bevor ich auf den „Debut-Blog“ aufmerksam wurde, bei dem es auch eingereicht war.

Auf die diesbezüglich Shortlist ist es nicht gekommen und ich weiß noch immer nicht, ob ich es auf die solche tun würde, bis zum Tod der zweiten Großmutter hätte ich es wahrscheinlich getan und auch wenn man Äpfel mit Birnen natürlich nicht vergleichen kann, ist es wahrscheinlich „besser“ als Uli Wittstocks „Weißes Rauschen“ oder sogar Philip Krömers „Ymir“, aber Geschmack ist etwas sehr Subjektives und höchstwahrscheinlich die Summe der Lebens-Lese-und sonstiger Erfahrungen.

Ich mag ihn höchst wahrscheinlich, den schnoddrigen Ton, wie da der Rorschachtest erklärt wird, obwohl ich natürlich hinzufüge, daß er eigentlich das Diagnosemittel eines klinischen Psychologen und nicht des Psychotherapeuten ist, zumindest ist das bei uns in Österreich so und auch die Erklärung „Und wenn der Patient auf jedem Bild nur nackte Männer sieht, weiß die Therapeutin, daß du schwul bist!“, ist höchst unwissenschaftlich und nur der schnoddrigen Art, der jungen Autorin geschuldet, die sie in diesem Fall, dem sechzehnjährigen Eli in den Mund legt.

Nichts verstanden, also wirklich schön der Reihe nach. Da ist Thene, fünfundzwanzig, die, wie im anderen Klappentext steht, nur den Wunsch hat „Im alten BWM ihres Freundes in den Odenwald zu fahren, dort den Klapptisch aufzustellen, zu lesen, zu schreiben und ab und zu ein Stück Kirschenjokel zu essen“.

Kann sie aber nicht, denn sie ist erstens Oxfordstudentin und zweites hat sie eine „verrückte, meschugge, bekloppte“ oder, was auch immer Patschworkfamilie, die sie davon abhält und, um zu dem „Fried Symposium“ zurückzukehren und den Round Table Runden zur jüdischen Gegenwartsliteratur, die ich dort am vorletzten Montag hörte, könnte man Nele Pollatschek auch dort einreihen, denn es ist eine „jüdisch bekloppte“ Familie, die Thene hat oder zumindest ist das aus  Thens Sicht, die Mutter, die die Welt retten will, ihre Kinder aber dabei vernachläßigt, die immer rote Kleider trägt und blonde Haare hat…

So beginnt das Buch. Thene sitzt im Flugzeug mit ihrem Patchworkvater, dem schwulen Georg, der eigentlich, die bessere Mutter wäre, aber leider Thene, nach der Scheidung oder Trennung, die beiden waren, glaube ich, nicht verheiratet, die zehnjährige Tochter fünf Jahre allein ließ.

Jetzt ist er aber zurückgekommen und fliegt mit ihr und ihrer Oma Patrizia, Patzi genannt, nach Oxford, weil Thene dort den Master verliehen bekommt und sie stören oder unterhalten, das ganze Flugzeug mit der Schilderung, der verrückten Mutter, die sie unbedingt vom Flughafen abholen sollen, obwohl es dort einen Bus gibt, mit dem sie bequem bis zu Thenes Oxforder Wohnung fahren kann, aber die Mutter, die inzwischen noch zwei andere Kinder, aus anderen Beziehungen hat, ist störrrisch und eigensinnig, macht, was sie will und läßt, um andere zu retten, die Kinder viel zu viel allein.

Ein Beispiel wird noch geschildert, wie Thene mit der Mutter und dem fünfzehnhhrigen Eli  zu einer Zaubershow fuhr und Thene dann den Zug versäumte, weil die Mutter einfach nicht hören wollte.

So kommt es zu einem Kompromiß und die Mutter soll von der Autobahnauffahrt abgeholt werden.  So fahren alle mit dem Auto dorthin, kommen aber nicht weiter, denn es gibt einen Stau, Georg ruft die Mutter an, um sie davon zu verständigen, dann schweigt er in das Telefon, sagt „Mama ist tot“, „Quatsch!“, antwortet Thene die Ich-Erzählerin. So fängt es an und Thene geht dann mit bunten, statt den vorgeschriebenen schwarzen Socken, zu ihrer Masterfeier. Dann fliegen alle zurück nach Frankfurt, wo die Mutter wohnte, die Großmutter und der Vater wohnen in Berlin, Thene in Heidelberg mit ihrem Freund Paul, wenn sie nicht gerade in England ist und jetzt muß sie dem fünfzehnjährigen Halbbruder Elijah, der ein Hobbyzauberer ist, beibringen, daß Mama tot ist, die fünfjährige Trixi gibt es auch, aber die ist bei ihrem Vater untergebracht und während die Großmutter Quarkknöpfi zum Abendessen macht, kommt Elijahs Vater Ralf, der inzwischen zum orthodoxen Juden mutierte, mit dem „Tschulent“, das man offenbar zu einem jüdischen Todesfall bringt.

Thene schmeißt Ralf oder Menachem, wie er sich jetzt nennt, samt seiner Trauerspeise hinaus und hat jetzt anderes zu denken, denn sie braucht Geld für die Beerdigung der Mutter. Beate, deren Sekretärin, auch eine von der Mutter Fällen, denen sie aus der Not geholfen hatt, erklärt ihr aber, es gibt kein Geld und das Kuvert mit den zehntausend Euro, das in der Wohnung, versteckt sein soll, wird auch nicht gefunden.

Zum Glück gibt es aber die jüdische Gemeide, die da alles erledigt, so daß sich Thene, um nichts  kümmern muß. Die ist in zwischen mit ihren Geschwistern, Georg und dess Freund Christoff nach Berlin gefahren, weil Georg seine Arbeit nicht versäumen will. Das Begräbnis scheint auch dort stattzufinden und dort tauchen Georgs Eltern, Liesel und Karl auf, die aus dem Osten stammen. Liesel ist manisch depressive Alkoholikerin und Karl versucht sie vergeblich vom Trinken abzuhalten. Es kommt zur Katastrophe, die von Georg schon lange erwartet wurde, Liesel erschlägt Karl mit der Rotkäppchensektflasche und stirbt an einer Alkoholvergiftung und ab da kkippte es für mich oder war es erst, als Großmutter Patrizia tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde?

Wahrscheinlich erst ab da, denn bis dahin erschien mir noch alles realistisch und gut erzählt und so liebe ich ja.

Dann wird aber über die Wahrscheinlichkeit der Todesfälle diskutiert, Eli tut es mit Thene, während er der kleinen Trixi, die nach ihrer Mutter fragt, ständig vorzaubern und etwas verschwinden lassen mußt, um sie zu beruhigen.

Ab da geht es rasant weiter und die Kaptiel, die wie das Alphabet von A nach Z führen, werden immer kürzer.

Georg und Christoff fallen von der Leiter. Thene, die führerscheinlose, fährt ihre Geschwister nach Frankfurt zurück und erfährt durch das Radio vom Tod Menachems. Dann verschwindet Trixie. Eli hat sie weggezaubert und wird von der Polizei abgeführt und auch Thene bleibt nicht lange allein oder lebendig, sie fährt in den Oldenwald und stirbt.

Und während sie sich noch fragt, ob sie nun im Himmel oder in der Hölle ist, hört sie die Stimmen ihrer Familienmitglieder und weiß, daß sie dorthin an-oder zurückgekommen ist.

„In ihrem verblüffenden Debut spielt Nele Pollatschek mit Statistik und Magie – und erzählt dabei eine tubulente, hochkomische und tieftraurige Geschichte vom Schicksalschlag eine Familie zu haben“, steht noch am Buchrücken.

Von meiner Ratlosigkeit, weil ich es mit den hochkomischen und dabei tieftraurigen Geschichten, in denen wieder einmal viel zu viel passiert, nicht so habe, habe ich schon geschrieben.

So erwähne ich  die Danksagungsseite, wo die junge Autorin ihrem Vater dankt, sie auf die Idee zu diesem Buch gebracht zu haben und verkneife mir die Frage, die ich sonst an dieser Stelle so gern stelle, wie weit und was davon autobiografisch ist, daß das Buch aber sehr verblüffend und ungewöhnlich ist, dem stimme ich sehr gerne zu und hätte noch eine Frage an die junge Autorin, die, wie man an verschiedenen Stellen nachlesen kann, von Kurt Vonnegut sehr viel hält, wie das bei ihr bei Heimito von Doderer ist, denn da habe ich einige Anspielungen gefunden, die mich an die „Merowinger“ erinnern.

2016-12-02

Familie der geflügelten Tiger

Neben der 1988 in Greifwald geborenen Nele Pollatschek und der 1985 im Pongau geborenen Birgit Birnbacher ist Paula  Fürstenberg 1987 geboren und in Potsdam geboren, die dritte unter Dreißigjährige deren Debutroman ich jetzt gelesen habe.

Über das Leben in Potsdam im Sommer 1985 konnte man ja auf der Shortlist des dBp nachlesen und Paula Fürstenberg beschäftigt sich mit der berühmten Frage „Vater was hast du im Krieg getan?“, in der DDR-Variante.

Da ist nämlich Johanna, wie ihre Autorin Geburtsjahr 1987, die Mutter Astrid, die zufälligerweise so, wie die Mutter von Nele Pollatscheks Protagonistin heißt, ist Tierärztin, hat aber nach der Wende den Anschluß nicht gefunden, sondern hat eine Halbtagsstelle als Tierpflegerin. So nimmt sie in der Uckermark, wo sie lebt, sämtliche Igel, Hasen, etcetera, die sie auf der Straße findet in Pflege und die Tochter haut  ab und geht nach Berlin, nicht zu studieren, sondern, um sich dort zur Straßenbahnfahrerin ausbilden zu lassen, was für die Mutter ein Schock ist.

Es passiert aber noch etwas in Johannas Leben, sie bekommt nämlich einen Anruf ihres Vaters Jens, der die Famalie am 4. Oktober 1989, also kurz vorder Wende und dem Mauerfall verlassen und nie mehr etwas von sich hören hat lassen.

Jetzt liegt er im Krankenhaus, das genau vor dem Stückchen Mauer liegt, das es noch gibt und an das Johanna mit ihrem Ausbildner Rainer mit ihrer Straßenbahn vorüber fährt, sie besucht den Vater, der noch eine andere Tochter, Antonia, aus einer anderen Beziehung hat und beginnt sich mit dessen Vergangenheit zu beschäftigten.

Nur leider hat sie Pech, hat doch der Vater, der sich in der Endphase seines Krebs befindet, gerade die Sprache verloren und kann der Tochter nicht mehr Auskunft geben.

So tut sie das, was wir alle wohl in dieser Situation machen, sie beginnt nachzuforschen und, als das nicht so einfach geht, weil ihr alle eine andere Version der Geschichte erzählen und man in die Stasiakten nur selbst Einsicht nehmen kann und als sie versucht, die Unterschirft von Jens zu erzwingen, kommt die Mutter, haut ihr fast eine herunter und zerreißt das Antragsformular. So kauft sie sich am Flohmarkt eine alte Schreibmaschine und beginnt selbst die Stasiakten zu schreiben und hat da bald mehrere Versionen, denn Jens könnte am 4. 10 in den Westen abgehauen, verhaftet worden und noch vieles anderes sein.

Zu Auskunftszwecken schläft sie ein paar Tagen bei Antonio, schneidet Hilde, Jens Mutter die Nägel und erschrickt fürchterlich, als sie mit ihrer Straßenbahn am Zoo vorüberfährt und dort die Mutter mit Rainer hineingehen sieht. Sie verläßt unerlaubter Weise, die Straßenbahn und schleicht den beiden nach und als jens dann noch stribt, ist die Geschichte zu Ende. Sie kann nur noch die Unre besorgen und alles andere der Phantasie überlassen.

So ist es doch mit den Geschichten der Vergangenheit. Jeder hat seine eigene Version und so spielt auch noch Honeckers persönliche Krankengymnasiastin darin eine Rolle, bis es ein paar Jahre später wieder eine Wende gibt und nun auch Angehörige in die Akten Einsicht nehmen dürfen. Johanna stellt den Antrag, zerreißt dann aber, als die Antwort kommt den Brief, denn so ganz genau will sie es jetzt gar nicht mehr wissen.

Ein interessantes Buch und wieder eine andere Variante eines Debutromans, neben den hochpoetischen und sehr skuril phantasievollen, gibt es auch flott vor sich hinerzählte, von einer jungen Frau, die Stipendiatin am „Literarischen Colloquium“ war und ach ja, was das ganze mit einem geflügelten Tiger zu tun hat?

Johanna ist auch Landkartensammlerin und in denen der DDR damals war die Westgrenze falsch eingeziechnet, so daß die Flüchtlinge sich schon dort glaubten, als gerade die Grenzposten auf sie zumarschiert kamen und im Mittelalter zeichneten die Mönchen Phantasietiere an die Leerstellen und da Johanna aus welchen Gründen nun auch immer, vaterlos aufgewachsen ist, bezeichnet sie ihre Familie, als die der geflügelten Tiger.

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.